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07. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lankwitz) | Komponistenviertel, Herrenhaus Correns, Prunk, Beschaulichkeit und Industriebaukultur

„Nichts ist umsonst erschaffen, aber die Fliege ist nicht weit davon entfernt.“ (Mark Twain) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Die Tour beginnt heute am S-Bahnhof Lankwitz, auf dessen Geschichte ich hier kurz eingehen will, denn er ist der einzige eingleisige S‑Bahnhof in Berlin, an dem ein 10‑Minuten‑Takt gefahren wird. (Obwohl – seit dem 15. Juni ist dieses Alleinstellungsmerkmal passé, wie mir Ulrich Conrad mitteilte. An diesem Tag wurde der unterirdische S-Bahnhof am Hauptbahnhof eröffnet, an dem tatsächlich zunächst nur ein einziges Gleis in Betrieb ist. Die S15 fährt dort alle 10 min.)

Möglich wurde die Errichtung einer Bahnstation dadurch, dass der Bauer Franz Lüdicke das Grundstück kostenlos zur Verfügung stellte durch eine Schenkung. Die Kosten fingen die Bewohner des Komponistenviertels auf, indem sie der Bahndirektion 100.000 Mark spendeten. Der Bahnhof begann 1841 eingleisig und wurde bereits 1849 zweigleisig ausgebaut. Mit der Hochlegung der Strecke um 1901 entstand ein neuer Bahnhof, und die Anhalter Vorortbahn wurde viergleisig erweitert. Ab 1912 traten die Reisenden durch eine Pergola auf den Rathausplatz und sahen sich einer sehr vornehmen Architektur gegenüber. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die zerstörte Teltowkanalbrücke jedoch nur eingleisig wieder aufgebaut, wodurch zwischen Lankwitz und Südende ein dauerhaftes eingleisiges Teilstück entstand. Mit der Stilllegung 1984 nach Übernahme der S-Bahn durch die BVG und der Wiedereröffnung 1995 blieb der Bahnhof weiterhin eingleisig. Zukünftig soll die Zweigleisigkeit wiederhergestellt werden, verbunden mit einer umfassenden Modernisierung des Bahnhofs. Das würde dem Ambiente auf jeden Fall gut tun, denn auch ohne Pergola ist man zunächst sehr beeindruckt, wenn man heute gleich dem mondänen Rathaus gegenübersteht. Zusammen mit der „Käseglocke“ auf der anderen Straßenseite (auf der nächsten Tour näher betrachtet), ist es eines der wenigen Gebäude, die die Lankwitzer Bombennacht zwar beschädigt, aber immerhin überstanden haben und eine Ahnung von der Pracht der früheren Gartenstadt Lankwitz aufkommen lassen.

Der Platz davor ist nach Hanna Renate Laurien benannt, CDU-Politikerin und Gründungsmitglied der FU, Schulsenatorin in den 1980er Jahren, 1986 zusätzlich Bürgermeisterin von Berlin und 1991-1995 Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses. Leider ist er als Parkplatz freigegeben, wodurch die Harmonie doch sehr ins Wanken gerät und der schöne Brunnen inmitten der Karosserien zu verschwinden droht. Zunächst beäuge ich das riesige Gebäude von allen Seiten, um danach einen Blick hineinzuwerfen. Es herrscht Hochbetrieb, der von Wachschutz-Mitarbeitern aufmerksam beobachtet und gelenkt wird. Auch ich gerate in den Fokus und werde gefragt, ob man mir helfen könne. Ich verneine und sage, dass ich mich einfach mal umschauen möchte. Das darf ich, aber fotografieren leider nicht. Das bedaure ich sehr, denn ein sehr schönes historisches Treppengeländer und das Lankwitzer Gemeindewappen, entworfen von dem Heraldiker Otto Hupp wären interessante Motive gewesen. Wen es also mal nach Lankwitz verschlägt, dem empfehle ich einen Blick ins Rathausinnere! Vor der Bombennacht erstrahlte das Gebäude allerdings in noch prächtigerem Habitus. Es wurde in einer sparsamen Version wieder aufgebaut, ohne den helmbedeckten Turm über der Rathausuhr mit der Figur eines Nachtwächters. Besonders spannend und auch amüsant finde ich das leider auch nicht mehr vorhandene Glockenspiel. Um 7 Uhr morgens weckte es die Lankwitzer mit dem Lied „Habt ihr noch nicht lang genug geschlafen?“ und schickte sie um 22 Uhr mit „Zu Bett, zu Bett ihr Lumpenhund, es schlägt die letzte Viertelstund“ schlafen.

Nun nehme ich mir als erstes das Viertel auf der Rathausseite südlich der Bahngleise vor, das die Straßen mit weiblichen Vornamen fortsetzt. So wandere ich durch die Charlotten-, Elisabeth-, Cecilien-, Anna-, Brigitten-, Ruth-, Amalien-, Sybillenstraße und Reginenweg, aber auch General Seydlitz hat sich dorthin verirrt. Man merkt Lankwitz die Kriegsschäden auch heute noch überall an. Natürlich gibt es keine Ruinen mehr, aber wenn man sich die Häuser anschaut, tut es auch jetzt noch irgendwie weh. Die Lücken wurden geschlossen, aber in der jeweils zeitgemäßen Bauweise, die nicht immer mit dem Altbestand harmoniert. An manchen Stellen ist das gut gelungen, doch gerade in den 1970er Jahren wurde nicht so viel Wert auf behutsame Anpassung an Vorhandenes gelegt. Für mich hat das den Vorteil der sich mir bietenden Abwechslung:

An der Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße ist mir schon ein paar Tage vorher ein Haus mit einem sehr kunstvoll gerundetem Dach aufgefallen. Seit eine ehemalige Kollegin zu mir sagte: „Du musst mal auf die Dächer achten. Das ist auch spannend!“ mache ich das auch, soweit es mir möglich ist. Dieses hier hat Stil. Es steht einfach so inmitten der anderen ganz normalen Blocks, irgendwie bescheiden, aber es strahlt Würde aus. Über dem Eingangsbereich befindet sich ein Betonrelief, das sehr expressionistisch aussieht. Leider erschließt sich mir nicht der Sinn der Darstellung.

Bei der Recherche danach entdecke ich zufällig, dass ich in der Ruthstraße 2-6 an einem Flachbunker aus dem zweiten Weltkrieg vorbeigekommen bin, ohne es zu wissen. Er befindet sich zudem auf privatem Gelände. Er wurde Anfang der 1940er Jahre für 150 Personen errichtet als Flachbunker Typ 2D (das heißt für Mütter mit Kind) mit18 Kammern.

Besonders freue ich mich immer, wenn scheinbar „normale“ Gebäude mit einem überraschenden Detail versehen werden, das dem Ganzen gleich einen höheren Stellenwert einräumt, es interessant macht. So gesehen in der Seydlitzstraße:

Erst denke ich: „Schon wieder ein Buddha“, denn diese werden inflationär zur Gartengestaltung eingesetzt. Aber nein – hier handelt es sich um die Plastik „Azubi“ von Birgid Helmy von 2011. Das Gebäude gehört der Bäckerinnung Berlin und wird als Berufsbildungsstätte „Akademie des deutschen Bäckerhandwerks Berlin-Brandenburg“ genutzt. In einer „Dokumentation von 50 Kunst-am-Bau-Werken“ von Dr. Martin Seidel heißt es: Die „Kunst am Bau sollte erkennbar Bezug zum Aufgabenbereich und zur Tradition der Bäcker-Innung nehmen und der unspektakulären Architektur eine Identität verleihen…“. Man sieht ein junges Mädchen in Bäckerkleidung, eine Auszubildende in stolzer Haltung, die gerade Pause macht. Ich finde das sehr gut gelungen!

Bevor ich den zweiten Abschnitt nördlich der Gleise in Angriff nehme, stehe ich erneut vor der Lankwitzer Ratswaage, die ich beim ersten Mal als sehr verlassenen Ort wahrgenommen hatte. Vielleicht hat sich ja inzwischen etwas getan? Das Gegenteil ist der Fall. Die kleine Grünanlage ist vollkommen verwahrlost, der Stein, der die Lankwitz-Quelle markiert, ist nur zu finden, wenn man von seiner Existenz Kenntnis hat und das Gras ist auf dem Weg, die Ratswaage zu erobern. Sie wird überall als Frauentreff benannt, doch offensichtlich finden die Zusammenkünfte nicht statt, jedenfalls nicht hier.

Nun unterquere ich die Bahngleise in der Seydlitzstraße und befinde mich schlagartig in einer völlig anderen Welt, nämlich analog der Straßennamen im Komponistenviertel oder auch Rosenthalschem Viertel. Das Areal wurde von dem Immobilienhändler Felix Rosenthal ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt. Sein Vorbild war dabei Lichterfelde. Nachdem er von Lankwitzer Bauern Land gekauft hatte, ließ er einen künstlerisch geprägten Villenvorort in Wilhelminischem Stil entstehen. Rosenthal legte seinen Käufern die Verpflichtung auf, nur im ländlichen Villenstil zu bauen und die Gebäude nur mit Zink, Asphalt oder Schiefer zu decken. Aber auch Neoklassizismus und später moderner Einfamilienhausbau prägen die Architektur, obwohl natürlich auch hier mit der Bombardierung große Schäden angerichtet wurden.

Über die Beethovenstraße arbeite ich mich vor bis zur Calandrellistraße:

Dort angelangt, kann ich heute den zweiten Anlauf nehmen, um das Herrenhaus Correns oder auch Siemensvilla genannt, zu besichtigen. Ich hatte ja berichtet, dass ich mich beim ersten Mal nicht hineingewagt habe, weil ich erstens gar nicht wusste, welches Kleinod sich hinter dem blickdichten Zaun verbirgt und zweitens vor dem Tor eine Menge Leute standen, an denen ich mich nicht vorbeidrängeln wollte. Doch heute will ich es wissen. Dieses Mal wähle ich eine Toreinfahrt als Zutrittsmöglichkeit, jede Sekunde darauf gefasst, dass ich angesprochen und wieder weggeschickt werde. Denn das Herrenhaus – neben dem Rathaus, der Käseglocke der Kirche und dem Beethoven-Gymnasium eines der wenigen Überbleibsel des alten Lankwitz, wird seit 2012 von zwei privaten Berliner Hochschulen genutzt: die MSB Medical School Berlin und BSP Business School Berlin.

Ich tue wahnsinnig beschäftigt und spaziere forschen Schrittes in die Villa hinein. Niemand hält mich auf, niemand interessiert sich dafür, was ich da wohl suche und so steige ich bis in die oberste Etage. Nur die letzte kleine Treppe sieht so aus, als hätte da niemand etwas zu suchen. Ich wandele die langen Flure entlang, schaue in einen Saal, in dem Studentinnen auf riesigen Sofas und Sitzkissen lümmeln und chillen. Alles ist herrschaftlich und vornehm, allein das Treppenhaus flößt Ehrfurcht ein und selbst die Toilette mit einem Vorraum in Tanzsaalgröße lässt mein Staunen nicht abebben. Eine Terrasse lädt zum Verweilen ein, zwischen den Säulen hat man einen erfrischenden Blick auf eine weite, ruhige Parklandschaft. Hier zu studieren muss ein großes Privileg sein!

Das Herrenhaus wurde zwischen 1913 und 1916 nach Plänen des Gemeindebaurats Fritz Freymüller errichtet. Bauherr war der Unternehmer Friedrich Christian Correns, der ein repräsentatives Wohnhaus im Lankwitzer Villenviertel schaffen ließ. Er war Direktor der Akkumulatorenfabrik am Askanischen Platz. Das Gebäude umfasst rund 80 Räume, eine große Kelleranlage und wird von einem weitläufigen Park umgeben, der als Gartendenkmal geschützt ist. Zum Ensemble gehören außerdem ein Pförtnerhaus und ein Gärtnerhaus. Die Bäume wurden von Correns altem Grundstück in der Beethovenstraße mit Pferd und Wagen umgesetzt.

1925 ging die Villa in den Besitz von Werner Ferdinand von Siemens über. Er war Ingenieur, aber auch Komponist und Dirigent und ließ 1928/29 einen großen Musiksaal anbauen, dessen Akustik bis heute für professionelle Orchester‑ und Rundfunkaufnahmen genutzt wird. Seine Wurlitzer Orgel steht jetzt im Musikinstrumentenmuseum. Teile der historischen Innenausstattung sind erhalten geblieben und prägen den Charakter des Hauses.

In den 1930er Jahren verkaufte Siemens das Grundstück an den Staat, 1942 zog dann das Ibero-Amerikanische Institut ein, das 1976 in die Staatsbibliothek übersiedelte. Danach zog 1978 die Deutsche Nationalbibliothek mit dem Musikarchiv ein, das alle in Deutschland erschienenen Noten und Tonträger archiviert. Das wiederum siedelte 2010 nach Leipzig um. 2011 kaufte Stefan Peter die Villa und machte sie zum Hochschulstandort. Damit ist das ehemalige Herrenhaus heute ein Bildungsort, während der Musiksaal weiterhin eine besondere Rolle im Berliner Musikleben spielt.

Nach diesem Besuch mache ich mich auf den Weg durch die lange Kaulbachstraße, die bis zum S-Bahnhof Lankwitz führt und die Pendelstrecke der Studierenden ist. Aus diesem Grund ist sie im Vergleich zu den anderen eher verschlafenen Straßen in der Nachbarschaft sehr belebt und international, wie ich es bisher in Lankwitz in der Intensität noch nicht erlebt habe.

Entlang der Kaulbach- Ecke Gärtnerstraße fällt mir ein ziemlich großes, total verwildertes Grundstück auf, eigentlich es es schon ein Wald. Natürlich werde ich neugierig, denn es ist sehr ungewöhnlich, dass hier kein Haus steht. Eventuell gehört es zum Freilandlabor des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf, das daran anschließt. Doch eine wie auch immer geartete Nutzung kann ich nicht erkennen. Nun aber stehe ich vor einem äußerst merkwürdigem Haus:

Ich sehe als erstes eine Scheune, zwar etwas ungewöhnlich, aber warum nicht mal Neues wagen! Doch natürlich muss ich bloß ein paar Schritte weitergehen, um zu erkennen, dass es sich um eine Kirche handelt, nämlich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage. Leider ist sie verschlossen. Seit ich behauptet habe, dass die meisten Kirchentüren einladend offen standen, ist es vorbei damit. Schade, denn ich glaube, dass hier durch den Lichteinfall sehr schöne Effekte erzielt werden.

Nicht weit davon entfernt steht ein Turm, der ebenfalls Fragen aufwirft. Ist das vielleicht ein Aussichtsturm eines Kinderbauernhofes? Oder eines Jugendcamps? Als ich näher komme, bemerke ich meinen Irrtum. Es ist ein Glockenturm, er steht auf dem Gelände der katholischen Kirche Sankt Benedikt mit Gemeinde- und Wohnhaus sowie einem Kindergarten:

Die Kirche St. Benedikt entstand, nachdem die Lankwitzer Gartenstadt im Zweiten Weltkrieg stark zerstört worden war und der anschließende Bevölkerungszuwachs eine neue Gottesdienststätte notwendig machte. Nach provisorischen Lösungen in den Jahren 1946 bis 1956 wurde 1967 die Kuratie St. Benedikt gegründet und der Grundstein für die neue Kirche gelegt. Der Bau nach Entwürfen von Paul Johannbroer wurde 1968 geweiht und bildet seither das Zentrum eines Gemeindeensembles mit Pfarrhaus und Kindertagesstätte. Die Architektur folgt dem Prinzip benediktinischer Schlichtheit: würfelförmiger Bau, weiße Kalksandsteinwände, wenige Oberlichter, ein frei stehender Glockenturm und reduzierte äußere Gestaltung. Im Inneren verbinden eingelassene Steine aus Benediktinerabteien die Kirche mit der Ordensgeschichte.

Vor dem Haus in der Corneliusstraße 13 finde ich zwei Stolpersteine. Alfred Salomon, 1870 in Westpreußen geboren, war promovierter Chemiker und Unternehmer. Er lebte mit seiner Frau Margarete und den beiden Söhnen seit 1908 in der Corneliusstraße 13, wo die Familie ein offenes, kulturell geprägtes Haus führte. Unter dem NS‑Regime konnten die Söhne emigrieren, während Alfred und Margarete nach zunehmender Verfolgung ihr Haus 1939 unter unklaren Bedingungen „verkaufen“ mussten und nur zwei kleine Räume weiter bewohnen durften. Am 20. Februar 1942 nahmen sich beide aus Angst vor der Deportation das Leben. Ihre Urnen wurden später nach Stahnsdorf umgebettet. Das Haus wurde 1943 zerstört und in den 1950er Jahren neu errichtet.

Es ist sehr still, manche Straßen sind von Gras überwuchert, weil sich selten jemand hierher verirrt, nur Bewohner oder der Postbote. Es gibt aber auch viele Baustellen, Fahrbahnen sind eingezäunt und aufgebuddelt zum Verlegen von Rohren und Leitungen. Vier Straßen bringen mich zum Grübeln. Sie sind aus keinem ersichtlichen Grund mit einem Mittelstreifen ausgestattet: die Gärtner-, Nicolai-, Mozart- und Waldmannstraße. Wozu? Sollte dort vielleicht mal eine Straßenbahn fahren? Es sind keine Hauptverkehrsadern, sie wirken sogar teilweise fast ein bisschen dörflich und verschlafen. Wozu also dieser Aufwand? Ich konnte nichts dazu finden, aber vielleicht weiß es jemand von meinen Lesern?

So arbeite ich mich nun durch das Komponistenviertel hindurch, immer wieder fasziniert von den Gegensätzlichkeiten. Teils sind es Villen und Landhäuser, die mich das Handy zücken lassen, aber auch respekteinflößende, stattliche Mehrfamilienhäuser.

Im Gluckweg finde ich wieder ein Puppenstubenhaus, das fast so abgeschnitten wirkt wie das vor einer Woche in Lankwitz Süd entdeckte und mich zu dem Ausruf veranlasst: „Ist das niedlich!“

In dem Moment taucht wie aus dem Nichts eine junge Frau hinter mir auf, die den selben Weg gehen will wie ich. Ich lasse sie vor, warte noch ein bisschen, damit ich nicht direkt an ihren Fersen klebe und setze mich dann in Bewegung. Offenbar habe ich auf sie aber sehr suspekt gewirkt, denn sie dreht sich immer wieder um, als hätte sie Angst vor mir. Nun muss man wissen, dass der Gluckweg ziemlich lang ist und wir uns deswegen nicht aus den Augen verlieren können. Sie wird immer schneller, aber mein Tempo lässt den Abstand kaum größer werden. Ich gebe mir wirklich Mühe, bleibe mal stehen, fotografiere ein Pflanzenkübel-Ensemble am Wegesrand,

schlendere weiter, aber ihre Panik scheint zu wachsen. Sehe ich denn so gefährlich aus? Vielleicht denkt sie, ich bin irre, weil ich Selbstgespräche geführt habe und mich merkwürdig benehme in ihren Augen. Der Abstand zwischen uns ist aber wiederum zu groß, um ihr beruhigende Worte zuzurufen. Endlich kommt sie am Ende der Straße an und geht weiter geradeaus, nicht, ohne sich wieder rückzuversichern, dass ich nicht näher gerückt bin. Vorsichtshalber holt sie aber doch ihren Rucksack vom Rücken nach vorne. Zum Glück muss ich nun nach rechts abbiegen und hoffe inständig, dass meine Wege die ihren nicht noch einmal kreuzen.

Bald bin ich fertig mit den Komponisten und muss jetzt nur noch eine kleine Ecke zwischen Siemensstraße und Teltowkanal ablaufen. Das geht schnell, denke ich, nicht wissend, was mich dort alles erwartet, nur, dass hier irgendwo zwischen 1932 und 1933 der Standort des Bauhauses war. Auch das Energiemuseum ist mir ein Begriff. Bevor ich von der Siemensstraße abbiege, stolpere ich über ein Haus, das sehr besonders ist. Es sieht aus, als würde die Last von den Arcaden bildenden Füßen getragen und macht mich sehr neugierig. Die Hausfront führt bis zur Birkbuschstraße und auch dort an der Ecke sind solche Rundbögen.

Wenn mich nicht alles täuscht, handelt es sich hier um Postmodernismus aus den 1990er Jahren. Die geschwungenen Erkerfenster, die Backsteinstruktur und die großflächigen Verglasungen gefallen mir ausgesprochen gut. Vor lauter Begeisterung übersehe ich gegenüber in der Birkbuschstraße ein barackenähnliches Gebäude und die daran befestigte Berliner Gedenktafel mit folgendem Text:

„In einem früher hier stehenden Gebäude befand sich von 1932 bis 1933 das BAUHAUS BERLIN. Gegründet 1919 von Walter Gropius in Weimar, weitergeführt als Hochschule für Gestaltung in Dessau, war das Bauhaus seit den zwanziger Jahren international wegweisend für Formgestaltung und Architektur. Zuletzt von Ludwig Mies van der Rohe geleitet, wurde es auf Druck der Nationalsozialisten 1932 aus Dessau vertrieben und 1933 in Steglitz geschlossen. Viele seiner Mitglieder wurden verfolgt oder emigrierten.“

Zu meiner Entschuldigung möchte ich vorbringen, dass die weiße Gedenktafel auf weißer Fassade auch nicht direkt ins Auge sticht. Aber ein vom Bauhaus genutztes Gebäude aus dieser Zeit steht noch in der parallelen Nicolaistraße und ich habe es fotografiert, ohne seine Bedeutung zu kennen. Wenigstens etwas im Zuge der Geschichtsaufarbeitung.

Heute wird das Haus von der Medical School Berlin als Außenstandort genutzt.

Am Wiesenweg ziehen mich weitere Industriebauten in den Bann. Sie gehören zu den Berliner Stadtwerken inklusive Recyclinghof.

Geht man weiter, folgt kurz darauf der Hafen Steglitz, zu dem man aber keinen Zutritt hat, eigentlich. Doch ein Tor steht offen und natürlich ist meine Neugier größer als eventuelle Bedenken. Solange mich niemand aufhält, schaue ich einfach, wie weit ich komme mit der kleinen Hoffnung, einen Uferweg zu finden. Zunächst erblicke ich nur Kräne und Container, aber dann entdecke ich tatsächlich einen Weg, dem ich gespannt folge. Fast kommt ein bisschen Urlaubsfeeling auf angesichts der Yachten und Boote, doch an der Rohrbrücke gehts nicht mehr weiter. Links führt der Weg nunmehr gepflastert zu einem Haus, in dem der Motor-Rennboot-Club Berlin e.V. sein Domizil hat. Man kann hier sogar gegen Gebühr mit seinem Boot über Nacht anlegen.

Für mich heißt es jetzt aber, den Rückzug anzutreten, hoch auf die Teltowkanalstraße, wo mich ein Gebäude mit Ausmaßen eines Industriekomplexes in Siemensstadt in Empfang nimmt und ein kleiner, niedlicher Kaffee-Anhänger. Vor der fensterreichen, ziegelsteinernen Wand lockt eine Infostele mit dem nötigen Wissen zu diesem Haus.

1924 gründete Siegmund Loewe am Wiesenweg das Unternehmen Loewe, dessen Hauptsitz bis 1979 dort bestand. Loewe, 1885 in Berlin geboren, war promovierter Hochfrequenztechniker und arbeitete zunächst bei Telefunken und anderen Laboren, bevor er sich nach dem Ersten Weltkrieg selbständig machte. Ab 1920 trieb er die Entwicklung des Rundfunks in Deutschland voran und gründete mit seinem Bruder die Radiogeräte GmbH. Er war Mitbegründer des Deutschen Radio-Clubs und des Verbands der Funk-Industrie, die ab 1924 die Berliner Funkausstellungen organisierten. Als Unternehmer förderte er junge Talente wie Manfred von Ardenne. Gemeinsam entwickelten sie die Loewe-Dreifachröhre, einen Vorläufer des integrierten Schaltkreises. Loewe und Ardenne präsentierten 1931 auf der Funkausstellung eine frühe elektronische Fernsehtechnik, die international Beachtung fand. Bereits 1929 war Loewe an der Gründung einer Fernseh-AG beteiligt. Nach 1933 wurden die Handlungsspielräume der Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft stark eingeschränkt. Sein Bruder David Ludwig musste den Vorstand verlassen und emigrierte, die Bosch AG drängte Loewe aus der Fernseh-AG, und 1938 wurde das Unternehmen durch das Reichsluftfahrtministerium enteignet. Siegmund Loewe emigrierte in die USA. 1949 wurde das Unternehmen an ihn rückerstattet, nun mit Sitz in West-Berlin und Werken in Kronach und Düsseldorf. Loewe kehrte nicht nach Deutschland zurück, doch die Firma blieb ein bedeutender Akteur der westdeutschen Radio- und Fernsehindustrie.

Ich muss zugeben, bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von Siegmund Loewe und seinem enorm wichtigen Wirken gehört zu haben und bin dankbar für diese Wissenserweiterung! Nun bin ich natürlich neugierig, wer das Gebäude heute nutzt und wie es dahinter aussieht. Ich finde eine Toreinfahrt, in der folgendes zu lesen ist:

Aber was versteht man unter „nicht-weißer“ Moderne? Dass die Gebäude nicht weiß sind? Die Hautfarbe des Architekten wird es ja wohl nicht sein. Die KI hat natürlich sofort eine Antwort parat:

„Der Begriff nicht‑weiße Moderne beschreibt eine Sichtweise auf die Moderne, die sich von der Vorstellung löst, moderne Architektur und Gestaltung seien vor allem weiß, glatt und bauhausgeprägt. Stattdessen betont er die Vielfalt der Moderne: farbige Innenräume, unterschiedliche Materialien, regionale Traditionen und globale Einflüsse, die in der klassischen Erzählung oft übersehen wurden. Nicht‑weiße Moderne macht sichtbar, dass moderne Gestaltung nie homogen war, sondern aus vielen kulturellen und ästhetischen Strömungen bestand – weit über den europäischen Kanon hinaus.“

Ok, da lag ich ja gar nicht so falsch mit meiner Vermutung, falls die KI nicht schwindelt. In der Toreinfahrt befindet sich ein Pförtnerhäuschen, das ich hocherhobenen Hauptes problemlos passiere. Der Anblick , der sich mir nun bietet, ist überwältigend. Von einer Anhöhe aus sehe und staune ich angesichts dieser Dimensionen. Ob es jemanden gibt, der sich im ganzen Gebäude gut auskennt? Wie lange wird man wohl dafür benötigen?

Nun gehts weiter in Richtung Energiemuseum, im Hintergrund das historische Heizkraftwerk Steglitz. Auch ein stolzes Gebäude. Was doch früher selbst für Industriebauten für ein gestalterischer Aufwand betrieben wurde! Der Zustand des Gehweges lässt darauf schließen, dass hier schon lange niemand mehr langgelaufen ist und gleich weiß ich auch, warum. Das Museum ist seit letztem Jahr geschlossen. Allerdings nicht für immer, sondern es wird an einen anderen Ort umziehen und moderner, das heißt digitaler wieder öffnen.

Zum Museum gehörte auch dieses Haus:

Es wurde in den 1940er Jahren als Fernabspannwerk Steglitz gebaut und in Betrieb genommen. Die Monumentalfassade ist sehr sachlich und erhält durch die vielen Sprossenfenster eine Gleichmäßigkeit. Die Besonderheit ist das wuchtige Werkstor. Das Abspannwerk ergänzte ein älteres Bewag-Umspannwerk von Egon Eiermann aus dem Jahr 1929. Während der deutschen Teilung war auch das Berliner Stromnetz getrennt. Die Anlage hier spielte eine zentrale Rolle bei der Absicherung der autonomen Stromversorgung West-Berlins. Mit dem Fall der Mauer gab es auch eine elektrische Wiedervereinigung und der Standort wurde Mitte der 1990er Jahre stillgelegt. Wieder was dazugelernt.

Nun muss ich noch bis zur Prinzregent-Ludwig-Brücke. Auf der anderen Seite beginnt dann schon Steglitz. Links gibt es weitere wunderschöne Backsteinbauten, die allerdings in keinem guten Zustand sind. Es handelt sich um die Verwaltungsgebäude des ehemaligen Heizkraftwerkes, die nach Plänen des Architekten Hans Heinrich Müller gebaut wurden. Im Sommer 2024 wurde das denkmalgeschützte Gelände in einer Zwangsversteigerung für 141 Millionen Euro von der SF Grambin Beteiligung GmbH erworben. Der neue Eigentümer plant ein Mischkonzept aus Gewerbeflächen, Event-Locations und kreativen Kulturräumen, ähnlich dem RAW in Friedrichshain. Das Vorhaben stößt bei Anwohnern auf Skepsis, denn sie fürchten eine Partymeile und Lärmbelästigung. Aber es geht sowieso nur schleppend voran, denn die Auflagen des Denkmalschutzes sind eine Bremse für den Investor.

Ein Blick von der Brücke und ins Grüne tut gut,

Prinzregent-Ludwig-Brücke

bevor ich die Birkbuschstraße zurückgehe und dabei noch eine sensationelle Zufallsentdeckung mache. Eine aufwendig gestaltete Eingangstür steht offen und zieht mich an wie die Motten das Licht. Zum Glück habe ich dem Impuls nachgegeben, denn sonst hätte ich diesen Flur mit Gemälden an Wänden und Decke niemals gesehen. Welch eine Pracht am Ende des Tages, quasi das Sahnehäubchen auf einen erlebnisreichen Tag.

Mit der nächsten Wanderung schließe ich Lankwitz ab mit einem Rundgang durch Alt-Lankwitz, dem Bernkastler Platz plus Käseglocke, der Stadtteilbibliothek und einer unangenehmen Begegnung.