Klein, aber fein

Mein erster Gedanke: Das ist der Tiefpunkt meiner Schreibwerkstatt-Karriere! Sonst strömen normalerweise schreibwütige Jugendliche um 14 Uhr zielstrebig in die Artothek, dem Treffpunkt der Schreibwerkstatt. Meistens reichen dann sogar die Plätze um den großen Tisch herum nicht aus. Dieses Mal saß ich mit vier Teilnehmern ratlos da. Kommt noch jemand? Diese Frage stand uns allen ins Gesicht geschrieben. Ein paar Nachzügler trudelten dann tatsächlich noch ein, so dass wir am Ende zu neunt waren. Aber es stellte sich heraus, dass auch so kleine Runden ihren Reiz haben und einige Vorteile bieten. Es gibt nämlich viele Schreibspiele, die für große Gruppen ungeeignet sind, weil sie einfach zu lange dauern. Also nutzten wir die Chance und probierten das Brettspiel „Fliegende Zeilen: Ein poetisches Spiel um Sinn und Unsinn“ aus. Die fliegenden Zeilen von bekannten Dichtern und Denkern findet man in einem nummerierten Versverzeichnis. Der Spielleiter würfelt eine Aufgabe und liest sie vor. Zum Beispiel:

  • Ergänzen Sie die Zeile im Sprachduktus eines Bibelverses!
  • Ergänzen Sie die Zeile zu einem Krimi!
  • Übersetzen Sie die Zeile in Jugendsprache!

Danach muss er 3x hintereinander würfeln. Die dreistellige Zahl führt zur zu verwendenden Zeile, die folgendermaßen lauten kann:

  • wenn das Auge versteinert
  • Ich werf mich auf mein Lager hin
  • Oh Mutter, was ist Hölle?
  • Ich bin der Welt abhanden gekommen

Nun müssen die Teilnehmer in 1,5 Minuten (die Sanduhr läuft mit) die Aufgabe möglichst originell lösen. Anschließend wird vorgelesen und mittels Bewertungskarten von 1-5 vergeben die anderen für jeden Punkte. Wer am Ende die höchste Punktzahl erreicht hat, hat gewonnen. Das hat riesigen Spaß gemacht und hat sich tatsächlich über 2 Stunden hingezogen.

Noch ein schönes Erlebnis: Eine der treuen Seelen ist seit einigen Monaten in Japan. Sie hält aber den Kontakt zu den anderen Teilnehmerinnen und hat mir einen Brief zukommen lassen. Große Freude!

Er ist adressiert „An die liebreizende Renate“, was mein anfängliches Stimmungstief wieder ausgeglichen hat. Danke, Henriette!

Die nächste Schreibwerkstatt ist integriert in die Veranstaltung der Bibliothek zum Kultursommerfestival am 03.09.2022 von 10 – 14 Uhr. Genaue Informationen dazu findet man hier: https://www.berlin.de/bibliotheken-mh/aktuelles/veranstaltungen/kultursommerfestival-berlin-in-marzahn-1230282.php Alle sind herzlich dazu eingeladen, diese Zettel mit Poesie zu füllen und unter Anleitung von Antonia Isabelle Weisz ein Text-Gebinde zu gestalten, das sich inhaltlich auf die Bibliothek bezieht. Draußen auf dem Platz gibt es dazu mitreißende Musik zu hören.

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