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20. August 2026 | Spandau (Gatow) | Hohengatow, Siedlungen Hellebergeweg und Habichtswald, Bauerngarten Havelmathen und lange Wege

„Überhaupt: Das Leben ist kurz; man muss die Gegenwart mit Vernunft und Gerechtigkeit nutzen. Sei nüchtern und entspannt.“ (Marc Aurel) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Schaut man sich den Kartenausschnitt an, wird deutlich, dass heute die Anzahl der Straßen von deren Länge stark in den Hintergrund gedrängt zu werden scheinen. Ich muss den beiden Hauptverkehrsachsen Kladower Damm und Potsdamer Chaussee weiter folgen und auf dem Groß-Glienicker Weg 3,3 km zurücklegen, um von Hohengatow quer durch die Gatower Heide zur Siedlung Habichtswald zu gelangen. Doch vorher steht die Frage im Raum: Welches Verkehrsmittel wird mich zuverlässig zum Start bringen?

Als ich aus meiner Haustür trete, steht das Freenow-Taxi schon bereit. So schnell hat sich das rumgesprochen innerhalb der Taxibranche, staune ich, dass die Zimmermann keine Kosten scheut, um sich auf schnellmöglichste Art quer durch Berlin chauffieren zu lassen! Aber noch bin ich nicht berühmt und reich genug, um einen eigenen Fahrer anzuheuern, weswegen ich meine Füße am Taxi vorbei in Richtung Bushaltestelle lenke. Tatsächlich erfüllt die BVG alle meine Erwartungen zur vollsten Zufriedenheit, so dass ich gegen 10 Uhr in Hohengatow starten kann. Im Breitehornweg gehts dann auch gleich los mit einem buddhistischen Tempel, den ich ohne das große Schild am Tor niemals als solchen wahrgenommen hätte, sondern eher als Restaurant oder Kulturhaus.

Es folgen geradezu niedliche Wohnblocks mit zwei Stockwerken, die in lockerer asymmetrischer Anordnung mit viel Grün dazwischen einen sehr gepflegten Eindruck machen. Bestimmt wohnt es sich gut hier, es ist sehr ruhig, hohe Bäume vermitteln das Gefühl, im Wald zu sein. Die Havel ganz in der Nähe lockt mit Uferwegen und Badewiese.

Jetzt teilt sich der Breitehornweg, rechts gehts bergab in den Wald zur Kolonie Havelfreunde, die sich am Ufer ziemlich breitgemacht hat. Schon jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, in Berlin zu sein. Ich bin mitten im Wald, der sich unten zur Havel hin öffnet und verführerisch zum Weiterwandern verlockt:

Weiter oben am Hang blinzelt ein großes Gebäude durch die Bäume, zu dem offenbar der andere Teil des Breitehornweges führt. Irgendwie missfällt mir der Gedanke, dass ich nun wieder zurück zur Gabelung laufen muss und suche eine Querverbindung, zumal ich die Häuser ja schon sehe. Es gibt doch bestimmt einen Fußweg dorthin! Doch weder auf meiner Karte, noch Google Maps, noch in echt werde ich fündig. Ok, dann ab durchs Unterholz! Es sind höchstens 50 Meter, die mich vom Ziel trennen, und – wie ich dann merke, ein Zaun. Och nö, denke ich, es hätte so einfach sein können, aber das komplette Gelände ist abgesperrt. Was bleibt mir also anderes übrig, als den Haken zu schlagen. Es handelt sich dabei um das Haus „Lenné“, eine Therapieeinrichtung für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, die seit 1996 besteht. Das Behandlungskonzept besteht aus stationärer und ambulanter Phase. Die Suchtkranken erhalten zunächst die Möglichkeit, in einem geschützten stationären Rahmen Abstand vom bisherigen Leben zu gewinnen, sich zu stabilisieren und Abstinenz zu üben, bevor sie in der ambulanten Phase im Alltag ein suchtfreies Leben aufbauen können.

Da am Tor ein Hinweis zu lesen ist, dass Unbefugte keinen Zutritt haben, wage ich mich nur ein paar Meter aufs Gelände, zumal auch etliche Gruppen draußen rumstehen, sitzen oder werkeln. Wenn ich da schon die Geschichte des Hauses gekannt hätte, wäre ich vielleicht mutiger gewesen. Es handelt sich um das 1937-38 von Fritz Gerhard Winter im Heimatschutzstil erbaute Auslandshaus der Hitlerjugend. Zur Havel hin ist es mit großen Rundbogen-Arkaden geschmückt. Es diente als zentraler Ort, an dem die Hitlerjugend ausländische Delegationen, Jugendführer, Propagandabesucher und später auch hoch dekorierte Soldaten empfing. Da es speziell für die Begegnung deutscher Jugendlicher mit jungen Menschen des Bündnispartners der Achse Berlin – Rom eingerichtet war, wurde es zum „Italienhaus“. Das Haus unterstand der Reichsjugendführung der NSDAP und fungierte primär als repräsentative Unterkunft und Schulungsstätte für ausländische Jugenddelegationen. Im Sinne der nationalsozialistischen Auslandspropaganda sollten ausländische Gäste hier beeindruckt und ideologisch geschult werden. Das Apartment-Gebäude wurde erst Jahrzehnte später auf dem Areal errichtet als Wohn- und Therapieraum für die heutige Fachklinik. Es schmiegt sich durch die Hanglage terrassenartig in das waldige Gelände ein und bildet trotz der gegensätzlichen Architektur keinen Widerspruch.

Die nun folgende Siedlung Hohengatow / Hellebergeweg wirkt auf mich sehr autark und in sich ge(ver)schlossen. Nur selten gelingt es mir, das Antlitz eines Hauses vollständig zu erkennen, denn hohe Hecken, Bäume und viele Baustellen verhindern den Durchblick. Hinzu kommt, dass fast immer, wenn ich ein Foto machen will, plötzlich ein Mensch ins Bild läuft. Wahlplakate sind spärlich verteilt, und wenn, schaut meistens Kai Wegner skeptisch auf mich herab.

Um mein Wegenetz zu vervollständigen, muss ich ab und zu hoch zum Kladower Damm. Hoch im wahrsten Sinne des Wortes, denn er verläuft auf einer Anhöhe, von der die Straßen in sanftem Gefälle hinabführen zum Havelufer. Der Kladower Damm wird später zu Alt-Gatow, dann Gatower Straße und bildet die Hauptverkehrsachse zwischen der Spandauer Heerstraße und Kladow. Belustigt betrachte ich einen sehr originellen Gartenzaun aus Abflussrohren, die offenbar noch übrig waren und kreativ verarbeitet wurden. Das nenne ich nachhaltig!

In regelmäßigen Abständen fordern Transparente einen eigenen Dorfpfarrer für Gatow. Das macht mich neugierig. Ich stöbere auf der Kirchenwebseite und finde den Hinweis, dass die Pfarrstelle zur Zeit vakant ist, aber auch folgende Passage im aktuellen Gemeindebrief: „Die allgemein sinkenden Mitgliederzahlen in der Kirche betreffen auch den KK Spandau und die Dorfkirchengemeinde Gatow. Bei einem sehr hohen Altersdurchschnitt und mehr Todesfällen als Taufen zählen wir aktuell nur noch 998 Gemeindeglieder. Das bedeutet, dass sich die Strukturen auch bei uns verändern müssen.
Nach langem Nachdenken, Abwägen und Beraten hat sich der GKR nun entschieden, auf die beiden nördlichen Gemeinden Weinberg und Wilhelmstadt zuzugehen, um gemeinsam einen Pfarrsprengel zu bilden. Das bedeutet, dass die vier Pfarrpersonen die pfarramtlichen Aufgaben wie Gottesdienste, Trauungen, Bestattungen, Taufen, Seelsorge, Konfirmandenunterricht, Arbeit mit und für Familien und für Senioren, sowie die administrativen Aufgaben im ganzen Sprengel wahrnehmen werden.“

Nicht nur Gatow ist davon betroffen, auch andere Gemeinden sind aus denselben Gründen fusioniert, um handlungsfähig zu bleiben. Eine Entwicklung, die offenbar nicht aufzuhalten ist und die Frage aufwirft, wie und ob eine Gesellschaft langfristig ohne religiöses Gegengewicht funktioniert. Ich selbst bin zwar noch Mitglied der evangelischen Kirche, aber ein sehr passives. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ein Austritt falsch wäre. Über Jahrtausende hat Religion den Menschen Sinn und Orientierung gegeben, für sozialen Zusammenhalt gesorgt, aber auch soziale Kontrolle ausgeübt, emotionale Stabilisierung in Krisen geboten und das Leben kulturell geprägt. Das alles müssten nun säkulare Institutionen auffangen. Viele wenden sich Ersatzreligionen zu wie politischen Ideologien, Markenkonsum, Spiritualität ohne Gott, denn das menschliche Bedürfnis nach Sinn, Gemeinschaft und Werten verschwindet eben nicht mit dem Rückgang traditioneller Religionsausübung. Ein spannendes Thema, wie ich finde. Und was wird dann mit den Kirchengebäuden?

Für Hungrige bietet der Kladower Damm mehrere Einkehrmöglichkeiten in unterschiedlichsten Preisklassen. Entweder wählt man das Knusperhäuschen als bezahlbare Alternative, oder man wechselt die Straßenseite und lässt sich im Goldhorn Beefclub kulinarisch verwöhnen. Hier gibt es z.B. Oma-Kuh als Delikatesse und andere Fleischspeisen, die sich nur ein ausgewähltes Klientel leisten kann. Wer neugierig geworden ist, sollte unbedingt einen Blick in die Speisekarte werfen.

Doch nicht alles bleibt hinter natürlichem Sichtschutz verborgen, so dass ich trotzdem mit einer Häusergalerie aufwarten kann:

Es tut gut zu sehen, dass es immer wieder einfühlsame Menschen gibt, die anderen ihren Job erträglicher machen wollen. Ich erinnere mich an eine Bank in Nikolassee, die extra für den Briefträger aufgestellt wurde. Hier wurde liebevoll eine Pausenstation eingerichtet, sogar mit der Möglichkeit, die Toilette zu benutzen. Das findet man selten!

Für meine Pause suche ich mir die schönste Stelle aus, die man sich denken kann, direkt an der Havel. Es ist kaum ein Mensch unterwegs, weder zu Fuß, auf dem Rad oder im Wasser. Ich genieße die Weite, die Sonne, die Ruhe und den essbaren Inhalt meines Rucksacks.

Doch solche Auszeiten sind gefährlich! Warum um alles in der Welt sollte ich diesen Platz jemals wieder verlassen? Weil ich noch einiges an Strecke vor mir habe, rufe ich mir in Erinnerung. Auf dem Kladower Damm folgt links eine Passage mit Feldern, auf weiter Flur gibts nur Natur pur zu sehen mit Bezeichnungen wie Helleberge, Gatower Heide, Bergstücke, Achtruthen und Heinungsstücke. Rechts rücken die Havel und der Grunewaldturm auf dem gegenüberliegenden Karlsberg ins Visier.

Ein paar Getreidefelder später biegt rechts ein gepflasterter Weg ab, der zwar keine offizielle Straße ist, mir aber deutlich das Gefühl gibt, etwas zu verpassen, sollte ich einfach weitergehen. Zu recht! Was gibt es hier nicht alles zu entdecken! Eine Kleingartenanlage eröffnet den Reigen, rechterhand weist eine Tafel darauf hin, dass man hier vor dem SpeiseGut-Acker steht.

SpeiseGut ist eine seit 2013 aktive solidarische Landwirtschaft in Berlin, die Menschen mit regional angebautem Bio‑Gemüse und Obst versorgt. Die Flächen liegen überwiegend im Stadtgebiet, ergänzt durch Bildungsarbeit rund um nachhaltige Landwirtschaft und den Wert von Lebensmitteln. In Gatow betreibt SpeiseGut den Hofladen „Wild und Gemüse“ in der Alten Feuerwache. Dort gibt es eigenes Gemüse, Apfelsaft von Streuobstwiesen, Wildprodukte aus eigener Jagd sowie Käse, Molkereiwaren, Brot, Eier und Honig aus regionalen Betrieben. Unter dem Label „WildesGut“ verarbeitet SpeiseGut ausschließlich Wild aus der direkten Umgebung. Der Laden ist leider nur freitags und samstags geöffnet, sonst wäre ich vermutlich eine gute Kundin!

Folgt man dem Pflasterweg weiter, wird man von einem Meer an Sonnenblumen, Astern, Dahlien und anderen bunten Blüten begrüßt, aber auch diverse Gemüsesorten sind dazwischen zu erkennen. Ich stehe mitten im Bauerngarten Havelmathen, einer Initiative mit einem unglaublich sympathischen Konzept. Auf den Fotos sieht man nur andeutungsweise, dass die Beete eigentlich riesige Kreise sind:

Der Bauerngarten verbindet professionelle ökologische Landwirtschaft mit der individuellen Nutzung durch seine Mitglieder. Auf vorbereiteten, kreisrunden Selbsternte‑Parzellen übernehmen die Teilnehmenden ab Mai eine eigene Fläche und kümmern sich eine Saison lang um Pflege und Ernte. Das Team übernimmt Bewässerung, Standortpflege und begleitet die Saison mit Workshops und einem wöchentlichen Gartentelegramm. Ziel ist ein niedrigschwelliger Einstieg in den ökologischen Gemüsebau, verbunden mit Wissensvermittlung und dem Erleben landwirtschaftlicher Arbeit. Rund 50 Gemüse‑, Kräuter‑ und Blumenkulturen stehen pro Saison zur Verfügung. Vier Standorte gibt es in Berlin, die alle überaus beliebt sind. Einer davon befindet sich sogar in Ahrensfelde, unweit von Marzahn.

Ich spreche eine Frau an, die dort gerade „ackert“ und frage sie ein bisschen aus, wie das Ganze abläuft. Sie ist schon sehr lange dabei und vertraut mir an, dass das jetzt ihre letzte Saison sein wird. „Ich bin über 80 und die Arbeit hier fällt mir immer schwerer, vor allem muss ich nun die Ernte nach Hause schleppen und verarbeiten. Es wird Zeit, dass ich aufhöre“, sagt sie traurig und bindet einen bunten Blumenstrauß. Später sehe ich sie an der Bushaltestelle mit prall gefülltem Rucksack und Taschen und muss an meine Mutter denken, ebenfalls eine leidenschaftliche Gärtnerin. Der Schritt, den Kleingarten aufzugeben, ist ihr sehr schwergefallen, ist es doch einer der vielen kleinen Abschiede vom Leben.

Vom Bauerngarten sind es nur noch wenige Schritte bis zur Havel.

Ich folge dem Uferweg, vorbei am Deutschen Segler-Club, um dem nahegelegenen Umweltbildungszentrum einen Besuch abzustatten. Bisher kannte ich nur das im Kienbergpark in Marzahn-Hellersdorf durch eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Bibliothek und der Schreibwerkstatt. Hier allerdings bleibt mir der Mund offenstehen. Mit einem so großen und beeindruckenden Gebäude habe ich nicht gerechnet:

Die ausliegenden Flyer geben Auskunft über die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten für Firmen, Teams oder Familien, wie z.B. Neujahrempfänge, Trauerfeiern, Hochzeiten, Tagungen, Veranstaltungen, private Feiern usw. Für Verpflegung und Unterkunft mit einer Kapazität bis zu 30 Personen ist gesorgt. Eine perfekte Auszeit am Rande der Stadt und direkt an der Havel. Das sollte man sich als Geheimtipp merken!

Nun noch ein paar Meter entlang des Kladower Damms und eines imposanten Zauns, der ein Schloss dahinter vermuten lässt, aber dann doch „nur“ eine Wohnsiedlung behütet:

Nun ist die Stelle erreicht, an der ich nach Westen in den Groß-Glienicker Weg einbiege, um diesem 3,3 km querfeldein zur Siedlung Habichtswald zu folgen. Diese Verbindungsstraße wird von einigen Autos genutzt, aber auch von einem Rufbus der BVG, um den dortigen Bewohnern etwas Mobilität zu ermöglichen. Ich stöpsle meine Kopfhörer ein, um meinem Hörbuch ein Stück zu lauschen, denn der Weg ist relativ ablenkungsfrei.

Der Vierfelderhof hat allerdings Aufmerksamkeit verdient, ein traditionsreicher Bauernhof, der früher als Hof von „Bauer Bathe“ mit Selbstpflück‑Feldern und den Gatower Kugeln bekannt war. Seit 2009 führt die Jockel‑Stiftung den Hof weiter und hat ihn zu einem Ort moderner, ökologischer Landwirtschaft entwickelt, quasi mitten in der Stadt. Auf rund 90 Hektar werden Getreide, Gemüse und verschiedene Tierarten bewirtschaftet. Kinder und Jugendliche sind immer willkommen und können säen, ernten, Tiere versorgen und mit Naturmaterialien arbeiten. Der Hof ist ein offener Ort für Familien, Schulklassen und Besucher aller Altersgruppen. Es gibt auch einen Hofladen und ein Hofcafé mit regionalen Bio‑Produkten, ebenfalls leider nur am Wochenende geöffnet. Oder zum Glück? So viele Einkäufe hätte ich ja gar nicht schleppen können. Eine große Hofscheune mit rustikalem Holzambiente bietet Raum für Veranstaltungen, Workshops, Lesungen und Feste. Habe ich mir alles notiert auf einer Liste mit Orten, deren Besuch ich noch nachholen will. Sie wird immer länger!

Schneller als gedacht rücken die ersten Häuser der Habichtswaldsiedlung näher, auf die ich sehr gespannt bin. Es sind nur vier Straßen und ich frage mich, welche Gründungsgeschichte ihr zugrunde liegt. Warum wurde dermaßen abseits der schon bestehenden Ortschaften Gatow, Kladow und Groß Glienicke gebaut?

Die Siedlung Habichtswald entstand Anfang der 1930er Jahre tief im Wald zwischen Spandau und Groß Glienicke. 1932 pachtete das Bezirksamt Spandau das Gelände als „Schulungsgelände“, um Arbeitslose praktisch an Landwirtschaft und das Leben in Siedlerdörfern heranzuführen. Aus dieser Aufbaugemeinschaft heraus entstand schnell der Wunsch, rund um das Gelände eine eigene Siedlung zu bauen. Parallel dazu plante eine Gruppe Berliner Maler und Bildhauer eine Künstlerkolonie nach Vorbildern wie Worpswede, konzipiert von dem Architekten und Verleger Bruno Ahrends. Beide Gruppen erhielten grünes Licht und Restmittel aus dem Stadtrandsiedlungsprogramm. Am 26. Oktober 1933 begannen 32 arbeitslose Handwerker und 12 Künstler gemeinsam mit dem Bau von 22 Doppelhäusern, zwölf davon mit Atelier. Der Transport der Baumaterialien war mühsam, erst später erleichterte ein Feldbahngleis die Arbeit. Fast wäre das Projekt gescheitert: Beim Bau des Flugplatzes Gatow beanspruchte das Reichsluftfahrtministerium das Gelände. Dank Unterstützung aus dem Rathaus Spandau durfte weitergebaut werden. Die Luftwaffe errichtete daneben ihre eigene Fliegerhorstsiedlung für Flughafenbedienstete. Im Dezember 1934 waren die Häuser der Habichtswald‑Siedlung so weit fertig, dass die ersten Familien Weihnachten bereits in ihren neuen vier Wänden feiern konnten.

Ich beginne meinen Rundgang in der Fliegerhorstsiedlung, deren Häuser unter Denkmalschutz stehen und sehr einheitlich gestaltet sind. Besonders auffällig ist die durchgängig angewendete und ziemlich ungewöhnliche Putztechnik, der den Häusern ein sehr individuelles Aussehen verleiht. Die Straßenführung ähnelt einem Hufeisen.

Danach steuere ich die parallel dazu angelegte Künstlersiedlung an, kann aber kaum einen Blick auf die Häuser erhaschen. Ich weiß nicht, ob dort immer noch Künstler wohnen, irgendwie sieht es nicht danach aus, eher nach Lebenskünstler-Siedlung. Obwohl sich natürlich bei so einer Aussage die Frage stellt, wie denn Häuser von Künstlern auszusehen haben, um den Vorstellungen zu entsprechen. Es ist einfach nur ein Gefühl. Einzig die beiden Skulpturen, die recht lieblos an einer Garage abgestellt wurden, passen ins Klischee.

Die dritte Straße – der Hafeldweg – streckt sich nach Norden aus mit unterschiedlicher Bebauung. Nur am Ende gleichen sich die Haustypen und erinnern mich an meine Anfangszeit in Berlin in einem sogenannten Neckermannhaus.

Zurück laufe ich auf dem Außenweg, der vierten Straße der Siedlung. Ein Vereingebäude auf einer Art zentralem Platz hat auch schon mal bessere Tage gesehen, ist aber eventuell das Schulungsgebäude, mit dem hier alles begonnen hat.

Man wohnt hier schon sehr einsam. Mit dem Auto ist die Siedlung nur über die Straße zu erreichen, die ich gelaufen bin, zu Fuß bleibt mir allerdings eine weitere Möglichkeit über einen Waldweg, der zur Potsdamer Chaussee führt. Sie ist die westliche Grenze des heutigen Abschnittes und ich folge ihr bis zum Ritterfelddamm.

Nun könnte ich eigentlich nach Hause fahren – das Ziel ist erreicht! Aber ich bin noch verabredet mit Peter Streubel, der die Geschichtswerkstatt im Kladower Forum leitet. Dort treffen wir uns und ich bekomme eine ausführliche und fundierte Führung um und durch das Domizil des Kladower Forums. Auf meiner ersten Tour durch Kladow hatte ich mich schon damit beschäftigt, erfahre nun aber noch viele Details, auch zur Straßenführung, die früher eine ganz andere war. Auch dem venezianischen Marmorbrunnen im Garten des Hauses statten wir einen Besuch ab, so dass ich ihn aus nächster Nähe betrachten kann. Da heute Donnerstag ist, treffen sich einige der vielen Arbeitsgruppen in dem alten Bauernhaus, von dessen Geschichte und den Mühen der Restaurierung mir Peter Streubel sehr anschaulich berichtet. Dazu müssen wir die Malgruppe stören, die sich im ehemaligen Wohnzimmer um einen großen Tisch versammelt hat. Schnell komme ich mit den Frauen ins Gespräch und bewundere die Ausstellung „Papier-Haut“ von der Malerin, Modedesignerin und Lyrikerin Wang Lan, die in diesem Raum zu sehen ist.

Eine der Frauen schenkt mir eine Geschichte, verfasst von der Schreibgruppe, der sie auch angehört. Sie trägt den Titel „Der Bär ist weg“, eine Kettengeschichte über den Kladower Buddy-Bären und ist 2025 erschienen. Dass sie aus traurigem Anlass plötzlich wieder topaktuell werden wird, hat sich die Gruppe Autobiografisches Schreiben auch nicht träumen lassen. Es ist eine liebevolle Erzählung über den Bären, der die Nase voll hat, immer auf einem Fleck stehen zu müssen, denn er würde zu gerne wenigstens mal am anderen Ufer des Wannsees oder auch noch weiter weg ein paar Abenteuer erleben. Das klappt dann auch, doch in der Ferne merkt er, wie schön er es doch eigentlich in Kladow hatte. Nun wollte er wieder ausbüxen, wie ich ja neulich erschrocken feststellen musste, und ich hoffe, es findet sich eine dauerhafte Lösung des Problems!

Auch Keller und Dachboden darf ich besichtigen und schwelge sofort in Kindheitserinnerungen, als ich den Waschkessel erblicke. Wie war es doch früher mühselig, Wäsche zu waschen!

Ausgestattet mit vielen Broschüren, die mir Peter Streubel noch in die Hand drückt, folge ich seinem Rat, auf dem Weg zur Bushaltestelle einen Blick auf das Gemeindehaus zu werfen. Es wurde zwischen 1970 und 1973 erbaut und die Einheimischen nennen es liebevoll Kleine Philharmonie, denn der Architekt Stephan Heise war anhand der fließenden, geschwungenen Formen und Holzelementen erkennbar ein Schüler von Hans Scharoun.

In dem kleinen Park finde ich zum Schluss eine Art Tausch- oder Mitnahmezentrale für Gebrauchtwaren in einem Schrank, ähnlich der Bücherzellen. So etwas aber habe ich noch nie gesehen. Eine schöne Idee, die natürlich eines Verantwortlichen bedarf, sonst herrscht bestimmt schnell großes Chaos.

Nun aber ab nach Hause bzw. in die Mark-Twain-Bibliothek, die viele Jahre mein Zuhause war. Heute ist dort Katrin Rohnstock zu Gast bei der Moderatorin Danuta Schmidt. Im Mittelpunkt steht Katrin Rohnstocks aktuelles Buch „Der große Schock“. Darin hat sie Schilderungen ehemaliger Beschäftigter gesammelt, deren Arbeitsplätze, Betriebe und Lebensentwürfe durch die Umbrüche der frühen 1990er-Jahre erschüttert wurden.