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22. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Forst Düppel | Revierförsterei | Alte Stammbahn | Nibelungenviertel

„Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine | Kürzt die öde Zeit | Und er schützt uns durch Vereine | Vor der Einsamkeit.“ (Joachim Ringelnatz) – Kalenderspruch des Tages

Bei -7° Celsius verlasse ich meine Wohnung und spüre feine Kälte-Nadelstiche an meinen Beinen. Meine behandschuhten Hände tief in den Manteltaschen vergraben, eile ich zum Bus, wäre aber mit dem nächsten besser bedient gewesen. Bauarbeiten in Biesdorf haben zur Folge, dass die S-Bahn momentan nur im 20-Minuten-Takt fährt. Mein Hörbuch vertreibt mir die Zeit und kurz vor 10 Uhr verlasse ich den Bahnhof Wannsee heute durch den südlichen Ausgang. Der Tunnel ist mit einer Flieseninstallation in aufmunternden Farben gestaltet:

Der Künstler Christoph Niemann hat Attraktionen aus ganz Berlin mit 13.100 Fliesen verewigt. Der Tunnel führt zur sehr kurzen Reichsbahnstraße, die ich schnell abhaken kann.

Meine innere Diskussion zum Thema „Gehören Waldstraßen auch zu meinem Projekt?“ habe ich mit einem Kompromiss beendet. Wenn sie im Straßenverzeichnis stehen, gehören sie zum Pflichtprogramm, ansonsten sind sie Kür, Vergnügen, Erholung. Heute leiste ich mir diese Auszeit, wende mich zunächst von dem Straßenviertel ab, überquere die Potsdamer Chaussee und klettere eine Treppe hinauf, sogar unter Benutzung des Geländers. Die Stufen sind nämlich vereist und etwas abschüssig.

Zwischen dem Wald, in dem ich nun stehe und dem Bahndamm rechterhand verläuft der Stahnsdorfer Damm, der zu einem Schießstand führt. Ich kürze ab durch den Wald, weil ich vorher der Revierförsterei Dreilinden einen Besuch abstatten möchte. Sie hat nämlich eine interessante Geschichte vorzuweisen:

1820 erwarb der Salz- und Schifffahrtsdirektor Bensch, dessen Grabstelle neben der Försterei zu finden sein soll (ich habs vergeblich gesucht), das Forsthaus Heidekrug. Mit der Pflanzung von drei Linden 1833 wurde das Gebäude umbenannt. 1856 erwarb der Schnapsfabrikant Gilka die Försterei, veräußerte sie aber bereits 1859 an Friedrich Karl von Preußen. Nach dem weiteren Zukauf von Land und Forstflächen und dem Ausbau der Försterei zum Jagdschloss 1869 im Schweizer Stil wurde der Besitz zum Rittergut Düppel ernannt. In dieser Zeit war Fontane oft Gast der Tafelrunde, die der Prinz regelmäßig im Jagdschloss veranstaltete. Das Jagdschloss wurde 1954 abgerissen und die jetzige Försterei gebaut. Bei der Recherche habe ich auch erfahren, wie der Name „Düppel“ entstanden ist. Die preußischen Truppen hatten 1864 bei Dybbøl (deutsch: Düppel) in Südjütland einen entscheidenden Sieg errungen. Ein Jahr später benannte man das Gebiet südlich von Zehlendorf nach diesem Schlachtfeld – ein weiteres Beispiel für die national aufgeladene Erinnerungskultur des 19. Jahrhunderts.

Nebenan steigen Rauch vom Lagerfeuer und Kinderlachen aus der Waldschule Zehlendorf in den blauen Himmel auf und in der Ferne sehe ich eine buntgekleidete Gruppe Kinder im Wald verschwinden. Ich hingegen muss ja noch den Stahnsdorfer Damm mit den Füßen erkunden, laufe an der Schießanlage vorbei, die auch eine interessante Geschichte vorzuweisen hat. 1928 als Versuchsanstalt für Handfeuerwaffen eröffnet, fanden 1936 dort die Schießwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele statt. Nach den 2. Weltkrieg kam das US-Militär, das 1994 die Anlage an die „Deutsche Versuchs- und Prüf-Anstalt für Jagd- und Sportwaffen e.V.“ übergab. Jetzt wird der Schießplatz von Polizei, Jägern, Sport- und Bogenschützen genutzt. Gleich daneben befindet sich das Wirthaus „Schützenwirtin“.

Die Straße verliert sich in der Unendlichkeit und ganz weit vorne tanzt ein Menschenpünktchen vor mir her. Ansonsten bin ich allein, so dass ich in Ruhe meine Wegmarkierung anbringen kann und fühle mich mit Panta Rhei in guter Gesellschaft.

Wie man auf dem Bild schon erkennen kann, sind alle abzweigenden Wege komplett vereist. Noch stört mich das nicht, ich wandere auf dem schnurgeraden Band gedankenverloren immer weiter, bis ich auf Google Maps erschrocken erkenne, dass ich schon in Dreilinden bin, also auf meiner No-Go-Area von Brandenburg! Sofort mache ich auf dem Absatz kehrt, hier der Blick hin und 180° zurück:

Nun kommt der Moment der Kür, denn ich möchte unbedingt die Waldstraßen namens Kurfürsten-, Kronprinzessinnen, Kneipp- und Teerofenweg kennenlernen, also eine Runde im Düppelner Forst drehen. Das habe ich mir allerdings leichter vorgestellt, denn wie schon erwähnt, sind alle Hauptwege spiegelglatt und durchaus tauglich für Eisschnelllauf-Training. Nur schmale Pfade, die sich parallel durchs Dickicht winden, sind etwas sorgloser begehbar. Umkehren bzw. Abbruch des Vorhabens wären eine Alternative, aber das sehe ich überhaupt nicht ein. Ich will da jetzt langlaufen. So stapfe ich neben den Wegen weiter, habe sie aber immer im Blick. Auf Google Maps sehe ich ab und zu Hinweise auf stillgelegte Gleise und Brücken, z.B. über die ehemalige Friedhofsbahn. Sie wurde 1913 eröffnet zwischen Wannsee und Stahnsdorf, um den Verkehr zum Südwestfriedhof Stahnsdorf aufzunehmen. Nach dem Mauerbau wurde sie stillgelegt.

Der Königsweg verläuft über die Brücke und ist heute ein Teil des Mauerweges, den ich in den letzten Tagen schon öfter tangiert habe. Die Alte Stammbahnbrücke muss sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe befinden und verleitet mich dazu, den Weg zu verlassen. Wenig später stehe ich staunend vor einer Art Open-Air-Galerie:

Dieser StreetArt-Hotspot wird auch als TOBO-Brücke bezeichnet – benannt nach dem Berliner Graffiti‑Künstler TOBO, der dort viele der markanten Figuren und Sprüche wie z.B. „THINK BIG“, „USE YOUR FUCKING BRAIN“, „MAKE THE WORLD GREEN AGAIN“) angebracht hat (sagt die KI, aber ich glaube, das stimmt). Beim Fotografieren stehe ich also auf der früheren Autobahn, die hier von der Berlin mit Potsdam verbindenden Stammbahn überquert wurde. Spannend, und für Eisenbahn-Fans bestimmt ein „Muss ich gesehen haben“.

Mittlerweile geht es auf 12 Uhr zu und ein leichtes Hungergefühl lässt meine Gedanken um den essbaren Inhalt meines Rucksacks kreisen. Als dann an einer Wegkreuzung ein sonniger Picknickplatz auftaucht, lege ich eine Pause ein und genieße die angenehme Wärme von oben, die aber leider noch zu schwach ist, das Eis zu schmelzen. Ein Radfahrer schlittert an mir vorbei, der offenbar wie ich die Herausforderung sucht, aufrecht und unfallfrei durch den Wald zu kommen. Nun biege ich ab auf den Teerofenweg und beobachte verwundert ein Pärchen, das Laub und Reisig auf das Eis wirft, um dann darauf den Weg zu überqueren. Wie einfach und genial! Warum komme ich nie auf solche Ideen? Stattdessen bin ich immer in Zeitlupe fast gekrochen, wenn ich die Seite wechseln musste. Ein Lifehack (wie man ja jetzt immer sagt), der sehr nützlich ist und gut zu merken.

Auf dem Bürgermeister-Stiewe-Weg (benannt nach Dr. Willi Stiewe, Zehlendorfs Bürgermeister von 1955-1965) wandere ich vorsichtig zurück, schließe den Rundweg durch den Forst bis zum S.Bhf. Wannsee und erkunde nun das Nibelungenviertel. Trotz der unmittelbaren Nähe gehört es schon zum Ortsteil Nikolassee, auch der Namensgeber – der See – steht heute auf dem Plan. Wenn man sich das Viertel auf der Karte ansieht, erklärt sich das permanente Rauschen im Ohr. Es ist kein Tinnitus, sondern ein Mix aus fahrenden S-Bahnen, Fernverkehrszügen, Autos auf den umgebenden Straßen und der Autobahn.

Man stößt permanent auf diese Hindernisse, die natürlich mittels Brücken oder Tunnel überwunden werden können. Trotzdem habe ich vor allem auf der Alemannenstraße, deren zwei Teile durch die gleichnamige Autobahnbrücke verbunden sind, das Gefühl, dass dem Ort etwas Schlimmes angetan wurde. Die Schallschutzmauern filtern den Lärm nur unwesentlich und versuchen gar nicht erst, mit ihrer Hässlichkeit von der lauten, gefährlichen Autotrasse abzulenken. Dieses Phänomen wird mir noch öfter begegnen und ich bin zwiegespalten. Als Autofahrer kann einem nichts Besseres passieren, um schnell von A nach B zu kommen, aber solche lebensfeindlichen Schneisen mitten durch eine vorher intakte und historisch gewachsene Wohngegend zu schlagen, halte ich für einen Frevel. Ich bin keine Expertin für Stadt- und Verkehrsplanung und habe mir bisher darüber auch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Die Autobahnen, die ich aus der Nähe und als Fußgängerin gesehen habe, waren alle außerhalb der Stadt. Aber hier wird mir das Dilemma direkt vor Augen geführt.

Der Nikolassee hat dadurch ebenfalls seine Schönheit eingebüßt, er ist eher ein sich selbst überlassener Weiher mit Uferweg auf der einen und Autobahn auf der anderen Seite.

Man beachte: Auch hier sind fast alle Straßen- und andere Hinweisschilder durch einen grünlich bis braunen Bewuchs kaum noch lesbar. Das wäre doch mal eine Putzaktion im Stadtbezirk wert!

Nun schlendere ich also durch die Opernwelt Wagners und besuche Tristan, Isolde, Walthari und Lohengrin. Wie auch in den anderen Straßen, die ich bisher gesehen habe, wechseln sich noble Vorkriegs-Villen mit solchen der Neuzeit ab. Vor allem an den älteren Fassaden gibt es viel zu entdecken – Friese, Wappen, Konsolen, Blumengirlanden, Blattranken, Kinderfiguren, Köpfe. Solche Details interessieren mich sehr, aber mein architektonisches Sachverständnis beläuft sich maximal auf die Fähigkeit, Gotik von Romanik oder Klassizismus zu unterscheiden. Deswegen habe ich mir ein Handbuch für Laien zugelegt: „Architektur verständlich gemacht“ von Carol Davidson Cragoe und schmökere darin wie andere in Fitzek-Büchern. Häuser mit solchen Schmuckelementen finde ich viel spannender als Bauten der Neuen Sachlichkeit, weswegen ich an diese kaum einen Blick verschwende. Sie werden für mich erst in Form von Siedlungen interessant, wie z.B. Onkel Toms Hütte, Siemensstadt, Weiße Stadt. Auf diese freue ich mich auch schon sehr und habe mir zur Vorbereitung aus der Zentral- und Landesbibliothek das Buch „Vier Berliner Siedlungen der Weimarer Republik“ ausgeliehen. Doch zurück ins Nibelungenviertel. Immer, wenn meine Augen wieder eine Entdeckung gemacht haben, bleibe ich stehen, fotografiere, mache Notizen. Wenn das mal nicht verdächtig wirkt! Hinzu kommt mein nicht zu verbergendes Interesse für Laternenmasten, die in dieser Gegend fast schmucklos sind. Das muss sich ändern! Allerdings stelle ich fest, dass Hertha-Fans in ihrem Eifer nicht zu toppen sind. Wirklich jede mögliche Fläche trägt einen Fan-Aufkleber, aber ich entdecke auch andere, die hier in der nächsten Fotoserie mit meinen anderen Eindrücken anzuschauen sind:

Aus den vielen Büchern, die ich rechercheunterstützend hinzuziehe, erfahre ich, dass in der Tristanstraße Claus Schenk Graf von Stauffenberg wohnte und sich dort oft die Widerstandsgruppe traf, um das Attentat auf Hitler vorzubereiten. Um naheliegenden Bespitzelungen zu entgehen, wichen sie oft auf ein Boot aus und segelten über den Wannsee, um dort ungestört die Details besprechen zu können.

Direkt über dem Südufer des Nikolassees und entlang einer langen Front an der Dreilindenstraße befindet sich die Einrichtung „Sancta Maria“ mit mehreren Gebäuden. Auf deren Webseite ist zu lesen:

„SANCTA MARIA ist ein heilpädagogisch integrativ arbeitender Verbund der Kinder- und Jugendhilfe in Berlin, der im Bereich Wannsee 80 und im Bereich Kladow 37 Kindern und Jugendlichen Heimat oder ein Zuhause auf Zeit bietet. Im Verbund mit unseren therapeutischen Angeboten durch festangestellte Fachkräfte und unserer Sancta-Maria-Schule (Schule mit den Förderschwerpunkten „Lernen“ und „Geistige Entwicklung“) wollen wir junge Menschen ganzheitlich begleiten, sie in einem heilpädagogischen Setting fördern und unterstützen in ihrem Bestreben, ihr Leben weitgehend selbständig und eigenverantwortlich zu gestalten und zu führen. Zusätzlich bieten wir im Rahmen des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) 8 Plätze Betreutes Einzelwohnen an.“

Interessant finde ich dabei die Liste der Förderer.

Ins Auge stechen der ungewöhnliche Glockenturm der sich auf dem Gelände befindlichen Kirche und das schmuckvolle Hauptgebäude:

Läuft man die Dreilindenstraße weiter über die Kreuzung Isoldestraße, grüßt schon von Weitem ein stattliches Gebäude, das mich sofort in seinen Bann zieht. Zuerst denke ich: „Oh, ein Kulturhaus!“

In Erinnerung rufend, wo ich mich befinde, wird mir natürlich schnell klar, dass es sich um einen anderen Zweckbau handeln muss. Es ist die Dreilinden-Schule (Gymnasium und Grundschule nebenan), die durch Größe und Baustil schon beeindruckend ist. Spätestens bei näherer Betrachtung der Reliefs über dem Eingang wird einem klar, dass es sich hier um einen Ort des Lernens handelt:

Adler und Baustil lassen auf eine Entstehungszeit in den 30er Jahren schließen, was sich tatsächlich als richtig herausstellt. Die Schule wurde 1939 eröffnet, wurde aber kurz darauf schon fremdgenutzt als Zahnlabor der Wehrmacht, dann Wachstation der Alliierten. Auf Wikipedia sind noch weitere lesenswerte Infos zu finden. Zusammenfassend würde ich sagen: Das Nibelungenviertel und vor allem der Nikolassee haben schon bessere Zeiten gesehen und wirken etwas hoffnungslos, aber trotzdem würdevoll. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber so ist die Resonanz in mir zu beschreiben.

Heute habe ich es doch tatsächlich mal geschafft, die App Geo Tracker zu starten, die alle Bewegungen aufzeichnet und detailliert Auskunft gibt über die Wegstrecke, Geschwindigkeiten, Höhenprofil u.v.m. Bisher hatte ich es immer vergessen, was sehr schade ist. Denn damit kann man perfekt nachvollziehen, wohin mich meine Füße getragen haben:

Am Dienstag habe ich Gesellschaft! Ein Reporter der Morgenpost wird mich begleiten und darüber berichten. Dafür habe ich eine besonders schöne Strecke ausgesucht. Wir werden uns die Villen Am Sandwerder anschauen, das Strandbad Wannsee passieren, Schwanenwerder einen Besuch abstatten und über Am Beelitzhof / Borussenstraße zurück zum S-Bahf. Wannsee laufen. Damit ist Wannsee vollständig erlaufen und auch schon Teile von Nikolassee, dem ich mich in den kommenden Tagen genauer zuwenden werde.

67 Abonnenten folgen jetzt meinem Blog und jeden Tag kommen neue dazu, worüber ich mich riesig freue! Manche sind unsicher, ob das was kostet: Auf keinen Fall! Es ist einfach nur praktisch, weil man jeden neuen Beitrag per Mail zugesandt bekommt. Und wie gesagt – wer mich mal begleiten möchte, kann das gerne tun. Ich habe eine Monatsvorschau erstellt, auf die man über meine PROJEKTSEITE jederzeit Zugriff hat und schauen kann, was ich so vorhabe in den nächsten Wochen. Wenn eine Gegend dabei ist, die ihr schon immer mal besuchen wolltet, schreibt mir und dann verabreden wir uns.

Und zum Schluss noch was Schönes. Meine Visitenkarten sind fertig! Über den dort integrierten QR-Code kommt man zu allen meinen Social-Media-Kanälen: