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21. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Grimnitzsee, Südpark, Siedlung Birkenwäldchen, Adamshof, KreuzKölln-Feeling, Havel und Kreuzfahrtschiffe

„Und glaub nur nicht, dass alle Menschen leben, die sind zwar lebendig, aber sie leben nicht.“ (Bettine von Arnim) – Kalenderspruch des Tages

Audio-Zusammenfassung des Beitrags mittels KI:

Stadtkarte von Wilhelmstadt mit Straßen, Parks und Wasserwegen.

Nach einer einwöchigen Pause steige ich heute mit einer größeren Tour wieder ein und merke sehr schnell, dass es ein langer Tag werden wird. Am Ende bin ich 25,4 km gelaufen mit einer Bewegungsdauer von sechs Stunden, wie mir die Tracking-App verkündet. Sollte ich meine Eindrücke des Tages in wenigen Worten zusammenfassen, würde ich sagen: sehr durchmischt! Das fängt schon beim Wetter an, das außer Schnee die gesamte Palette im Angebot hat: Sonne, Wärme, Sturm, Kälte, Regen. Alles immer nur häppchenweise. Sobald ich meine Regenjacke zum Einsatz bringen will, legt der Himmel den Schalter um von Regen auf Sonne. Dieses April-Gefühl stellt sich auch beim Durchstreifen der Straßen ein. Ruhig und beschaulich, laut und multikulturell geprägt, klinisch sauber und dreckig, Seen- und Havellandschaft mit wunderschönen Grünanlagen und steinerne Straßenschluchten. Neben den vielen sehenswerten Wohnanlagen hat man in manchen Straßen das Gefühl, entweder in eine Kleinstadt geraten zu sein, oder dass jeder bauen konnte, wie er wollte. Geschosshöhe, Baustil, Farben und Werbeschilder in grellem Design muten wie eine Kreativwerkstatt an, in der sich die Menschen bis heute nach Herzenslust austoben.

Ich beginne im Mahnkopfweg, der einzigen Straße auf einer kleinen Halbinsel zwischen Grimnitzsee, Grimnitzgraben und Havel, werde aber nach ca. hundert Metern durch einen Schilderwald gestoppt, dessen Studium mich zu dem Ergebnis kommen lässt, dass ich hier unerwünscht bin. Keine Ahnung, wie die offizielle Rechtsprechung hier lauten würde, aber ich will keinen Ärger und kehre wieder um. Mahnkopf hieß übrigens eine alteingesessene Pichelsdorfer Fischerfamilie. Die Straße war die Fortsetzung von Alt-Pichelsdorf, als es die Heerstraße noch nicht gab.

Ganz anders verhält es sich mit der Spandauer Verkehrssäule, die am Eingang zum nördlichen Teil von Pichelsdorf die Besucher willkommen heißt und mit bunten Keramiken auf die Geschichte und Schönheit der Landschaft Spandaus hinweist.

Die Säule ist ca. vier Meter hoch und mit 18 farbenprächtigen plastischen Bildplattenkacheln in der Größe 50 X 30 cm ausgestattet. Sie zeigten Motive aus dem Havelland und der Geschichte Spandaus. Zwischen den in drei Ebenen angebrachten Kacheln sind umlaufend zwei Spruchbänder eingearbeitet:

  • Oben: “BESUCHT SPANDAU – AUSKUNFT VERKERHRSVEREIN SPANDAU RATHAUS“
  • Unten: “GESTIFTET U.AUSGEFÜHRT VON DER OFENFABRIK U. KERAMISCHEM WERKSTÄTTEN A. SCHIDT-LEHMANN U.CO. INH.OTTO SCHMIDT IN VELTEN.“

Ganz oben unter der Kugel sind drei Wappen angebracht:

  • Das Stadtwappen von Spandau
  • Das Stadtwappen von Velten
  • Das Wappen des „Berliner Verkehrsverein e.V.“ ( ein Berliner Bär)

Den Abschluss der Säule bildet eine gelbe Erdkugel von 70 cm Durchmesser mit einem umlaufenden blauen Band mit den zwölf Sternzeichen.

Die Säule sieht so aus, als hätte sie schon immer dort gestanden, doch sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich. 1937 wurde sie am jetzigen Standort eingeweiht. Den Entwurf dazu lieferte der Künstler Gottfried Kappen, hergestellt wurden die Keramiken in der Veltener Ofenfabrik. Nach schweren Kriegsschäden wurde die Säule 1958 abgetragen, wobei einige Keramiken geborgen und eingelagert wurden. Viele Jahre dauerte es, bis eine Initiative des „Wilhelmstadt und Pichelsdorf Fördervereins e.V.“ zur Wiederherstellung grünes Licht und vor allem Geld erhielt, um das Schmuckstück neu aufzubauen inklusive der Grünanlage mit vier Bänken. Federführend waren dabei vor allem Volkmar Tietz und Ulrich Deus-von Homeyer.

Von hier aus hat man über einen Park Zugang zum Grimnitzsee und dem Verbindungsgraben zwischen diesem und dem Südparkteich. Der „Park“ ist eigentlich nur eine große Obstwiese, geschmückt mit der Bronzefigur des Apoll, jedenfalls wird angenommen, dass dieser Jüngling mit einer Leier im Arm diesen darstellen soll. Das einzige Bekleidungsstück sind seine Sandalen. Der Künstler ist unbekannt, sicher ist aber, dass die Skulptur zwischen 1850 und 1930 in der Gießerei Fa. A. Frilli-S.A – Firenze hergestellt wurde und Görings Landsitz Carinhall schmückte. Nach Zwischenlagerungen gelangte sie mit den Plastiken „Diana“ und „Ares“ in den Besitz des Bezirkes Spandau. Alle drei bilden eine Figurengruppe. „Diana“ steht im Wröhmännerpark und „Ares“ nahe der Zitadelle.

Entlang mehrerer Reihenhäuser im Tharsanderweg, deren Gärten zum Ufer des Grimnitzsees führen,

Reihenhausansicht mit weißen Wänden, blauen Fensterläden und einem Pflanzenbewuchs an der Fassade, unter einem klaren blauen Himmel.
Reihenhäuser im Tharsanderweg

…erreiche ich die Siedlung Birkenwäldchen, die zwischen 1926 und 1928 nach Entwürfen des Architekten Richard Ermisch erbaut wurde. Bauherr war Adolf Steil. Die beiden haben auch an anderen Stellen in Spandau bei der Errichtung von Wohnanlagen zusammengearbeitet, auf die ich zum Teil in diesem Beitrag noch eingehen werde.

  • Wohnanlage Adamshof (Adamstraße, Konkordiastraße, Melanchthonstraße, Weverstraße)
  • Mietshaus Falkenhagener Straße 37
  • Wohnsiedlung Zeppelinstraße
  • Wohnanlage Betcke- und Weverstraße
  • Spandauer Bank

Ermisch war in der kommunalen Bauverwaltung in Berlin tätig, zuletzt im Dienstrang eines Oberbaurats. Er war der bekannteste Architekt für Berlin-Spandau und außer den Wohnsiedlungen verantwortlich für zahlreiche andere städtische Bauten, wie die Haupthalle des Messegeländes, das Rathaus Tiergarten oder das Strandbad Wannsee. Auch Adolf Steil galt zu seiner Zeit als großer und einflussreicher Architekt und Bauherr Spandaus. Er benutzte gerne Stilelemente des Expressionismus, die heute unter Denkmalschutz stehen.

Die Siedlung Birkenwäldchen reiht sich ein in die Liste meiner Lieblingsgebäude und nimmt mich sofort gefangen mit der großzügigen Anordnung der Wohnblöcke, der Farbgebung, den Pergolen und der unaufdringlichen Einbettung in den Grimnitzseepark.

Oft wird mir die Frage gestellt, ob ich Parkanlagen links liegenlasse, schließlich führen keine Straßen hindurch. Das stimmt zwar, doch wenn ich schon mal dort bin, bringe ich es nicht fertig, sie zu ignorieren. Ich betrachte es als Kür oder Sahnehäubchen und verbringe meine Pausen am liebsten auf einer Bank im Grünen. Obwohl ich noch nicht nennenswert vorangekommen bin, durchstreife ich den Park und umrunde den See, soweit es möglich ist. Dabei kann ich mir eine gewisse Häme nicht verkneifen, denn von hier aus habe ich den perfekten Blick auf die Grundstücke am Mahnkopfweg, vermutlich fast noch besser als von der für mich verbotenen Straße. Nur der schmale Grimnitzseegraben liegt zwischen uns. An dieser Stelle wird der Park zur Halbinsel zwischen Grimnitzsee und -graben sowie der Havel, auf der Schleppkähne ihre Lasten bewegen.

Mehrere Kitas und originelle Spielplätze sind günstig gelegen im Übergang von Grünanlagen in Wassernähe zu den Wohnstraßen, auf denen es jetzt weitergeht.

Und schon stehe ich vor der nächsten interessanten Wohnbebauung aus den späten 1930er Jahren an der Götel- und Weverstraße, die durch runde Treppenhaus-Erker, Rundbogenarkaden und rötliche Sgraffito-Wandzeichnungen im Kratzputz-Verfahren einen unverwechselbaren Stil zeigt. Die Motive sind von Landwirtschaft und Fischerei inspiriert, es gibt so viel zu entdecken!

Ein bisschen verstörend hingegen finde ich diesen Wegweiser zu einer Zahnarztpraxis, der eher dazu geeignet ist, die Patienten in die Flucht zu schlagen:

Ein Schild der Zahnarztpraxis Dr. Wollbrink mit einem Bild einer Frau und einem lächelnden Mund sowie dem Hinweis auf den Eingang um die Ecke.

Nur ein paar Schritte weiter steht ein auffälliges Backsteingebäude. Ich fotografiere es vorsichtshalber mal und bin im Nachhinein sehr froh darüber, denn es war ursprünglich Teil des Klärwerks Spandau: Es handelt sich um das historische Pumpwerk mit angeschlossenem Wohn- beziehungsweise Verwaltungsgebäude. Der Bau entstand 1897 nach Plänen von Friedrich Paul und diente der Abwasserentsorgung der damaligen Stadt Spandau. Es war kein gewöhnliches Wohnhaus, sondern Betriebsgebäude des ehemaligen Klärwerks; die Bezeichnung „Wohnhaus“ bezieht sich vermutlich auf die frühere Dienst- oder Aufseherwohnung im Komplex. Die erhaltene Ziegelfassade, die zugemauerten Fensteröffnungen und die großen Tor- beziehungsweise Betriebsöffnungen weisen noch auf diese technische Nutzung hin. Das Ensemble steht als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz.

Historisches Backsteingebäude mit mehreren Fenstern und einer Eingangstür, umgeben von Bäumen und einem Garten.

Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung zur Feuerwache Spandau Süd, deren Gelände an die Havel grenzt.

Zurück in die Betckestraße einbiegend, kann ich es kaum glauben, dass schon das nächste denkmalgeschützte Wohnensemble auf mich wartet. Der Magistrat von Berlin beauftragte nach dem Ersten Weltkrieg Stadtbaurat und Architekt Karl Elkart mit dem Entwurf einer Wohnanlage zur Behebung des akuten Wohnungsmangels und ließ die sehr repräsentative Anlage in den Jahren 1919 bis 1920 errichten.

Die Ära der dunklen Mietskasernen der wilhelminischen Ära war zu Ende, stattdessen setzte Karl Elkart auf Licht, Luft und Gemeinschaftsflächen. Kernstück ist der weitläufige Innenhof mit der Flora-Statue des Berliner Bildhauers Georges Morin – Kunst und Natur sollten integriert werden. An den Portalen findet man gestalterische Details des Bildhauers und Medailleurs Ludorf. Vor allem aber geben die Rundbogen-Loggien dem Ganzen einen schlossartigen Charakter.

Wer denkt, dass das alles war, irrt gewaltig! Kaum habe ich das Gesehene verarbeitet, traue ich meinen Augen kaum, dass sich in derselben Straße die Bilderflut wortwörtlich fortsetzt mit einer Wohnanlage, die sich an der Pichelsdorfer und Weverstraße weiterzieht, nun wieder unter Federführung des Duos Richard Ermisch und Adolf Steil. Die Anlage wurde Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre als moderner, sozialer Wohnungsbau errichtet, um im stark anwachsenden Spandau bezahlbaren und hygienischen Wohnraum zu schaffen. Man erkennt hier den Übergang von der Blockrandbebauung hin zu offeneren und grüneren Großsiedlungen der Zwischenkriegszeit. Es herrscht eine klare geometrische Anordnung, auch eine dezente Spur Expressionismus kann man entdecken. Das Besondere sind auch hier wieder Sgraffiti-Bilder an den Giebelseiten, dieses Mal dem Pferd gewidmet, womit das Ensemble eine klar erkennbare Identität verliehen bekommt.

Einige Häuser in der Straße tragen dezenteren Bilderschmuck, vielleicht blieb die Fertigstellung unvollendet?

Da ich weiß, dass mir mit dem Adamshof noch ein Gebäudedenkmal von Ermisch / Steil bevorsteht, habe ich langsam den Eindruck, dass die beiden hier sämtliche Architektur zu verantworten haben, doch dieser Anblick trägt dann doch eine erkennbar andere Handschrift:

Blick auf ein Mehrfamilienhaus mit Balkonen und Blumenschmuck, umgeben von Bäumen und unter einem bewölkten Himmel.

Das Baujahr liegt zwar auch in den 1930er Jahren, aber der Entwurf geht auf das Architekturbüro Rahlfs & Uhlen zurück. Die große Sensation waren dabei große Wohnküchen, die gezielt Platz für einen Esstisch boten.

Ich wandere weiter, um auf der Schulenburgstraße die gleichnamige Brücke zu überqueren. Damit schließe ich den Kreis zu der letzten Tour, die ich mit meinem Sohn Georg unternommen hatte. Von der Brücke hat man einen perfekten Blick auf den Süd- und Oberhafen und kann das dortige Geschehen ein bisschen beobachten. Wer genau hinschaut, kann in der Ferne den Turm des Rathauses Spandau erkennen.

Der Rückweg ist unvermeidbar, denn mein Erkundungsgebiet liegt heute westlich der Havel. Es folgen Abschnitte, die ich nicht direkt bejubeln würde, z.B. den Königreichsaal der Zeugen Jehovas, trotzdem finden sich beim genauen Hinschauen Perlen der Mietshaus-Architektur oder auch traurige Stillleben:

Doch dann erreiche ich mit der Grünanlage am Ziegelhof die nördliche Grenze von Wilhelmstadt und somit das „obere“ Ende der heutigen Tour östlich der Pichelsdorfer Straße. Sie muntert mich wieder auf und ermutigt mich zu einer Pause unter einer Pergola am Grünzug Bullengraben. Auf einer Bank neben einem Blumenkübel mit der Aufforderung „Bildet Banden!“ finde ich einen Flyer mit der Überschrift „Wo wirst du die Ewigkeit verbringen?“ Gute Frage! Im Himmel? In der Hölle? Oder nirgendwo? Auf der Rückseite wird angeboten, das Buch „Die Liebe und Vergebung Gottes“ kostenlos zugeschickt zu bekommen. Man kann aber auch um ein Treffen zu Hause bitten. Dahinter steht der Verein zur Verbreitung Christlicher Literatur e.V., der auf seiner Webseite unter Neuigkeiten kostenlose Literatur für 2025 anbietet und auf einen Infostand auf dem Schorndorfer Wochenmarkt im November 2024 hinweist. Ich lasse mir mein Käsebrot trotzdem schmecken, genieße die raren Sonnenstrahlen und plane die nächsten Schritte.

Der Ziegelhof ist eine Straße und zieht sich bis an die Havel, wo sie sich mit dem Havel-Radweg fortsetzt. Benannt wurde sie nach der Städtischen Ziegelei, die es hier seit 1676 bis in die 1730er Jahre gab und 1755 abgerissen wurde. Durch die Grünanlage zieht sich der schon genannte Bullengraben, der früher der Entwässerung im Berliner Urstromtal diente und teilweise renaturiert wurde. Er reicht auf etwa sieben Kilometer langen Strecke von der Havel bis nach Staaken als kürzester Grüner Hauptweg mit der Nr. 20. Da ich immer wieder Wege entdecke, die ich momentan nicht gehen kann, weil sie das Konzept sprengen würden, habe ich eine „Danach“-Liste angelegt für Ausflugsziele. Dieser Weg wird die Auflistung um einen weiteren Punkt ergänzen!

Ich folge dem Ziegelhof bis zur Havel und lande auf einem sehr originell gestalteten Wasserspielplatz. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen! Die Mosaikskulpturen stellen einen Schwimmer im Gras dar, aus dem nur Kopf, Arm und Beine herausragen und Delfine im Sand. Es gibt sogar einen Matschtisch und ich kann mir vorstellen, dass Kinder hier großen Spaß haben.

Es folgt das Schifffahrtsufer mit einigen Überraschungen. Zunächst zaubert ein Wohnschiff wohl jedem Betrachter ein Lächeln auf die Lippen. Kübelpflanzen, viele Blumen und bunter Schnickschnack strahlen eine solche Gemütlichkeit aus, dass man am liebsten sofort einziehen möchte. Daneben steht ein Flaggenmast, dessen Aufbau im Detail beschrieben und benannt ist.

Vom Uferweg nach Norden blickend, sehe ich, dass der Spandauer Rathausturm schon viel näher gerückt ist. Was in der anderen Richtung folgt, kann ich erst einmal nicht so richtig ernst nehmen. Ein Kreuzfahrtterminal? Schiffsbunkerstation? Das muss ein Spaßvogel sein, der sich hier niedergelassen hat, da bin ich mir absolut sicher. Doch als ich später im Straßenverlauf immer wieder offizielle Wegweiser zum Kreuzfahrtliegeplatz sehe, gerate ich ins Schwanken. Ankern hier tatsächlich Kreuzfahrtschiffe? Das kann nicht sein, denke ich, dafür ist die Havel doch gar nicht breit und tief genug. Außerdem wären die Brücken hinderlich. Ich lerne, dass damit Flusskreuzfahrtschiffe von 80-135 Metern Länge gemeint sind, die vor allem hier am Spandauer Burgwall anlegen, am Lindenufer in der Spandauer Altstadt oder nahe der Schleuse Spandau. Die Bunkerstation Gersbeck und der Tankerhafen dienen der Versorgung der Schiffe mit Treibstoff und nötigem technischen Zubehör. Es gibt einen befestigten Uferabschnitt mit Steg und die Möglichkeit, hier einen Liegeplatz zu buchen. Spandau ist besonders geeignet, weil die Verkehrsanbindung an den Regionalbahnhof fußläufig gegeben ist, die Stadtnähe und der Wasserstraßenanschluss sind ideal. Wieder was dazugelernt!

Ich habe immer vehement beteuert, dass Kreuzfahrten absolut nichts für mich sind. Aber jetzt bin ich echt am Überlegen, ob man nicht mal für 3-5 Tage so eine Fahrt auf der Havel genießen könnte? Das kommt mit auf die Liste.

Ich folge dem Havelweg noch ein Stück, vorbei an einem Bewegungsparcours, den ich aber geflissentlich ignoriere. Schließlich bin ich ja in Bewegung. Aber die Idee ist gut. Dann biege ich ab vom Ufer auf den Spandauer Burgwall und setze eine Entenfamilie mit meinem Erscheinen in helle Aufregung. Sie gehen auf einem Steg spazieren, der sich durchaus auch im Spreewald befinden könnte (oder umgekehrt). Der Weg führt um das Pflegeheim AGAPLESION BETHANIEN HAVELGARTEN herum, das hier sehr idyllisch gelegen ist und den Bewohnern die Möglichkeit bietet, in einer schönen Umgebung ihren Lebensabend zu verbringen.

Nun erfolgt wie im Theater ein Szenenwechsel, als würde nach der Pause der sich öffnende Vorhang ein völlig neues Bühnenbild präsentieren, ja sogar ein neues Stück gespielt werden. Ich werde auf die Pichelsdorfer Straße ausgespuckt und bin gefühlt mitten im quirligen Kreuzberg oder Neukölln. Architektonisch hat die Verkehrsader nach Alt-Spandau so einiges zu bieten, vom Jugendstil über die 1970er Moderne bis hin zum Fachwerk. Aber erfreuen kann man sich daran erst ab dem ersten Stockwerk aufwärts, denn im Erdgeschoss sind die merkwürdigsten und unnützesten Läden, die man sich denken kann mit grellbunten, neonfarbenen oder kaltweiß beleuchteten Firmenschildern, die den Häusern ihre Würde nehmen. Viele Menschen sind laut schreiend und telefonierend unterwegs, was mich zumindest in geschlossenen Räumen zunehmend aufregt. Vielleicht bin ich durch die ruhigen Nebenstraßen verwöhnt, vielleicht liegt es auch am Alter oder meiner Person als alte weiße Frau – ich beobachte an mir zunehmend die Tendenz, im Supermarkt oder öffentlichen Verkehrsmitteln darum zu bitten, das Handy leise zu stellen und ans Ohr zu halten, was natürlich selten beachtet wird. Mittlerweile denke ich fast, dass manche gar nicht mehr wissen, dass man auch nur einseitig hörbar telefonieren kann. Aber ich schweife ab. Zurück zur Pichelsdorfer Straße und ein paar Fotos dazu:

Die Hälfte der Strecke ist geschafft, als ich an der Heerstraße ankomme. Nun steht noch das Gebiet zwischen Gatower / Wilhelmstraße und Pichelsdorfer Straße aus. Dankbar biege ich ab in den Südpark, eine sehr schöne und grüne Oase mit dem Südparkteich in der Mitte.

Jetzt arbeite ich mich wieder nach dem Norden der Wilhelmstadt hoch und finde im Baumertweg / Ecke Grimnitzstraße eine Kirche der Baptisten – EFG Berlin-Spandau-Wilhelmstadt mit einem auffälligem Äußeren. Leider ist die Tür verschlossen und auch auf der Webseite der Gemeinschaft finden sich keine aussagekräftigen Fotos aus dem Inneren des Gebäudes. Die Buntglasfenster im Rundbau leuchten bei Lichteinfall bestimmt besonders schön.

Es folgen Fotos von meinen Wahrnehmungen auf dem nun folgenden Weg durch die Quer- und Seitenstraßen. Mit der Beschriftung können diese bei Bedarf dem Plan zu Beginn dieses Beitrages gut zugeordnet werden.

In der Weißenburger Straße winkt schon von Weitem der Glockenturm der katholischen St. Wilhelm-Kirche, die laut Webseite als Experimentierort für alle gilt, unabhängig von der Konfession. Dort steht: „In Wilhelmstadt entsteht ein neuer Treffpunkt für die Nachbarschaft. Die Kirchengemeinde öffnet ihre Türen für neue Ideen. Viele Menschen machen mit und gestalten den Ort gemeinsam. Seit 2024 bringt der Verein Sozial-kulturelle Netzwerke casa e.V. mit kulturellen Angeboten Menschen aus der Nachbarschaft zusammen. Der ‚Beton-und Glas-Kasten‘ wird so zu einem bunten, lebendigen Raum – offen für alle, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit.“ Das Ganze läuft unter dem Dach der kath. Pfarrei St. Johannes der Täufer. Ob hier überhaupt noch Gottesdienste stattfinden, weiß ich nicht, aber ich werde Zeuge des Experimentierortes. Einige Menschen wuseln um Blumenbeete und -kästen herum, offensichtlich geht es heute ums Gärtnern. Da es schon ziemlich spät ist und ich meinem Feierabend entgegenstrebe, spreche ich niemanden an. Bestimmt hätte man mir Einblick ins Kircheninnere gewährt, aber ich will einfach weiter.

Auf den Földerichplatz will ich aber kurz näher eingehen, denn er ist ebenfalls ein Begegnungsort in vielerlei Hinsicht. Er wurde in den 2000er Jahren neu gestaltet und fungiert seitdem als Kiezzentrum mit Spielplätzen, Bolzplatz, Wochenmarkt und Veranstaltungen. Man merkt, dass das Konzept aufgeht. Hier treffen sich Eltern, Jugendliche und Kinder, zumal die Christoph-Földerich-Grundschule angrenzt. Sie blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1876 als 5. Gemeindeschule gegründet, folgte das Hauptgebäude 1878. Im Laufe der Jahrzehnte kamen Erweiterungen hinzu, darunter Aufstockungen, eine Turnhalle und ein Neubau in der Konkordiastraße. Ihren heutigen Namen trägt die Schule seit 1957. Namensgeber Christoph Földerich wurde 1569 in Spandau geboren, war fünf Jahre Ratsherr in Berlin und stiftete zum Abschied einen kostbaren Becher, der Gästen der Stadt gereicht wurde. 1628 vermachte er der Großen Stadtschule 1000 Taler, um allen Jungen kostenlosen Unterricht zu ermöglichen. Die Stiftung finanzierte zudem Bücher, Kleidung und Schuhe für Waisen sowie Preise für die besten Schüler. Durch diese Stiftung konnte in Spandau das Schulgeld abgeschafft werden.

Außerdem entdecke ich am Platz eine Haltestelle der Fahrbibliothek Spandau, die heute nochmal wichtig werden wird für mich.

In der Adamstraße angekommen, kann ich nun die Gebäude des als Adamshof bezeichneten Wohnkomplexes bestaunen. Wie schon angekündigt, haben hier zwei Männer gewirkt, deren Namen schon sehr oft gefallen sind: Richard Ermisch als Architekt und Adolf Steil als Bauherr der Gemeinnützigen Baugesellschaft Adamstraße mbH. Die Anlage entstand 1925 in der Zeit des kommunalen Wohnungsbaus. Charakteristisch sind:

  • etwa 20 dreigeschossige Wohnhäuser;
  • eine geschlossene Blockrandbebauung;
  • ein begrünter Innenhof;
  • ein besonders gestalteter Ehrenhof mit der Skulptur „Knospende Erde“ von Georg Hengstenberg;
  • sachliche, zurückhaltende Fassaden mit dem typischen Reform- und Reformwohnungsbau der 1920er-Jahre.

Überregional bekannt wurde der Adamshof allerdings durch erhebliche statische Probleme. Bei Untersuchungen stellte sich heraus, dass Teile der Gebäude auf Eichenpfählen gegründet worden waren. Wegen Fehlern bei der Konstruktion beziehungsweise bei der Ausführung und wegen schwankender Grundwasserstände waren Pfähle teilweise verrottet. Dadurch kam es zu gefährlichen Absenkungen und Rissbildungen. 2016 ordnete die Bauaufsicht zunächst an, die betroffenen Wohnungen in der Weverstraße 36 sowie in der Melanchthonstraße 61 und 62 innerhalb kurzer Zeit zu räumen. Medien berichteten damals von rund 100 Wohnungen und Einsturzgefahr. Später mussten die Bewohner jedoch nicht vollständig ausziehen; die Angelegenheit wurde durch Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen weiterbearbeitet.

Ich bin hellauf begeistert, umrunde mehrmals den Hof, schleiche um jede Ecke und fordere die Kamera meines Handys zu Höchstleistungen heraus. Mir gefällt alles, jedes noch so kleine Detail. Vor allem überrascht es mich, dass die konsequente symmetrische Wiederholung der roten, plastischen, pyramidenförmigen „Knöpfe“ an der Fassade eine so große Wirkung haben. Von weitem sehen sie aus wie Knäufe zum Herausziehen von Schubfächern und harmonieren farblich perfekt mit dem Dach und den mintgrünen Hauseingängen. Auch für schöne Wohnanlagen habe ich eine Liste, der Adamshof gehört ab sofort dazu.

Zum Schluss bleiben noch der Melanchthonplatz mit der gleichnamigen Kirche und dem ehemaligen Friedrich-Wilhelm-Victoria-Bürger-Hospital.

Die Melanchthonkirche wurde 1893 in nur siebeneinhalb Monaten errichtet, um dem schnellen Bevölkerungswachstum in der damaligen Potsdamer Vorstadt gerecht zu werden. Einige Elemente waren beim Bau noch nicht fertiggestellt, darunter die Orgel und die geplanten Turmuhren; die Orgel wurde später eingebaut, die Uhren fehlen bis heute. Der Innenraum bietet mit 350 Sitzplätzen nur Raum für einen kleinen Teil der Gemeindeglieder, weshalb die Kirche bei Festgottesdiensten schnell gefüllt ist. Die Kirche entstand als typischer Backsteinbau der Spätgründerzeit, angelehnt an Formen der Neugotik und Neoromanik, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert für evangelische Gemeindekirchen in Berlin üblich waren. Sie ist benannt nach dem Reformator Philipp Melanchthon, einem Weggefährten Martin Luthers, dessen Name im 19. Jahrhundert häufig für Bildungs- und Kirchenbauten gewählt wurde. Die Melanchthonkirche gehört zu den frühen evangelischen Sakralbauten im westlichen Spandau und markiert die Phase, in der sich die Wilhelmstadt vom ländlichen Randgebiet zu einem städtischen Wohnquartier entwickelte.

In unmittelbarer Nachbarschaft steht ein großes, stattliches Gebäude mit dem langsam verblassenden Schriftzug über dem Eingangsportal: Friedrich-Wilhelm-Victoria-Bürger-Hospital.

Es wurde 1858 von den städtischen Körperschaften Spandaus gegründet und war eine kommunale Einrichtung. Das Hospital wurde über Schenkungen und Stiftungen finanziell unterstützt. Besonders bedeutend war die Grunewald‑Rüppel‑Stiftung von 1878, die das Bürgerhospital als Universalerben einsetzte und damit seine Arbeit langfristig sicherte. Weitere Stiftungen – etwa die Karl‑Schottstaedt‑Stiftung (1898) oder die Wilhelm‑Vogeler‑Stiftung (1900) – trugen ebenfalls zur Versorgung der Spandauer Bevölkerung bei. Zum 100‑jährigen Jubiläum der Städteordnung überwies die Stadtgemeinde Spandau dem Bürgerhospital 10.000 Mark, was seine Bedeutung als zentrale soziale Einrichtung unterstreicht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor das Hospital seine ursprüngliche Funktion. Die Stiftungen konnten nach Inflation und Kriegsjahren kaum noch Leistungen erbringen, und 1961 wurde die Grunewald‑Rüppel‑Stiftung aufgelöst. Das Gebäude wird heute als Seniorenwohnheim genutzt.

Interessant ist die Tatsache, dass die Grünanlage des jetzigen Seniorenwohnheims von 1868-1905 ein kommunaler Friedhof von Spandau war. Dafür wurde die „Begräbnisstätte für Dissidenten“ der 1848er Revolution ausgebaut, sogar mit Leichenschauhaus und Obduktionssaal. Hier fanden auch Selbstmörder und unbekannte Tote ihre letzte Ruhestätte.

Nun habe ich fast alles geschafft bis auf zwei kleine Straßen, die ich über die Wilhelmstraße / Gatower Straße erreiche, vorbei am Kombibad Spandau Süd, wo noch reger Betrieb herrscht. Im Graetschelsteig ragt ein Wohnturm hoch hinauf in den Himmel, davor eine architektonisch interessante Überdachung der Autostellplätze. Wieder am Südpark angekommen, laufe ich zur Heerstraße, meinem Start- und Endpunkt für heute.

Doch was erblickt mein Auge da auf den letzten Metern? Den Bücherbus der Fahrbibliothek Spandau. Welch eine Freude! Es ist zwei Minuten vor 19 Uhr, aber ich traue mich und steige neugierig die Stufen hoch. Im Gegensatz zu den reservierten Kollegen der Fahrbibliothek Steglitz-Zehlendorf werde ich hier sehr freundlich begrüßt, obwohl gleich Feierabend ist. „Ich bin auch gleich wieder weg, wollte nur mal kurz Hallo sagen“, erkläre ich und stelle mich kurz vor. Die Kollegin verkündet, dass mein Erscheinen die Statistik auf 70 Besucher erhöht hat und jubelt. Ich auch – was kann es Schöneres geben, als so einfach für Freude zu sorgen. Schnell noch ein paar Fotos gemacht und Punkt 19 Uhr bin ich wieder draußen. „Kommen Sie doch nochmal, wenn ein bisschen mehr Zeit ist. Dann können wir Ihnen alles in Ruhe zeigen.“ Mit diesem netten Angebot im Gepäck trete ich die Heimreise an.