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30. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Steglitz) | Rosenkranz-Basilika, Bierpinsel, Zimmermannstraße, Dichterviertel, Steglitz II, zehn Begegnungen und 242 Fotos

„Die Mittagssonne brütet auf der Heide, | Im Süden droht ein schwarzer Ring. | Verdurstet hängt das magere Getreide, | Behaglich treibt ein Schmetterling. (Detlev von Liliencron) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Steglitz macht mich fertig. Hielt ich diesen Ortsteil anfangs für den zwar dichtbesiedelsten, aber auch voller Vorurteile für den uninteressantesten und hässlichsten des Stadtbezirkes (man möge mir verzeihen), fühle ich mich jetzt überschüttet, erdrückt, überwältigt von seiner Geschichte, Sehenswürdigkeiten, Bauwerken, Siedlungen und Berichtenswertem an jeder Straßenecke. Heute gipfelt der Input in der Begegnung mit zehn Menschen, einer Führung durch die Zimmermannstraße, einer überwältigend pompösen Basilika, der Bewunderung äußerst harmonischer Wohnsiedlungen, dem überraschend leichtfüßigen Bierpinsel und natürlich wieder wunderschönen Häusern.

Es beginnt schon auf der Hinfahrt in der S-Bahn. Neben mir sitzen zwei Männer, die sich über Berlin austauschen. „Die Stadt ist schon sehr groß“, meint der eine, „Du musst ja bloß mal den Stadtplan anschauen!“ Auch die Fahrtzeit mit der S-Bahn von einem Ende der Stadt zum anderen würde das belegen, selbst, wenn man die Stopps an den Bahnhöfen davon abzöge. Ich bin stille Mithörerin und ringe mit mir, denn schließlich wäre das eine gute Gelegenheit, in das Gespräch zustimmend einzusteigen, weil ich die Wahrnehmung aus der Fußgängerperspektive nur bestätigen kann. Aber ich traue mich nicht. Wie käme das denn an? Erst belausche ich die beiden und rücke mich dann noch in den Mittelpunkt. Doch kurz bevor ich am S-Bhf. Friedrichstraße aussteige, überwinde ich mich zu den Worten: „Entschuldigung, darf ich mich kurz einmischen? Sie haben doch eben von der Größe Berlins gesprochen.“ Ich ernte einen erstaunten Blick. „Ich kann das bestätigen, ich laufe nämlich gerade zu Fuß durch die Stadt“, schaffe ich noch zu erklären und drücke einem meine Visitenkarte in die Hand. „Ach, Sie sind das?“, höre ich noch, dann muss ich raus aus dem Zug. Puh, war das jetzt übergriffig? Vielleicht, aber nun ist´s passiert und wird schon ok sein, hoffe ich.

Heute habe ich drei Verabredungen. Da ich durch die Zimmermannstraße laufen werde, hatte ich mich vorbereitend an das Buch von Andreas Koska erinnert, das ich im letzten Jahr für die Bibliothek gekauft hatte: „410 Meter zwischen Kiez und Weltgeschichte – Auf den Spuren einer 120jährigen Straßengeschichte“, das sich ausschließlich und sehr akribisch mit der Zimmermannstraße befasst. Es hat 459 Seiten und so eine winzige Schrift, dass ich weiß: Ich werde nicht schaffen, es rechtzeitig komplett zu lesen. Also habe ich Herrn Koska kurzerhand angeschrieben und gefragt, ob er mich als lebendiges Hörbuch durch die Straße führen würde und er hat sofort zugesagt.

Die zweite Verabredung ist Mieke Rambow, die ebenfalls dabei ist, alle Straßen Berlins abzulaufen und mich schon einmal durch Lichterfelde begleitet hat. Wir sind seitdem im Kontakt und ich freue mich, dass wir wieder ein Stück gemeinsam laufen werden.

Drittens hat mich David Damm auf eine Kaffeepause zu sich eingeladen. Auch er war einen Tag lang in Dahlem mein „Mitläufer“ und hat gesehen, dass seine Straße in meinem heutigen Laufgebiet liegt.

Mit Herrn Koska bin ich um 11 Uhr am U-Bhf. Schloßstraße verabredet. Vorher will ich noch ein paar Querstraßen durchlaufen und stehe bald in der Kieler Straße vor der Rosenkranz-Basilika. Sie gehört mit den von mir schon entdeckten Kirchen St. Benedikt (Lankwitz), St. Bernhard (Dahlem) und St. Johannes Evangelist (Südende) zur Pfarrei Maria Rosenkranzkönigin. Von der Straße aus lässt nichts auf die Dimensionen in ihrem Inneren schließen:

Die Haupteingangstüren sind abgeschlossen und ich will schon aufgeben, als mich ein vermutlich russisches Mütterchen heranwinkt, das auf den Stufen eines Nebeneingangs sitzt und mir zu verstehen gibt, dass diese Tür geöffnet ist. Dankbar trete ich ein und glaube, meinen Augen nicht trauen zu können. Ich wage zu behaupten, dass dies das größte Gotteshaus in Steglitz-Zehlendorf ist, das ich bisher gesehen habe. Mein erster Gedanke ist: Das bekomme ich niemals auf ein Foto! So ist es dann auch. Der Grundriss gleicht einem gleicharmigen Kreuz, die Kuppelweite beträgt 14 Meter.

Die Gemeindegeschichte der Rosenkranz‑Basilika beginnt 1882, als nach über drei Jahrhunderten erstmals wieder ein katholischer Gottesdienst in Steglitz gefeiert wurde. Zunächst fanden die Messen in einem Tanzsaal statt, später entstand 1885 eine kleine Kapelle. Mit dem wachsenden katholischen Bevölkerungsanteil wurde 1899 der Grundstein für die neue Kirche gelegt, die am 11. November 1900 durch Kardinal Kopp aus Breslau geweiht wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Kirche weitgehend unversehrt und diente zeitweise als Möbellager und später als Berliner Bischofskirche. 1950 erhob Papst Pius XII. persönlich das Gotteshaus zur Basilica minor, was durch päpstliche Insignien im Altarraum sichtbar ist.

Durch Fenster in der Kuppel fällt Tageslicht in das Innere, trotzdem ist es relativ dunkel, was der flächendeckenden Ausmalung geschuldet ist. Sie begann 1906 und wurde vom aus Münster stammenden Friedrich Stummel geschaffen, der sein Werk über dem rechten Pfeiler im Altarraum signierte. Die farbige Ausstattung prägt den Innenraum so stark, dass der zuvor schlichte Bau auf frühen Aufnahmen kaum wiederzuerkennen ist. Inhaltlich zeigt die Ausmalung die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes und bildet damit ein gemaltes Rosenkranzgebet.

Im Altarraum steht die Darstellung der Rosenkranzspende durch Maria an den heiligen Dominikus und die heilige Katharina von Siena im Mittelpunkt. Im Mittelschiff sind die glorreichen Geheimnisse zu sehen: Auferstehung und Himmelfahrt in Medaillons vor der Orgelempore, das Pfingstwunder im Chorbogen mit Maria und den Aposteln unter den Feuerzungen des Heiligen Geistes sowie die Aufnahme und Krönung Marias in der Kuppel, umgeben von Engelschören.

Die freudenreichen Geheimnisse befinden sich im östlichen Seitenschiff. Verkündigung, Heimsuchung, Darstellung im Tempel und Wiederfinden Jesu erscheinen in Medaillons des Tonnengewölbes, während die Geburt Jesu an der östlichen Stirnwand dargestellt ist. Dieses Bild wurde 1921 nach Stummels Tod von Theodor Nüttgens ausgeführt.

Im westlichen Seitenschiff folgen die schmerzhaften Geheimnisse. Todesangst, Geißelung, Dornenkrönung und Kreuztragung sind in Medaillons des Tonnengewölbes dargestellt, die Kreuzigung an der westlichen Stirnwand. Unterhalb der Kreuzigungsszene stehen in schwarzen Feldern die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz.

Auch ohne Rosenkranz-Kenntnisse macht dieser Anblick etwas mit mir. Ich stehe und staune. Minutenlang. Irgendwann tauche ich wieder auf und erinnere mich, dass ich noch viel vorhabe und gehe Richtung Ausgang. Dort tritt profane Ernüchterung ein, als ich die digitale Sofortspende-Möglichkeit sehe und ich denke an die Frau vor der Tür. Zwei Euro für sie erscheinen mir kleinlich, deswegen krame ich einen 5-€-Schein aus der Tasche, den sie mir mit einem knappen „Danke“ aus der Hand reißt. Willkommen in der realen Welt! Bei dem Versuch, ein brauchbares Foto der Außenansicht zu machen, ruft mir eine adrette Frau im Klatschmohnkleid mit roter Ansteckblume und passendem Haarreif zu: „Gehen Sie mal rein! Das ist eine wunderschöne Kirche!“

„Ich komme gerade von dort“, kläre ich sie auf. „Ist sie nicht wunderschön? Wenn ich in der Gegend bin, nehme ich mir hier immer eine Auszeit.“ Sie wohnt in Tegel, ist aber oft in Steglitz. Ihrer Tegeler Kirchengemeinde hat sie den Rücken zugekehrt, weil ihr der Pfarrer zu sozialistisch war und zu viel Politik in die Gemeinde und den Gottesdienst einfließen lassen hat. „Ich bin dann einfach aufgestanden und habe den Gottesdienst verlassen. Eigentlich dachte ich, dass er danach das Gespräch mit mir sucht, aber nichts ist passiert. Deswegen komme ich jetzt immer hierher.“ Hier, so meint sie, gehe es ausschließlich um den Glauben an Gott und um kirchliche Rituale. Natürlich erzähle ich ihr von meinem Vorhaben, was sie zunächst nicht so richtig versteht, dann aber ihr Leben vor mir ausbreitet. Sie wurde in Lichtenberg geboren und hatte eine Schulfreundin, die in Kaulsdorf wohnte. „Wenn ich bei ihr aus dem Fenster schaute, waren da nur Felder, damals standen da noch keine Häuser.“ Ihr Vater arbeitete im Westen der Stadt, deswegen kannte sie sich überall ganz gut aus. „Ich habe in den 70er Jahren einen Ausreiseantrag gestellt, habe bei Siemens gearbeitet und ganz gut verdient.“ Immer wieder fallen ihr neue Geschichten ein und ich verabschiede mich langsam von dem Gedanken, vor dem Treffen mit Herrn Koska noch ein paar Straßen zu schaffen. Schließlich sind solche Begegnungen wundervoll! Sie muss dann aber auch weiter, wir machen noch ein Selfie und gehen in verschiedenen Richtungen davon.

Ein bisschen Zeit bleibt mir noch, um dem Rathaus Steglitz einen Besuch abzustatten. Es wurde 1896–1898 als Verwaltungsgebäude der damaligen Landgemeinde Steglitz errichtet und am 22. März 1898 eingeweiht. Charakteristisch ist die rote Backsteinfassade in Anlehnung an die norddeutsche Backsteingotik mit dem 56 Meter hohen Turm. Auch nach der Bezirksreform 2001 diente das Gebäude weiterhin Verwaltungszwecken. 2005 wurde das historische Rathaus in das neue Einkaufszentrum „Das Schloss“ integriert, wobei Anbauten entfernt und der Innenhof überdacht wurde. Interessant ist, dass sich die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek vorher auf der Grundfläche des Einkaufszentrums befand. Die Integration der Bibliothek in das Gebäude war fester Bestandteil der Planungen. Nach Fertigstellung kaufte der Bezirk die 5000 m² große Bibliotheksetage im 3. Stock vom Bauherrn zurück.

Das Rathaus lag schon oft am Wegesrand, aber heute suche ich eine Wandervogel-Gedenktafel, die es hier geben soll. Da das schöne Backsteingebäude partiell eingerüstet ist, sehe ich sie nicht sofort, denn sie wird durch Glas geschützt, in dem sich die Außenwelt spiegelt und an der die Passanten vorüber eilen, ohne sie wahrzunehmen.

Gegenüber auf dem Hermann-Ehlers-Platz ist gerade Markt und die Händler haben ihre Stände aufgebaut. Mich interessiert aber eher die Spiegelwand, die eines der eindrucksvollsten Mahnmale in Steglitz sein soll. Sie steht im Zentrum der dreieckigen Platzanlage, heute also mittig zwischen Käse, Wurst, Obst und Gemüse. Sie besteht aus hochglanzpolierten Stahltafeln, die wie eine aufgerichtete, neun Meter lange Spiegelplatte wirken. In den Spiegelflächen sind Namen und Adressen von rund zweitausend jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern eingefügt, die aus Steglitz deportiert wurden. Die Daten stammen aus den historischen Deportationslisten. Zwischen den Namensfeldern finden sich Fotografien und kurze Texte, die jüdisches Leben in Steglitz vor 1938 und in der Gegenwart zeigen, darunter auch das Foto der ehemaligen Synagoge gegenüber in der Düppelstraße 41, deren erhaltene Fassade noch im unzugänglichen Innenhof des dortigen Geschäftshauses steht. Deswegen wurde diese Stelle für das Mahnmal gewählt, aber ich finde, ein ruhigerer Ort wäre würdevoller gewesen als der Käse-Slogan „Loch an Loch“ direkt daneben.

Die Spiegelwand wurde 1994 gegen viele Widerstände nach einem Wettbewerb realisiert, der ausdrücklich ein Mahnmal suchte, das die unsichtbare Synagoge und die Geschichte des Ortes in Erinnerung hält. Der Entwurf von Hans‑Norbert Burkert, Wolfgang Göschel und Joachim von Rosenberg erhielt den Zuschlag, aber die Umsetzung war politisch umstritten. Eventuell hätte das Mahnmal an einem anderen Ort mehr Fürsprecher gehabt.

Nun muss ich mich aber sputen, um Herrn Koska nicht warten zu lassen, aber eine Informationstafel bremst meinen Schwung nochmal aus. Ich bleibe stehen und erfahre die schreckliche Geschichte eines deutschen Soldaten, der am 24. April 1945 von fanatischen Nationalsozialisten an einem
damals vor dem Haus Albrechtstraße 2 befindlichen Straßenbahnmast
erhängt wurde. Seine Identität konnte nie geklärt werden, da weder Papiere noch Erkennungsmarke gefunden wurden und die Standgerichte in dieser Phase des Krieges keine Akten mehr führten. Der Leichnam hing mehrere Tage zur Abschreckung am Mast. Unmittelbar nach Kriegsende brachten Anwohner eine erste provisorische Tafel an, deren Text später mehrfach überarbeitet wurde. Drei verschiedene Fassungen entstanden zwischen 1945 und 1948, bevor die letzte Tafel 1967 im Zuge von Bauarbeiten entfernt und später im Rathaus Steglitz archiviert wurde. Die heutige Informationstafel dokumentiert das alles, sie wurde 2009 aufgestellt.

Als ich mich dem Treffpunkt an der Zimmermannstraße nähere, wartet Andreas Koska schon auf mich und erzählt mir, dass er die Berliner Morgenpost und den Tagesspiegel eingeladen hat, uns auf unserem Spaziergang zu begleiten. Er selbst ist natürlich gut vernetzt im Kiez, denn er hat lange hier gewohnt und durch das Buch zu vielen Anwohnern einen engen Kontakt aufgebaut, auch zur Presse. Es ist noch nicht genau 11 Uhr, deswegen nutzen wir die Zeit, mich unter dem Straßenschild für ein Foto zu positionieren. Dabei beobachtet uns ein Mann und kombiniert, dass es da wohl einen Zusammenhang zwischen dem Schild und mir geben muss. Auch er bekommt meine Visitenkarte.

Zu meiner großen Freude erscheint tatsächlich gleich darauf Katrin Lange, Bezirksreporterin der Berliner Morgenpost, die mir zunächst einige Fragen zu meiner Person stellt, aber auch Mieke, die inzwischen unsere kleine Gruppe komplettiert hat. Dann legen wir los und begeben uns auf einen spannenden Erkundungsgang durch die Zimmermannstraße voller Detailinformationen.

Es geht los mit dem Blick in das Treppenhaus des Eckgebäudes Zimmermannstraße 1 / Schloßstraße 26 bis zum verwunschenen Garten dahinter. Das Haus wurde 1901/02 errichtet, Bauherr war Maurermeister und Bauunternehmer Robert Metzger.

Gleich nebenan befindet sich ein Friseurgeschäft, das schon immer als solches genutzt wurde. Andreas Koska sagt dazu:

Ein Stück weiter kommen wir zu einer Verbindung zwischen Zimmermann- und Ahornstraße, die man früher Viktoriagarten nannte. Jetzt wird jeweils die Hälfte den beiden Straßen zugeordnet.

Vor Nummer 7 bleiben wir stehen, weil hier drei Stolpersteine verlegt wurden für Frieda Dorothea Friedmann, Gertrud Curth und Lina Olga Friedländer.

Frieda Friedmann, geborene Brodnitz, wurde 1885 in Berlin geboren und stammte aus einer jüdischen Unternehmerfamilie. Sie heiratete 1914 Max Friedmann, konvertierte zum evangelischen Glauben und lebte ab den 1930er Jahren in der Zimmermannstraße 7 in Steglitz. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie dank einer Witwenpension in der Wohnung, gemeinsam mit ihrem Sohn und später ihrer Schwester. 1942 wurde ihr Vermögen von der Gestapo eingezogen, kurz darauf musste sie sich in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße melden. Am 6. August 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 15. Februar 1943 starb.

Ihre Schwester Gertrud Curth wurde 1881 in Berlin geboren. Sie heiratete 1902 den Amtsrichter Emil Cohn, mit dem sie den Namen Curth annahm, und lebte mit ihrer Familie in Trebnitz, wo auch ihre beiden Kinder geboren wurden. Nach dem Tod ihres Mannes 1939 zog sie zu ihrer Schwester Frieda Friedmann nach Steglitz. Sie wurde ebenfalls am 6. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Gertrud Curth starb dort am 30. Oktober 1942.

Lina Friedländer, geborene Hirschmann, wurde 1882 in Pommern geboren, arbeitete als Verkäuferin und lebte später als Hausdame bei Frieda Friedmann. 1942 wurde sie mit einem Transport vom Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und dort ermordet. Ihr Sohn Rudi überlebte durch seine Ehe mit einer nicht-jüdischen Frau, blieb aber lebenslang von den Folgen der Verfolgung geprägt.

Das Haus Nr. 34 ist ebenfalls in die Geschichte eingegangen. Hier wohnte die Schneiderin Rosa Lüder. Sie engagierte sich in der Kommunistischen Partei und zeigte viel Mut, als sie den untergetauchten bulgarischen Funktionär Georgi Dimitroff für ca. drei Monate bei sich im Hinterhaus versteckte. Er lebte unter einem anderen Namen und wechselte insgesamt sieben mal den Unterschlupf. Die Möbel des Zimmers wurden später in Leipzig im Georgi-Dimitroff-Museum ausgestellt, das von 1952 bis 1991 existierte.

Nr. 35 fällt auf durch sein reich verziertes Sockelgeschoss. Auch dazu hat Herr Koska Informationen gefunden auf der Suche nach den Lebensgeschichten der Straße. Hier lebte die Künstlerin Elisabeth Chales de Beaulieu (1861-1946), die sich von ihrer militärisch geprägten Familie distanziert hatte.

Mir fällt ein Haus in mintgrün besonders auf und ich frage natürlich, ob auch hier bedeutende oder interessante Menschen gewohnt haben. Natürlich! So z.B. Rolf Kempfer, 1975 SPD-Finanzstadtrat. Er zog 1949 mit seinen Eltern in die Straße. Seine Mutter war eine bekannte Blumenfrau vom Potsdamer Platz und wohnte in Nr. 8. Später verkaufte sie an der Ecke Schloßstraße ihre Blumen und ihr Sohn half ihr morgens, diese aus dem Keller ans Tageslicht zu befördern. Außerdem wohnte in Nr. 12 der bekannte Schauspieler Günther Heitzmann mit seiner Frau Biggi Freyer, ebenfalls Schauspielerin.

Das Haus Nr. 32 direkt gegenüber ist allein schon deswegen interessant, weil dort Bibl.-Rat Dr. Ernst Consentius von der Berliner Staatsbibliothek wohnte. Er hatte einen Kollegen Philipp Losch, der in Nr. 12 wohnte. Beide kannten sich gut. Als Consentius 1937 an einem Schlaganfall starb, schrieb Losch im „Zentralblatt für Bibliothekswesen“: „Aus einem mir gegenüberliegenden Fenster in Steglitz leuchtete viele Jahre lang eine Studierlampe, die jetzt erloschen ist…“ Das bekannteste Werk von Ernst Consentius trug den Titel „Berlin Anno 1740“.

Nun kommen wir zum Zeitungsladen Kiezimmer 13, eines der drei Geschäfte der Straße, die schon immer demselben Zweck dienten:

Hier in Nr. 14, in dem sich jetzt passenderweise Zimmermanns Pflegeteam befindet, war, wenn ich es noch richtig in Erinnerung habe, ein legendärer Gemüseladen. Der Inhaber Dieter Janßen war auch Maler, und so gab es in dem Laden sowohl Gemüse zum Essen als auch zum Anschauen. Die Kunden standen freiwillig Schlange bei ihm, weil er sich für jeden Zeit für ein Schwätzchen nahm. Andreas Koska erzählt das so:

Friedrich Zacher, Mitbegründer und lange Zeit Vorsitzender der Gesellschaft für Vorratsschutz, befasste sich mit Schadinsekten und lebte von 1933-1961 in Nr. 31. Nach 1945 wurde er Abteilungsleiter am Institut für Ernährungs- und Verpflegungswissenschaft.

Hier gleicht das Treppenhaus einer Gemäldegalerie:

Fast am Ende der Straße, Hausnummer 17, nimmt uns Andreas Koska nochmal mit hinein in sein ehemaliges Wohnhaus, das eine Besonderheit aufzuweisen hat. Als ein Aufzug eingebaut wurde, mussten die Fenster im Treppenhaus weichen und wurden an anderer Stelle platziert mit indirekter Beleuchtung:

Einen langen Abschnitt seines Buches widmet Andreas Koska dem Schauspieler Frederick Lau, den vermutlich jeder kennt. Er ist hier in diesem Eckhaus aufgewachsen, das es später aus einem traurigen Anlass in die Schlagzeilen geschafft hat. Im Bericht der vorherigen Tour hatte ich über die Feuerwache Steglitz geschrieben und dass der größte Einsatz der Mannschaft eine Explosion in einem Wohnhaus an der Lepsiusstraße war. Genau dort stehen wir jetzt, Ecke Zimmermannstraße. Herr Koska erzählt, wie das damals passiert ist:

An dieser Stelle muss ich unbedingt erwähnen, dass ich hier nur einen Bruchteil der Geschichten wiedergegeben habe, die Herr Koska zu erzählen hatte und diese wiederum nur eine Auswahl der Informationsfülle seines Buches waren. Wenn man darin liest, ist das wie ein Ritt durch die Geschichte Berlins, erklärt anhand einer Straße. Das Buch ist randvoll mit Lebensgeschichten, die er akribisch zusammengetragen hat. Eine unglaubliche Fleißarbeit, vor der ich mich verneige!

Unsere Wege trennen sich nun, außer Miekes und meinem. Wir laufen zusammen weiter und kommen in der Ahornstraße an einer ehemals berühmten Diskothek vorbei, die heute allerdings ein trauriges, verlassenes Dasein fristet:

1890 wurde es als Gaststätte „Lokal Schellhase“ eröffnet und war bis in die 1930er-Jahre ein Treffpunkt von Sozialdemokraten und Kommunisten. Wilhelm Pieck und Karl Liebknecht sollen sich dort auch aufgehalten haben. Später traf sich im Lokal die NSDAP-Ortsgruppe. Nach 1945 nutzte eine Freimaurerloge das Gebäude, von der auch der kaum noch leserliche Schriftzug „Humanitati“ unterm Dach stammt. 1960 zog die Musik ein, erst als „Jazz-Saloon“, ab 1966 als Disko „Pop Inn“, zu der nur 14-21-Jährige Zutritt hatten. Irgendwann hielten die Nachbarn den Lärm nicht mehr aus und 2013 schlossen sich die Türen für immer. Aber im Juni dieses Jahres gab es eine Tanz‑Performance in der Tanz‑Tangente. Sie ließ den legendären Ort wieder aufleben und erinnerte an seine bewegte Vergangenheit – von frühen Auftritten bekannter Musiker wie Frank Zander, Marianne Rosenberg und Die Ärzte über skurrile Ereignisse wie ein ausgebüxtes Spanferkel bis hin zur Schließung. Jugendliche und Kulturschaffende setzen sich dafür ein, das Gebäude künftig wieder als Treffpunkt zu nutzen. Die alte Leuchtreklame immerhin existiert noch.

Die Ahornstraße hat aber noch mehr zu bieten – stattliche Wohnhäuser mit lauschigen Höfen und goldenen Briefkästen und in der Mitte den Mini Mike’s Mini Park:

Jetzt arbeiten wir die kleinen Querstraßen der Schloßstraße ab, die ich am Vormittag nicht geschafft hatte. In der Hubertusstraße beeindruckt uns ein Haus mit ungewöhnlicher Fassade und Schmuck in der Garageneinfahrt sowie dem Hausflur:

Leider konnte ich dazu keine weiteren Informationen finden, sondern habe mich mit der KI gezankt, die vehement behauptete, dass dieses Gebäude in Mailand steht und ich mit Berlin völlig daneben läge. Aber sie hat sich, als ich ihr den Beweis lieferte, aufrichtig bei mir entschuldigt. Immerhin. Der weitere Weg führt vorbei an stattlichen Mehrfamilienhäusern der Gründerzeit, Stolpersteinen und der Thailändischen Botschaft. Sie erhielt 1994 / 95 einen modernen Neubau, der einer älteren Villa auf dem Gelände aus dem Jahr 1892 vorgesetzt wurde. Leider verschwindet sie dahinter fast vollständig, was ich sehr schade finde.

In der Gritznerstraße erwartet uns das von einem Bauzaun umgebene Paulsen-Gymnasium, das auf seiner Webseite einen deutlich frischeren Eindruck macht als jetzt vor Ort. Es sieht aus, als wären hier schon lange keine Schüler mehr ein- und ausgegangen. Aber das täuscht natürlich. Besonders gefällt mir das Wandbild mit den Spruchbändern, auch die mit Linolschnitt produzierten Vögel hauchen dem Bauzaum etwas Leben ein.

Mieke verabschiedet sich vorerst von mir, sie ist schließlich berufstätig und kann nicht so wie ich den ganzen Tag um die Häuser ziehen. Wir verabreden uns für den Nachmittag bei ihr zu Hause. Ich bleibe in der Gritznerstraße, bewundere die originellen Fachwerk-Erker mit Stützpfeilern an einem Haus, das von einer Tagespflege-Einrichtung genutzt wird, daneben ein denkmalgeschütztes Jugendstilhaus aus der Zeit um 1900 und einen sehr dominanten Holzbalkon.

Am Ende der Straße – Ecke Grundwaldstraße stehe ich einem burgähnlichen Wohnhaus mit Turm und Zinnen gegenüber, dessen Bauherr Max Gritzner war. Ich bin also eben durch die nach ihm benannte Straße gelaufen. Das Haus wurde 1883 durch Architekt Max Nagel errichtet. Man beachte die große Terrasse!

Zurück durch die Ermanstraße, lande ich mitten im sogenannten Dichterviertel, dessen Straßen überwiegend nach Schriftstellern benannt sind. Bevor ich mich ihnen widme, folge ich einer Einladung von David Damm, der mich in Dahlem einen Tag begleitet hat und hier in der Nähe wohnt. Eine Pause ist immer willkommen. Wir sitzen ein Weilchen bei einer Tasse Kaffee zusammen, bis David, der heute im Homeoffice arbeitet, wieder die Pflicht ruft und mich schließlich auch. Es folgen meine Fundstücke:

Am Haus Forststraße 15 fällt mir ein Relief auf, das offenbar eine Geschichte erzählt. Als ich es mit einem Foto einfangen will, merke ich, dass es wie ein QR-Code funktioniert. Auf dem Handy-Display wird ein Link zur Elsbachstiftung angezeigt. Jetzt bin ich neugierig – was verbirgt sich dahinter?

Brigitte Elsbach wurde 1923 in Königsberg geboren und erlebte schon als Kind antisemitische Ausgrenzung. 1938 gelang ihrer Familie die Flucht über die Tschechoslowakei und Marseille nach Uruguay, wo sie ein neues Leben aufbaute. 1941 heiratete sie dort den deutschen Auswanderer Alfred Elsbach. 1954 kehrte das Paar nach Deutschland zurück. Brigitte Elsbach investierte ihre Ersparnisse und Wiedergutmachungszahlungen in Berliner Immobilien, die sie bewusst langfristig hielt, um Bewohnern Sicherheit und stabile Existenzen zu ermöglichen. Sie unterstützte zudem Vereine und soziale Projekte und entwickelte eine große materielle Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen in Not. Gemeinsam mit ihrem Sohn Pedro entstand schließlich die Idee, ihr Vermögen in eine Stiftung einzubringen, die bis heute gemeinnützige Initiativen fördert. Das Relief wurde ihr zu Ehren an ihrem Wohnhaus in der Forststr.15 angebracht. Es wurde von der Bildgießerei Noack und dem Künstler Leonid Sokhranski gefertigt und erzählt die bewegende Geschichte ihrer Flucht.

Auf der Webseite findet man unter „Das Relief“ ein sehr interessantes Video, in dem Pedro Elsbach die Geschichte erzählt, während man dabei zuschauen kann, wie das Relief hergestellt wurde.

Jetzt freue ich mich auf den Besuch des Antiquariats Primobuch in der Herderstraße, das schon von außen mit dem schönen Spruch von J. L. Borges lockt: „Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“ Schon auf den ersten Blick wird klar: Das ist nicht „nur“ ein Antiquariat, sondern ein Wohlfühlort, eine Oase, Café, Galerie und Veranstaltungsort in einem. Gerade gibt es eine Ausstellung mit Bildern von Christiane Lenz mit dem Titel „Blau“. Passend dazu sind auf dem runden Tisch im Eingangsbereich Bücher mit blauen Covern liebevoll angeordnet. Die Inhaberin Judith Moser begrüßt mich freundlich und als sich herausstellt, dass ich die laufende Bibliothekarin bin, ertönt ein Freudenschrei: „Sie sind Renate Zimmermann! Ich habe ja schon so lange auf Sie gewartet! Ich hatte das Gefühl, dass Sie immer einen großen Bogen um die Herderstraße machen.“ Sie erzählt lachend, dass sie vor ihrem Urlaub im Juni noch nachgeschaut hat, ob ich nicht gerade dann an ihrem Laden vorbeikomme, aber es gab keinen Grund zur Sorge. „Und nun sind Sie hier!“

Sie lädt mich ein auf ein Getränk und holt gleich noch ihre Freundin dazu, die in der oberen Etage werkelt und ihr offensichtlich zur Hand geht. Auch sie erkundet neue Gegenden, dazu verabredet sie sich immer mit einer Freundin, die im Osten Berlins wohnt (war es nicht sogar Marzahn-Hellersdorf, ich bin mir nicht mehr sicher). Momentan besuchen sie alle 97 Ortsteile Berlins und erzählen sich gegenseitig ihre Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend, die sie mit der jeweiligen Gegend verbinden. So erleben beide von- und miteinander die deutsch-deutsche Geschichte hautnah. Ich bin begeistert von dieser schönen Idee. Frau Moser erzählt von ihren Veranstaltungen, die sie JEDEN Samstag in ihrem Antiquariat anbietet und dass als nächstes das Steglitzer Zimmertheater zu Gast bei ihr ist. Sofort fällt mir da natürlich das Papiertheater an der Oppermann aus Marzahn ein und ich schwärme ihr von dem Ehepaar Kosel vor, die mit großer Leidenschaft und Liebe zum Detail dieses Minitheater gegründet haben. „Kenne ich doch!“, ruft sie zu meinem großen Erstaunen aus. „Ich bekomme immer den Newsletter und war schon öfter dort. Meistens schleppe ich Freunde und Bekannte mit und sage: Das müsst ihr einfach mal gesehen haben!“ Wir schwelgen noch ein bisschen in unserer Begeisterung, als Frau Moser noch das Weite Theater einfällt, das sie sehr gerne besucht hat, solange dieses sein Domizil in Hellersdorf hatte. „Die Besucher wurden dort immer so nett empfangen, sogar mit einem kleinen Imbiss. Alle waren unglaublich freundlich. Und da dachte man vorher immer: Uhh, nach Hellersdorf…“ Klischees sind dazu da, gebrochen zu werden! Es ist für mich jedenfalls kaum zu glauben, dass ich mich in einem Steglitzer Antiquariat mit der Inhaberin über die Marzahn-Hellersdorfer Kulturszene austausche. Berlin ist eben doch ein Dorf.

Gerne würde ich noch bleiben, aber noch ist nicht alles geschafft und Mieke wartet vielleicht auch schon auf mich. Also heißt es Abschiednehmen mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Der Breitenbachplatz nähert sich nun und mit ihm die Wohnanlage Buggestraße, Forststraße, Opitzstraße, Björnsonstraße, die mir ausgesprochen gut gefällt. Sie wirkt stellenweise wie aus der Zeit gefallen, ein bisschen wie in einem Heimatfilm. Sie wurde 1924-1928 nach Plänen des Architekten Bruno Ahrends errichtet. Bauherr war der Bau-Spar-Verein Eintracht & Gemeinschaft zum Bau von Eigentumswohnungen & Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft.

Diese Siedlung liegt westlich der Schildhornstraße, während der Blick zur anderen Seite keinen erfreulichen Anblick zeigt:

Bald bin ich bei Miekes Wohnung angelangt und erfrische mich mit Wasser und knackigen Kirschen, bevor wir das letzte Stück der heutigen Etappe wieder gemeinsam laufen. Dazu gehört die Wohnanlage Steglitz II am Fritschweg, von Paul Mebes 1907/08 im Auftrag des Beamten-Wohnungs-Vereins erbaut. Schon beim Blick in den extra dafür angelegten Fritschweg, der die Anlage durchzieht, erobert sie sich einen der vorderen Plätze auf meiner Favoritenliste. Auch in der Literatur wird Steglitz II als eine der architektonisch gelungensten Wohnanlagen erwähnt. „Mebes bewies…seine Meisterschaft im Umgang mit kompliziert geschnittenen Grundstücken. In Steglitz lag es schräg innerhalb eines größeren Baublocks, was Mebes zur Anlage einer Privatstraße veranlaßte, die von dreigeschossigen Häuserreihen gerahmt wird… Die nach dem ersten Vorsitzenden des Beamten-Wohnungs-Vereins, Bruno Fritsch, benannte Privatstraße erweitert sich in der Mitte zu einem Platz, an dem sich ein turmartig erhöhtes Eckhaus erhebt….“ (Thomas Heyden: Berlin auf dem Wege zum neuen Wohnen)

Auch die Universität Stuttgart hat sich mit dieser Reformbauweise im Fritschweg befasst. Die 130 Wohnungen besitzen überwiegend zwei bis drei Zimmer und verfügen teilweise über Mietergärten, die Eingänge und Fassaden sind mit Bildhauerarbeiten von Walter Schmarje gestaltet.

In der Haderslebener Straße zeigt mir Mieke eine 200 Jahre alte Trauerbuche, die als Naturdenkmal eingestuft wurde:

Es geht dann auch gleich weiter mit Natur am Gustav-Mahler-Platz, der eigentlich ein Park ist und in dessen Mitte der Rückert-Teich liegt. Den Gedenkstein für Gustav Mahler hatte ich schon bei einer Tour durch das angrenzende Dahlem entdeckt.

Es folgen noch ein paar Wege, die zu gehen sind und für die Mieke eine Laufstrategie ohne Dopplungen gefunden hat. Dann bin ich bis auf den Rest der nicht so schönen Schildhornstraße bis vor zur Schloßstraße fertig und sehe irgendwie auch so aus auf dem Foto. Für heute heißt das, von Mieke Abschied nehmen zu müssen, aber nicht für immer! Wir wollen auf jeden Fall weiterhin ab und zu gemeinsam „touren“.

Bevor ich das letzte Stück absolviere, habe ich noch ein sehr schönes Ziel vor Augen, auf das ich mich schon wochenlang freue: das Berlin-Antiquariat in der Zimmermannstraße, das heute Vormittag noch geschlossen war. Auf ins Paradies!

Eine halbe Stunde bleibt mir noch, bis das Antiquariat schließt, was für meinen Geldbeutel nur von Vorteil sein kann. Ich trete ein und stehe auf dem roten Teppich, was will ich mehr! Ein Blick genügt, um einschätzen zu können, dass ich einen zweiten Anlauf mit viel mehr Zeit nehmen muss, um mir überhaupt erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Was für eine Fülle an Büchern, aber auch Grafiken.

Der Inhaber Karl-Heinz Than fragt nach meinen Wünschen und ich würde am liebsten antworten: „Ich hätte gerne alles!“, beschränke mich aber auf: „Ich interessiere mich vor allem für Architektur in Berlin“ und schiebe natürlich den Grund gleich hinterher. Überrascht schaut mich Herr Than an: „Sie wollten doch morgen kommen? Andreas Koska hat Sie für morgen angekündigt. Ich wollte extra morgen schon um 11:30 Uhr hier sein.“ Untröstlich, sich im Tag vertan zu haben, ruft er als erstes bei Koskas an und entschuldigt sich. Er tut mir richtig leid, weil er sich so grämt und versichere ihm, dass es nicht schlimm ist. Während ich versuche, die halbe Stunde so effektiv wie möglich zum Stöbern zu nutzen, erfahre ich eine Menge von Herrn Than über sich selbst, seine Enkel, das Antiquariat, dass er sich keine Namen merken kann („deswegen habe ich meine Frau geheiratet, damit ich mich an ihren Nachnamen erinnern kann“) und dass er mit seinen 80 Jahren gerne das Geschäft abgeben würde, obwohl es ihm noch Spaß macht. Er ist unglaublich hilfsbereit und bietet mir immer wieder an, ich könne jederzeit anrufen und sagen, was ich brauche. Horst Bosetzky, ein guter Freund von ihm, hat ihm sogar in einem seiner Krimis ein Denkmal gesetzt, was er mir stolz zeigt und vorliest:

Auch in der Kürze der Zeit habe ich einiges gefunden, was ich mitnehmen möchte, was mir Herr Than zu einem symbolischen Preis überlässt. Nun wird es Zeit für mich, mit gut gefülltem Rucksack weiterzuziehen. Mit Sicherheit werde ich wiederkommen!

Nun steht noch ein ganz spezielles Gebäude aus – der Bierpinsel. Angeblich sieht er aus wie ein riesiger, bunter Pinsel, in dessen Innerem ursprünglich Bier ausgeschenkt wurde. So hat sich in den 1970er Jahren dieser Spitzname etabliert und kaum jemand kannte oder kennt den eigentlichen Bauwerksnamen „Turmrestaurant Steglitz“. Ich bin ein bisschen skeptisch, was mich erwartet und um so angenehmer überrascht, als er endlich vor mir auftaucht. Er hat etwas Humorvolles, wie ich finde und wirkt durch die Treppe, auf der er steht, fast leichtfüßig.

Schade, dass auch dieses Gebäude ein Lost Place ist. Es war bestimmt etwas ganz Besonderes, die Welt bei einem Getränk von dort oben zu betrachten. In einem Interview mit der Architektin Ursulina Schüler-Witte wird der Auf- und Niedergang dieses Bauwerkes besprochen mit vielen zeitgenössischen Fotos vom Bau über das ursprünglich rote Outfit bis zur kribbelbunten Erscheinung von heute. Ich empfehle sehr, den Link anzuklicken, es lohnt sich! Die komplette Geschichte findet man natürlich auch auf Wikipedia. Noch ist nicht das letzte Wort gesprochen und man kann nur hoffen, dass eine gute Lösung gefunden wird.

Zum Schluss folgt ein Gang durch die sehr kurze Dünther Straße, in der ich das 242. und letzte Foto des Tages mache von einem Haus, das als Kanzlei dient. Es wurde 1885-86 gebaut und fällt durch die markante Klinker- und Backsteingestaltung und die Segmentbögen über den Fenstern auf. Auch die beiden Frauenfiguren im antiken Stil in den Wandnischen des Eingangsbereiches werten das Gebäude auf. Es sticht auf jeden Fall inmitten seiner Umgebung heraus.

Nun ist ein langer und kommunikativer Tag zu Ende. Am Dienstag werde ich meine letzte Tour durch den Stadtbezirk antreten.