„Es scheint, dass die menschliche Natur eine völlige Resignation nicht allzu lange ertragen kann. Die Hoffnung muss wieder eintreten, und dann kommt ja auch sogleich die Tätigkeit wieder…“ (Johann Wolfgang von Goethe) – Kalenderspruch des Tages
Auf meinen bisher absolvierten Wanderungen durch Berlin habe ich nun schon viel gesehen, gestaunt und dazugelernt und dachte, dass Wannsee in punkto Gediegenheit und Wohlstand nicht zu toppen ist, doch meine Eindrücke von Nikolassee und Schlachtensee haben mich eines Besseren belehrt. Das begann schon gestern mit dem Buch „Nikolassee – Häuser und Bewohner der Villenkolonie“, das ich mir aus der Bibliothek abholte und zuhause in Vorbereitung auf meine Tour zuerst flüchtig durchblätterte und dann nicht mehr davon loskam. Darin sind tatsächlich ALLE Straßen des Ortsteils aufgelistet mit Informationen zu ALLEN Häusern (Foto, Architekt, Bauherr, Baujahr, Bewohner). Welch eine akribische Fleißarbeit! Die Bände über Schlachtensee und Zehlendorf werden ebenfalls bald auf meinem Schreibtisch liegen. Dem Kompendium ist ein Beitrag vorangestellt, den der erste Bewohner von Nikolassee (An der Rehwiese 1), Adolf Groth 1908 in den Mitteilungen des Ortsvereins Nikolassee veröffentlicht hat. Mit ihm wäre ich zu gerne durch die Straßen gewandert! Er muss wohl sehr viel Humor besessen haben und es war ein Vergnügen, seinen Beobachtungen des Baugeschehens zu folgen, seine Beurteilungen der Baustile mit den Fotos der Häuser im Buch zu vergleichen und das augenzwinkernde Lästern über Nachbarn und andere Kritiker zu lesen. Er schreibt:
„Ich will nun nicht etwas schildern, was in Nikolassee objektiv schön oder hässlich ist: dazu bin ich gar nicht imstande, da ich mir weder über die Straßen und Häuser noch über die Menschen ein besonderes sachverständiges Urteil anmessen darf. Mein Plan geht vielmehr dahin, ehrlich und aufrichtig zu sagen, was mir persönlich hier gefällt oder missfällt. Dass andre Leute in vielen Dingen einen anderen Geschmack haben, finde ich ganz in Ordnung.“
Damit spricht er mir total aus dem Herzen und mein Bedauern wächst, ihn nicht mehr kennenlernen zu können. Diese Bücher bestätigen nachdrücklich, dass man zwar schnell und bequem im Internet Informationen findet, was auch gut und wichtig ist, aber es gibt viele, vertiefende Details, die man nur in der Literatur findet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nochmal zurück auf Start muss, weil ich immer wieder Neues erfahre von Häusern und ihren Bewohnern, was ich beim Vorbeimarschieren noch nicht wusste. Auch heute werde ich mehrmals vor der Grundsatzfrage stehen, wie tief ich mich vergraben möchte in der Geschichte und vor allem, was davon ich hier zum Besten gebe. Vielen ist das bestimmt zu faktenbasiert, während der Spaß zu kurz kommt. Wer Lust hat, kann mir dazu gerne seine Meinung mitteilen. Und bevor es nun endlich losgeht mit der Tagestour, noch ein kleines Resümee: Meine Begeisterung wächst und ist tagesfüllend!
Mit Sicherheit würde ich heute nicht aus dem Haus gehen, wäre ich ein vernünftiger Mensch. Nur wer unbedingt muss, wagt sich hinaus auf die spiegelglatten Gehwege. Es ist sehr kalt und windig, der Himmel drückt flächendeckend grau aufs Gemüt. Doch heute ist Donnerstag und somit Lauftag, basta. Also tapse ich in Zeitlupe zum Bus und bin 9:30 Uhr am S-Bhf. Nikolassee, bewaffnet mit meiner neuen Bibel (Häuser und Bewohner), dem analogen Stadtplanausschnitt, Brille und Handy. Sofort fällt mir der Baum auf (eine Zypresse?), der mittig den Bahnsteig schmückt und ich überlege, ob es noch andere Bahnhöfe mit Baumbewuchs gibt.

Zunächst bewege ich mich auf der Spanischen Allee in Richtung des Schlachtensees, ganz vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend und sehe schon kurz darauf eine junge Frau stürzen. Sie rappelt sich gleich wieder auf, doch meine Unsicherheit wächst und ich werde noch langsamer. Die Kälte beißt in die Finger, die Autos rauschen vorbei und mich ereilt kurz ein heftiger Impuls, auf dem Absatz kehrtzumachen. Den Moment abwartend, peile ich die Lage und entdecke zum Glück Siedlungshäuser, die mein Interesse wecken. Es handelt sich um eine GAGFAH-Siedlung – „Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“, ein großes deutsches Wohnungsunternehmen, das später in Vonovia aufgegangen ist.
Weiter gehts auf der Straße Am Schlachtensee, und nach einem kurzen Abstecher zum See…

…rückt schon bald die nächste, weitaus größere Marine-Siedlung ins Blickfeld. Für den Passanten erweckt sie den Eindruck von Gleichförmigkeit und ewiger Wiederholung. Kaum hat man einen Block hinter sich gelassen, erscheint der nächste, identische und man hat das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Aber hier wird noch auf Einhaltung der Mittagsruhe gepocht (siehe letztes Bild).
Die Siedlung entstand zwischen 1938 und 1943 am Südufer des Schlachtensees. Sie wurde für Offiziere der Reichsmarine errichtet, die im Zuge der nationalsozialistischen Aufrüstung ab 1935 verstärkt nach Berlin versetzt wurden und dringend Wohnraum benötigten. Unter der Leitung des Architekten Rudolf Kühn entstand eine weitläufige, gartenstadtähnliche Anlage aus Doppelhäusern, Reihenhäusern und größeren Wohnungen. Die Gebäude sind schlicht gehalten, die Wohnungen waren für die damalige Zeit ungewöhnlich groß – bis zu 6,5 Zimmer auf 100 m², was man nicht vermutet, wenn man davor steht. Bis 1945 lebten hier fast ausschließlich Kapitäne und höhere Marineoffiziere. Nach dem Krieg wandelte sich die Siedlung zu einer bürgerlichen Wohngegend. Heute steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz und gilt als bedeutendes Beispiel für Wohnungsbau der NS‑Zeit. Leider habe ich die Straße „Marinesteig“ verpasst, und genau dort war die Wohnung von Willy Brandt. Muss ich nachholen!
Immer wieder gibt es rechterhand die Möglichkeit, durch kleine Tunnel auf die andere Seite der Bahntrasse zu gelangen und somit in den belebteren Teil von Schlachtensee. Ich schlurfe bis zum S-Bahnhof und sehe dort zu meiner großen Freude eine öffentliche Toilette der moderneren Art, die sogar kostenlos zu benutzen ist.

Per Knopfdruck öffnet sich die Pforte und ich werde von kuschliger Wärme, sanfter Musik und einer betörenden Stimme begrüßt: „Willkommen bei der Berliner Toilette!“ Hier bleibe ich! Es ist sauber, es duftet (wirklich!), die frostige Außenwelt ist vergessen. Ich habe nur ein Problem: Wie verriegelt man die Tür? Dafür gibt es keinen Knopf und auch keine Klinke. Aber alles geht gut und als ich den Türöffner drücke, werde ich sogar freundlich verabschiedet. Doppelt erleichtert betrete ich auf der Breisgauer Straße Schlachtensee-West und wechsle quasi mit zwei Schritten vom idyllischen, ruhigen Seeufer über in eine Geschäftsstraße.

Und was erblickt mein Auge? Eine Buchhandlung!

Glücklich betrete ich das kleine Paradies in der Altvaterstraße 2 namens Buch-Hansen und treffe auf zwei freundliche Buchhändlerinnen. Wir kommen ins Gespräch und natürlich erzähle ich ihnen von meinem Vorhaben und schwärme ihnen von den hier nun schon so oft erwähnten Büchern vor. Aber da renne ich logischerweise offene Türen ein, klar kennen sie die und bedauern wie ich, dass sie nicht mehr lieferbar sind. Doch zum Glück – da sind wir uns einig – gibt es Bibliotheken! Ich bekomme allerdings so überzeugende Leseempfehlungen, dass ich die angepriesenen Bücher einfach kaufen MUSS, was sich allein schon wegen der Tüte gelohnt hat:

Den Waldsängerpfad werde ich heute noch durchschreiten und das andere Buch beschäftigt sich überwiegend mit Opfern, Tätern und stillen Helden in der Zeit des Nationalsozialismus und der Rolle der Kirche. So bin ich auf den Autor Dirk Jordan aufmerksam geworden und werde ihn auf jeden Fall mal zu einer Tour einladen. Es wird nun Zeit, diesen Sehnsuchtsort zu verlassen, nicht ohne meine Visitenkarte zu hinterlegen und ein Foto von den beiden Frauen zu machen:

An dieser Stelle passt es ganz gut, ein paar Sätze über Schlachtensee einzubinden. Ich werde zwar gleich auf der Altvaterstraße über die Alemannenstraße zurück nach Nikolassee wandern, aber ich mäandere heute mal wieder zwischen zwei Ortsteilen. Mein gerade angelesenes Wissen finde ich so spannend, dass ich mich sehr zurückhalten muss, es hier nicht gleich wieder loszuwerden, aber ein paar Fakten müssen sein.
Obwohl Schlachtensee und Nikolassee heute nahtlos ineinander übergehen, unterscheiden sie sich historisch deutlich. Nikolassee entstand ab 1901 als bewusst geplante Villenkolonie der Heimstätten‑AG , die hier ein repräsentatives, großbürgerliches Wohngebiet mit großzügigen Grundstücken, breiten Straßen und einem einheitlichen architektonischen Erscheinungsbild schuf. Die Entwicklung folgte einem klaren städtebaulichen Konzept der Kaiserzeit, das auf Ordnung, Repräsentation und landschaftliche Inszenierung – etwa durch die Rehwiese – setzte. Schlachtensee hingegen wuchs wesentlich heterogener. Aus einem Ausflugs- und Waldgebiet entwickelte sich zunächst eine Sommerfrischezone, später ein Gemisch aus Villen, kleineren Siedlungen und Wohnanlagen verschiedener Epochen. Die Heimstätten‑AG war hier zwar ebenfalls aktiv, prägte den Ortsteil jedoch nicht in vergleichbarer Tiefe. In der NS‑Zeit kamen zusätzliche Siedlungen wie die Marinesiedlung hinzu, die dem Gebiet weitere historische Schichten verliehen. So steht Nikolassee für eine frühe, planvolle Villenkolonie, während Schlachtensee ein vielschichtiges, über Jahrzehnte gewachsenes Wohngebiet ist, dessen Struktur die wechselnden stadtgeschichtlichen Phasen Berlins unmittelbar widerspiegelt. Aber beide Stadtteile, ebenso Wannsee, sind noch relativ jung, was sind schon 150 Jahre?
Entlang der anderen Seite des Bahndamms, beginnend am historischen Bahnhofsgebäude Schlachtensee, freue ich mich über jedes Schneehäufchen und damit verbundene Trittsicherheit und nähere ich mich langsam, die Rehwiese links kurz beäugend, dem S-Bhf. Nikolassee.
Meine Häuser-Bibel verleitet mich dazu, vor jedem Haus stehenzubleiben und schlotternd dessen Geschichte zu studieren, so dass es ewig dauert, bis ich am Hohenzollernplatz angekommen bin. Er ist zu jeder Tages- und Jahreszeit beeindruckend und der Punkt, von dem aus sich die Straßen zwar in verschiedenen Richtungen und unterschiedlicher Länge, aber alle auf die Rehwiese zubewegen. Faszinierend!
Ich laufe weiter geradeaus bis zur Libellenstraße, die parallel zur Autobahn verläuft. Die Grundstücke zählten zu Beginn der Bebauung zu den größten, lagen durch die natürliche Erhebung über dem Nikolassee sehr hoch, die Villen waren noch einen Tick mondäner als anderswo und verfügten über parkähnliche Gärten. Der Blick konnte frei über den damals idyllischen See schweifen. Zum Glück ist die schlossartige Villa Rosenburg erhalten geblieben, die von der anderen Seeseite als beliebtes Postkartenmotiv diente.
Man kann sich sehr gut vorstellen, wie vornehm und gediegen es zuging in diesem Nobelviertel. Die Rehwiese ist ganz nah, aber erst will ich alle Straßen zwischen ihr und dem Bahnhof abklappern, bevor ich sie umrunde. Das Sahnehäubchen quasi als Leckerbissen. Das Buch habe ich inzwischen zugeklappt und ziehe es nur noch zu Rate, wenn ich einem Gebäude sofort auf den Zahn fühlen will. Schließlich – so habe ich mich ermahnt – will ich keine neue Auflage verfassen und merke mir die vielen Namen sowieso nicht. Und noch etwas bemerke ich mit Verwunderung: Meine Augen sind villengesättigt. So viel Pracht kann man gar nicht über mehrere Stunden gebürtig würdigen. Ich ertappe mich bei solchen Gedanken wie „Auch ein schönes Haus“, „Noch ein schönes Haus“, „Das ist aber schöner“, „Wo muss ich abbiegen“. Foto hier, Foto da und im Nu ist eine stattliche Sammlung davon zustande gekommen, die ich im Nachhinein nur mit großem Aufwand den Straßen zuordnen könnte. Ich denke aber, das ist nicht schlimm, denn die Bilder vermitteln eventuell in ihrer geballten Zurschaustellung eine Ahnung von dem, was ich meine, und wer neugierig geworden ist, dem empfehle ich gemütliches Flanieren im Sommer, dann aber mit der „Bibel“.
In all der Herrlichkeit sticht aber trotzdem eine Straße ganz besonders heraus – die Prinz-Friedrich-Leopold-Straße. Die zweibahnige, lindenbestandene Straße wurde zwischen 1901 und 1904 von der Heimstätten AG angelegt. Die meisten der Häuser der Straße entstanden vor 1914, neben Villen und Landhäusern wurden in Bahnhofsnähe Wohnhäuser mit Läden im Erdgeschoss gebaut. Sie wird auch zu recht „Hauptstraße Nikolassees“ genannt und führte früher bis an den Nikolassee, endet jedoch heute leider vor der Lärmschutzwand des Autobahnzubringers.
Immer wieder komme ich am Hohenzollernplatz an, wie ein Ping-Pong-Ball, um mich in einer weiteren Straße gen Rehwiese zu verlieren, nun ein letztes Mal, als schon wieder eine Frau zu Boden geht. Sie ist deutlich älter, kommt aber wieder auf die Füße, nachdem sie auf Knien rutschend ihre zerbrochene Brille und ihr Handy eingesammelt hat. Mein Angebot, ihr zu helfen, lehnt sie erst einmal ab, aber ich merke, dass ihr der Schreck tief in den Knochen sitzt. Ihre Nase gleicht einem tropfenden Wasserhahn und sie versucht verzweifelt, das Blut wegzuwischen. „Wäre ich doch bloß zu Hause geblieben“, schimpft sie, „aber ich wollte ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Man muss doch auch mal raus!“ Ich versuche sie zu trösten und biete ihr an, sie ein Stück zu begleiten. Zufälligerweise wohnt sie an der Rehwiese, wo ich ja sowieso hin will und sie ist meiner Meinung nach dann doch froh, dass sie nicht alleine ist. Immer wieder fragt sie ängstlich: „Meinen Sie, das hört wieder auf zu bluten?“ Ich versuche sie abzulenken und erzähle ihr von meinem Laufprojekt. „Schön“, meint sie und gleich darauf: „Wäre ich doch bloß zu Hause geblieben!“ Ok, ich sehe ein, dass sie jetzt andere Dinge beschäftigen als mein Zeitvertreib und beruhige sie, als ich merke, dass die Blutung langsam aufhört. Vor ihrem Haus angekommen, bedankt sie sich bei mir und wir verabschieden uns. Nun lasse ich meinen Blick schweifen und bin beeindruckt. So viel Natur! In der Mitte ein Wiesen-Oval von nicht einsehbaren Ausmaßen, umrundet von alten Bäumen, Wegen, Straßen und sich dezent im Hintergrund haltenden Villen. Gut sichtbar thront darüber die Nikolasseekirche. Wie schön mag es hier im Sommer sein!
Kurz kommt mir der böse Gedanke, dass eine solche Fläche in Marzahn-Hellersdorf schon längst bebaut wäre. Welch ein Luxus, den es aber unbedingt zu bewahren gilt! Die 120 Jahre alte Beschreibung des Erstbewohners Adolf Groth ist immer noch so zutreffend, dass jetzt auch das Jahr 1908 sein könnte. Doch wie wäre wohl sein Urteil über diese Villa in der Gerkrathstraße direkt an der Rehwiese ausgefallen?

Was mag das für ein Gefühl sein, von innen nach außen zu schauen? Wie putzt man solch ein riesiges Fenster? Ich werde so neugierig, dass ich im Straßen- und Häuser-Führer nachschlage und erfahre folgendes: 1909/10 von Max Grünefeld erbaut, Eigentümer Jakob Berger – Fabrikbesitzer, ab 1939 Karl Jaeger, auch nach 1945 im Familienbesitz, 100 Jahre später umgebaut und – jetzts kommts – heute Repräsentanz des Suhrkamp-Verlages. Ach, denke ich und durchstöbere zu Hause das Internet auf der Suche nach weiteren Informationen, denn das Buch ist im Jahr 2014 erschienen. In den letzten zwölf Jahren kann sich daran durchaus was geändert haben. Und schon passiert es wieder – ich tauche ab in die Tiefen der Rechtsstreitigkeiten der Witwe des Verlags-Inhabers Siegfried Unselds – Ulla Berkéwicz, die den Verlag von Frankfurt nach Berlin umgesiedelt und diese Villa bezogen hat, mit dem Anteilinhaber Hans Barlach, Enkel des Bildhauers Ernst Barlach. Die Auseinandersetzungen führten unter anderem zum Umzug des Verlags nach Berlin und zur Umwandlung in eine AG, wodurch Barlach entmachtet wurde. Nach seinem Tod 2015 beruhigte sich die Lage. 2024 übernahm der Unternehmer Möhrle schließlich alle Anteile und wurde alleiniger Inhaber des traditionsreichen Verlags.
Solche Aha-Momente sind es, die mich jedes Mal voller Vorfreude auf Tour gehen lassen, denn erst die Menschen erfüllen ein Haus mit Leben. Es gibt viele interessante Buchtitel, die genau das auszunutzen und Geschichte nachvollziehbar machen.
Doch nun folge ich dem Ruf der Kirche, die unübersehbar über dem Tal ihre Schäfchen anlockt. Dazu verlasse ich die Rehwiese auf einem Pfad, nicht ohne eine Markierung zu hinterlassen und bemerke erst jetzt die unmittelbare Nachbarschaft der Autobahn. Aus der Stille und Beschaulichkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts werde ich hinauskatapultiert, ja geradezu ausgespuckt auf vielbefahrenen Asphalt in der lärmenden Großstadt.
An der lauten Potsdamer Chaussee passiere ich den Nikolashof oder auch Haus Freudenberg, der etwas zurückgesetzt seine Pracht nur erahnen lässt.


Das Anwesen liegt mit seiner Rückseite hoch über der Rehwiese und hat eine interessante, wechselvolle Geschichte hinter sich. Ich empfehle den Wikipedia-Artikel dazu, der auch einen Blick ins Innere gewährt. Sehr froh, den Autobahn-Zubringer hinter mir lassen zu können, biege ich links ein in den Kirchweg, vorbei am architektonisch beeindruckenden Gemeindezentrum bis zur Nikolasseekirche mit Kriegerdenkmal und Friedhof direkt gegenüber.
Innen brennt Licht, was in mir die Hoffnung weckt, eintreten zu dürfen. Ich drücke die Klinke und fühle mich sofort willkommen. Nicht nur durch die Wärme, was auch selten ist in Kirchen, sondern das ganze Ambiente und eine herzliche Begrüßung durch ein Gemeindemitglied. Schnell kommen wir ins Gespräch und bei sakraler Hintergrundmusik erzählt mir der freundliche Kirchendiener vieles zur außergewöhnlichen Deckengestaltung, der Glasmalerei der Fenster, der Orgel und den Gemälden an der Balustrade. Selten habe ich so eine gemütliche Kirche gesehen, und am liebsten würde ich jetzt hierbleiben. Wir kommen von einem Thema zum nächsten, über das Pilgern zum Wandern, von Thüringen über Meiningen, Rodach, Coburg und andere von uns beiden sehr geschätzte Orten zurück zu Berlin und meinem Vorhaben. Auch ihm drücke ich meine Visitenkarte in die Hand und er gibt mir weitere, wertvolle Insidertipps, die sich auch zum Teil auf den Friedhof gegenüber beziehen. Er berichtet von dem Grab des Dichters Jochen Klepper, das sich dort befindet. Viele Verehrer seiner Dichtkunst kommen von weither, um es zu besuchen. Ich gebe zu, dass ich ihn bis eben noch nicht kannte, bin nun aber angefixt, wie man so schön sagt.
Erst als eine weitere Besucherin die heiligen Hallen betritt, verabschiede ich mich und setze mein Abenteuer draußen fort, zunächst mit dem Friedhofsbesuch. Auch hier bin ich sehr angetan von der besucherfreundlichen Gestaltung desselben. Vor jedem Grab eines bedeutenden Menschen steht eine kleine Infotafel mit den wichtigsten Eckdaten zu dessen Leben. Dadurch wird der Rundgang zu einer informativen Geschichtsstunde und die Schicksale der Toten nacherlebbar. Große Empfehlung!
Nun stellt sich für mich die Frage – bleibe ich südlich der Spanischen Allee und laufe wie geplant durchs Wonnegau-Viertel oder bewege ich mich in Richtung S-Bahnhof durch Schlachtensee-West? Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit. Heute habe ich übrigens nur einen Stadtplanausschnitt dabei, den ich stets bereithalte und mit Textmarker die gelaufenen Straßen markiere. Am Ende der Tour sah das so aus:

Ich erspare nun meinen geduldigen Lesern die Details, an welcher Stelle ich um welche Ecken gebogen bin, nur zu einzelnen Häusern will ich noch was sagen. So hat zum Beispiel die Kroatische Botschaft eine wunderschöne Residenz in der Krottnaurerstraße 8. Jedenfalls behaupte ich das hier keck, weil es am Tor so zu lesen ist, das Haus nicht verlassen aussieht und eine Flagge gehisst ist:

Aber auch hier taucht das Botschaftsmysterium auf, dass auf offiziellen Seiten im Internet eine völlig andere Adresse steht und die KI mich abspeist mit „Es gibt keine öffentlich ausgewiesene „kroatische Residenz“ in Zehlendorf – weder als Botschaftsgebäude noch als offizielle Residenz des kroatischen Botschafters. Die Botschaft Kroatiens befindet sich in Berlin‑Mitte (Dorotheenstraße), und laut Auswärtigem Amt existiert keine weitere offizielle Vertretung in Steglitz‑Zehlendorf.“ Trotzdem empfehle ich an Architektur Interessierten, diesem Link zur Denkmaldatenbank zu folgen.
Genauso verhält es sich mit der Ägyptischen Militärabteilung im Reifträgerweg 16.

Ein ganz anderes Kaliber ist die Organisation, die hier ihre Heimat hat:

Es handelt sich um die Burschenschaft Obotricia in der Villa Mügel. Auf deren Webseite steht: „In Berlin-Nikolassee gelegen, wurde sie 1906 von Geheimrat Dr. Oskar Mügel erbaut. Seit 1956 ist die Villa Mügel die Heimat der Obotriten. Und vielleicht auch bald deine.“ Nun ja, selbst wenn ich wollte, würde diese Einladung nicht für mich gelten. Nur männliche Mitglieder sind erwünscht. Ich verweile einen Moment vor dem Haus, um in meiner Bibel zu blättern, betrachte die zerfetzte Fahne und die kaputten Fensterläden und mache ein Foto, als sich im oberen Stockwerk eine Gardine bewegt. Ui, schnell weg hier!
Sehr außergewöhnlich fand ich diese Grundstückseinfassung Cimbernstraße 9:


Das Haus dahinter sieht man beabsichtigterweise überhaupt nicht. Natürlich ziehe ich meinen geliebten Straßenführer zu Rate und finde dort folgende Anekdote:
Als Einfriedung seines Grundstücks Libellenstraße / Cimbernstraße ließ Adolf Schröer eine begehbare, mit Zinnen versehene und von einem Eckturm begrenzte Feldsteinmauer und eine Toreinfahrt errichten. Man erzählt, das sich der Hausherr vor den Kaffeekränzchen seiner Frau in das Turmzimmer zurückzog. Als diese seine „Flucht“ mitbekam, hielt sie bei geeigneter Wetterlage ihre Kränzchen unter dem Turmfenster ab. Hinter der Mauer befindet sich seit 1956 ein Wohnhaus.
Um nochmal auf den Reifträgerweg zurückzukommen: Hier wohnte in Nr. 14 Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts und einer der zentralen Organisatoren des Holocaust. Er leitete 1942 die Wannsee‑Konferenz und wurde im selben Jahr in Prag bei einem Attentat tödlich verletzt. Das Haus steht noch:

Heydrich ging im Haus von Wilhelm Canaris, Leiter des militärischen Nachrichtendienstes in der Betazeile (heute Waldsängerpfad) ein uns aus, während in unmittelbarer Nachbarschaft der jüdische Schauspieler Fritz Wisten mit seiner Familie um sein Leben bangte und trotzdem in seinem Haus anderen Juden Unterschlupf gewährte. Die Geschichte um Fritz Wisten wird sehr akribisch in dem von mir heute erworbenen Buch „Das Haus am Waldsängerpfad“ von Thomas Blubacher aufgearbeitet. So schließt sich der Kreis für heute, jedenfalls fast, denn ich muss unbedingt noch die Reichsbanksiedlung erwähnen, die ich auf den letzten Metern entdeckt habe und die sich – auf Google Maps gut erkennbar – im Dreieck entlang der Dubrowstraße, Spanischen Allee und Breisgauer Straße hinzieht.
Sie wurde 1928/29 von Heinrich Wolff erbaut. Die Wohnungen haben bis zu sieben Zimmer und 200 m² Wohnfläche! Die Bauweise gilt als besonders bemerkenswert, weil sie sich zwischen Tradition und Neuem Bauen der Weimarer Republik bewegt.
Zum Schluss sei noch eine zweite, in meinen Augen sehr merkwürdig anmutende Reichsbeamten-Siedlung an der Spanischen Allee / Wasgenstraße erwähnt, die auf mich sehr bedrückend wirkt, was aber auch am grauen Putz liegen kann.

Mein Gesamteindruck von heute: Das ist ein Stück Berlin, wie es nur wenige kennen und hat nichts, aber auch gar nichts mit DEM Berlin zu tun, was man allgemein so im Sinn hat. Es ist sauber, gepflegt, ruhig, unaufdringlich vornehm und keinesfalls überlaufen, man begegnet sich rücksichtsvoll, gehörte Sprachen sind deutsch und selten englisch, es gibt keine Obdachlosen, kik, Tedy, Barbershops, Dönerbuden u.ä. Läden habe ich nicht gesehen. Die Straßennamen sind seit 1945 so gut wie unverändert und zeugen von deutschem Nationalstolz. Im woken Teil Berlins hätte es mit Sicherheit schon Umbenennungen gegeben.
Nun ist es für heute genug, entscheide ich. Erstens wird es schon dunkel und zweitens habe ich trotz Witterung zu meiner eigenen Verblüffung 18 km geschrubbt. Am Dienstag werde ich die vergessene Straße Marinesiedlung nacharbeiten, ein Stück am Schlachtensee wandern zur Fischerhütte und das „Seeschlag“ genannte Viertel ablaufen. Vielleicht mit Reporter-Begleitung.
Wer mehr wissen möchte über die von mir gelaufenen Straßen, findet hier in meinem Verzeichnis kurze Infos.
Hier gehts zur Vorschau auf die nächsten vier Wochen.












































































