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02. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lankwitz) | Dreifaltigkeitskirche, Gemeindepark, sozialer Wohnungsbau und ein Klamottenviertel

„…nur, indem man sich über das Bekannte völlig verständigt hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten.“ (Johann Wolfgang Goethe) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Ausgerüstet mit dieser Weisheit Goethes, bin ich heute mit meinem Sohn Georg verabredet, um Unbekanntes in der Mitte von Lankwitz zu entdecken. Bis heute morgen war ich noch unsicher, ob es nicht ratsamer wäre, das Platzen des mit Wasser gefüllten Luftballons unter meiner linken Ferse abzuwarten und die Tour zu verschieben. Eine Option, die mir so gar nicht in den Kram passt. Also habe ich mittels zurechtgeschnittener Gelkissen eine Art Klobrille für meine Ferse im Schuh installiert, so dass die bewusste Stelle beim Auftreten quasi wie ein Popo in der Luft hängt. Tatsächlich ermöglicht mir diese Methode fast schmerzfreies Auftreten und dem Wandertag steht nichts mehr im Wege! Während Georg erst zu Hause startet, bin ich schon vor Ort und beginne derweil mit dem Straßengeflecht rund um die stolz aufragende Dreifaltigkeitskirche, auch einfach Lankwitzer Kirche genannt. Sie steht direkt an der vielbefahrenen und lauten Kaiser-Wilhelm-Straße / Ecke Paul-Schneider-Straße und hat sich gut hinter hohen Bäumen versteckt. Die genauere Inaugenscheinnahme spare ich mir für nachher mit Georg auf und verziehe mich erst einmal auf den gleichnamigen evangelischen Friedhof, der direkt an den Gemeindepark anschließt. Das langgestreckte Gelände wird von einem Mittelweg mit Kapelle erschlossen, an dessen Seiten die Grabfelder liegen.

Die Kapelle wurde 1902 nach Plänen von Otto Kuhlmann errichtet und ein Jahr später fand die erste Beerdigung statt. Wie fast überall reihen sich auch hier an der Friedhofsmauer herrschaftliche Gräber aneinander, von denen mir zunächst kein Name bekannt vorkommt, aber vorsichtshalber fotografiere ich einfach mal ein paar. Vielleicht ist ja jemand dabei, der Lankwitz mit geprägt hat. Und tatsächlich – ich habe die Ruhestätte der Familie Schacht ins Visier genommen. Hugo († 1945) war erster Pfarrer der Evangelischen Lankwitzer Dreifaltigkeitsgemeinde.

Links daneben fallen mir zwei ebenso große, monumentale Familiengräber auf, bei denen jeweils nur eine Tafel beschriftet ist mit Sterbedaten aus der unmittelbaren Vergangenheit. Die Wandgrabmäler sind aber eindeutig älteren Datums. Wie geht sowas? Kann man sich diese Grabwand kaufen und die alten Inschriften durch neue ersetzen? Anders kann ich mir das nicht erklären. Kapitän und Elektromeister Heinz Peter Grapp z.B. ist erst 2025 verstorben und wartet nun geduldig auf weitere Familienmitglieder, für die noch viel Platz ist auf den beiden leeren Tafeln neben seinem Namen.

In der Tiefe des Friedhofes befindet sich eine Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges:

Nach diesem Rundgang schaue ich mir die Häuser des Beamten-Wohnungs-Vereins zu Berlin eG in der Paul-Schneider-Straße an, die sich über den Kameradenweg, Gallwitzallee und Mühlenstraße erstrecken. Es sind verschiedene Bautypen mit einer hohen Individualität, besonders die Klinkerverzierungen finde ich ausgesprochen geschmackvoll.

Selbst beim Lutherhaus – dem evangelischen Gemeindehaus gegenüber der Kirche setzt sich dieser Stil konsequenterweise fort und geht gewissermaßen in die Kirche über.

Mittlerweile ist auch Georg vor Ort und wir versuchen, in die Kirche hineinzukommen. Sie gehört zu den wenigen, die feste Öffnungszeiten haben und die sind leider nicht jetzt. Der Bau begann 1904 nach Plänen von Ludwig von Tiedemann auf damals noch freiem Feld. Am Geburtstag der Kaiserin, dem 22. Oktober 1903 begannen die Ausschachtungsarbeiten. Finanziert wurde der Bau hauptsächlich mit Geldern der Regierung (immerhin 112.500 Mark), den Rest musste die evangelische Gemeinde selbst aufbringen. Die Kirche ist 60 Meter hoch und auf jeden Fall der optische Mittelpunkt der Kaiser-Wilhelm-Straße. Der Platz wurde mit Bedacht gewählt, denn mit dem Bauwerk wurden die ziemlich getrennt liegenden Ortsteile von Lankwitz verbunden. Zu ihnen gehören das Thüringer Viertel, das ich schon durchstreift habe, das Rosenthalsche oder auch Komponistenviertel, das Zietemannsche Viertel und Alt-Lankwitz mit seinen schönen Gutshäusern. Auf einem Schattenplatz vor der Kirche legen wir eine kleine Pause ein, weil ich mein Schuhwerk etwas zurechtrücken muss. Georg ist beeindruckt von meiner Blasenschutz-Konstruktion und ich frage mich, wieso bisher noch niemand auf diese Idee gekommen ist? Sollte ich darauf ein Patent anmelden?

Wir durchstreifen heute das Zietemannsche Viertel, im Volksmund auch Klamottenviertel genannt. Nach dem Bau der Anhalter Bahn gründete 1887 der Großbauer Zietemann östlich der Kurfürstenstraße ein neues Wohngebiet auf seinem Gelände. Vor allem Handwerker, Kaufleute und Beamte aus Berlin siedelten sich dort an, was allerdings sehr langsam vonstatten ging. Das Gebiet erhielt spöttisch den Namen Klamottenviertel, weil dort eher einfache Häuser und wenig Villen gebaut wurden. Doch mit dem schon erwähnten Bürgermeister Rudolf Beyendorff ging es dann weiter mit Prachtbauten wie dem Rathaus, dem Gemeindepark und einer Festhalle. Letztere wurde 1914 erbaut und schon bald als Lyzeum genutzt. Heute ist dort das Beethoven-Gymnasium untergebracht. Vom Thaliaweg kommend, laufe ich direkt auf das prächtige Gebäude zu und halte es zunächst für ein Theater.

Es ist von überwältigender Größe und Erhabenheit, fügt sich aber sehr gut ein in meine Erfahrungen, die ich bisher mit vielen Schulen im Stadtbezirk Steglitz-Zehlendorf gemacht habe. Deswegen legt sich meine Verwunderung schnell wieder. Die Schule ist umzingelt von Straßen mit weiblichen Vornamen wie Barbara, Ingrid, Brigitte, Ruth, Ursula und sogar ein Renatenweg findet sich zu meiner großen Freude hier im Wohnungsbestand der degewo, worauf ein ganz altes Schild an einer Hauswand schließen lässt.

So durchforsten wir nun das Gebiet zwischen Dessauer-, Eiswaldt- und Kaiser-Wilhelm-Straße systematisch, wobei wir wieder das Stopfmuster anwenden. Erst alle Parallelstraßen, dann die Querstraßen. Dabei stellen wir fest, dass wir an einem bunten Mix an Bauweisen und Häusertypen vorbeikommen mit Bauzeiten um die vorige Jahrhundertwende herum bis hin zu modernen Neubauten. Diese Vielfalt ist natürlich hauptsächlich der Bombardierung in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 geschuldet, die als Lankwitzer Bombennacht in die Geschichte einging. Ich hatte schon darüber berichtet, dass 85% der schönen Gartenstadt dadurch zerstört wurden. Villen, Bürgerhäuser, das Bahnhofsgebäude, das Realgymnasium in der Kaulbachstraße, die Einzelhandelsstruktur – alles weg. Diese Lücken wurden ab 1950 im Rahmen des Marshallplanes durch neue Wohnsiedlungen, Straßen und Geschäften wieder geschlossen und das sieht man einer Stadt natürlich an. Hinzu kommt, dass die Architektur der 60er und 70er Jahre in einem wirklich krassen Gegensatz zur Gediegenheit der Zeit vor dem Krieg stand und man manchmal genauer hinschauen muss, um auch hier Schönheit zu erkennen. Aber es gibt sie! Es folgen nun Fotos zur Veranschaulichung, immer mit dem Straßennamen versehen:

In der Seydlitzstraße 40 finden wir drei Stolpersteine zum Gedenken an die Familie Bock. Sie stammt aus Neubrandenburg und gehörte zu einer großen jüdischen Kaufmannsfamilie mit insgesamt sechzehn Kindern. Ilse Bock, geboren 1896, lernte den Beruf der Putzmacherin und heiratete 1920 ihren Cousin Max Bock, einen kaufmännischen Angestellten. 1923 wurde ihre Tochter Ingeborg Nanny geboren, und ab etwa 1929 lebte die Familie in der Seydlitzstraße 40 in Berlin‑Lankwitz. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet die Familie zunehmend unter Druck. Ilse Bock entwickelte ab 1940 ein schweres Nervenleiden, das sich durch Beschimpfungen aus der Nachbarschaft weiter verschlimmerte. Die Tochter Ingeborg konnte 1939 mit einem Kindertransport nach England fliehen, ermöglicht durch die Quäker. Ilse und Max wurden 1941 aus ihrer Wohnung vertrieben und lebten danach im Gemeindezentrum der Jüdischen Liberalen Synagoge in der heutigen Axel‑Springer‑Straße. Die geplante Flucht scheiterte, als Ilse beim Friseur einen Nervenzusammenbruch erlitt und erneut ins Jüdische Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort verhaftete die Gestapo sie im Oktober 1942 und deportierte sie am 29. November 1942 nach Auschwitz, wo sie nicht überlebte. Max Bock überstand die letzten Kriegsjahre im Untergrund, unterstützt von Freunden der Familie, und entging so der Deportation. Wenn man die Schicksale hinter den Namen liest, wird einem wieder deutlich bewusst, was das für eine schreckliche Zeit war.

Auch in diesem Viertel gibt es die Möglichkeit, sich als Fußgänger auf grünen Verbindungswegen durch das Gelände zu bewegen, nicht nur von einem Häuserblock zum anderen, sondern mit der Möglichkeit, auch größere Distanzen auf Parkwegen zurückzulegen. Wir probieren das aus, nachdem wir mit dem Zietemannschen Viertel durch sind und nun noch das Gebiet rund um den Gemeindepark aussteht. Und manchmal sind es die kleinen Dinge am Wegesrand oder Graffitis, die dem Entdeckerblick nicht verborgen bleiben und uns zum Lächeln oder Staunen bringen:

Direkt am Gemeindepark liegt das Maria-Rimkus-Haus auf dem Weg, ein Stadtteilzentrum, das vom Bezirksamt Steglitz‑Zehlendorf finanziert und von Ehrenamtlichen betreut wird. Es dient als offener Treffpunkt für ältere Menschen, Familien und die Nachbarschaft und verbindet klassische Seniorenarbeit mit generationenübergreifenden Angeboten. Im Haus finden sehr viele kulturelle Veranstaltungen, Vorträge, Bewegungs- und Gymnastikgruppen, Kreativkurse, Musikangebote, Gesprächskreise sowie Ausflüge statt. Aber es gibt auch Beratungsangebote und Unterstützung für alle, die eigene Gruppen oder Aktivitäten organisieren wollen. Sehr beeindruckend, was die Ehrenamtlichen hier alles stemmen! Benannt ist das Haus nach Maria Rimkus, einer Lankwitzerin, die sich über viele Jahre hinweg in der Gemeinwesenarbeit und der Seniorenbetreuung engagierte. Mit der Namensgebung würdigte der Bezirk ihr langjähriges soziales Wirken.

Wir werden freundlich begrüßt und würden sogar ein Stück Kuchen bekommen, aber wir haben kurz vorher in einem kleinen Café schon etwas gegessen. Deswegen beschränken wir uns auf Wasser und nehmen auf der gemütlichen Terrasse des Hauses Platz, die einen Blick in den Park ermöglicht. Viele Tische und Räume sind belegt von Gruppen, die sich hier zum Sport, Skat oder einfach nur zum Klönen treffen.

In der Straße am Gemeindepark fällt mir ein Haus mit auffälligen Treppenhausfenstern ins Auge und muss das natürlich fotografieren. Dabei höre ich hinter mir einen Mann sagen: „Ach guck mal, da findet jemand unser Haus interessant!“ Ich drehe mich um und erkläre, was mich daran so fasziniert. „Stimmt“, meint er, „da habe ich noch nie so drauf geachtet. Das ist hier alles sozialer Wohnungsbau.“ Damit hat er absolut recht, wie wir kurz darauf auf einer Plakette lesen können: „Im öffentlich geförderten sozialen Wohnungsbau errichtete die gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH in den Jahren 1957 – 1959 428 Wohnungen.“ Die Kupfertafel schmückt unübersehbar einen großen Stein, der in einem weiträumigen Hof liegt. Dahinter erhebt sich eine sehr filigrane Figurengruppe namens „Jungen mit Drachen“ von Ursula Hanke-Förster, die mir ausgesprochen gut gefällt. Man hat das Gefühl, dass sie tatsächlich in Bewegung sind und sich gleich selbst mit ihren Drachen in die Luft erheben. Mehr braucht es nicht, um diesen Hof aufzuwerten, finde ich. Dazu liegt die Siedlung direkt am Gemeindepark – Herz, was brauchst du mehr?

Nun müssen wir uns diesen natürlich auch noch anschauen – einmal über die Straße, und schon sind wir da, gleich mit Blick auf das Rondell des Kriegerdenkmals. Unübersehbar thront es auf einem Hügel, der im Winter als Rodelberg dient. Die Anlage wurde von Fritz Freymüller entworfen, dessen Name hier schon öfter gefallen ist – ein Architekt, der Lichterfelde und Lankwitz entscheidend mit geprägt hat. Das Denkmal ehrt die Lankwitzer Gefallenen des Ersten Weltkrieges und wurde 1926 eingeweiht. Zum Bau wurde Rüdersdorfer Kalkstein verwendet. Zum beeindruckenden Rundbau führen Treppen hinauf, dann tritt man durch einen Torbogen und steht einer Kastanie in der Mitte gegenüber, die von einer steinernen Bank umrundet wird. Dort stehen auch drei Stelen, von denen eine die Inschrift „Im Ruhm der Taten leben tote Helden“ trägt. Ringsum an den Arkadenbögen sind Tafeln mit den Namen der Soldaten zu finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde über dem Eingang dessen Zeitspanne ergänzt. Alles in allem ein sehr wuchtiges, respekteinflößendes Mahnmal, das allerdings leider in keinem guten Zustand ist. Es wirkt ziemlich ungepflegt und hätte als Zeugnis vergangener Erinnerungskultur mehr Zuwendung verdient. Auf der Bank liegen ein paar verwelkte Rosen, die bezeugen, dass es noch Menschen gibt, für die dieser Ort eine besondere Bedeutung hat.

Wir schauen uns noch ein bisschen um im Park und finden eine Bank direkt am See. Hier lassen wir die Tour ausklingen, gehen danach im naheliegenden griechischen Restaurant essen und genießen abends noch ein Programm mit Piet Klocke in den Wühlmäusen. Ein erlebnisreicher Tag – mehr geht nicht!