„Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.“ (Franz Kafka) – Kalenderspruch des Tages
Gäbe es nicht die mir selbst auferlegte Verpflichtung, dem Wetter kein Mitspracherecht einzuräumen, wäre ich vermutlich bisher noch gar nicht unterwegs gewesen. Schon zu Beginn begegnete mir so mancher mit Kopfschütteln, als ich mich trotz Stromausfall und Eisregen mutig ins Abenteuer stürzte, aber heute zweifle selbst ich an meinem Verstand. Nur mein Ehrgeiz zwingt mich bei Glatteis und bleigrauer Wolkendecke in die Spur – und eine Verabredung. Nicht mit dem Reporter, der unseren Termin aus dringenden Gründen auf nächste Woche verschoben hat, sondern mit Eddie, einem jungen Mann aus meiner Schreibwerkstatt. Über seine Anfrage, mal mitlaufen zu dürfen, habe ich mich sehr gefreut und wir treffen uns um 10 Uhr am S-Bahnhof Wannsee, der früher Wannensee hieß. Das Empfangsgebäude war ab 1878 ein von der Wiener Weltausstellung ausrangierter Pavillon. 1879 erhielt die Wetzlarer Bahn einen eigenen Mittelbahnsteig (heutiger Fernbahnsteig) unter dem Namen Dreilinden. Beide wurden dann zum Bahnhof Wannsee vereinigt. Der Reichsbahnarchitekt Richard Brademann schuf das heutige großzügige Bahnhofsgebäude, das 1928 eingeweiht wurde, also bald 100 Jahre alt ist.

Ein letztes Mal wird dieser Bahnhof als Start und Abschluss meiner Tagesetappen eine Rolle spielen, denn heute bin ich nur noch ein kurzes Stück im Ortsteil Wannsee, dann habe ich hier alle Straßen gesehen. Die heutige Tour verläuft überwiegend in Nikolassee, wo ich mich in den nächsten Tagen näher umschauen werde. Deswegen an dieser Stelle ein paar Informationen zu diesem Teil des Stadtbezirkes Steglitz-Zehlendorf.
Nikolassee wurde erst 1910 zur eigenständigen Landgemeinde erhoben. Als 1920 die Eingemeindung nach Berlin erfolgte, war Nikolassee neben den Gutsbezirken Wuhlheide und Heerstraße eine der jüngsten einverleibten Gemeinden. „Im Jahr 1900 erwarb die Heimstätten-Aktiengesellschaft 98 ha Land im Gutsbezirk Düppel und legte dort ab 1901 eine Villen- und Landhauskolonie an.“ (Aus: „Die Dörfer in Berlin“ von Hans-Jürgen Rach). Da ich bei meinen Recherchen unentwegt auf Sekundärliteratur stoße, habe ich ein vierbändiges Werk über die Häuser und Bewohner der Villenkolonien entdeckt, durch die ich mich in den nächsten Wochen bewegen werde und ich habe die Bücher gleich mal zum Ausleihen aus der ZLB geordert. Ich finde das so spannend, weil meiner Meinung nach erst durch die Menschen dahinter die Geschichte lebendig und nacherlebbar wird.
Heute betätige ich mich ausnahmsweise mal als Reiseführerin und beriesele Eddie ungefragt mit meinem bisher angeeigneten Wissen über Wannsee und die Geschichte der Häuser, an denen wir vorbeilaufen. Er nimmt meinen Redefluss klaglos hin und es ergeben sich in den nächsten fünf Stunden immer wieder Anknüpfungspunkte für Gespräche über historische Wurzeln, deren Einfluss auf unsere heutige Wahrnehmung Berlins, über das bei vielen erschreckend geringe bis nicht vorhandene Wissen und Interesse an der Vergangenheit, über Bundeskanzler, Nationalsozialismus, Krieg, Familiengeschichte, Traumata, Therapeuten, Schreibwerkstatt, Ferienjobs, Ost-West-Identität, Freunde, Skandinavien, Alpenüberquerung, Handwerkerjobs, Schichtarbeit im Kuhstall, Wein, Winzer, Lehrtätigkeit, Podcast, Musik, Bogensee u.v.m. Mit anderen Worten: Selbige gehen uns nicht aus!
Zunächst erobern wir mit Augen und Füßen die Straße „Am Sandwerder“, die so heißt, weil sie zur Insel „Cladower Sandwerder“ führt, die seit 1901 unter dem Namen Schwanenwerder bekannt ist. Dazu später mehr. Die Straße gehört zur Villenkolonie Wannsee, das Pendant zur Kolonie Alsen am gegenüberliegenden Wannsee-Ufer. Im Gegensatz zu dieser stehen die Villen hier unter Denkmalschutz, was so ein architektonisches Durcheinander und dortige unverzeihliche Zerstörung historischer Bausubstanz verhindert hat. So wandeln wir staunend von einem Zaun zum nächsten, und obwohl wir meistens nur die Auffahrt zum eigentlichen Gebäude sehen und allein die Torhäuser für einstige Gärtner und Kutscher rechts und links aus der Nähe zu betrachten sind, können wir die Pracht erahnen. Diese erschließt sich erst richtig von der Seeseite, denn durch die ca. 25 Meter erhöhte Lage über dem Wasserspiegel war genau diese prunkvolle Weitsicht und Zuschaustellung von Reichtum beabsichtigt. Das Gebiet gehörte zum Rittergut Düppel. Der Besitzer Prinz Friedrich Karl ließ das Gelände parzellieren und verkaufte es ab 1870 als Baugrundstücke.
Die erste Villa, die wir genauer in Augenschein nehmen, ist das Literarische Colloquium. Wie oft war ich schon hier! Teils selbst auf der Bühne, um mit meinen Freundinnen und Kolleginnen Kerstin Morgenstern und Daniela Boremski unser Buch „Guten Tag, haben Sie Bücher? Heiteres aus dem Bibliotheksalltag“ vorzustellen, teils als Organisatorin von Auftritten meiner Schreibwerkstatt.
Ursprünglich im Besitz von Robert Guthmann, dem Besitzer des größten Kalksteinsandwerks Europas bei Königs-Wusterhausen und noch davor Gartenhaus-Domizil des Seglerclubs „Die lustigen Sieben“, vermietete es der Guthmann-Enkel 1924 an den Bankier Ernst Goldschmidt. Der wiederum war mit Carl Zuckmayer verwandt, der dort oft zu Gast war. 1934 kaufte Otto Rosin die Villa, musste sie aber 1938 weit unter Wert an die Nazis verkaufen. Die Kriegsmarine zog ein und richtete eine Versuchsstation zur Entwicklung des Ein-Mann-U-Bootes ein. Nach 1945 wurde es Casino und Hotel der US-Army. Auch Anna Seghers wohnte kurzzeitig hier, als sie aus dem Exil zurückkam. 1960 kaufte das Land Berlin die Villa für 250.000 DM, 1962 tagte hier die Gruppe 47. Dank der Förderung durch die Ford Foundation und des Berliner Senats kann dieses wunderschöne Gebäude mit großen Park bis runter ans Wasser als Literaturort mit Gästezimmern genutzt werden. Da es öffentlich zugänglich ist, kann ich Eddie auch das mondäne Innere zeigen.
Es folgen nun noch mehrere architektonische Perlen, von dem noch ein Gebäude hervorgehoben werden soll (auf dem ersten Bild zu erahnen), weil es gerade in der jetzigen Zeit eine ganz wichtige Funktion ausübt: die American Academy, deren Veranstaltungen man auf dem Schirm haben sollte.
Das Grundstück Am Sandwerder 17-19 gehörte Franz Oppenheim und seiner ersten Frau Else, geb. Mendelssohn. Johannes Otzen, der ebenfalls in der Straße ein Haus besaß, war der Architekt. Oppenheim spielte eine große Rolle beim Aufbau der chemischen Industrie und gehörte zur Leitung von Agfa und der I.G. Farben (die perfiderweise später maßgeblich an der Vernichtung der Juden beteiligt war). 1927 kaufte es der jüdische Bankier Hans Arnhold, musste dann flüchten, so dass auch hier die Nazis einen Fuß in der Tür hatten. Zunächst ging es an die Deutsche Reichsbank, dann zog Walther Funk ein, der Pressesprecher Hitlers. Nach 1945 bis 1990 wurde es als Offiziersclub der US-Army genutzt, wurde aber in den 50er Jahren den Arnholds zurückgegeben. Die Familie verkaufte das Grundstück an das Land Berlin, das wiederum verpachtete es an die Amerikaner. Da auch nach dem Mauerfall das Interesse an der Zusammenarbeit mit den USA groß war, wurde mittels Spenden dort die jetzige Akademie eingerichtet.
Wieder am Kronprinzessinnenweg angekommen, werden wir Zeugen eines vermutlichen Richtfestes und passieren Gebäude des ehemaligen Beelitzhofes, auch Schloss Wannsee genannt. Dort war früher ein beliebtes Ausflugslokal mit Schiffsanlegestelle, Tanzpavillon, Pferdeställen, Eiskeller und Übernachtungsmöglichkeiten. Ca. 2000 Besucher kehrten dort täglich ein bis in die 1980er Jahre. Mehrmals wechselten die Besitzer. Mittlerweile wird das Schloss Wannsee von der Landesbank Berlin genutzt.


Wir sind froh, als wir von der Hauptstraße links in den Wald abbiegen können. Ein kurzer Abstecher in den Badweg führt uns zur dortigen Jugendherberge,
wir nehmen dann aber – wie es sich gehört – die richtige Straße namens Wannseebadweg, die uns durch einen Winterwald mit komplett vereisten Bäumen direkt zum Strandbad Wannsee führt.
Auch hier muss der arme Eddie eine Geschichtsstunde über sich ergehen lassen, zeigt aber glaubhaftes Interesse an meinem Vortrag nach Spickzettel-Stichpunkten. Diese Stelle war schon sehr lange ein beliebtes Ziel von Badelustigen, da die natürlichen Bedingungen ideal waren. Doch Anfang des 20. Jh., noch zu Kaisers Zeiten, stieß das freizügige Verhalten der sich hier Vergnügenden auf Proteste der anständigen Gesellschaft. Deswegen wurde das Baden verboten, aber natürlich ging das nicht lange gut. Deswegen beschloss der Senat 1907, daraus eine öffentliche Badestelle zu machen mit einem dazugehörigen Regelwerk. Es gab Umkleidekabinen, getrennte Strandabschnitte für Männer und Frauen und Bekleidungsvorschriften. So wurde das Bad immer beliebter, 1912 waren es schon 500.000 Besucher. Dann kam der 1. Weltkrieg, das Bad verfiel, aber 1924 beschloss Baustadtrat Martin Wagner den Bau eines modernen Bades mit 1000 Metern Strand, aufgeschüttet mit Ostseesand, einem Restaurant, Terrassen und modernem Empfangsgebäude. 1930 zählte das Bad 1.300.000 Besucher. Den Nazis missfiel die Architektur der Neuen Sachlichkeit und die Freizügigkeit. Das Schild „Zutritt für Juden verboten“ wurde nur 1936 kurzfristig entfernt. Im Krieg wurden einige Gebäude durch die Organisation Todt genutzt. 1945 ging der Badebetrieb weiter, aber mit der nun bezahlbaren Reisemöglichkeit in warme Länder sanken die Zahlen drastisch und das Bad verfiel wieder. 2007 wurde es denkmalgerecht saniert. Ich finde es faszinierend, welchem Auf und Ab doch viele Orte ausgesetzt sind und vor allem wie abhängig des Geschehen von der Entscheidungsgewalt einzelner Menschen ist.
Wir marschieren auf der Straße weiter durch den Wald und es dauert nicht lange, bis wir die Zufahrt zur Insel Schwanenwerder erreicht haben und betreten diese über die gleichnamige Brücke.
Die Insel ist ca. 250.000 m² groß und komplett bebaut. Als Besucher hat man keine Chance, direkt ans Wasser zu kommen. Es gibt nur eine Straße, die sich erst nach ca. 250 Metern zum Kreis öffnet. 1882 erwarb der Lampenfabrikant Wilhelm Wessel die Insel und ließ ringsrum Parzellen anlegen, die jedem Grundstück einen direkten Wasserzugang ermöglichte. Nur sein eigenes und auch das erste bebaute lag direkt in der Mitte auf der Anhöhe, so dass er damals einen guten Rundumblick hatte. Er nannte es Schwanenhof und beantragte bei Kaiser Wilhelm II., die Insel als Gegenstück zur Pfaueninsel in Schwanenwerder umbenennen zu dürfen, was auch genehmigt wurde.

Der Verkauf der Grundstücke schleppte sich dahin, denn wer wollte schon so abgeschieden wohnen? Aber es sprach sich rum, und schon bald gab es 15 neue Eigentümer. Eine der ersten Schmuckarchitekturen, die Wessel zur Verschönerung der Insel errichten ließ, ist die heute noch erhaltene „Tuilerien-Säule“. Sie ist ein Teilstück des Pariser Stadtschlosses, das beim Aufstand der Pariser Commune 1871 zerstört wurde. Der daran angebrachte Gedenkspruch lässt mich etwas irritiert zurück, ich kann damit nichts anfangen und schwanke zwischen „Was für ein Imponiergehabe“ und „Vielleicht ist es ja gut gemeint“. Von ganz oben lacht mich ein Widderkopf aus:
Wir bewegen uns nun auf dem Kreisrund der Straße vorbei an historisch stark kontaminiertem Boden, denn natürlich haben sich auch hier (oder gerade hier) die Mitglieder der Hitler-Gefolgschaft in gemachte Nester gesetzt. In Gesellschaft eines DHL-Lieferautos schleichen wir uns wie die Paparazzis von Haus zu Haus. Wo der Postbote ist, sind auch wir! Gut vorbereitet, kenne ich schon die Hausnummern und die Geschichten dahinter. So hat z.B. auf Nr. 8-10 Goebbels residiert. Das Haus wurde abgerissen. So sieht es dort jetzt aus:
Als Hitler Das Gehalt von Goebbels aufstockte, jubelte dieser, dass er nun gut damit auskomme und kaufte noch 12-14 dazu, um dort seine Gäste unterbringen zu können. Es gehörte vorher Samuel Goldschmidt. Auch hier steht mittlerweile ein anderer Gebäudekomplex und gehört zur Repräsentanz des Unternehmers und Kunstsammlers Reinhold Würth.
Ein kleines Stück weiter stehen wir vor der Nr. 15-18. Hier stand einmal das Haus Waltrud, dessen Namen sich zusammensetzte aus den Vornamen seiner Besitzer Walter Sobernheim (Brauereibesitzer und Bankier) und dessen Frau Gertrud. Nach 1933 wohnte dort das Schauspielerpaar Gustav Fröhlich und Lida Baarová. Wer ein bisschen eingetaucht ist in Goebbels Lebenslauf, weiß, dass Lida seine große Liebe war, er sich scheiden lassen und sein Amt niederlegen wollte. Doch Hitler hat zugunsten der heilen nationalsozialistischen Vorzeigefamilie Goebbels den Riegel vorgeschoben. Nach dem Krieg residierten hier die Generäle Eisenhower und Clay.
Wir passieren das Haus, in dem Hitlers Leibarzt und Urologe Theodor Morell wohnte (vorher zwangsweise abgegeben von Georg Solmssen),
beobachten vornehme Leute, die vor der Rezeption der Evangelischen Bildungsstätte aus dem Taxi steigen

und laufen immer wieder dem DHL-Boten über den Weg. Er wird sich seinen Teil denken. Was uns auch auffällt – alle Laternenmasten sind aufkleberfrei und wir beschließen, dass sich das ändern muss. 😉
Auch der Name Augstein taucht hier auf:

Es gibt tatsächlich ab und zu verwilderte Grundstücke dazwischen und wir spinnen ein bisschen rum, was es kosten würde, sich hier einzunisten. Vermutlich liegen wir damit weit unter dem tatsächlichen Kaufpreis.
Irgendwo hier muss sich früher die Reichsbräuteschule befunden haben. Reichsführerin der NS-Frauenschaft und Leiterin des Deutschen Frauenwerks Gertrud Scholtz-Klink hatte die Aufgabe, künftige SS-Ehefrauen vor der Heirat einer Prüfung durch eine Lehrkraft des Deutschen Frauenwerkes, Reichsmütterdienst, zu unterziehen. Unglaublich und einfach nicht mehr vorstellbar.
Nun nähern wir uns dem Ende der Schleife und passieren bei Nr. 34 einen Zaun, der deutlich macht, dass neugierige Blicke höchst unerwünscht sind. Eine Kameraanlage signalisiert, dass man gut beraten ist, einfach weiterzulaufen. Das machen wir auch und trollen uns von dannen. Später schaue ich mir das Grundstück aber natürlich auf Google Maps an und verstehe schlagartig die Geheimniskrämerei:

Man kann in einem Artikel der Berliner Zeitung von Februar 2025 nachlesen, dass es für 78 Mill. zum Kauf angeboten wurde. Das Haus hat 1500 m² Wohnfläche, neun Schlafzimmer und acht Badezimmer. Vielleicht hat die Villa ja inzwischen einen neuen Besitzer gefunden! Während ich das schreibe, schaue ich mich in meiner 68 m²-Wohnung um und bin mir ganz sicher, dass ich nicht tauschen möchte!
Eddie und ich sind inzwischen unterwegs zum Großen Fenster, einem Aussichtspunkt am Wannseebadweg, der inzwischen in einen Waldweg übergegangen ist. Wie an jedem bisherigen Wandertag bin ich so froh, mich auf den Weg gemacht zu haben! Der verschneite Wald, der zugefrorene See, die kalte Luft und reduzierten Farben der Natur strahlen eine Ruhe aus, in der man seinen Gedanken nachhängen kann. Ich glaube, Eddie empfindet das auch so:
Ein Wegweiser zum Großen Fenster schickt uns in den Wald auf einen Pfad, dem Google Maps heftig widerspricht. Wem glaubt man nun? Wir kehren um und finden einen Hinweis, der Richtung Wasser zeigt. Wir fühlen uns an der Nase herumgeführt und folgen schließlich einer uralten, steinernen Wegmarkierung, um quer durch den schönen Wald, fast parallel zur Havelchaussee den Rückweg zum Kronprizessinnenweg anzutreten. Dort lockt uns der AVUS-Treff „Spinner-Brücke“ mit Wärme, Essen und – Hurra! – einer Toilette.

Auf der Webseite heißt es: „Hier kommen Jahr für Jahr über 30.000 Berliner und Brandenburger Motorradfahrer. Auf dem rund 10.000 m² großen Areal direkt an der Autobahnausfahrt Spanische Allee präsentieren dann alle namhaften Hersteller wie u.a. Honda, Suzuki, Harley Davidson und BMW an über 50 Ausstellungsflächen ihre neuesten Motorräder. Zu bestaunen gibt es zudem aktuelle Trends und Tipps in Sachen Bekleidung und Schmuck, es können Probefahrten gemacht werden und man kann das eigene Bike auf einem Prüfstand untersuchen lassen.“ Spinner wohl deshalb, weil hier viel gefachsimpelt und rumgesponnen wird. Weil kein einziges Motorrad zu erblicken ist, bin ich mir zunächst unsicher, ob wir wirklich an diesem Ort sind, aber eine Tauschbörse lässt dann doch darauf schließen:

Ein legendärer und mittlerweile historischer Ort! Nach der Pause überqueren wir gleich zweimal die Autobahn, zunächst auf der Fußgängerbrücke Rosemeyersteg zum S-Bahnhof Nikolassee und dann nochmal auf dem Weg zum S-Bahnhof Wannsee über die Borussenbrücke.

Komischerweise empfinde ich die Autobahn an dieser Stelle überhaupt nicht störend, obwohl diese Überquerung nur einen Steinwurf von der Alemannenbrücke entfernt ist. Eddie gegenüber begründe ich das mit dem Argument, dass es hier sowieso nicht gerade einladend aussieht und eventuell deswegen alles harmoniert, falls man das so sagen kann. In der Borussenstraße steht ein markantes Haus gleich hinter der Brücke links, das man auch von der S-Bahn aus sieht. Magisch ziehen mich die Reliefs daran an und auch eine Gedenktafel lässt uns wieder etwas dazu lernen:
Die letzten Meter führen uns Am Beelitzhof vorbei, durch die Münchowstraße. Ein Haus bezirzt mich mit einer mondänen Haustür, flankiert von ausdrucksstarken Reliefs. Natürlich kommt uns wieder ein Postbote dazwischen. Er klingelt an der Haustür und wartet, um seine Lieferung loszuwerden, während ich warte, dass er aus dem Bild verschwindet. So stehen wir beide lauernd vor dem Haus und ich habe eine ungefähre Vorstellung von seinen Gedanken. Egal, ich will das fotografieren und wir atmen beide auf, als er endlich reingelassen wird.
Nachtrag: Wie ich aus dem gerade ausgeliehenen Buch „Nikolassee: Häuser und Bewohner der Villenkolonie“ erfahren habe, handelt es sich hier um die 1906 erbaute Villa Raphael.

In der Paul-Krause-Straße, einer Sackgasse, von der man über eine Treppe abwärts wieder die Borussenstraße erreicht, bettelt ein Gebäude mit trauriger Ausstrahlung um unsere Aufmerksamkeit. An der Fassade steht „Landhaus Nikolassee“. Es sieht aus wie ein verlassenes Hotel, aber die schlapp herabhängende Flagge lässt uns vermuten, dass wir vor einer Botschaft stehen.

Eddie liest die Inschrift an der Klingel: „Embassy Malawi“, ein kleines afrikanisches Land. Doch alle meine Recherchen führten ins Leere – die malawische Botschaft befindet sich in der Westfälischen Straße und nichts deutet darauf hin, dass sie irgendwann mal hier war. Auch die Suche nach der Nutzung des Landhauses blieb ohne Erfolg. Die KI hat sich rausgeredet und immer das behauptet, was ich ihr vorher diktiert hatte. Ich muss sowieso feststellen, dass sie mich ziemlich oft mit großer Überzeugung belügt. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Nachtrag: In dem eben erwähnten, 2014 erschienenen Buch steht: erbaut 1913/14, von 1939-43 bewohnt von der Sängerin Gutty Fierlings und Ehemann Paul, 1948-55 Hotel und Restaurant Karl-Heinz Heckh (erster Fernsehkoch), anschließend bis 2000 Privathospital und Altersheim von Dr. med. Victor Felkl.











































