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25. August 2026 | Spandau (Gatow) | Wasser, Sonne, Wälder, Rieselfelder, Villa Lemm, Windmühle und Dorfkirche

„Wolle ja nicht mäßig sein im Handeln! Lebe frisch immerfort; keine Kraft geht verloren, als die du ungebraucht in dich zurückdrängst.“ (Schleiernacher) – Aus: Klassisches Vergißmeinnicht. Gedenkbuch für alle Tage des Jahres

Zusammenfassung des Textes mittels KI:

Die paar Dorfstraßen sind schnell abgearbeitet, könnte man denken mit Blick auf die Karte des heutigen Tages. Dann noch quer durch die Rieselfelder zum Landschaftsfriedhof Gatow, ein Stück Potsdamer Chaussee und auf der Melsunger Straße zurück durch die offene Landschaft zur Gatower Straße. Fertig! Dass es dann doch wieder 22 Kilometer werden, wundert mich mit der Erfahrung der letzten Touren aber nicht. Doch beginnen wir von vorne.

Meine liebe Kollegin und Freundin Sarah ist heute wieder mit von der Partie – Spaß und Freude sind also garantiert. Es geht schon los, als wir uns am S-Bhf. Springpfuhl treffen und bei unserem Anblick in schallendes Gelächter ausbrechen. Beide haben wir uns in ein fast identisches, nicht gerade unauffälliges Outfit gehüllt und stehen uns nun kichernd im Zebralook gegenüber. Selbst wenn ich mich meiner schwarz-weißen Jacke entledigen würde, hätte das keinerlei Auswirkung, da ich darunter ein ebenso gemustertes Shirt trage. Wir können uns nur schwer beruhigen und ich konzentriere mich zur Ablenkung auf den Plan für heute.

An der Bushaltestelle Haveldüne beginnt die Tagestour. Wir wollen von Nord nach Süd durch Gatow laufen, befinden uns aber hier schon auf dem Gebiet des Ortsteils Wilhelmstadt. Dazu gehört auch der Jaczo-Turm in der gleichnamigen Schlucht, die mir bisher völlig unbekannt waren. Es klingt einfach zu verlockend und wir verlassen die Gatower Straße gleich wieder, um im Wald einem Hohlweg zu folgen, der zur Havel hinabführt und sich Jaczo-Schlucht nennt. Kurz darauf stehen wir vor dem Turm.

Was hat es mit dem Namen Jaczo auf sich? Jaczo von Köpenick gehörte zu den schillernden Gestalten der frühen brandenburgischen Geschichte. Der slawische Fürst, der im 12. Jahrhundert im Machtgefüge zwischen Askaniern und lokalen Herrschern stand, ist heute vor allem durch die Schildhornsage präsent. Sie erzählt, wie Jaczo nach einer verlorenen Schlacht gegen Albrecht den Bären über die Havel floh, verfolgt von dessen Reitern. In letzter Not soll er, bereits im Wasser versinkend, ein Kreuzzeichen in die Luft geschlagen haben. Albrecht, beeindruckt von dieser Geste, gewährte ihm daraufhin Gnade. Am Ufer, so heißt es, blieb Jaczos Schild an einem Horn des Ufergehölzes hängen – daher der Name Schildhorn.

Die Landschaft trägt noch Spuren dieser Sage. Die Jaczo‑Schlucht ist zwar geologisch entstanden, doch ihr Name hält die Erinnerung an die dramatische Flucht wach. Der Jaczo‑Turm wurde im 19. Jh. als Aussichtsturm und romantisierendes Denkmal errichtet. Selbst wenn er begehbar wäre, könnte man von ihm heute die Aussicht nicht mehr genießen, denn mittlerweile haben ihn die Bäume der Schlucht längst überragt. Eigentlich heißt er Beringerturm, denn erbauen ließ ihn um 1909-1914 der Chemie-Fabrikant Emil Beringer. Damals gehörte das Gelände zu seinem Garten, in dem er romatisierende Elemente integrierte, z.B. auch einen Wasserfall. Trotzdem eine schöne Geschichte und der perfekte Einstieg in die Tagestour, denn natürlich laufen wir noch runter zum Havelufer und genießen den Start in diesen herrlichen Sommertag.

Weiter gehts auf der Gatower Straße an einem privaten Gartenbaugelände vorbei, von denen es in Gatow so einige zu geben scheint. Man kann hier frisches Saison-Gemüse erwerben und Blumen selbst pflücken. Auf einer der Tafeln steht ganz klein: Eis. Kaum entdeckt, schwenkt Sarah automatisch von fremden Mächten getrieben auf den Hof zu. Sie kann gar nicht anders und es ist zwecklos, sie zurückhalten zu wollen. Am vernünftigsten erscheint mir, mitzugehen und alles ein bisschen unter Kontrolle zu halten.

Doch das ist nicht nötig, denn es gibt kein Eis. Ein unterhaltsames Gespräch mit der Besitzerin des Hofes sorgt für Ablenkung von dieser bitteren Enttäuschung. Sie geht am Rollator und gibt einem jungen Mann – vielleicht dem Enkel – ein paar Anweisungen, während dieser geduldig die Gurkenpflanzen aus der Erde nimmt und kleinschneidet zur Entsorgung. Sie erzählt, wie mühsam und unrentabel alles geworden ist. „Seit dem Euro ist es bergab gegangen“, schimpft sie und zählt auf, womit die Kunden im Supermarkt betrogen werden. „Die Verpackungen werden kleiner und der Preis bleibt oder steigt sogar.“ Wir stimmen zu und lenken das Gespräch wieder auf den Gemüseanbau. „Die Arbeit hört ja nie auf“, stellt Sarah fest und bedauert, dass wir nichts mitnehmen können von den frischen Bohnen. „Wir sind hier noch ein Weilchen zu Fuß unterwegs.“ Stichwort für mich, von meinem Vorhaben zu berichten und dass Steglitz-Zehlendorf schon abgelaufen ist. „Da habe ich früher mal gewohnt. War schön dort“, erinnert sich die Seniorin. „Und wo kommen Sie her?“ Als der Name Marzahn-Hellersdorf fällt, horcht der junge Mann auf, der inzwischen weitergeschnippelt hat. „Oma, das ist dort, wo ich auch mal kurz eine Wohnung hatte!“ So plänkelt der Smalltalk noch ein bisschen dahin, bis wir uns verabschieden. Ein Foto darf ich nicht machen. „Nein! Das ist verboten!“, lautet die rigorose Antwort. „Aber warum denn, Oma? Da ist doch nichts dabei!“, versucht der Enkel einzulenken. „Nein! Als mein Mann noch gelebt hat, haben wir das einmal erlaubt, und dann waren wir in der BZ. Das wollten wir nicht und haben seitdem Fotografieren verboten.“ Das akzeptiere ich natürlich und wir verabschieden uns. „Wie lange laufen Sie denn heute noch?“ „Naja, 8-9 Stunden werden wir brauchen!“, meint Sarah. „Um Gottes Willen! Das wäre nichts für mich!“, ruft die Dame erschüttert und wendet sich wieder ihrem Enkel zu.

Wir kehren auf die Gatower Straße zurück und bleiben mit den Augen an einem auffälligen Gebäude kleben – der sogenannten Biberburg. Sie war in den 1930er Jahren ein ungewöhnlicher Ort: Hier betrieb Heinz von Lehn zunächst eine echte Biberzucht, bevor das Gelände eine völlig neue Bedeutung erhielt. 1930 entstand auf dem Grundstück ein modernes Forschungsinstitut für Drüsen‑ und Geschwulsterkrankungen, geplant von Walter Ahnert und errichtet für den Chirurgen Dr. Heinz Zikel. Der markante Bau, dessen straßenseitiger Teil bis heute erkennbar ist, trug damals den Namen Bergfels Biberburg.

Ab Mitte der 1930er Jahre richteten Marine und Reichsluftfahrtministerium dort eine streng geheime Versuchsstelle ein, in der unter Leitung der Firma Petermann & Zumpe an Raketenantrieben und schwerem Wasser geforscht wurde. Ingenieure arbeiteten an wärmetechnischen Berechnungen für Triebwerke, die Ergebnisse gingen direkt an die Luftwaffe. Beim Vorrücken der Roten Armee verließen die Beschäftigten das Gelände überstürzt. Nach dem Krieg zog Maschinenbau ein: In den 1940er‑ und 1950er‑Jahren nutzten Firmen wie Rudolf Werth und später die Stegenwalner KG die Gebäude für die Produktion von Werkzeugmaschinen und Lichtpausgeräten. Heute beherbergt der erweiterte Gebäudekomplex unter anderem eine orthopädische Gemeinschaftspraxis, deren Inneneinrichtung ebenfalls als äußerst ungewöhnlich bezeichnet werden kann. (Quelle: „Treffpunkte“ Winter 2015 des Kladower Forums)

Direkt daneben führt ein breiter Grünstreifen namens Dr.-Kleusberg-Promenade von der Straße über mehrere Kehren hinunter zum Havelufer. Im Nachhinein hat er für Schweißausbrüche meinerseits gesorgt, weil er auf Google Maps sehr prominent wie eine Straße eingezeichnet ist, wir ihn aber weitestgehend ignoriert haben! Doch ein Blick ins Straßenverzeichnis gibt Entwarnung.

Wir wenden uns nun der Siedlung Havelblick zu, die ihren Namen nicht umsonst trägt. Alle Straßen sind abschüssig und bilden sozusagen die Hangbebauung der Haveldüne, in manchen gleichen sich die Häuschen wie ein Ei dem anderen. Viele Querverbindungen ermöglichen kurze Wege und überall grünt und blüht es wundervoll.

Im Rothenbücherweg / Am Ortsrand zieht sich eine lange Mauer bis hinunter zur Havel, bestückt mit Türmchen und Kuppeln, die neugierig machen auf das, was den Blicken Unbefugter vorenthalten werden soll. Ich habe die Hoffnung, dass wir vom Uferweg mehr sehen, aber Pustekuchen – dieser endet ebenfalls an der Mauer. Das Grundstück mündet direkt in die Havel. (Übrigens habe ich mich eben beim Schreiben gefragt, wieso man eigentlich „Pustekuchen“ sagt und mal nachgeschaut. Es hat absolut nichts mit dem Gebäck zu tun, sondern hat seinen Ursprung im Jiddischen mit den beiden Wörtern poschut (wenig, einfach) und chochem (klug, weise). Im Laufe der Zeit wurde die Wendung poschut chochem im deutschen Sprachgebrauch dann zu Pustekuchen. Wieder was dazugelernt!) Nun aber zurück zum geheimnisvollen Grundstück, dessen Mauer entlang des Rothenbücherweges zum weißen Holzlattenzaun mit Sichtschutz wird und mit Gebäuden dahinter, die den vermutlich sehr schönen Park weiterhin abschirmen. Einzig das Pförtnerhaus neben dem Eingangsbereich ist gut sichtbar und an einer Stelle gelingt mir auch ein Blick über den Zaun.

Während wir überlegen, was es mit diesem Anwesen auf sich haben könnte, spazieren zwei Herren in ein Gespräch vertieft in unsere Richtung. Das ist die Gelegenheit, denke ich. Die beiden sehen so aus, als könnten sie unsere Fragen beantworten. Und tatsächlich! Wir erfahren, dass es sich hier um die Villa Lemm handelt und einige Details zu ihren Besitzern. Die Villa entstand 1907–1908 als repräsentatives Wassergrundstück für den Schuhcremefabrikanten Otto Lemm, der den Bau im englischen Landhausstil durch den Architekten Max Werner ausführen ließ. Die symmetrische Gartenfassade und die von der Baumschule Späth gestaltete Parkanlage spiegelten den Wandel Gatows vom Dorf zum großbürgerlichen Villenvorort wider. Nach Lemms Tod 1920 blieb das Anwesen bis 1928 im Familienbesitz, erweitert um Palmenhaus, Bootshaus, Terrassen und einige Skulpturen. 1928 übernahm der Arzt János Plesch die Villa, die sich rasch zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt entwickelte. Künstler und Wissenschaftler wie Max Liebermann, Oskar Kokoschka, Marlene Dietrich oder Arturo Toscanini waren Gäste. Plesch musizierte im Gartenpavillon sogar mit Albert Einstein. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1933 ging die Villa an den Bankier Hans Seligmann über, der sie jedoch aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1939 unter politischem Druck an den Bezirk Spandau abtreten musste.

Während der NS‑Zeit diente die Villa als Wohnsitz der Bezirksbürgermeister. Nach 1945 übernahmen die Briten das Anwesen, erklärten es zur Residenz des Stadtkommandanten und ließen es umfassend sanieren. Mindestens einmal jährlich rückte die Villa in den Fokus der Öffentlichkeit, wenn Mitglieder der britischen Königsfamilie in Berlin weilten; Königin Elisabeth II. residierte hier 1965, 1978 und 1987. Nach der Wiedervereinigung wurde das Anwesen an die Erben Pleschs rückübertragen und anschließend vom Land Berlin erworben. Kurzzeitig war die Villa als Berliner Kanzlerresidenz vorgesehen, doch Sicherheitsbedenken des Bundeskriminalamtes verhinderten die Umsetzung dieses Plans. 1995 kaufte der Unternehmer und Kunstmäzen Hartwig Piepenbrock das Anwesen, restaurierte es denkmalgerecht und ließ die Gartenanlage in ihren historischen Zustand zurückführen. Wachhäuschen und militärische Einbauten verschwanden, stattdessen wurde die Villa wieder zu einem Ort für Kunstprojekte und Ausstellungen. Piepenbrock starb 2013, seine Frau Maria‑Theresia bewohnt die Villa bis heute. Eine bewegte Geschichte! Die Google-Bildersuche zeigt beeindruckende Fotos der Gartenanlage und der Villa, die man von außen ja gar nicht sieht.

Die beiden Männer erzählen, dass sie jeden Tag gemeinsam einen Spaziergang durch die hiesigen Straßen und reichlich vorhandene Natur machen und deswegen oft hier vorbeikommen. Ein Glück, dass wir sie getroffen haben! Ich kann sie sogar zu einem Fotoshooting überreden:

Wir laufen noch ein Stück zusammen die Straße runter, die nach dieser pompösen Villa sofort wieder dörflichen Charakter annimmt bis hin zu einer kleinen Parkanlage an der Havel mit gemütlichen Bänken und zwei Schaukeln. Alles in uns schreit bei diesem Anblick nach Pause, obwohl wir uns diese noch gar nicht leisten dürften. Aber egal – die Zeit hängen wir einfach hinten dran!

Nun gehts wieder hoch auf die Hauptstraße, die hier Alt-Gatow heißt und uns langsam in Richtung Dorfkern führt. Immer auf der Suche nach Eis flammt ab und zu die Hoffnung auf, nun aber eine Gelegenheit gefunden zu haben, doch eine Enttäuschung folgt der anderen. Das Wirtshaus Gatow ist ein Chinarestaurant, der Hofladen Wildesgut verkauft nur am Wochenende, ein Bäcker hat keins im Angebot und alle so gemütlich aussehenden Cafés, an denen wir vorbeikommen, haben Ruhetag. Ich versuche, Sarahs Fokus auf andere schöne Dinge zu lenken – mit Erfolg! Wir entdecken gemeinsam bemerkenswerte Häuser, Skulpturen, den Feuerwehr-Buddybär, die im 13. Jahrhundert erbaute Dorfkirche als mit Abstand ältestes Gebäude von Gatow, den Dorfanger mit kleinen Bauernkaten in einträchtiger Nachbarschaft mit modernen Wohnungen und die Haltestelle der Fahrbibliothek Spandau auf der anderen Seite der Hauptstraße Richtung Windmühlenberg. Auch dem Nachbarschaftshaus in der Plievierstraße statten wir einen Besuch ab. Im Büro sitzt jemand und wendet uns den Rücken zu, offenbar besteht kein großes Interesse, Besucher willkommen zu heißen. Wir stöbern ein bisschen im Bücherregal, lauschen den Klängen eines Klaviers im Nebenraum und gehen dann eben weiter.

Die Buchwaldzeile zieht sich unterhalb des Windmühlenbergs entlang und hält außer den beiden geschlossenen Cafés so einige Überraschungen parat. Ein alter Bauernhof mit Stall und Scheune, ein ehemaliges Landarbeiterwohnhaus, Schulkinder, die aus ihrer Grundschule kommend über den Mühlenberg durchs Grüne nach Hause strömen, ganz alleine, zu Fuß und ohne Eltern, mehrere Aufgänge zum Berg, ein Straßenschild „Schneewittchensteig“, den es aber offiziell gar nicht gibt und der sanfte Übergang vom Dorf in die Weidelandschaft.

Jetzt sind wir auf einem Teilstück des Gatower Bauernweges, der sogar als Wanderweg über die Rieselfelder entlang verschiedener Höfe mit und ohne Verkauf empfohlen wird.

Sofort umhüllt staubiger Sand unsere Füße und füllt unsere Lungen, wenn ein Auto vorbeifährt, doch das trübt nicht unsere Freude am Spaziergang durch das Biotop der ehemaligen Rieselfelder. Eine wunderschöne Landschaft breitet sich vor uns aus: Felder, Baumgruppen, Hecken, Wiesen, sonnenüberflutet mit postkartenblauem Himmel darüber. Ein Habicht begleitet uns ziemlich lange ein Stück des Weges, gleitet im Tiefflug vor uns hin, versteckt sich, bis wir aufgeholt haben, fliegt weiter, versteckt sich. So geht das eine ganze Weile und offensichtlich haben nicht nur wir Spaß daran.

Anfangs erscheint hin und wieder noch ein Gehöft wie z.B. der Ponyhof Leipert oder das Selbstpflückerfeld Berliner Beerengärten, aber danach verliert sich jede Spur von Zivilisation. Immer wieder versichern wir uns auf der Karte, dass wir tatsächlich noch auf einer offiziellen Gatower Straße laufen. Als das Rauschen der Potsdamer Chaussee, auf die wir zusteuern, immer lauter wird, freuen wir uns einerseits, weil wir eine der langen Querverbindungen über die Rieselfelder Karolinenhöhe geschafft haben, andererseits hätten wir lieber noch ein Weilchen der Natur gelauscht. Doch ganz so schlimm kommt es erstmal nicht, weil wir am Landschaftsfriedhof Gatow angekommen sind und ihm einen Besuch abstatten wollen.

Randbemerkung: Hier gibt es ein Restaurant! Kurz flammt Sarahs Hoffnung auf ein Eis auf, doch auch diese gastronomische Einrichtung hat dienstags Ruhetag. Wer also eine ähnliche Tour plant – niemals an einem DIenstag!

Der Friedhof umfasst rund 18 Hektar und entstand, nachdem der große Spandauer Friedhof „In den Kisseln“ mehrfach erweitert worden war und dennoch langfristig nicht ausreichte. Die ersten Überlegungen zu einem neuen Friedhof scheiterten zunächst an der Berliner Mauer, doch 1969 begann die konkrete Planung auf den ehemaligen Rieselfeldern. Nach sechs Jahren Bauzeit wurde der Friedhof am 27. Oktober 1982 eröffnet. Schon bald zeigte sich, dass der Bedarf geringer war als erwartet, sodass der Friedhof schrittweise für weitere Gruppen geöffnet wurde. 1988 entstand ein islamisches Grabfeld mit nach Mekka ausgerichteten Gräbern, das 2012 um 8000 Quadratmeter erweitert wurde. Seit 1994 gibt es zudem einen eigenen Bereich für Verstorbene des griechisch‑orthodoxen Glaubens.

Wer den Friedhof durch den Haupteingang betritt, sieht zuerst den freistehenden Glockenturm, daneben die Kapelle mit 126 Sitzplätzen, die 1982/83 vom Hochbauamt Spandau errichtet wurde. Ich erinnere mich an den Zehlendorfer Waldfriedhof, auf dem sich ebenfalls einen freistehenden Glockenturm befindet und dessen Trauerhalle und Nebengebäude aus nacktem Beton genauso trostlos aussehen wie hier. Nichts an diesem Ambiente zeigt einen tröstlichen Charakter, sondern muss die Trauernden zwangsläufig in noch tiefere Depressionen stürzen. Ich stelle ernsthaft die Frage: Was haben sich die Architekten dabei gedacht, hier den Brutalismus-Baustil anzuwenden?

Seitlich am Glockenturm ist in Bodennähe eine Gedenktafel für Wolfgang Peuker installiert: „Dem Andenken an den Maler Wolfgang Peuker gewidmet. *1945 Aussig, gestorben 2001 Groß Glienicke, Professor an der Kunsthochschule Berlin“. Auch hier frage ich mich: Wieso wurde diese Stelle ausgewählt, an der schätzungsweise 99% der Friedhofsbesucher vorbeilaufen? Warum nicht sein Grab? Oder zumindest in Augenhöhe? Wenn man die Tafel lesen will, muss man mit der Nase ziemlich weit runter.

Zu den bekannten Grabstätten gehören unter anderem die des Komponisten Yun I‑sang, des Döner‑Pioniers Kadir Nurman, des besagten Malers Wolfgang Peuker sowie von Hatun Sürücü, die einem „Ehren“-Mord zum Opfer gefallen ist. Auch der Attentäter auf den Christopher Street Day in diesem Jahr wurde hier beigesetzt.

Von dieser etwas entfernten Ecke Gatows müssen wir nun wieder zurück auf einer anderen, die Rieselfelder querenden Straße 269, später in Melsunger Straße übergehend, zu der wir über die Potsdamer Chaussee gelangen bzw. ersatzweise auf dem Mauerweg. Wieder können wir es kaum glauben, dass dieser sandige Heideweg tatsächlich als Straße geführt wird, aber es ist so und deswegen gibt es keine Diskussion. Sie muss beschritten werden, und zwar mit großem Vergnügen!

So tippeln wir vor uns hin durch das Postkarten-Idyll der ehemaligen und damals stinkenden Rieselfelder – einer der Gründe neben der schlechten Verkehrsanbindung, die Menschen mit Geld davon abhielten, sich hier anzusiedeln. Heute ist es ein Biotop und Naherholungsgebiet am Rande der Stadt, das hoffentlich niemals bebaut werden wird. Im Nordosten Berlins findet man die gleiche Situation vor, weswegen ich mich hier stark an meinen Wohnort erinnert fühle. Wenige Gehminuten von meiner Wohnung entfernt, laufe ich ebenfalls in einer sich weit ausdehnenden, früher als Rieselfelder genutzten Landschaft. Im Geoportal des Landes Berlin wird das Gelände gut sichtbar dargestellt. Im Vergleich zu Gatow waren und sind die Felder im Nordosten wesentlich größer. Einige der Flächen wurden bebaut, so steht z.B. die größte Plattenbausiedlung Europas auf Rieselfeldern. Wie dieses Abwassersystem früher funktioniert hat, wird sehr gut hier erläutert: Ehemalige Rieselfelder 2010 – Berlin.de

Wir nähern uns nun Gatow und dem Windmühlenberg von der anderen Seite, vorbei an einer Siedlung in der Melsunger Straße, die sich in mehreren identischen Stichstraßen mit versetzt stehenden Häusern hinzieht und sich durch die geringe Höhe (Erd- und Obergeschoss) in die Umgebung geradezu hineinkuschelt.

Es folgen Einfamilienhäuser, die unterschiedlicher nicht sein können und für viel Abwechslung sorgen. Die Straßennamen sind sehr passend, „Am Berghang“ überwindet tatsächlich wegen des Mühlenbergs einen spürbaren Höhenunterschied, „Am Kinderdorf“ beherbergt das Albert-Schweitzer-Kinderdorf und die Grundschule am Windmühlenberg und „Weiter Blick“ hält, was er verspricht.

Nun steht uns noch die Bezwingung des 52 Meter hohen Windmühlenberges bevor, zu dem von allen Seiten Wege hinaufführen. Oben angelangt, kommen wir uns tatsächlich vor wie auf einem Gipfel im Mittelgebirge. Man könnte der Illusion erliegen, in der Ferne einen Berghang zu erkennen, der vom eigenen Standort durch ein tiefes Tal getrennt ist. Die Mühle winkt uns mit einem Flügel durch die vielen Bäume zu. Was für ein schönes Fleckchen Erde!

Wir legen nochmal kurz eine Pause ein, Bänke gibt es im Gegensatz zu Kladow nämlich ausreichend. Der Abstieg führt uns direkt an der Mühle vorbei, die eine ganz verrückte Geschichte aufzuweisen hat. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen Windmühlen der Stadt. Die heutige Bockwindmühle ist eine Rekonstruktion, denn das ursprüngliche Bauwerk von 1845 existiert nicht mehr, nur noch der gemauerte Sockel. Ursprünglich gehörte die Mühle einem Gatower Bäcker, der sie schließlich an eine Filmproduktionsfirma verkaufte. Für den Stummfilm Die Liebesabenteuer der schönen Evelyne oder Die Mordsmühle auf Evanshill wurde die alte Mühle 1921 dem Drehbuch entsprechend abgebrannt – ein spektakulärer, aber endgültiger Abschied von dem historischen Bauwerk.

Erst Jahrzehnte später begann die Wiederbelebung des Wahrzeichens. Der Förderverein Gatow erwarb das Mühlengelände für rund 4.000 Euro aus einer Konkursmasse und setzte sich dafür ein, die Mühle in sehr ähnlicher Form neu aufzubauen, eine voll funktionsfähige Bockwindmühle, die heute unter Denkmalschutz steht.

Wie noch ziemlich oft in Berlin, gibt es auch hier etliche Straßen ohne Namen, sie müssen mit einer Nummer vorlieb nehmen. Eine davon ist die Straße 264, in der sich der Annenhof befindet. Er geht auf Otto Ernst zurück, der in den 1920er Jahren einen modernen Milchbetrieb mit 80 Hektar Land gründete und ihn nach seiner Frau Anna benannte. Ernst war zuvor Gutsinspektor in Neukladow, einem kulturellen Zentrum, in dem Künstler wie Max Slevogt und Max Reinhardt sowie Politiker wie Walther Rathenau verkehrten. Auf dem neuen Hof belieferte Ernst sogar die Zeppeline des Flugplatzes Staaken mit Milchprodukten.

Nach dem Krieg kehrte Sohn Oskar Ernst 1946 aus Gefangenschaft zurück und fand den Hof geplündert vor. Die alliierte Kommandantur stellte ihm Arbeiter und Pferde zur Verfügung, sodass er gemeinsam mit seiner Frau Ursula den Betrieb wieder aufbauen konnte. Für diese Leistung erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

In dritter Generation führte Hans‑Joachim „Jochen“ Ernst den Hof weiter. Nach seiner Ausbildung und einem Ingenieurstudium widmete er sich früh dem Naturschutz und setzte sich dafür ein, die Gatower Landschaft ökologisch aufzuwerten. 2006 gründete er den Landschaftspflegeverband Spandau, den er bis 2020 leitete. Darüber hinaus engagierte er sich sozial, arbeitete mit dem Verein GAIA zur beruflichen Förderung benachteiligter Menschen und war über 25 Jahre ehrenamtlicher Arbeitsrichter. Jochen Ernst starb 2020. Bereits 2019 hatte er den Annenhof der Stiftung Deutsche Landschaften geschenkt, um den Hof zu erhalten und die Erinnerung an die Familie Ernst zu bewahren. Heute dient der Annenhof als Kommunikationszentrum der Landschaftspflegebewegung.

Die Pferdeskulptur am Hofeingang begeistert uns besonders. Das Kunstwerk stammt von dem Hufschmied Andreas Heidemeyer. Er hat das lebensgroße Pferd aus unzähligen alten, gebrauchten Hufeisen zusammengeschweißt. Kurz darauf begegnet und ein fast genauso großer Berner Sennenhund namens Greta, mit dessen Frauchen wir ins Gespräch kommen. Sarah will wissen, ob das ganze Haus nicht immer voller Hundehaare ist. „Es geht“, sagt die Frau. Ich bürste ihn mindestens jeden zweiten Tag und hole dabei sehr viel Unterfell heraus. Das hilft. Aber saugen und wischen muss ich trotzdem bestimmt zweimal am Tag.“ Oh je, aber ich glaube, für diese sanftmütige Schönheit macht man das gerne.

Jetzt fehlen uns aber noch ein paar Straßen weiter nördlich, dann ist alles geschafft, was ich für heute vorgesehen hatte.

Damit endet meine Gatow-Erkundung, die bei mir große Begeisterung ausgelöst hat. Wenn man in Berlin Ruhe sucht und den Weg in die Innenstadt nicht scheut, dann sollte man seine Fühler hierher ausstrecken. Die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens sind vorhanden inklusive ärztlicher Versorgung. Je nach Belieben kann man für die Bewegung zu Fuß oder per Rad das Havelufer wählen oder das Landschaftsschutzgebiet der Rieselfelder aufsuchen. Gärtnerischer Betätigung steht nichts im Wege und alles andere kann man „in der Stadt“ erledigen. Die Busse fahren in kurzen Abständen entweder nach Spandau oder zum Zoo. Es ist perfekt! Die nächste Tour führt mich dann schon in den Ortsteil Wilhelmstadt. Dabei wird mich mein Sohn Georg begleiten.