Schlagwort-Archive: Luther-Kirchhof

30. Juni 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lankwitz) | Luther-Kirchhof, FU Geo-Campus, Siedlungen, Parks und eine spontane Einladung

„Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün | Und malt auf den glänzenden Matten | Der Bäume gigantische Schatten…“ (Friedrich Schiller) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Es kommt mittlerweile nur noch selten vor, dass ich allein durch die Gegend spaziere. Heute ist so ein Tag, der damit beginnt, dass ich Nachlässigkeiten der letzten Tour „ausbügeln“ will. Auf Grund der enormen Hitze hatten wir ein paar wenige Straßen ignoriert, die nun noch von mir erobert werden wollen. Dazu gehört eine rechteckige Ausstülpung der Malteserstraße, die in eine Kleingartenkolonie hineinragt und gar nicht wie eine offizielle Straße wirkt.

Wieder zurück auf der übrigens 3,3 km langen Hauptstrecke der Straße, lockt mich direkt gegenüber das Schild „FU GEO CAMPUS LANKWITZ“ zu näherer Betrachtung des Geländes. Im Vorfeld hatte ich mich schon etwas darüber informiert und weiß, dass dort ursprünglich kurz vor dem 1. Weltkrieg die Kaserne für das Kraftfahr-Bataillon errichtet wurde. Eingerahmt von der Emmich- und Preysingstraße sowie dem schlauchartigen „Stadtpark an der Emmichstraße“, erstreckt sich der Campus mit Fachbibliothek, Mensa, Hörsalen, Sportbereich und Dekanat über eine beträchtliche Fläche, die wie eine kleine, eigenständige Stadt wirkt. Dazu gehören die Institute für Meteorologie, Geographische und Geologische Wissenschaften. Ich nehme mir viel Zeit, um alles auszukundschaften, wobei mich vor allem die Überbleibsel aus der Zeit als Kaserne interessieren. 1913 bewilligte der der Deutsche Reichstag den Bau der beiden Kasernenblöcke in der Malteser- und Eiswaldstraße. Der an der Eiswaldtstraße wird heute von der Polizei genutzt, dieser hier an der Malteserstraße von der FU. Es gibt eine sehr gute und akribische Aufarbeitung der bewegten Geschichte als Kaserne, später Pädagogischer Hochschule bis hin zur heutigen Nutzung durch die FU mit viel interessantem Bildmaterial. Gebäude wurden erweitert und umgenutzt, der Sportplatz zur Grünanlage umgewandelt. Mein Spaziergang übers Gelände erweckt bei mir den Eindruck, dass man dem Campus etwas mehr Pflege angedeihen lassen müsste, um die Umgestaltung Anfang der 2000er Jahre wieder zur Geltung zu bringen. Auch der früher als Flak-Gefechtsleitstand dienende Bunker (genannt JugendKulturBunker) wirkt trotz dort stattfindender Jugendsozialarbeit etwas morbide.

Natürlich würde ich mir nun am liebsten auch den anderen ehemaligen Kasernenblock aus der Nähe anschauen, wenigstens die zwei dort aufgestellten Gefallenendenkmäler. Da sich außer der Polizei dort auch ein Bürgeramt befindet, habe ich die Hoffnung, das Gelände betreten zu dürfen. Allerdings dämpft der stacheldrahtbewehrte Zaun entlang der Eiswaldtstraße meine Zuversicht drastisch.

Bevor ich mein Glück am Eingang an der Gallwitzallee versuche, zieht ein weiterer Bunker meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Hochbunker, der zur Kaserne des Flakregiments 12 gehörte, ist ein dreistöckiger Luftschutzbunker vom Typ M 500, 1940 im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms“ errichtet. Er sollte bis zu 500 Menschen aufnehmen und wurde mit Schmuckelementen, Walmdach und Spritzputz äußerlich entschärft, um wie ein Wohnhaus zu wirken. Nach 1945 wurde der Bunker von einem privaten Betreiber zum ersten Berliner Bunkerhotel umfunktioniert (103 Zimmer), später von der US-Besatzungsmacht als Casino genutzt und ab 1955 an die Mosaik-Film GmbH vermietet. In den folgenden Jahrzehnten diente er als Lagerraum, u. a. für die Senatsreserve nach den Blockade-Erfahrungen. 1989 wurde er zum Atomschutzbunker umgebaut und in die Zivilschutzbindung übernommen. Nach der Wende war das hinfällig und seitdem steht der Bunker unter Denkmalschutz. 2011 verkaufte der Senat den Bunker für 100.000 Euro an einen Investor, der jedoch bis heute dort noch nichts verändert hat.

Am Eingangstor zur Polizei angelangt, überlege ich kurz. Wage ich es? Aber warum nicht! Also schreite ich forschen Schrittes auf das Pförtnerhaus zu und werde auch gleich wieder gestoppt. Mit den Worten „Wo wollen Sie denn hin?“ stellt sich mir ein Wachschutzmitarbeiter in den Weg. „Zu Ihnen!“, behaupte ich keck. „Ich wollte Sie fragen, ob ich mir die beiden Gefallenendenkmäler anschauen darf, die sich hier auf dem Gelände befinden.“ Wie zu erwarten, wird das abgelehnt. „Das geht leider nicht. Eins steht dort drüben“, erklärt mir der junge Mann freundlich, „von hier aus dürfen Sie sich das gerne anschauen!“ Da mich mindestens 100 Meter davon trennen, sehe ich allerdings nur einen großen Stein. „Darf ich vielleicht ein Foto machen?“, frage ich in der Hoffnung, per Zoom die Inschrift lesen zu können. „Auf keinen Fall. Innerhalb des Geländes darf nicht fotografiert werden.“ Diskussionen sind da natürlich zwecklos, Vorschrift ist Vorschrift. Aber direkt unter meinen Füßen befindet sich eine perfekte Nachbildung des Polizeistern-Emblems aus Pflastersteinen, ein richtiges Kunstwerk. „Darf ich wenigstens das fotografieren?“, erkundige ich mich hoffnungsvoll. Geduldig erklärt er seinem offenbar begriffsstutzigen Gegenüber: „Nein, denn auch das befindet sich innerhalb des Geländes!“ Ok, ich habe verstanden. Freundlich verabschieden wir uns voneinander und ich wende mich weiteren Nacharbeiten der vorherigen Tour zu. Dazu gehört das Gebiet des ehemaligen Tierheims Lankwitz (in der Beschreibung vom 25.06.2026 ergänzt), aber auch der Luther- und Kreuzkirchhof. Diese beiden Friedhöfe bilden räumlich eine Einheit. Eigentlich merkt man gar nicht, dass man sich auf zwei verschiedenen Arealen befindet. Aber sie sind historisch und verwaltungsmäßig getrennt. Der Luther-Kirchhof besteht seit 1900, als die evangelische Luther-Gemeinde das Gelände an der Malteserstraße kaufte. Der Kreuz-Friedhof wurde 1930 als zusätzlicher Begräbnisplatz erworben. Ich bin jedenfalls sehr beeindruckt vom Eingangsportal, hinter dem sich eine – soweit man das überhaupt so sagen kann – wunderschöne Gemeinschafts-Grabanlage befindet. Einzig den Straßenlärm empfinde ich als störend.

Geht man weiter, folgen weitere interessante Varianten dieser Begräbnisart. Für verstorbene Kinder gibt es eine separate Abteilung, die ich mir aber erspare. Nichts ist schlimmer, als sein Kind zu Grabe tragen zu müssen.

Auf einer etwas abseits stehenden Bank lege ich eine Pause ein, lüfte meine Füße und bemerke hier schon leichte Anzeichen, dass die Wahl meines heutigen Schuhwerks wohl nicht die beste war. Ich kann es mir nicht erklären, was mich dazu bewogen hat, Barfußschuhe anzuziehen, aber ich muss nun irgendwie damit klarkommen. Es gibt ja genug Ablenkung, z.B. die originelle Schaufensterbeschriftung eines Steinmetzes:

Erst jetzt beginnt die eigentliche Tour für den heutigen Tag. Wenn ich den Plan anschaue, wird es mir schon ein bisschen mulmig. Das sind noch sehr, sehr viele Straßen! Bei REWE biege ich ab in die Friedrichrodaer Straße, die gleichzeitig die Grenze zu Tempelhof-Schöneberg darstellt. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, erst in vielleicht zwei oder drei Jahren hier anzuschließen. Der Supermarkt fällt auf durch seine ungewöhnliche, kassettenartige Dachkonstruktion aus Holz. Er verfügt sogar über ein Gewächshaus für urbanen Pflanzenanbau auf dem Dach, Solarmodule und nutzt die Abwärme der Kühlanlagen. Ein intelligentes Kreislaufsystem, das Bauen, Energie und Lebensmittelproduktion miteinander verbindet. In einer hauseigenen Zucht schwimmen Fische. Das nährstoffreiche Wasser aus den Fischtanks wird gefiltert und als natürlicher Dünger für die Pflanzen auf dem Dach genutzt. Das ist schon sehr besonders!

Ich tauche ein in die Stille der Nebenstraßen und bin beeindruckt von der plötzlichen Ruhe, die mich umgibt. Es herrscht geradezu Grabesstille! Ab und zu fährt auch mal ein Auto durch, aber überwiegend parken diese Stoßstange an Stoßstange am Straßenrand. Es ist auffällig, dass mittags offenbar viele zuhause sind. Arbeiten etwa alle im Homeoffice? Oder sind die Bewohner hauptsächlich in meinem Alter? Könnte ja auch sein. Auf der Schöneberger Seite der Straße stehen Reihenhäuser mit sehr kreativer Haustürgestaltung. Zwischen einer Birkenreihe und den rückwärtigen Grundstücken verläuft der Kämpergraben, ein schmaler, unscheinbarer Regenwassergraben. Er gehört zu einem älteren oberirdischen Entwässerungssystem, das in den ehemaligen Garten- und Parzellenflächen angelegt wurde.

Ich arbeite mich durch das Straßengeflecht mit Namen wie Falkenhausenweg, Pappritzstraße, Weygerweg, Preysingstraße u.a. hindurch und stoße auf viele Doppelhäuser sowie Reihenhauszeilen aus den 1930er Jahren mit vier oder sechs Wohneinheiten, ausgeführt in ein- bis dreigeschossiger Bauweise, die alle um 1990 herum saniert worden sind. Sie wurden gebaut „für minderbemittelte Volksschichten“, für „unverschuldet in Not Geratene“ oder im Geiste der „Wohnungsfürsorge“. Eine ruhige Wohngegend mit schmalen Straßen, die an vielen Stellen durch grüne Querwege und Parks verbunden sind. Von Norden führt ein Weg durch den Rundbogendurchgang einer Reihenhausgruppe und anschließend durch einen kleinen Grüngürtel in die Siedlung. Hinter den Häusern liegen Mietergärten, die früher der Versorgung der Bewohner dienten. Man erreicht sie auf pergolenüberbrückten Zugängen. Die ursprünglichen Putzbauten wurden später mit Wärmedämmung versehen, deren Kontaktpunkte an einigen Stelle sehr deutlich zu sehen sind. Sie erzeugen ein unruhiges Punktemuster auf den Fassaden. Bauherr der Siedlung war die Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin, die 1937 zusammen mit weiteren städtischen Gesellschaften in der GSW, der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft, aufging. Alles in allem eine Wohngegend, deren Konzept ich sehr überzeugend und unverwechselbar finde.

Wie schon öfter beschrieben, bin ich immer bemüht, möglichst wenige Straßenabschnitte doppelt laufen zu müssen, heute sowieso, denn meine Füße beschweren sich immer lauter über mein unpassendes Schuhwerk, insbesondere die Fersen. Mit Blick auf die Karte bleibe ich an einer Straßenecke stehen und überlege, wie ich am effektivsten vorgehen kann. Allerdings gibt es immer irgendwo eine Stelle, an der ich gezwungen wäre, einen Weg ein zweites Mal zu gehen. Schließlich brummle ich vor mich hin: „Gut, dann gehe ich erst nach rechts den Trachenbergring entlang“, nicht ahnend, dass die junge Frau mit Hund, an der ich soeben vorbeigegangen bin, noch hinter mir steht. „Suchst du die Kletterhalle?“, fragt sie mich. Bis zu diesem Augenblick hatte ich noch nie etwas von dieser Halle gehört, die allerdings mit einer Wandhöhe von 17 Metern und über 1.500 qm Kletterfläche als die höchste und größte Kletterhalle Berlins gilt. Da sie sich auf der Tempelhof-Schöneberger Seite des Trachenbergrings befindet, hätte sich diese Wissenslücke auch nicht so schnell geschlossen, zumal Klettern neben Wintersport, Geräteturnen und Schwimmen zu den Sportarten gehört, für die meine Bewegungskoordination schlicht nicht vorgesehen ist. Klettern zählt zu den Disziplinen, in denen meine Motorik eher zuschaut als mitmacht. Um so mehr fühle ich mich geehrt, dass man mir eine solche Geschicklichkeit zutraut, was allerdings auch auf meine dafür vermutlich perfekten Schuhe zurückzuführen ist. Ich kläre lachend den Irrtum auf und erzähle ihr von meinem Mehrjahresprojekt, natürlich inklusive Überreichung meiner Visitenkarte. Nadine – so heißt sie – ist sofort begeistert von meinem Vorhaben und auch Rocky, ihr vierbeiniger Begleiter scheint sich zu freuen, meine Bekanntschaft zu machen. Ganz spontan lädt mich Nadine ein, sie zu besuchen: „Ich wohne gar nicht weit weg von hier. Ich drehe nur noch mit Rocky eine Runde, dann bin ich zu Hause. Wenn du magst, komm´ doch nachher vorbei!“ Sie nennt mir die Adresse, „das Haus mit der hohen Hecke davor“ und betont nochmal, wie sehr sie sich freuen würde. Was für eine wunderbare, zufällige Begegnung! Jetzt freue ich mich, dass ich heute morgen eine Stunde später aus dem Haus gegangen bin, denn sonst hätte ich Nadine nicht getroffen. Also laufe ich noch ein paar Straßen ab, denn ich will ja auch nicht sofort auf der Matte stehen und mache dabei so einige Entdeckungen. In der Wichurastraße / Ecke Belßstraße stehen Häuser mit sehr ungewöhnlichem Dachaufbau. Sie gehören zur Belß-Lüdecke-Siedlung (auch „Mau-Mau-Siedlung“ genannt).

Die Siedlung der 1950er Jahre wurde nicht neu erfunden, sondern weitergebaut. Statt Abriss wurden die Bestandsgebäude instandgesetzt und energetisch ertüchtigt, während die ursprüngliche Struktur erhalten blieb. Zentral für die Erneuerung waren die Dachaufstockungen, die zusammen mit Kopfbauten und Anbauten die Siedlung neu gliedern und zusätzliche Wohnungen schaffen. Insgesamt entstanden so 61 neue Einheiten, ohne die Gartenräume oder Mietergärten zu verdrängen. Die Aufstockungen fügen sich in die Siedlungslandschaft ein und ermöglichen neue Wohnformen wie Seniorenwohnen und Atelierwohnungen, die die Durchmischung des Quartiers erweitern. Technisch wurde die Siedlung durch eine neue Heizzentrale mit Blockheizkraftwerk modernisiert; Wärme und Strom laufen über ein Nahwärme- und Verbundnetz, Regenwasser wird für Gartenbewässerung und WC-Spülungen genutzt. Ich finde, das klingt gut durchdacht und funktional.

Es folgt im Trachenbergring ein bunter Mix aus Einfamilienhaus-Vorgarten-Idylle direkt an der S-Bahn-Trasse, einer Gemeinschaftsunterkunft, dem Institut für Umschulung, Weiterbildung, Qualifikation und Integration und diversen Firmengeländen – eins davon mit elf Briefkästen am Zaun, von denen keiner dem anderen gleicht.

Jetzt wird es aber Zeit, mich der Straße zu nähern, in der Nadine wohnt, sonst denkt sie, ich hätte es mir anders überlegt. Ich halte Ausschau nach der großen Hecke und bin froh, dass sie mir zusätzlich auch die Hausnummer genannt hat, denn hohe Hecken gibt es hier so einige. Doch sie hat natürlich recht, die vor Nummer acht übertrifft die anderen um Längen. Nun habe ich zwar das Haus gefunden, doch hier gibt es mehrere Wohnungen. Wo soll ich jetzt klingeln? Ihren Nachnamen kenne ich nämlich (noch) nicht. Während meiner Überlegungen finde ich die offene Haustür. Ich gehe hinein, stehe vor einer Wohnungstür, die ebenfalls weit geöffnet ist und schleiche mich wie ein Strauchdieb wieder hinaus. Ich kann doch da jetzt nicht einfach reinspazieren! Wieder auf der Straße, pilgere ich vor der Hecke auf und ab. Was mache ich jetzt? Einfach weitergehen? Das wäre echt schade, wo ich doch so nah am Ziel bin! Also nehme ich ein zweites Mal Anlauf, treffe dieses Mal zum Glück einen Mann auf der Treppe, hole tief Luft und will gerade zu meiner Frage nach einer Nadine ansetzen, als er ausruft: „Ah, du bist Renate! Nadine hat dich schon angekündigt! Komm doch rein!“ So fühle ich mich bedeutend wohler beim Betreten der Wohnung, wo ich von Nadine und Rocky begrüßt werde. Alle freuen sich, dass ich hier eine kleine Pause einlege. Zur Abkühlung bekomme ich ein Eis, kraule Rocky hinter den Ohren und werde von ihm unmissverständlich zum Weitermachen aufgefordert, als ich damit aufhören will. Es ist total gemütlich hier und wir erzählen uns gegenseitig von uns – was uns geprägt hat, von unseren Familien und über die aktuelle Situation.

Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht festquatsche, denn erstens haben Nadine und Benny auch ohne mich genug zu tun und zweitens ist es schon fast 18 Uhr und das Straßensoll noch längst nicht erfüllt. Wir sind uns einig: Irgendwann wird mich Nadine vielleicht auch mal begleiten oder (und) ihre Mutter, die in meinem Alter ist und mich tatsächlich später über Instagram kontaktiert. Sie wohnt leider nicht in Berlin, würde aber gerne mal einen Tag mit mir verbringen. Wir bleiben in Kontakt, wie man so schön sagt und ich bin sehr glücklich, wieder so freundliche Menschen kennengelernt zu haben. Dafür liebe ich meine Wanderungen besonders.

Also tapse ich weiter. Noch gehts mit dem Laufen, aber ich merke beim Auftreten immer deutlicher, dass sich unter den Fersen was zusammenbraut, vor allem links. Bei mir spielen sich gesundheitliche Probleme immer links ab. Aber das wird ignoriert, jetzt ist keine Zeit, um zu jammern. Ich arbeite mich langsam in Richtung Kamenzer Damm vor, erfreue mich an den geradezu niedlichen Wohnblocks mit nur zwei Stockwerken im Keffenbrinkweg, versuche die Darstellung auf einem Relief zu entschlüsseln und philosophiere, ob Popcorn statt Polizei die Welt ein bisschen friedlicher machen würde.

Ziemlich unerwartet stolpere ich aus dieser beschaulichen Siedlungslandschaft in die von Industrie geprägte Haynauer Straße, fast ein kleiner Kulturschock. Hier gibt es außer zwei Buddy-Bären fürs verwöhnte Auge nicht allzu viel zu entdecken, aber natürlich haben diese Betriebe auch ihre Daseinsberechtigung. Vor einer Baracke steht eine Bank, die ich nutze, um meine Fersen mit Pflaster und Einlegesohlen zu polstern. Der Erfolg ist mäßig, wie ich feststellen muss. Selbst schuld, sage ich mir, was ziehe ich denn auch solche Schuhe an!

Trotzdem tragen mich meine Füße brav weiter, vielleicht nicht mehr so geschmeidig wie sonst, aber ich komme vorwärts. Am Kamenzer Damm kann ich von der Lankwitzer Brücke aus das Alte Gaswerk Mariendorf sehen, dessen Besuch allerdings erst sehr viel später auf dem Programm stehen wird. Meine Richtung ist die entgegengesetzte und durch eine Baumreihe hindurch sehe ich mehrere Blocks älteren Datums, die mich neugierig machen.

Es handelt sich hier um betreute Wohnplätze für erwachsene Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Der Betreiber ist das Lwerk – die Lankwitzer Werkstätten. Die Wohnangebote können ohne weitere Voraussetzungen genutzt werden – eine Tätigkeit im Lwerk ist nicht notwendig, aber möglich, auch Arbeitssuchende oder Rentner können aufgenommen werden.

  • Betreutes Einzelwohnen und Paarwohnen
  • Wohnen in großen Einheiten für 4–6 Personen oder kleinen Einheiten für 2–3 Personen
  • In eigenen Wohnungen oder in Trägerwohnungen

Die Trägerwohnungen. sind nicht als solche erkennbar, um eine selbstverständliche Eingliederung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen . Alle Wohnungen verfügen über Wohnzimmer, Küchen, Essräume, mehrere Bäder, sowie Balkone, Terrassen oder Gärten. Die Zimmer werden renoviert übergeben und können individuell gestaltet werden und man hat den Eindruck, dass sich die Menschen hier sehr wohl fühlen.

Direkt gegenüber befindet sich der BFC-Preußenpark, eine riesige Sportanlage mit vielen Betätigungsmöglichkeiten.

Nun habe ich es fast geschafft, es stehen noch ein paar Straßen in der schon erwähnten Belß-Lüdecke-Siedlung aus und dort drumherum. Eine sportliche Gegend, denn ich entdecke noch einen Fußballplatz mit der Kiriat-Bialik-Sporthalle, benannt nach der israelischen Partnerstadt von Steglitz-Zehlendorf. Die Ludwig-Bechstein-Grundschule am Halbauer Weg enttäuscht mich ein bisschen, aber man darf nicht vergessen, dass ich bisher im Stadtbezirk überwiegend außergewöhnlich prachtvollen Schulen gegenüberstand. Auch der Anblick eines riesiges Wohnheims in der Straße macht die Sache nicht besser. Aber die Wohnblocks in der Brieger- und Mudrastraße hellen meine Stimmung wieder auf. Hier hat man es geschafft, durch Farbgebung und Blumenmotive an den Fassaden und Zufahrten, Blumenbeete, parkähnliche Wege und auch einen Bücherschrank Abwechslung und eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen.

Vielleicht ist es meiner inzwischen wie ein kleiner Schwimmring aufgeplusterten Ferse geschuldet, aber ich habe völlig die Evangelische Paul-Schneider-Kirchengemeinde in der Belßstraße übersehen. Vorbeigelaufen bin ich auf jeden Fall, aber erst jetzt zu Hause sehe ich den Eintrag auf dem Stadtplan. Zu allem Überfluss versagt meine übrigens neue Solarpowerbank den Dienst und weigert sich, mein Handy weiterhin mit Strom zu versorgen. Das hat zur Folge, dass der letzte Kilometer von der Tracking-App nicht aufgezeichnet wurde. Es ist keine Katastrophe, aber es ärgert mich trotzdem. Was lerne ich daraus? Keine Experimente mehr, nur noch Schuhwerk und Zubehör verwenden, das sich bewährt hat. Ob ich am Donnerstag wieder richtig auftreten konnte? Das erfahrt ihr im nächsten Bericht. Nach diesem Marsch bin ich jedenfalls nur auf Zehenspitzen durch die Wohnung geschlichen. Bleibt dran! 😉