Ist Stuttgart eine Reise wert?

Würde mir jemand diese Frage stellen, wäre meine Antwort: Ja. Muss man einmal im Leben in Stuttgart gewesen sein? Nein. Stopp – ich grenze ein: Die Stadtbibliothek sollte man gesehen haben. Wieso Stuttgart? Von 3.-5. November 2024 durfte ich mich auf Dienstreise begeben, um eben diese Bibliothek, die ich schon von vielen Fotos kannte, persönlich in Augenschein zu nehmen. Hier also der Bericht.

Sonntag, 03.11.2024

Wer mich kennt, weiß, was es für mich bedeutet, sonntags um 6:30 Uhr pünktlich am Zug zu sein. Ich reise allein und nicht, wie vorgesehen, mit meiner Kollegin Isabelle, die aus privaten Gründen nicht mitkommen konnte. Alles geht gut und ich breite mich auf meinen beiden Plätzen aus, die mir auch niemand streitig macht. Die Fahrt verläuft planmäßig und der Blick aus dem Fenster verrät, dass es draußen ziemlich kalt ist.

Die Landschaft wechselt von flach zu hügelig bis hin zu in Sonnenlicht gebadeten Weinbergen.

Pünktlich komme ich am Ziel an und werde sogleich mit Stuttgart 21 konfrontiert:

Ein endloser Fußgängertunnel führt über die Baustelle, die erahnen lässt, dass auch 2025 noch gewerkelt werden muss. Ich greife hier mal vor, weil ich vor der Heimreise noch viel Zeit hatte und mir die im Bahnhof befindliche Ausstellung zum Bauprojekt angeschaut habe. Begonnen hat das alles 1988 mit der Idee, der erste Spatenstich erfolgte 2010. Wenn mal alles fertig ist (Plan: 2026), wird das auf jeden Fall ein großer Gewinn für die Reisenden sein. Mir war auch nicht klar, dass das Bauprojekt die ganze Region betrifft bis hin nach Ulm und den Zugverkehr über Baden-Würtemberg hinaus sozusagen revolutionieren wird. Die Ausstellung zieht sich über vier Etagen hin mit virtuellen Einblicken, Modellen und einer Dachterrasse, von der aus man direkt auf die Baustelle schaut.

Zurück zu Sonntag. Der Weg zum Hotel führt mich durch Straßen, deren Bebauung erahnen lässt, dass Stuttgart im Krieg ziemlich zerstört gewesen sein muss, was sich durch Recherche bestätigt. 60% der Stadt lag in Schutt und Asche. Nun stehen dort ziemlich seelenlose und nichtssagende Häuser, deren Anblick man sofort wieder vergisst. Ich quere einen Park, der zum Unigelände gehört, vorbei an einem Taubenturm, muss durch eine schmutzige Unterführung und gleich danach über einen Friedhof mit uralten Grabsteinen. Kurz darauf stehe ich vor einer Almhütte namens „Maritim Alm“. Für Abwechslung und Widersprüchlichkeiten ist schon mal gesorgt.

Die Alm gehört zu dem Hotel, in dem ich nun zwei Nächte verbringen werde. Ich checke ein, erhalte eine Zimmerkarte und gehe zum Aufzug (das Treppenhaus habe ich zwei Tage lang vergeblich gesucht). Mein Zimmer befindet sich in der 2. Etage, also drücke ich auf die 2. Nichts passiert. Hm, vielleicht ist der Aufzug kaputt, aber zum Glück gibt es noch einen daneben. Hoffnungsvoll betätige ich den Knopf – nichts passiert. Ein Pärchen rettet mich aus der Situation: Man muss nur die Zimmerkarte an ein Magnetfeld halten und schwups setzt sich der Aufzug in Bewegung. Clever. So kann man nicht in anderen Etagen rumstromern. Vielleicht ist deshalb das Treppenhaus so geheimnisvoll versteckt?

Als ich ins Zimmer komme, stehe ich vor einer Parfümwand. Als wäre jemandem eine Flasche orientalisches Duftwasser ausgelaufen. Ich stürze zum Fenster und reiße es bis zum Anschlag auf. In dieser Position bleibt es bis zu meiner Abreise. Aber ansonsten ist bis auf den Ausblick alles ok. Wenn man auf den Zimmerservice verzichtet und bis Mitternacht ein Säckchen außen an die Tür hängt, bekommt man sogar ein Geschenk. Mache ich sofort, Geschenke sind immer gut. In diesem Fall eine Tüte geröstete Kürbiskerne.

Da es erst früher Nachmittag ist, begebe ich mich auf eine Stadterkundungstour, natürlich zu Fuß. Dank eines Reiseführers aus der Bibliothek weiß ich, was ich unbedingt gesehen haben muss und lasse mich von Google Maps leiten. Meine Ziele sind das Stadtzentrum, das Schloss, der Schlosspark und daran angrenzende Grünflächen. Auch in den Einkaufsstraßen der Stadtmitte vermisst man historische Bausubstanz, nur hin und wieder ziehen altehrwürdige Häuser, denen man ihre wechselvolle Geschichte ansieht, die Aufmerksamkeit auf sich.

Das letzte Bild oben zeigt die Liederhalle. Im Prinzip ein Konzerthaus mit mehreren Sälen, die nach bekannten Komponisten benannt sind. Es scheint auch gerade was los zu sein, denn das gutbetuchte Bürgertum höheren Alters strömt über den großen Platz hinein in das architektonisch sehr merkwürdige Gebäude.

Schließlich erreiche ich ein Schloss, das als Museum dient. Gleich danach ein weiteres Schloss, in dem der Landtag sein Domizil hat. Davor ein großer Platz mit mehreren Springbrunnen und in der Mitte eine Art Siegessäule. Später trinke ich dort einen Kaffee.

An diese ganze Pracht schließt sich ein Park an, der sich kilometerweit in die Länge streckt als grünes Band mit vielen alten Bäumen und der Baustelle Stuttgart 21 rechts und links. Eine schöne Anlage, auf deren Kieswegen unentwegt Polizeiautos patroullieren. Ich vermute, dass hier mit Drogen gedealt wird, denn überall stehen merkwürdige Gestalten rum, allein oder in Grüppchen, um die ich mit flauem Gefühl einen großen Bogen mache. So laufe und laufe ich und muss irgendwann doch umkehren, weil es dunkel wird und das Ende der Parkanlage noch lange nicht in Sicht ist. Sie geht übrigens über in die Wilhelma – das ist der Zoo von Stuttgart.

Eine Brunnenanlage zieht mich magisch an. Google verrät mir, dass es sich hier im die Schicksalsgöttin (Mitte) handelt. Links ein verzweifelter Mann, der sein Gesicht weinend in den Schoß einer Frau drückt, rechts ein glückliches Liebespaar. Man beachte das Spruchband:

Dann schlendere ich zurück ins Hotel, das abendlich beleuchtet gleich viel schöner aussieht. Bin übrigens 9 km gelaufen.

Montag, 04.11.2024

Nach einem opulenten Frühstück (hier übrigens bis 10:30 Uhr – sehr symphatisch) mit verzweifelter Suche nach Butter (die gibts am Automaten) beschließe ich, den sonnigen Tag zum Wandern zu nutzen und erst nachmittags die Bibliothek zu besichtigen. Das ist schließlich auch bei Dunkelheit möglich, denn sie hat von 9-21 Uhr geöffnet. Stuttgart liegt in einem Talkessel, umschlossen von Bergen, die früher zum Weinanbau genutzt wurden. Deswegen gibt es überall Treppen nach oben, die man hier Stäffele nennt. Mittlerweile sind die Hänge bebaut, aber die Stäffele gibt es immer noch. Da ich gestern die Innenstadt schon erkundet habe, gehts also heute logischerweise nach oben. Schnell finde ich eine solche Treppe, die zu einer (geschlossenen) Gaststätte führt. Ich bin glücklich: Sonnenschein, frische, würzige Luft, laufen. Was will ich mehr! Und nun noch zur Belohnung einen schönen Blick auf Stuttgart, der mich sehr an meine Heimatstadt Meiningen erinnert.

Gegenüber auf dem Berg winkt mir der Fernsehturm zu. Ich folge seinem Ruf, gehe den Berg wieder runter, durchquere die Stadt und steige drüben wieder hoch. Dazu brauche ich keine Karte, ich muss nur immer Richtung Turm laufen. Dieses Mal ist der Weg länger und schwitzend erreiche ich nach einem Waldstück ein Wohnviertel, das durch eine Straßenbahnlinie mit der Innenstadt verbunden ist. Die Tramlinien heißen hier übrigens U5, U6 usw. Hat mich anfangs irritiert. Eine U-Bahn auf dem Berg? Weiter gehts, noch ein Stück höher, vorbei an einem Stadion und schließlich ragt der Turm direkt vor mir auf. Ein Aufzug bringt mich nach oben. Diese fantastische Rundumsicht macht es mir leichter, Stuttgart räumlich zu erfassen und ich sehe, dass es sich mittlerweile aus dem Talkessel über die Berge hinweg ausgebreitet hat. Die Sicht reicht bis zur Schwäbischen Alb und dem Schwarzwald.

Auf einem anderen Weg, der lustigerweise „Steiler Bopser“ heißt, steige ich hinab und mache einen Zwischenstopp im Hotel, um mein Handy aufzuladen. Sogar ein Veilchen entdecke ich.

Und nun wende ich mich dem eigentlichen Ziel der Reise zu. Auf in die Bibliothek! Natürlich auch zu Fuß. Sie ist ca. 1,5 km vom Hotel entfernt. Am Ende des Tages werde ich 16 km gelaufen sein.

Die würfelförmige Bibliothek befindet sich am Mailänder Platz hinter dem Bahnhof, entgegengesetzt zum Stadtzentrum. Dort hat man ein völlig neues Viertel aus dem Boden gestampft mit einer Shopping-Mall, die der Bibliothek direkt gegenüber liegt. In verschiedenen Sprachen erscheint oben an der Fassade das Wort „Bibliothek“. An allen vier Seiten befinden sich Eingänge.

Das Haus ist so konzipiert, dass es einen „Innenwürfel“ gibt mit Umläufen vom EG bis zur 4. Etage. Die Treppen schlängeln sich um das Innere und führen zu den Umläufen.

Im 1. OG umrundet die Musikabteilung den Innenwürfel. Das Besondere hier: Die CDs sind den passenden Noten und Büchern zugeordnet.

Das 2. OG ist das sogenannte Kinderzimmer und sehr farbenfroh.

So setzt sich das fort mit Sachliteratur bis ins 4. OG.

Und nun kommt der Moment, in dem man in den offenen Bereich über dem Innenwürfel tritt und nur noch staunt. Ehrfürchtig blicke ich nach oben bis zum 8. OG, in dem sich außer Büchern auch die Cafeteria und die Graphothek befinden. Jeder Blickwinkel ist ein besonderer, bedächtig setzt ich einen Fuß vor den anderen und habe das Gefühl, dass mein Herzschlag langsamer und ich immer ruhiger werde. Ich fühle mich geerdet, entschleunigt, umhüllt, die optischen Reize sind wohltuend reduziert auf diesen Traum in Weiß. Ich habe schon viele Bibliotheken gesehen – aber diese ist einzigartig. Durch das konsequent weiße Ambiente wird das Augenmerk der Besucher sehr dezent auf die Bücher gelenkt, ohne sie ihnen aufzudrängen. Man hat trotz der Größe der Bibliothek immer das Gefühl, den Überblick zu haben und ist von dem Wunsch beseelt, diesen friedlichen und ruhigen Ort nie mehr verlassen zu müssen.

Was mir besonders gut gefällt: An allen Glasscheiben und Türen sind Wörter zu finden (natürlich in Weiß), die einen Bezug zur Arbeit in der Bibliothek haben. Ich habe sie alle notiert:

Als ich tiefenentspannt die Bibliothek verlasse, ist es draußen dunkel. Ich laufe nochmal zum Schloßplatz und erfreue mich an dem beleuchteten Ambiente. Das ist ein würdiger Abschluss dieses gut gefüllten Tages.

Dienstag, 05.11.2024

Um 8:30 Uhr habe ich ausgeschlafen und verkrümele mich ins Bad. Plötzlich klopft es an der Zimmertür. Ich erstarre. Nochmal Klopfen, danach öffnet jemand die Tür. Panisch rufe ich: „Ich bin noch da!“ Das waren die Damen vom Zimmerservice, die offenbar alle Zimmer abklappern in der Hoffnung, dass einige Gäste schon weg sind. Nicht mit mir! Ich brauche morgens Ruhe! Nach dem Frühstück packe ich meine Habseligkeiten und verlasse das Hotel. Weil der Zug erst um 15 Uhr fährt, habe ich noch Zeit für eine weitere Sehenswürdigkeit – den Höhenpark Killesberg mit Aussichtsturm. Um dorthin zu laufen, reicht die Zeit nicht, deswegen fahre ich mit dem Bus. Und was soll ich sagen – ich bin so froh, diese Gelegenheit noch genutzt zu haben! Bei allerschönstem Wetter genieße ich dieses schöne Fleckchen Erde. Der Park ist wunderschön angelegt mit wellenförmigen Rasenflächen, einem Rosengarten, Seerosenteich, Tiergehegen, riesigen Bananenstauden, Flamingos, Dahlien, Felsen mit Wasserfall, vielen Sitzgelegenheiten und als Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes der Aussichtsturm. Von Weitem denkt man: Wie soll man denn da hochlaufen? Die Treppen schrauben sich noch oben und sehen so aus, als müsste man diese Drehung beim Besteigen mitmachen. Erst, wenn man die Treppen benutzt, erkennt man die optische Täuschung. Genial! Der Turm wird von Seilen gehalten und schwankt auch ein bisschen. Der Blick ist fantastisch, so dass sich der Aufstieg auf jeden Fall lohnt! Hier ein paar (viele) Fotos meiner Eindrücke. Die gelben Kringel umrunden Köpfe von Menschen, die in den Senken auf Bänken sitzen.

Nun noch mit dem Bus zurück zum Bahnhof und meine Stuttgarter Stippvisite neigt sich ihrem Ende entgegen. Die Rückfahrt zieht sich, weil wir in Würzburg eine Stunde auf den ablösenden Lokführer warten müssen, der in einem verspäteten ICE sitzt. Gegen 23 Uhr bin ich wieder zu Hause und bräuchte morgen eigentlich mal einen faulen Tag. Vielleicht später einmal.

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