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07. August 2026 | Spandau (Kladow) | Alt-Kladow, Kladower Forum, Nicolaische Buchhandlung, Bibliothek, viele lange Straßen, Wald und Felder

„Es singen die Wasser im Schlafe noch fort | Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.“ (Eduard Mörike) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Nach dem Erwandern der dichtbesiedelten Straßen von Steglitz freue ich mich schon sehr auf die Auszeit, die mich mit dem Beginn der Eroberung des zweiten Stadtbezirks erwartet. Vor zwei Jahren hatte ich mit meiner Schwester einen Tagesausflug nach Kladow gemacht und mir damals schon vorgenommen, noch einmal dort hinzufahren. Wir waren total begeistert von diesem idyllischen Ort, hatten aber nicht genügend Zeit, alles in Augenschein zu nehmen. Nun ist es soweit. Seit Tagen freue ich mich darauf, denn schon die Anreise fühlt sich wie Urlaub an. Ab Wannsee fährt zu jeder vollen Stunde eine Fähre nach Alt-Kladow, die zwanzig Minuten unterwegs ist von einem Ufer zum anderen über den Großen Wannsee und die Havel. Die Strecke ist 4,4 Kilometer lang und zählt zu den längsten Fährlinien Berlins. Während der Fahrt kann man die Ausblicke auf die Havel und die Insel Schwanenwerder genießen, die nun endlich den Blick freigibt auf ein Grundstück, dass von der Insel aus völlig blickdicht verbarrikadiert ist.

Auch das Strandbad Wannsee ist von der Wasserseite viel besser in seinen Dimensionen zu erfassen als vor Ort.

In Kladow angekommen, macht sich sofort Urlaubsfeeling breit mit dem Impuls, einen Biergarten am Ufer aufzusuchen und bei einem, zwei oder drei Aperol alle Fünfe gerade sein zu lassen und das Leben zu genießen. Ist das schön hier!

Schließlich erinnere ich mich, weswegen ich hier bin, schaue auf meinen Plan und beschließe, zunächst die Grenzen der Tagesroute abzulaufen. Das hat den Vorteil, dass sie dann auch in der App Geotracking abgesteckt sind und ich mich so dort besser orientieren kann. Zunächst geht’s den Rohrsängersteig aufwärts ins eigentliche Dorf Alt-Kladow. Auch dieser Weg gibt mir das Gefühl, ganz weit weg von Berlin zu sein, denn es geht relativ steil bergauf.

Es ist eine durch die Eiszeit entstandene Haveldüne, die ich da gerade erklimme, kurz darauf stehe ich auf dem Dorfplatz. Hier lockt gleich die nächste Einkehrmöglichkeit, aber auch eine Edelstahl-Skulptur, die schwer zu deuten ist.  Ein Schild gibt Auskunft, dass es sich um das „Freud´sche Schwert“ handelt, das der Künstler Volkmar Haase 1992 den Kladowern zur 725-Jahr-Feier geschenkt hat. In der Interpretation heißt es, dass das Schwert den Verzicht auf Gewalt symbolisiert und die Umkehrung einer Waffe in ein friedliches Raumobjekt. Ich muss gestehen, dass ich noch nicht einmal das Schwert erkenne, aber egal. Jede Kunst im öffentlichen Raum stellt eine Bereicherung dar und ist nach meiner subjektiven Wahrnehmung rar gesät im Südwesten Berlins.

Ein einladend geöffnetes Tor lockt mich zur Evangelischen Dorfkirche, aus der gerade eine Frau kommt und mich freundlich grüßt. Bevor ich das Kircheninnere unter die Lupe nehme, schlendere ich über den Kirchhof, der den Gedanken auf angenehmste Weise freien Raum lässt. Eigentlich gibt es gar nicht viel zu sehen. Bis 1865 war hier ein Friedhof, der mit dem Bevölkerungszuwachs unweit der Kirche an der Sakrower Landstraße angelegt wurde. Jetzt sind vereinzelt noch Grabsteine zu sehen, ansonsten nur Wiese, eine bemalte Bretterwand, Engelsflügel und ein rührend kleiner Birnbaum, der sich unter der Last seiner einzigen Frucht biegt und in den ich mich sofort verliebe. Man möchte ihm zurufen: „Du schaffst das! Auch aus dir wird einst ein großer Baum werden!“

2007 hat die Kirche ihren freundlichen Anstrich bekommen, eine Farbe, die mich – wie ich bemerkt habe – äußerst wohlgesonnen stimmt. Wenn mich Gebäude hell- oder sonnengelb anstrahlen, hebt sich meine ohnehin gute Stimmung nochmal deutlich. Andere empfinden da ganz anders, wie ich feststellen musste. Mir gefällts jedenfalls und so folge ich gutgelaunt der Einladung zur Besichtigung der Offenen Kirche.

Unter einer tiefhängenden Kassettendecke laufe ich zwischen den Bankreihen nach vorne. Es ist alles sehr schlicht gehalten, aber kein Detail ist dem Zufall überlassen. Nachdem die Kirche durch marodierende Soldaten 1808 abgebrannt wurde, konnte 1822 eine neue im neogotischen Stil eingeweiht werden. Die Karl Ludwig Gesell-Orgel ist bis heute in Betrieb und gilt als die älteste erhaltene Dorfkirchenorgel Westberlins. Auffällig ist die Skulptur „Der Gekreuzigte“, die 2011 von einer Frau aus der Kladower Gemeinde gestiftet wurde.

Wieder auf profanem Boden, folge ich der Beschilderung „Alt-Kladow“, die mich dreimal um die Ecke führt zu Häusern, an denen vermutlich sonst nur Anwohner vorübergehen, so versteckt liegen sie. Dabei entdecke ich eine Linde, die ihr Leid auf einem danebenstehenden Holzschild klagt und das ebenfalls ziemlich ins Abseits gerückte Gefallenendenkmal des Ersten Weltkrieges.

Gegenüber vom Dorfplatz und hinter einem Baustellenzaun strahlt mich das nächste gelbe Gebäude an mit dem Schriftzug „Kladower Forum“. Damit kann ich erst einmal nichts anfangen, aber es macht mich neugierig.

Auf der Rückseite steht ein original venezianischer Löwenbrunnen aus echtem Marmor, der bis 1972 im Schloss Brüningslinden in Kladow stand, von dem ich noch nie gehört hatte. Es handelt sich um den repräsentativen Landsitz von Ernst Rütger Brüning auf einem hohen Havelufer der Sakrower Landstraße. Der Architekt Georg Siewert schuf 1911 ein schlossähnliches Haus mit üppigen Innenräumen im Stil des französischen Barocks. Ende der 1920er Jahre verließ Brüning Kladow. Das Gebäude wurde zunächst vom Automobilclub als Motorboot-Clubheim genutzt. 1935 übernahm der Weingroßhändler Max Gruban das Anwesen und machte es zu einem beliebten Ausflugsrestaurant, das mit Schloss Marquardt konkurrieren sollte. In den 1940er Jahren fanden hier Veranstaltungen der Mittwochsgesellschaft statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente Brüningslinden kurzzeitig als britisches Hauptquartier und anschließend als Erholungsheim für jüdische Kinder und Gemeindemitglieder. Ab 1967 lockte ein Märchenwald mit lebensgroßen Grimm-Figuren und einer Miniatureisenbahn Familien nach Kladow. Der Gastronomiebetrieb blieb jedoch defizitär, und 1972 wurde das Schloss abgerissen. Auf dem Gelände entstanden später Eigenheime, aber ein Relikt blieb erhalten: der venezianische Löwenbrunnen.

Am Haus informiert eine Tafel über dessen Geschichte und ich staune nicht schlecht, als ich lese:

Doch mit Marzahn ist nicht das Dorf gemeint, wie ich zunächst annehme, sondern eine Familie mit diesem Namen. Das ehemalige Bauernwohnhaus wurde in den 1880er Jahren von Friedrich Carl Marzahn anstelle des rohrgedeckten Vorgängerhauses errichtet. 1941 erwarb es die Stadt Berlin und verkaufte es 2001 an das Kladower Forum e.V.  Was aber verbirgt sich hinter dem Verein?

Die Mitglieder organisieren kulturelle Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte und ortsgeschichtliche Führungen, dokumentieren die Geschichte des Ortsteils und fördert Projekte zur Verschönerung und Pflege des öffentlichen Raums. Vierteljährlich erscheint die Zeitschrift „Treffpunkte“, die über lokale Themen, historische Beiträge und Vereinsaktivitäten informiert. Mit seinen Arbeitsgruppen – von Musik und Fotografie bis zu Initiativen für Umwelt und Ortsbild – schafft das Kladower Forum kontinuierlich Räume für Begegnung und Austausch, alles perfekte Anknüpfungspunkte für mich. Dabei bin ich auf einen Podcast aufmerksam geworden namens U 100 – Generation Kladow, der mich so begeistert hat, dass ich am Wochenende alle 22 Folgen angehört habe. Der Wirtschaftspsychologe Oliver Schmidt – seit ca. 15 Jahren selbst Kladower – hat verwirklicht, was sich viele immer vornehmen und dann doch nicht machen. Er hat alteingesessenen Kladowern eine Bühne gegeben und sie ermutigt, vor dem Mikrofon ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Dabei geht er jeweils sehr einfühlsam vor, stellt ab und zu eine Frage, hakt vorsichtig nach, lässt die Menschen aber erzählen, ohne sie pausenlos zu unterbrechen. Auf der dazugehörigen Webseite findet man zu jedem Porträtierten viele Fotos aus dessen Leben. Ich bin schwer beeindruckt und sehr berührt von den Erzählungen und fühle mich auch durch Oliver Schmidts Wahrnehmung bestätigt in meiner Auffassung, dass alte Menschen trotz des erfahrenen Leids durch Krieg, Hunger und Verluste lebensfroher waren und sind als die jetzige junge Generation.

Gleich hinter dem Kladower Forum winkt der nächste Magnet – die Nicolaische Buchhandlung, deren Vorbesitzer – damals noch Buchhandlung Kladow – in oben erwähntem Podcast ebenfalls zu Wort kommt. Schon der unverwechselbare Geruch von neuen Büchern gibt mir das Gefühl, eine Wellnessoase zu betreten. Es gab Zeiten, da habe ich Bücher gekauft, weil sie so dufteten.

Als ich mich vorstelle, löse ich bei der jungen Angestellten einen regelrechten Begeisterungssturm aus – so euphorisch werde ich (außer im Antiquariat Primobuch) selten begrüßt. „Wir haben hohen Besuch!“, ruft sie ihrer Chefin zu, die in diesem Moment aus dem Büro in den Laden kommt. Beide freuen sich sehr über mein Erscheinen und schnell entwickelt sich ein reger Austausch zwischen uns. Etliche Kladower bevölkern währenddessen ohne Unterlass den Laden, wollen bestellte Bücher abholen, sich beraten lassen oder einfach nur ein Schwätzchen halten. Es ist schön zu beobachten, dass so viele hier ein- und ausgehen und sich offenbar genauso wohlfühlen wie ich.

Von hier aus gelange ich zum Konrad-Birkholz-Platz, benannt nach dem in Kladow geborenen CDU-Kommunalpolitiker des Bezirkes Spandau, der 16 Jahre lang (bis 2011) Bezirksbürgermeister war. Den Platz schmücken ein riesengroßer Findling und eine noch schmächtige Eiche, beide mit einem Schild bestückt:

Mir wird bewusst, dass ich nun schon mehr als eine Stunde hier bin und von Vorwärtskommen nicht die Rede sein kann. Mein Plan sieht noch sehr jungfräulich aus und es wird Zeit, endlich ein bisschen Tempo zu machen. Eine meiner heutigen Grenzstraßen ist der Ritterfelddamm, dem ich mich nun zuwende. Es ist faszinierend – vom Dorfkern kommend, scheint der Ort plötzlich zu Ende zu sein, sieht man von den Häusern linkerhand mal ab. Die Straße wird optisch zur Landstraße, führt an Feldern mit Weitblick vorbei, im Hintergrund ist ein von der Royal Air Force erbauter Radarturm des Flugplatzes Gatow zu erkennen.

Links sieht es so aus:

Die Straße zieht sich und ein paar mal denke ich, dass ich nun endlich abbiegen kann in mein Laufgebiet, doch die von mir gesetzte Grenze nimmt kein Ende. Mir wird klar, dass ich die Größe der Fläche völlig unterschätzt habe und ich das Tagesprogramm niemals schaffen werde. Als ich endlich in die Selbitzer Straße schwenke, habe ich das Gefühl, schon 20 Kilometer gelaufen zu sein, aber jetzt fängt es ja erst einmal richtig an! Die Straßen, die nun folgen, wurden fast alle Anfang der 1930er Jahre angelegt und sind deswegen in der Bebauung nicht so uniform wie die meisten heutzutage. Sie liegen abseits des Dorfzentrums und haben eher ländlichen Charakter, die Gehwege sind nicht durchgehend befestigt, überall wuchern Büsche, mal gezähmt, mal sich selbst überlassen. Immer wieder gibt es Abzweigungen in die Wildnis – den Unkenpfuhlpark, die Fuchsberge, später den Hottengrund und andere naturbelassene Streifen. Hier und da mal ein Haus in außergewöhnlichem Baustil.

Wie aus dem Nichts tauchen zwischendrin auch Läden auf:

Über den Krampnitzer Weg nähere ich mich wieder dem Dorfzentrum und mit ihm Gebäuden, die eine wichtige Rolle in Kladow eingenommen haben und teilweise unter Denkmalschutz stehen.

Bei einem Bäcker am Ritterfelddamm habe ich mir für viel Geld Kuchen gekauft, den ich während einer Pause auf dem Friedhof der Evangelischen Kirche komplett vertilge. War so nicht geplant, aber nun ist er alle. Mit diesem Zucker-Energieschub hält mich nichts mehr auf der Bank und ich inspiziere die alten Gräber. Gefühlt die Hälfte tragen den Namen Parnemann, eine alteingesessene Familie von Rang und Namen. August Parnemann z.B. war Landwirt und Bäcker und prägte als Gastwirt die lokale Entwicklung des Ortes. Er ließ am heutigen Sakrower Kirchweg das bekannte Gasthaus „Helgoland“ errichten und eröffnet es 1896, das über einen Ausspann für Kutschen verfügte. Auch der Straßenname Parnemannweg erinnert an die Familie.

Nun erreiche ich die alte Dorfschule an der Sakrower Landstraße, die heute der Stadtteilbibliothek Kladow als Domizil dient. Nebenan lockt ein Kunstatelier mit total witzigen und abgefahrenen Skulpturen aus Holz und anderen Werkstoffen, die den Garten bevölkern und wohl jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Leider ist abgeschlossen, denn auch Schmuck soll es hier geben, der vermutlich ähnlich originell ist. Es ist ja nicht so, als würde ich dringend welchen benötigen, Kenner meiner Ohrringsammlung werden zustimmend nicken. Doch meist entdeckt man etwas, von dem man bis dahin gar nicht wusste, dass man es unbedingt braucht. Ich gehe weiter zum Eingang der Bibliothek, die erfreulicherweise gerade geöffnet hat. Eine Mitarbeiterin, die mir vage bekannt vorkommt, ist im Gespräch mit einer älteren Leserin, die großen Redebedarf hat. Das kennen vermutlich alle Kolleginnen und Kollegen, wir sind letztendlich auch immer sozialer Anlaufpunkt für viele Menschen und wissen, wie wichtig es ist, zuzuhören. Eine junge Kollegin sitzt an der Infotheke und hat auch zu tun. Also spaziere ich erst einmal durch die Räume, die sehr gemütlich eingerichtet sind. Vielleicht gibt es ja hier etwas Regionalliteratur über Kladow, hoffe ich und steuere auf das Berlin-Regal zu, das aber nicht allzu viel hergibt und über Kladow gar nichts.

Das Gespräch zwischen Bibliothekarin und Leserin hat nun erst richtig Fahrt aufgenommen, so dass ich nicht länger warten möchte. Ich wende mich deswegen an die jüngere Mitarbeiterin: „Ich wollte nur kurz vorbeischauen als ehemalige Kollegin aus Marzahn und Hallo sagen. Ich bin gerade hier unterwegs, denn ich laufe alle Straßen von Berlin ab.“ Sie hatte noch nichts davon gehört, nimmt aber höflich meine Visitenkarte entgegen und ich trabe weiter auf den Straßen rings um die Fuchsberge. Zum Glück kann ich am Ende einer Straße oft durch den Wald zur nächsten Parallelstraße wechseln, wodurch ich doppelte Wege vermeiden kann. Immer wieder höre ich Kinderlachen und -rufe, denn die Grundschule am Ritterfeld ist ganz in der Nähe, wo offensichtlich eine aktive Ferienbetreuung stattfindet.

Am Schwabinger / Aiblinger und Gautinger Weg geht mir das Herz auf, denn hier leuchten mir insgesamt 48 Doppelwohnhäuser, Baujahr 1938 in meiner Lieblingsfarbe entgegen, kombiniert mit dem Grün der Fensterläden und in allen Farben strahlenden Vorgärten. Diese unter Denkmalschutz stehende Gesamtanlage wurde von der Niedersächsischen Siedlungsgesellschaft errichtet, die immer noch dafür zuständig ist.

Ich bin begeistert, glaube aber, selbst hier nicht wohnen zu wollen, denn ich könnte mir vorstellen, dass jeder seinen Nachbarn im Visier hat und aufpasst, dass auch alles seine Ordnung hat. Was ich nicht verstehe – ein Haus schert aus, es hat einen weißen Anstrich. Ist das überhaupt erlaubt, wenn die Anlage unter Denkmalschutz steht? Gedankenverloren biege ich ab und stehe plötzlich wieder auf freiem Feld, das von einer kleinen Herde schottischer Hochlandrinder bevölkert wird, deren glänzendes, fast blondes Fell manchen vor Neid erblassen lassen könnte. So schöne Tiere, die mir wesentlich weniger Aufmerksamkeit widmen als ich ihnen. Als wären sie es gewohnt, bewundernd angestarrt zu werden.

Schweren Herzens löse ich mich von dieser Tier- und Augenweide und arbeite weiter Straßen ab, die oft sehr lang sind und deutliche Höhenunterschiede aufzuweisen haben. Es ist ein Siedlungsgebiet mit überwiegend Einfamilienhäusern, teils auch zweistöckigen Wohngebäuden für mehrere Familien. Vor einem Haus hat sich Polizei postiert mit Schutzhäuschen, was auf eine dauerhafte Bewachung hindeutet. Ich vermute, dass es sich hierbei um das Wohnhaus von Kai Wegner handelt, denn er ist Kladower. Es sind hier die eher verborgenen Dinge, die man erst auf den zweiten Blick bemerkt, kleine Details, gärtnerische Fertigkeiten, die zu entdecken großen Spaß machen:

Hinter einem Gartenzaun steht eine Figur aus rostigem Stahl. Am Haus lehnt eine lange Leiter, auf deren oberen Sprossen eine Frau balanciert und die Fenster von außen putzt. Unten sichert ihre Tochter die Leiter. Ich frage vorsichtshalber, ob ich die Skulptur fotografieren darf. „Natürlich! Sie können auch mich fotografieren!“, ruft mir die Frau fröhlich zu. Als sie aber hört, dass sie dann im Internet zu sehen wäre in dieser Position, lacht sie: „Ok, dann lieber doch nicht.“ Sie findet meine Straßenidee richtig gut und so kommen wir ins Gespräch, fachsimpeln übers Fensterputzen und die Figur im Vorgarten. Wer sie erschaffen hat, ist ihr nicht bekannt, aber sie schickt ihre Tochter ins Haus, um den Papa zu fragen. „Der weiß das.“ Doch er kennt nur den Titel: Faun mit Harfe. Sie wünschen mir noch viel Freude beim Weiterwandern und wir verabschieden uns.

Kurz darauf habe ich die nächste nette Begegnung. Ich bin gerade mal wieder eine sehr lange Straße hochgelaufen und sehe, dass sie in einer Sackgasse endet. Och nö, denke ich, jetzt muss ich alles wieder zurücklaufen, um unten in die Parallelstraße einbiegen zu können. Da steigt ein älteres Ehepaar aus dem Auto, geht durch ein Gartentor und fragt mich, ob ich auch mit durch möchte. „Ich weiß nicht so genau“, erwidere ich, „führt denn der Weg zur Kreutzwaldstraße?“ Die beiden bejahen das, es ist ein Verbindungsweg für Anwohner, der auf der anderen Seite auch wieder durch ein kleines Tor verlassen werden kann. Sie fragen, ob sie mir wegweisend helfen können und so kommen wir zwangsläufig auf meine Beweggründe zu sprechen, warum ich mich hier aufhalte. „Das ist ja eine wunderbare Idee!“, schwärmt die Frau, während ihr Mann zweifelnd nachfragt: „Aber Sie laufen nicht jede Straße, oder?“ „Doch!“, korrigiert ihn seine Frau, „sie läuft alle Straßen von ganz Berlin!“ Er kann es gar nicht fassen. „Und wo übernachten Sie dann?“, wollen sie wissen. „Haben Sie genug zu essen und trinken dabei? Sonst hätten wir Ihnen was gegeben!“ Es gibt so viele freundliche Menschen!

Die Siedlung hat einen ganz eigenwilligen Charakter, weit auseinandergezogen, lange Straßen, die sich verlieren, am Wald enden, an Feldern und Weiden. Ich habe das Gefühl, zu laufen, laufen, laufen und nicht mehr zu wissen, wo ich bin, wo ich schon war und ob ich jemals wieder herausfinde. Es geht ordentlich bergauf und wieder hinab, ich stehe auf Hügeln und lande immer wieder im Wald.

Der letzte Abschnitt für heute führt mich an einem Campingplatz vorbei zur Landesgrenze und gleichzeitig Mauerweg.

Nun bewege ich mich in Richtung Hottengrund und der Blücherkaserne, die natürlich abgesperrt ist und finde noch so einige interessante Häuser und Schmuckelemente:

Da ich wieder mit der Fähre zurück will, muss ich für heute Schluss machen. Fakt ist, ich habe nur die Hälfte geschafft und bin trotzdem 23 km gelaufen. Ist ja auch genug. Ich freue mich auf mehr Kladow in den nächsten Tagen!