„Mit einer Kindheit voll Liebe aber kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten.“ (Jean Paul) – Kalenderspruch des Tages
Audio-Zusammenfassung des Beitrags mittels KI:

Auf gehts zur Erkundung des letzten, noch unerforschten Zipfels von Wilhelmstadt. Er liegt im Nordwesten des Ortsteils und wird streckenmäßig wohl eher ein Spaziergang werden, auf dem mich heute Eddie begleitet. Eddie, fast 21 Jahre alt, war einige Jahre Teilnehmer meiner Schreibwerkstatt für Jugendliche und mit ganz besonderen Texten und seiner Gitarre ein fester Bestandteil der Gruppe. Im Februar begleitete er mich erstmals, als ich in Wannsee bei klirrender Kälte, Eis und Schnee unterwegs war. Nun beginnt bald sein Studium für das Lehramt Geschichte / Deutsch, vorher aber will er noch einmal mit mir durch Berlin wandern.
Bevor wir aber am Start sind, haben wir beide unabhängig voneinander bei der Anreise mit Orientierungsproblemen zu kämpfen. Wir sind um 10 Uhr am S- und U-Bahnhof Spandau verabredet und meine App rät mir, ab Ostkreuz die Regionalbahn zu nehmen. Wunderbar, denke ich, so kommt man schließlich am schnellsten zum Ziel. Dazu muss ich am Bahnhof Ostkreuz zum Gleis 14. Vielleicht lachen jetzt schon einige, wissend, was nun folgt, denn wie ich gelesen habe, bin ich zu meinem Trost nicht die Einzige, die wie bei einer Schnitzeljagd immer verzweifelter versucht, besagten Bahnsteig zu finden. Ich gehe also von der S-Bahn die Treppe hoch zur Bahnhofshalle, suche und finde auch den Richtungspfeil zu Gleis 13/14. Dazu werde ich eine andere Treppe hinuntergeschickt, die aber zu Gleis 8 und zum Ausgang Richtung Sonntagstraße führt. Sieben Minuten habe ich noch, sehe nach anfänglicher Irritation einen weiteren Hinweis nach schräg links und folge ihm zielstrebig, doch da ist Schluss. Einzig Gleis 8 ist zu sehen und ganz hinten die Rückseite einer Treppe, die wieder hinaufführt. Was stimmt hier nicht? Wer hat diese Beschilderung angebracht, die ins öde Schotterbett führt? Oder bin ich intellektuell nicht in der Lage, die Situation zu erfassen? Noch fünf Minuten. Hier komme ich nicht weiter, also steige ich nochmal nach oben, um den Fehler zu finden und den richtigen Weg zu nehmen. Doch die Situation ist natürlich dieselbe – die Wegweiser zeigen eindeutig dorthin, wo ich gerade herkomme. Mit erhöhtem Puls hetze ich wieder hinunter, wo sich logischerweise ebenso wenig geändert hat. Hier gibt es nach wie vor nur Bahnsteig 8 und den Ausgang. Noch zwei Minuten. Im Geiste schreibe ich schon an der WhatsApp an Eddie, dass ich sehr viel zu spät kommen werde und bewege mich erneut auf den Zaun zu, der das Ende des Bahnhof signalisiert. Resigniert umrunde ich die dortige Treppe, die ich bisher als wieder in die Bahnhofshalle führend wahrgenommen habe. Aber welch ein Wunder! Erst wenn man direkt am Zaun steht, sieht man, dass es hier zum Gleis 13/14 geht. Noch eine Minute. Ich höre die Ansage, dass der Zug einfährt (Wieso ist ausgerechnet er pünktlich!), hetze die Stufen hoch und direkt in den Waggon hinein. Puh, geschafft! Kaum sitze ich, erhalte ich von Eddie eine WhatsApp: „Ich komme ein bisschen zu spät. Bin in die falsche Ringbahn eingestiegen und muss die große Runde fahren, sorry!“ Lachend lehne ich mich tief durchatmend zurück und genieße die kurze Fahrt. Die Wartezeit auf Eddie vertreibe ich mir im Zeitungsladen und will mich gerade in die Testergebnisse für mein Sehnsuchtshandy Galaxy Z Fold vertiefen, als er auch schon da ist. Also machen wir uns bei 25 Grad auf den Weg durch eine recht unaufgeregte Gegend mit vielen, erholsamen Grünflächen wie zum Beispiel den Bullengrabenweg und den Jonny-K.-Aktivpark.
Wir beginnen mit der Lazarusstraße, die nur mit der Südseite zu Wilhelmstadt gehört und an den Ortsteil Spandau grenzt. Die Straße liegt auf ehemaligen Grundstücken des Gutsbesitzers Julius Lazarus, auf denen auch die nach seiner ersten und nach seiner zweiten Ehefrau benannten Johanna- und Ulrikenstraße verlaufen. Am 16. Mai 1938 wurde die ursprüngliche Lazarusstraße in Päwesiner Weg umbenannt, weil er Jude war. 1955 erfolgte als Akt der Wiedergutmachung die Neubenennung einer Straße im Klosterfelder Gebiet, auf der wir uns jetzt bewegen, eine ruhige, überwiegend mit Einfamilienhäusern bebaute Wohnstraße, wie viele der wenigen anderen auch, die wir durchkreuzen.
Die Menschen, die hier leben, haben sich wohnlich eingerichtet mit kleinen Gartenparadiesen, jeder nach seinem Geschmack. Wenn es sie aber nach größeren Grünflächen gelüstet, haben sie diese mit dem Bullengraben fußläufig vor der Nase. Es gibt nichts Spektakuläres zu finden, aber es ist ruhig, sauber, überschaubar. So wandeln wir also dahin und Eddy fragt mich, ob es mir nicht manchmal langweilig wird, wenn ich allein unterwegs bin und dann vielleicht auch mal abkürze? Ich verstehe, was in ihm vorgeht – warum um alles in der Welt soll man durch diese letztendlich immergleichen Straßen laufen? Ein bisschen leid tut es mir schon, denn es gibt so viele Touren mit optisch abwechslungsreicherem Potential, die ich schon gelaufen bin und die für Eddy mehr historischen Input bereitgehalten hätten, aber es ist, wie es ist – da müssen wir jetzt durch! Er beklagt sich ja auch gar nicht und ist darauf eingestellt, dass Berlin nicht flächendeckend Aha-Momente bereithalten kann. Wir kompensieren die gleichbleibenden Sinneseindrücke mit interessanten Gesprächen, die sich um Politik, philosophische Fragen, persönliche Erlebnisse und natürlich auch die Schreibwerkstatt drehen. Eddie erzählt mir von seinen vergeblichen Versuchen, sich im Sommer mit längeren Fahrradtouren als Alleinreisender zu bewähren, um dann doch immer wieder nach wenigen Tagen oder noch am selbigen ins Elternhaus zurückzukehren, schwärmt von seinem Work & Travel-Aufenthalt in Schweden und berichtet von einer Art politischem Debattierclub im Familienkreis. Wir reden über Sinn und Zweck von psychotherapeutischen Sitzungen und die Faszination, die Mathematik auslösen kann. „Was meinst du“, fragt mich Eddie, „wurde die Mathematik von den Menschen entdeckt oder erfunden?“ Ich muss keine Sekunde überlegen: „Entdeckt!“, rufe ich, was ihn offenbar überrascht. Er stelle vielen Menschen diese Frage, erzählt er, einfach nur aus Interesse und versuche, sich selbst eine Meinung zu bilden. „Ich denke, die Mathematik gehört zur Welt und braucht den Menschen nicht“, begründe ich meine spontane Antwort.

Es macht Spaß, sich mit Eddie auszutauschen, wobei ich manchmal ganz vergesse, Fotos zu machen. Aber dieses Prachtexemplar entdecke ich dann doch. Eine Bewohnerin beobachtet uns erfreut bei unserem Studium der Arachnologie und scheint diese Spinne persönlich zu kennen. „Sie seilt sich immer vom Baum ab“, weiß sie zu berichten, „ein schönes Tier, oder?“ Ich bestätige das insofern, dass sie mit ihrem Netz ein wahres Kunstwerk erschaffen hat. Es handelt sich hier übrigens um eine Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus), deren Beine viele kurze Stacheln haben. Giftig ist sie nicht und beißt nur, wenn sie sich bedrängt fühlt.
Die Backsteinmauer im Hintergrund gehört zu einem von mehreren dreigeschossigen Wohnblocks in der Walzelstraße, in denen es sich bestimmt auch gut behütet leben lässt:

Ein paar Meter weiter fällt mir ein BMW auf, der über dem Nummernschild an der Kofferraumklappe eine Webadresse päsentiert: www.spassbeimtanzen.de. Das macht mich neugierig und ich finde heraus, dass es sich hierbei um eine ADTV-Tanzschule handelt: „Jeden Dienstag schwingen wir die Tanzbeine im Saal in der Luisenstraße 32-34 in Berlin-Mitte. Dann wird zu tollen Rythmen und aktueller Musik geschwooft. Langsamer Walzer, Foxtrott, Discofox, Jive, ChaChaCha…“, steht auf der Webseite. Es handelt sich um das ehemalige kaiserliche Reichspatentamt, ein sehr imposantes Gebäude. Wer also wie Prinz oder Prinzessin tanzend durch einen mit Kronleuchtern geschmückten Saal wirbeln möchte – nichts wie hin!
Nicht ganz so mondän geht es im Evangelischen Nathan-Söderblom-Haus zu, einem Flachbau mit großem Garten, aber ohne Glocke und ohne Kreuz. Es wurde 1968 in wenigen Tagen als Fertigteilhaus errichtet, gefördert durch skandinavische Christen, weil die Gemeinde der Melanchthon-Kirche durch neue Siedlungen zu groß geworden war. Der Architekt war Arnold Bischof. Die neue Kirchengemeinde wählte Nathan Söderblom als Namenspatron, der ein schwedischer lutherischer Theologe, Religionswissenschaftler und von 1914 bis 1931 Erzbischof von Uppsala war. 1930 erhielt er den Friedensnobelpreis. Jetzt, 60 Jahre später, wird das Rad wieder zurückgedreht, weil die Mitgliederzahlen sinken und man wie auch andernorts Kräfte, Angebote und Finanzen bündeln muss. Ich hatte schon darüber aus Gatow berichtet. Ziel ist es, Gottesdienste, Seelsorge und gemeinschaftliche Aktivitäten sicherzustellen unter Nutzung der bisherigen Örtlichkeiten. So wird auch das Nathan-Söderblom-Haus weiterhin multifunktional genutzt. Der Altar ist hinter einem Vorhang verborgen, so dass man sich gar nicht wie in einer Kirche fühlt. Wir treffen gerade noch so eine Mitarbeiterin an, die eigentlich schon Feierabend hat, uns aber freundlicherweise die Räumlichkeiten zeigt und erzählt, dass die Zukunft des Hauses ungewiss sei, aber eine Sanierung bzw. sogar Neubau angedacht wäre.
Auch eine Schule gerät in unser Visier – die Carlo-Schmid-Oberschule in der Lutoner Straße, ein Plattenbau, wie er auch in Marzahn-Hellersdorf stehen könnte. Zum Gelände gehören eine Turnhalle und ein großer Sportplatz. Um mir einen Überblick zu verschaffen, habe ich mir das Imagevideo der Schule angeschaut und bin zutiefst beeindruckt. Was für ein unglaublich vielfältiges Angebot! Es gibt Werkstätten für Arbeitslehre (von der Drehbank, Näherei, Fahrradwerkstatt, Gärtnerei bis hin zur Lehrküche), Theater- und Filmkurse, Digitale Welten, Kunstkurse, Tiervolieren, eine Bibliothek, man kann boxen, tanzen, Erste-Hilfe-Kurse belegen, es gibt einen Chor, eine Schul- und eine Bigband, eine Mensa, Aula und noch vieles mehr. Sprachen werden nicht nur gelehrt, sondern auch im Fachunterricht gesprochen. Ich empfehle allen, sich das Video mal anzuschauen. Da wünscht man sich fast, noch einmal zur Schule gehen zu dürfen. Carlo Schmid war einer der wichtigsten Architekten der deutschen Demokratie. Als Mitverfasser des Grundgesetzes setzte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und politische Mitbestimmung ein. Sein Wirken prägt die Bundesrepublik Deutschland bis heute, obwohl vermutlich kaum noch jemand mit seinem Namen etwas anzufangen weiß.
Im Video sieht man kurz im Hintergrund die Hochhäuser von Staaken, aber auch im heutigen Laufgebiet finden wir neben den beschaulichen Einfamilienhäusern Wohnblockbebauung in Gute-Laune-Farben. Ich bin der Meinung, dass ein frischer Anstrich auch der grauesten Platte zu wahrer Schönheit verhilft.
Natürlich findet man in den Straßen auch kleinere Mehrfamilienhäuser, die in mehr oder auch weniger gutem Zustand sind:
Doch was diese Gegend auszeichnet und für eine hochwertige Wohnfeldumgebung sorgt, ist der schon mehrfach erwähnte Bullengrabengrünzug, der die Grenze zu den Ortsteilen Spandau und Staaken darstellt. Wir umrunden auf ihm fast das gesamte Viertel, das heute auf dem Plan steht und ich fühle mich zu weiten Teilen an den Wuhlewanderweg erinnert. Auch er bzw. die Wuhle bildet die Grenze zwischen Hellersdorf und Marzahn und auch dort läuft man kilometerlang durchs Grüne, das nur ab und zu den Blick auf ein Haus preisgibt. Es gibt nur zwei offensichtliche Unterschiede. Erstens die Länge – der Wuhlewanderweg ist 17 km lang, der Bullengrabengrünzug hält mit einem Drittel dagegen. Zweitens führt die Wuhle immer Wasser, wenn auch manchmal nur als Rinnsal, während der Bullengraben meistens trocken ist.
2007 wurde der Bullengraben renaturiert und als Naherholungsgebiet hergerichtet, finanziert von der Deutschen Bahn. Daran erinnert eine Steinplatte im Boden vor der Stahlskulptur „Bullengraben-Bulle“ von Sebastian Kulisch. Eddie kann ihn bezwingen, während ich mich nur vorsichtig an ihn anschmiege.
Am liebsten würde ich dem Weg komplett folgen, aber Eddie hat Hunger und Durst und weder was zu essen noch ein Getränk dabei. Außerdem machen ihm die 25 Grad zu schaffen, während ich mich damit gerade an der Wohlfühlgrenze nach unten bewege. Auf ein Café oder ähnliche Lokalität hoffen wir zwar vergeblich, doch ein Trinkbrunnen löst zumindest das Durstproblem.

Er befindet sich am Eingang zu einer weiteren Grünanlage namens Jonny-K.-Aktivpark direkt neben der Carlo-Schmid-Schule. Er ist riesig und reicht weit hinein in die Egelpfuhlwiesen. Der Name Jonny K. (Jonny Deipabba) erschütterte weit über Berlin hinaus viele Menschen und löste eine breite Diskussion über Gewalt, Zivilcourage und gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. Im Oktober 2012 verlor der damals 20-Jährige nach einer brutalen Gewalttat nahe dem Berliner Alexanderplatz sein Leben. Er wurde angegriffen, als er einem Freund helfen wollte, und starb einen Tag später an den Folgen seiner schweren Kopfverletzungen. Heute erinnern eine Gedenktafel in der Rathausstraße sowie Initiativen wie der Verein „I Am Jonny e.V.“ an sein Schicksal und auch der Park wurde aus diesem Grund nach ihm benannt. Er wurde erst 2025 als Generationenpark fertiggestellt und umfasst Spiel- und Sportflächen, Aufenthaltsbereiche, ein Parktheater sowie Angebote für verschiedene Altersgruppen. Eddie und ich schauen uns dort ein bisschen um und sind sehr beeindruckt von den Möglichkeiten, die man hier zur Freizeitbeschäftigung geboten bekommt.
Nun ist es erst 14 Uhr und wir sind fertig! Wilhelmstadt ist komplett erlaufen! Im Geiste setze ich ein kleines Häkchen, immerhin habe ich damit den dritten von neun Spandauer Ortsteilen geschafft.

Es wird bestimmt noch bis Frühjahr / Sommer 2027 dauern, bis ich alle Straßen des Stadtbezirks kennengelernt habe. Interessant ist übrigens auch, dass in Spandau mein Projekt größtenteils unbekannt zu sein scheint. In Steglitz-Zehlendorf herrschte das völlige Gegenteil – ich wurde angesprochen, erwartet, eingeladen oder spätestens, wenn ich mich outete, ausgerufen: „Ach, Sie sind das!“ Hier aber blitzt nirgendwo ein Zeichen des Erkennens in den Gesichtern auf und auch Antworten wie „Aha!“, „Ach!“ oder „Warum denn das?“ lassen darauf schließen, dass noch niemand davon gehört hat. Das ist nicht schlimm, fällt mir bloß immer wieder auf.
Eddie und ich fahren mit dem Bus in die Altstadt und schließen den Wandertag mit einem Restaurantbesuch ab. Ich habe noch keine Lust, nach Hause zu fahren bei dem schönen Wetter, schlendere durch die Gassen und freue mich schon darauf, wenn ich hier „dienstlich“ unterwegs sein werde. Ich befürchte, dann nur schleppend vorwärts zu kommen, so viel gibt es zu sehen.
Viele, die noch nie oder selten in Spandau waren, haben zwar Kladow, Siemensstadt, Haselhorst usw. schon mal gehört, aber Wilhelmstadt scheint unter dem Radar zu laufen. „Wo liegt das denn? Habe ich noch nie gehört!“, werde ich immer wieder gefragt. Es hätte viel mehr Aufmerksamkeit verdient, finde ich, denn der Ortsteil hat so viel zu bieten, dass sich ein Ausflug dorthin lohnt. Naturbegeisterte, Wasserfans, Technik- und Geschichtsinteressierte kommen auf ihre Kosten. Wilhelmstadt vereint auf besondere Weise Stadtleben und Natur. Zwischen Havel, Waldlandschaften und historischen Quartieren bietet der Spandauer Ortsteil eine hohe Lebensqualität. Die Mischung aus Geschichte, Natur und lebendiger Nachbarschaft macht Wilhelmstadt zu einem der vielseitigsten Ortsteile Spandaus, soweit ich das schon beurteilen kann.
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