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22. Oktober 2026 | Spandau (Staaken) | Siedlung Klosterbüsche, Brandwerder, Kleingärten, Falle Staakener Straße, IBA 2034-37 und drei Begegnungen

„Der du die Wälder färbst | Sonniger, milder Herbst | Schöner als Rosenblühn | Dünkt mir dein sanftes Glühn.“ (Ferdinand von Saar) – Kalenderspruch des Tages

Audio-Zusammenfassung des Textes mittels KI:

Eine Karte mit roten Umrandungen, die den Bereich um Klosterbüsche zeigt, mit Straßennamen und einer Schule am Brandwerder.

Heute bin ich mit Eva Heyse am Start, eine ehemalige Kollegin, die früher die 1988 eröffnete Heinz-Lüdecke-Bibliothek im Dorf Marzahn leitete. Nach 15 Jahren Betrieb fiel diese den Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen im Berliner Bibliothekswesen zum Opfer, sie wurde 2003 geschlossen. Später zog das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf in das Gebäude ein. Eva wechselte dann in die Mark-Twain-Bibliothek, wo wir uns kennenlernten und bis heute Verbindung haben. Gemeinsam ist uns auch, dass wir in der DDR zusätzlich zum Abitur eine Berufsausbildung absolviert haben. Eva als Stenophonotypistin und ich als Zootechniker/Mechanisator in der Landwirtschaft.

Bevor ich unsere Erlebnisse schildere, muss ich noch zwei Dinge loswerden. Erstens: Dass der Bierpinsel in Steglitz zu bröckeln beginnt, haben bestimmt viele mitbekommen. Am Abend des 20. September 2026 stürzten Fassadenteile aus etwa 30 Metern Höhe herab. Daraufhin sperrten Feuerwehr und Polizei den Bereich um das Gebäude ab und erweiterten jetzt den Bereich nochmal erheblich. Was hatte ich doch für ein Glück, denn im Juli bin ich dort vorbeigekommen und in alle begehbaren Ecken gekrochen, ohne erschlagen zu werden. Oder bröckelt der Turm jetzt, weil ich darauf herumgeklettert bin? Jedenfalls ist mir dabei aufgefallen, dass das Architektenpaar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, das auch für das ICC verantwortlich ist, ein Gebäude in Hellersdorf entworfen hat, das sich in meiner unmittelbaren Wohngegend befindet – das Büro- und Dienstgebäude des Rathauses mit einer markanten Ausstellungspyramide.

Zweitens: Als ich das Gebiet rund um die Stößenseebrücke (Pichelswerder) erforscht habe, kam ich auch auf den Bauzaun zu sprechen, der seit 18 Jahren das Geländer der Brücke absperrt, ohne dass jemals etwas gebaut wurde. Ich bin seitdem zweimal in der Woche mit dem Bus dort unterwegs zum Startpunkt meiner Tagestouren und gestern fiel mir auf: Er ist weg! Still und heimlich verschwunden! Eigentlich kommt das einer Sensation gleich, doch im Netz ist darüber nichts zu finden. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass das Geländer erhöht wurde, es sieht aus wie immer. Das aber war ja der offizielle Grund für den Bauzaun – es würde in der Höhe nicht den heutigen Sicherheitsstandards entsprechen. Leider erfolgt ab Montag meine Anreise nicht mehr über die Heerstraße, so dass ich die Angelegenheit nicht im Auge behalten kann. Aber wenn ich nach Spandau in Charlottenburg unterwegs sein werde, schaue ich auf jeden Fall nach.

So, dann gehts jetzt los. Die ersten Meter des Tages sind nicht so spannend, sie führen uns ab Magistratsweg auf dem Brunsbütteler Damm in östliche Richtung. Rechts säumen schlichte Wohnblocks den Weg, auf der linken Seite Supermärkte und Industriegelände.

Erst an der Egelpfuhlstraße bietet sich Gelegenheit, dem Verkehrslärm zu entfliehen, aber nur unter der Bedingung, dass wir einen Slalom-Bauzaunlauf in Kauf nehmen. Machen wir gerne, denn uns locken zwei Dinge – das Firmenschild „C. Bechstein“ und der Bullengraben (mal wieder). Das Bechstein-Schild prangt an der Wand eines Hauses, das eher aussieht wie ein kleines Bürogebäude, aber niemals wie eine Flügel-Werkstatt. Später werden wir in der Staakener Straße von Weitem noch ein großes Fabrikgebäude entdecken, auf dessen Dach in großen Lettern der Name BECHSTEIN prangt, doch auch dort werden diese edlen Instrumente nicht produziert, sondern in Seifhennersdorf und Hradec Králové in Tschechien. Hier hingegen handelt es sich um eine Liegenschaft der Bechstein-Stiftung und den Bechstein-Saal, zugänglich vom Brunsbütteler Damm aus, der 2021 auf dem Gelände der ehemaligen Kaiser´s Kaffeerösterei eröffnet wurde.

Ich werde neugierig, vertiefe mich auf der Webseite des Unternehmens in die sehr ausführliche Lebens- und Firmengeschichte Carl Bechsteins und erfahre dabei Zusammenhänge, die sogar mehrmals den Bogen bis in meine Heimatstadt Meiningen schlagen. Ich muss gestehen, dass ich nichts von der Verwandtschaft zwischen Carl und Ludwig Bechstein wusste, den alle sicher als Märchensammler und -dichter kennen. Er war der Onkel von Carl und Herzoglicher Hofbibliothekar in Meiningen, wo er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod 1860 verbrachte und auch dort begraben wurde. Der Name Bechstein war sogar bereits bekannt, bevor Carl Bechstein Klaviere baute oder Ludwig Bechstein Märchen sammelte. Der Naturforscher und Forstwissenschaftler Johann Matthäus Bechstein (1757–1822) gründete um 1800 in Dreißigacker bei Meiningen eine der ersten deutschen Forstakademien, holte den jungen, unehelich geborenen Ludwig Bechstein zu sich und förderte ihn.

Carl Bechstein (1826–1900) zählt zu den bedeutendsten Klavierbauern des 19. Jahrhunderts. Nach Lehr- und Wanderjahren in Deutschland, England und Frankreich gründete er 1853 in Berlin seine eigene Klavierwerkstatt. Dort verfolgte er das Ziel, Instrumente zu entwickeln, die den gestiegenen Anforderungen der modernen Konzertmusik gerecht wurden. Seine Klaviere zeichneten sich durch besondere Stabilität, einen kraftvollen Klang und technische Innovationen aus. Damit traf Bechstein den Nerv seiner Zeit, denn Komponisten und Pianisten verlangten nach Instrumenten, die auch virtuose und klanglich anspruchsvolle Werke zuverlässig wiedergeben konnten.

Zum Erfolg trugen enge Beziehungen zu führenden Musikern bei. Besonders der Pianist Hans von Bülow setzte sich früh für die neuen Instrumente ein. Dieser übernahm von 1880 bis 1885 die Leitung der Meininger Hofkapelle und formte das Orchester innerhalb weniger Jahre zu einem international beachteten Spitzenensemble und war eng befreundet mit dem Komponisten Johannes Brahms, der ebenfalls einen Bechstein-Flügel sein eigen nannte. Auch Franz Liszt und Richard Wagner gehörten zum Kreis der Künstler, die Bechsteins Klaviere schätzten. Die Anerkennung durch diese prominenten Musiker verschaffte dem Unternehmen internationales Renommee. Auch hier gibts wieder eine Verbindung zu Meiningen: Liszt gab dort Konzerte und Wagner war mit dem Herzog verbandelt.

Ab den 1860er Jahren entwickelte sich die Firma zu einem der führenden Klavierhersteller Europas. Auszeichnungen auf internationalen Ausstellungen sowie die stetig wachsende Nachfrage führten zu mehreren Fabrikerweiterungen in Berlin. Mit dem 1892 eröffneten Bechstein-Saal nahe des Potsdamer Platzes verfügte die Marke zudem über einen repräsentativen Konzertort, der das Musikleben der Hauptstadt bereicherte.

Als Carl Bechstein 1900 starb, produzierte sein Unternehmen bereits mehrere tausend Instrumente pro Jahr. Trotz späterer Krisen, Kriege und Zerstörungen blieb der Name Bechstein eng mit hochwertigem Klavierbau verbunden, bis heute! Die Stiftung knüpft an das Wirken ihres Namensgebers an und versteht sich als Förderin musikalischer Bildung und junger Talente.

Nach diesem musikalischen Ausflug wandern wir an Kleingärten vorbei zum Bullengraben, weil wir von dort aus den Weißenstadter Ring gut erreichen können.

Das ist eine der älteren Wohnanlagen Staakens. Die ersten Häuser entstanden bereits Ende der 1950er Jahre und wurden in den folgenden Jahrzehnten Teil des groß angelegten Wohnungsbaus im Bereich Heerstraße Nord. Die Anlage steht beispielhaft für die Stadterweiterung im Berliner Westen, als dringend benötigter Wohnraum für die wachsende Stadt geschaffen wurde. Typisch sind die großzügigen Grünflächen, Spielplätze und aufgelockerte Bebauung, zwischen denen wir herumspazieren.

Und schon sind wir mit diesem Wegstück fertig, jetzt gehts weiter nach Norden in die nächste Siedlung, die sich allerdings deutlich unterscheidet. Kurioserweise ist die Neue Straße in diesem Abschnitt die älteste. Hier stehen typische Reihenhäuser, von Maurermeister und Stadtrat Dietrich errichtet und 1919 an die Anlieger verkauft. Die Straße war dicht besiedelt, denn in jedem Haus befanden sich vier Wohnungen, in denen zu Spitzenzeiten Großfamilien mit fünf bis sieben Kindern wohnten. Zeitzeugen berichteten, dass dadurch regelmäßig rund 200 Kinder gleichzeitig draußen spielten und die Neue Straße eine sehr lebendige Ecke war.

War bis 1929 das Gebiet daneben noch als Brandwerder im Kartenwerk zu finden mit Büschen und Bäumen, ist der Bereich 1933 bereits parzelliert. Bebaut wurden die Grundstücke aber erst Anfang der 1950er Jahre inklusive Vergabe von Straßennamen. Es herrscht erstaunlich viel Betrieb in den kleinen Straßen, so dass wir ständig diversen Lieferfahrzeugen im Weg sind. Man findet hier wirklich alles: Bescheidenheit und Prunk, gepflegte Grundstücke und Bauruinen, Schiefer, Holz, Beton, Rauhputz, Klinker und rustikalen Steinputz, Schmuckwerk, Totenköpfe, Gespenster und Grusel-Clowns, stattliche Bäume, Seniorenwohnanlage und ein Begegnungszentrum der nepalesischen Community.

Das Besondere – wir sind nicht allein auf unserem Streifzug! Ein Mann auf einem Fahrrad fährt zunächst an uns vorbei, kehrt dann aber wieder um, weil wir so aussehen, als würden wir nach dem richtigen Weg suchen. Kein Wunder, denn wir gleichen gerade den Plan in meiner Hand mit den digitalen Daten ab, weil es dort den Anschein einer möglichen Querverbindung von der Aumühler Straße zum Brandwerdergraben hat. Wir erfahren von ihm, dass wir hier nicht weiterkommen, es sei denn, wir würden über den Grundstückszaun klettern, vor dem wir stehen. Die Entscheidung fällt nicht schwer – wir legen den Rückwärtsgang ein. Der freundliche Mann erzählt, dass es hier wohl mal eine Mühle gegeben haben soll, was ich allerdings im Nachhinein nirgendwo bestätigt finde. Aber er hat einen Blick auf die Dinge, wie ich es mag und lässt uns daran teilhaben: eine Eiche, deren Stamm ungewöhnlich breit gefächert ist und die mit ihrem Blattwerk dem Grundstücksbesitzer vermutlich mehr Last als Freude ist, ein Haus mit auffälligem Putz, fehlende Gehwege, die nepalesische Flagge. Sein Rad schiebend, schlendert er mit uns weiter, zeigt und erzählt uns dieses und jenes, macht uns darauf aufmerksam, dass wegen Gleisarbeiten ein Stück der Prisdorfer Straße gesperrt ist, thematisiert die Zwangsarbeiterlager, die im Dritten Reich errichtet wurden, um unter Ausbeutung der Gefangenen die Wirtschaft einigermaßen am Laufen zu halten, denn die deutschen Männer waren im Krieg. Alles konnten die Frauen auch nicht auffangen.

In dieser Gegend zeigt sich ein Stück Staaken, das bis heute stark von der Eisenbahn geprägt ist. Hier treffen die Hamburger Bahn und die Lehrter Bahn in einem weitläufigen Gleisdreieck aufeinander. Die ausgedehnten Bahnanlagen schnitten einst zusammenhängende Wegebeziehungen und Landschaftsräume auseinander, trennten Felder, Siedlungsbereiche und Verkehrswege voneinander und schufen zahlreiche Sackgassen, Unterführungen und Umwege. Zugleich entwickelte sich entlang der Gleise ein ausgeprägtes Gewerbe- und Industrieband: Lagerflächen, Baustoffhandel, Logistikunternehmen, Werkstätten und Produktionsbetriebe nutzten die günstige Anbindung an das Schienennetz und die großen, von Wohngebieten abgeschirmten Flächen. So zum Beispiel auch die Firma Orenstein & Koppel, die neben vielen anderen Niederlassungen deutschlandweit in Spandau Waggons, Weichen und Signalanlagen für Feld-, Klein- und Vollbahnen produzierte. Hinzu kamen elektrische Lokomotiven sowie die berühmten Eimerkettenbagger, die weltweit auf Großbaustellen eingesetzt wurden. Der Anschluss an beide großen Fernbahnstrecken war nötig, wodurch die bis heute sichtbaren Barrieren im Stadtraum zwischen Staaken, Siemensstadt und den Gewerbegebieten entlang der Bahn entstanden. Diese Infrastruktur hindert uns daran, direkt entlang der Ortsteilgrenze Staaken – Spandau weiterzulaufen. Hinzu kommt der wegen Gleisarbeiten gesperrte Bahnübergang, der uns zwingt, im großen Bogen über die nächstmögliche Querung der Schienen neu anzusetzen, um auf die andere Seite zu kommen. So wird es uns heute noch öfter gehen – nicht wir, sondern die Bahnlinien bestimmen die Marschroute.

Wir verabschieden uns von unserem temporären Stadtführer, um gleich in das nächste nette Gespräch verwickelt zu werden. Denn schon zum zweiten Mal begegnen wir einem Mann mit Kinderwagen, der seinen friedlich schlafenden Enkel spazierenfährt und sich wundert, was in dieser Siedlung so spannend sein könnte, dass Touristen jeden Winkel akribisch inspizieren. Und das nicht nur einmal – nein, jetzt kommen die hier schon wieder um die Ecke! Dass wir etwas sonderbar wirken, ist absolut nachvollziehbar, ein Eindruck, den unsere offengelegten wahren Beweggründe vermutlich noch befeuern. Er erzählt uns, dass er sechs Enkelkinder hat und dieser kleine Sonnenschein hier im Wachzustand ganz schnell zu einem kräfteraubenden Wirbelsturm mutieren kann. „Dann übergebe ich ihn in die Obhut meiner Frau“, gibt er lachend zu. Auch er weist uns auf die gesperrte Straße hin und erklärt den großen Umweg, den wir deswegen gehen müssen.

Erneut den rätselhaften Buchstaben in der Spandauer Straße auf der Spur, halte ich Ausschau nach potentiell ortkundigen Menschen und werde fündig. Mit „Entschuldigen Sie, wohnen Sie hier in dieser Straße?“, versuche ich einen Passanten zu stoppen. „Ja, aber ich habs eilig!“, versucht er mir zu entwischen. „Geht schnell“, verspreche ich ihm und frage nach der Bedeutung der Buchstaben, ob er sie vielleicht kenne. „Ja!“, höre ich ihn sagen und frohlocke innerlich. Endlich einer, der Bescheid weiß! „Das sind die Initialen der Leute, die in den Häusern am Gehweg gewohnt haben. Aber das wurde nur am Anfang der Straße so gehandhabt, weiter hinten nicht mehr“, spricht er und eilt davon. Tja, kann so gewesen sein, muss aber nicht. Es bleibt alles Spekulation.

Irgendwann haben Eva und ich dann die Staakener Straße erreicht, die parallel am Bahndamm entlangführt. Sie gehört nur zum Teil zu Staaken und ich würde zu gerne wieder abbiegen, weil ich möglichst nicht ortsteilübergreifend laufe, aber es ist uns nicht möglich. Wir sind gefangen in diesem nicht enden wollenden Straßenschlauch. Rechts die Bahn, links Industrie, die zumindest architektonisch mit einem Highlight aufwartet, dem Gewerbekomplex Prologis Park Berlin DC7. Ich empfehle, diesen Link zu öffnen, denn dort ist eine Luftbildaufnahme zu sehen, die die beeindruckende Größe des Geländes zeigt. Auf meinem Foto ist nur ein winziger Teil davon abgebildet.

Ursprünglich gehörte der gesamte Komplex zur schon erwähnten „Fabrik der Zukunft“ von Orenstein & Koppel. Im Jahr 1990 zog das Unternehmen an diesen Standort mit Fabrikanlage und Verwaltungsgebäude. Nach dem Ende von O&K übernahm das Aluminiumwerk Berlin einen Teil der Produktionshallen, den anderen, hier sichtbaren Teil Prologis mit der Hightech-Firma Photon AG. Die roten Aluminium-Lamellen dienen als Sonnenschutz. Hinter der keilförmigen Glasfront befinden sich überwiegend Büros.

Axel Springer tummelt sich gegenüber mit dem Druckhaus Spandau auf einem 40.000 m² großen Grundstück, am 3. November 1993 von Bundeskanzler Helmut Kohl höchstpersönlich eröffnet. Es war damals das modernste Druckhaus Europas mit einer 2750 Tonnen schweren, 14 Meter hohen und 126 Meter langen Anlage. Kosten: 500 Millionen Mark. 600 Mitarbeiter sorgten dafür, dass stündlich 40.000 Zeitungen fertiggestellt wurden. Als innovativ wurden damals besonders die Umweltschutzmaßnahmen betont wie z.B. ein eigenes Blockheizkraftwerk, Lärmschutz, geschlossener Wasserkreislauf und Wertstoff-, Druckfarben- und Waschmittelrecycling. Interessant ist auch, dass hier vor allem die ostdeutschen Regionalausgaben von BILD und Welt gedruckt und und über optimale Autobahnanbindungen schnell dorthin geliefert werden können. Auch die B.Z., der Tagesspiegel und die Potsdamer Neuesten Nachrichten gehören zur Produktpalette.

Das Gebäude der Axel Springer SE mit modernen Architekturelementen und umliegenden Bäumen.

Zum Ende der Straße hin, als wir Staaken unfreiwillig längst hinter uns gelassen haben, wirds ziemlich wild mit einem Autofriedhof und großflächigen Graffitti-Bildern:

An Stimmung und Stil konsequent angepasst folgt ein Gebäude, dessen Nutzung schon längere Zeit zurückliegen muss, aber einen interessanten Baustil vorzuweisen hat. Man könnte meinen, es würde auf Schienen auf dem Unterbau ruhen.

Ein moderner, grauer Gebäudekomplex mit mehreren Fenstern und sichtbaren Schäden an der Fassade, umgeben von Bäumen und blauem Himmel.

Interessanterweise handelt es sich um eine der kuriosesten Konstellationen des Kalten Krieges: das ehemalige Verwaltungsgebäude der DDR-Reichsbahn auf West-Berliner Gebiet. Aufgrund des Viermächte-Status der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das gesamte Berliner Eisenbahnnetz – inklusive der S-Bahn im Westteil – unter der Kontrolle der östlichen Deutschen Reichsbahn (DR). Das markante Gebäude spiegelt diese politische Zerreißprobe sowohl in seiner Architektur als auch im damaligen Arbeitsalltag perfekt wider.

Baugeschichtlich präsentiert sich der Komplex als klassischer Zweckbau des „Sozialistischen Modernismus“. Mit seiner strengen, kubischen Form und den funktionalen Fensterbändern war das Gebäude ganz auf maximale Raumausnutzung und kostengünstige, serielle Bauweise ausgerichtet. Ein besonderer Blickfang ist das auskragende Obergeschoss, das auf massiven Betonstützen ruht – ein gestalterisches Element der 1960er und 1970er Jahre, das dem wuchtigen Baukörper etwas Leichtigkeit verleihen sollte. Hinter den Mauern spielte sich ein bizarrer Alltag ab. Obwohl es sich um eine DDR-Staatsbehörde handelte, bestand die Belegschaft vor Ort zum Großteil aus West-Berliner Angestellten. Da die Reichsbahn diese „West-Reichsbahner“ in West-Mark bezahlen musste, bedeutete der Betrieb für die DDR eine enorme finanzielle Devisenbelastung. Ost-Berliner Funktionäre oder loyale Grenzgänger wurden meist nur in höheren Führungspositionen eingesetzt. Die Dienststelle funktionierte wie eine kleine DDR-Insel im Westen: Es galten östliche Dienstvorschriften, in den Büros hingen SED-Plakate, und die West-Berliner Polizei besaß auf dem Gelände keinerlei Befugnisse.

Da die West-Bevölkerung die S-Bahn nach dem Mauerbau weitgehend boykottierte, geriet die Reichsbahn im Westen tief in die roten Zahlen. Als die DDR-Führung 1980 schließlich Strecken stilllegen und Personal entlassen wollte, kam es zum historischen Reichsbahnerstreik, bei dem die West-Mitarbeiter gegen ihren östlichen Arbeitgeber aufbegehrten. Die DDR reagierte mit Massenentlassungen und legte viele West-Berliner Strecken endgültig still. Auch dieser Verwaltungskomplex verlor dadurch rasant an Bedeutung, bis er nach dem Mauerfall 1989 endgültig verwaiste. Der Besitzer ist momentan ein privater Investor, aber eventuell erfolgt eine Wiederbelebung im Rahmen der IBA Berlin 2034-37.

Wer sich wie wir hier zu Fuß bewegt, trifft auf ein Gebiet voller Gegensätze. Hier liegen Wohnquartiere, Gewerbegebiete, Bahntrassen, Lagerhallen, Grünzüge und Verkehrsschneisen oft direkt nebeneinander, aber es entsteht der Eindruck einer Inselwelt: Man sieht Ziele in unmittelbarer Nähe, muss aber weite Umwege in Kauf nehmen. Genau hier zwischen innerem Ring und seiner Verbindung mit der äußeren Stadt durch Radialstraßen will die IBA anknüpfen. Auch mit Brücken als Aussichtspunkt, Begegnungsort und Stadteingang. Bahnanlagen, Industrieflächen und Grünräume ließen sich gleichzeitig überblicken und überwinden. Schon heute entwickelt sich Staaken mit dem Projekt Grüner Ring Staaken und dem Fördergebiet Brunsbütteler Damm/Heerstraße auch von mir selbst erlebt zu einem Netz aus Wegen, Brücken und Grünverbindungen, das gerade an dieser Stelle ausbaubar wäre.

Vom 1.-26. Juli 2026 fand in der Alten Feuerwache des Flughafens Tempelhof die Auftaktausstellung „Ring frei für eine IBA!“ statt, die auf der IBA-Seite der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen in einem Ausstellungskatalog nachträglich angeschaut werden kann:

Nach diesem visionären Ausflug haben wir uns eine Pause verdient, bevor wir wieder auf unsere eigentliche Laufstrecke zurückkehren. Dazu drängelt sich die Thoben-Bäckerei geradezu auf, die am Wegesrand liegt. Der markante Wasserturm (früher zum Schlachthof gehörend) ist mittlerweile integriert in das Großbäckereigelände mit der Backwaren-Filiale, die einem Tanzsaal gleicht.

Ansicht des Gebäudes von Thelber mit einem charakteristischen Turm und blauen Himmel im Hintergrund.

Während neulich bei Zimmermanns am Magistratsweg maximal fünf schlanke Menschen hineingepasst hätten, könnten sich hier zwei Busladungen in lockerem Abstand ohne Platzangst anstellen. Wir sind so gut wie allein und kommen uns ziemlich verloren vor, als wir in der Backwarenhalle mit nur wenig, aber trotzdem freien Tischen unsere Bestellung aufgeben. Da die Sonne scheint, entscheiden wir uns für Plätze im Außenbereich, sind uns aber nicht sicher, ob die im wahrsten Sinne des Wortes fadenscheinigen Stühle unserem Gewicht standhalten. Der Versuch, sie gegen vertrauenswürdigere auszutauschen, scheitert an deren Nichtvorhandensein. Vorsichtig lassen wir uns darauf nieder und essen die schlechtesten Brötchen unseres Lebens, bestehend aus einem trockenen Luftpolster. Und der Kaffee – ach, reden wir nicht drüber. Doch die Pause tut gut, ich studiere den Plan und versuche zu verstehen, wieso wir so weit vom Weg abgekommen sind. Das Gute an der Sache ist, dass ich diese öde Staakener Straße dann schon mal abhaken kann. Unter Beachtung der Bahnbarrieren arbeiten wir uns nun auf der Seegefelder Straße zurück…

… in Richtung des eigentlichen Terrains, der kleinen Siedlung Klosterbüsche, die im Wesentlichen nur aus fünf Straßen besteht. Der Name verweist vermutlich auf die historische Flurbezeichnung. Der noch heute bestehende Klosterbuschweg ebenfalls erinnert daran. Die Bezeichnung dürfte mit früheren Besitzungen des mittelalterlichen Benediktinerinnenklosters Spandau zusammenhängen, das in Staaken umfangreiche Ländereien besaß. Bemerkenswert ist, dass die Siedlung ursprünglich gar nicht als Wohnsiedlung geplant war. Das Gelände war zunächst für einen großen Güterbahnhof vorgesehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand dort eine Kleingartenkolonie. Einige Pächter errichteten jedoch verbotenerweise dauerhafte Wohnhäuser. Viele Familien wollten ein eigenes Haus mit Garten erwerben. Das Land Berlin stellte schließlich den Boden vergleichsweise günstig zur Verfügung. Anfang der 1960er Jahre entwickelte sich daraus die Idee einer regulären Kleinsiedlung. Als Bauträger wurde die Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat Berlin gewonnen. Zwischen 1964 und 1966 entstanden auf 110 Siedlerstellen insgesamt 40 Doppelhäuser und 19 Einzelhäuser. Die Grundstücke waren mit 500 bis 1000 Quadratmetern für damalige Verhältnisse recht großzügig bemessen. Die Häuser waren zunächst eher einfach ausgestattet und wurden von ihren Bewohnern später schrittweise erweitert und modernisiert.

Ein zweiter Bauabschnitt folgte von 1977 bis 1979. Besonders interessant ist dabei die sogenannte Gruppenselbsthilfe: Mehrere Bauherren arbeiteten gemeinsam am Bau aller Häuser mit, die anschließend verlost wurden. Anfangs gab es noch die Vorgabe eines einheitlichen äußeren Auftritts, doch letztendlich machte dann doch jeder Besitzer sein eigenes Ding, so dass die Siedlung auf den ersten Blick nicht als Gemeinschaft oder sogar Verein erkennbar ist, der das in seiner Satzung deutlich formuliert.

Der Verein hat sich sogar die Mühe gemacht, die Geschichte der Siedlung auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Dieses Dokument wird regelmäßig überarbeitet und aktualisiert:

Wir flanieren, schauen und genießen die Farben des Herbstes:

Schneller damit durch als gedacht, überqueren wir den Klosterbuschweg und widmen uns vom Torweg kommend den der eigentlichen Gartenstadt Staaken vorgelagerten Straßen. So kann ich mir dann am Montag den Luxus gönnen, mich ausschließlich diesem Kleinod der Architektur zu widmen. Der Torweg ist ungewöhnlich breit und führt seinem Namen entsprechend direkt auf das Eingangstor zur Gartenstadt zu. Deren Architekt Paul Schmitthenner plante die Siedlung mit einem klaren System aus Hauptstraßen, Plätzen und schmalen Wohnwegen und gab dem Torweg die Funktion einer Haupterschließungsachse.

Ein Blick auf eine Straßenkreuzung mit zwei Gebäuden im klassischen Stil, umgeben von Bäumen im Herbst. Die Straßenschilder zeigen den Namen 'Huckebuschstraße'.

Er mündet in die Hackbuschstraße, die ihren Namen erst 1935 erhielt. Vorher hieß sie Scheidtstraße, benannt nach Adolf Scheidt, einem deutschen Politiker und hohen Beamten in Preußen, der eine wichtige Rolle beim Siedlungsbau spielte. Sein Bezug zur Weimarer Republik war den Nazis offenbar ein Dorn im Auge. Die Hackbuschstraße ist also eine imaginäre Grenzstraße vor den Toren der Gartenstadt. Deren anliegende Häuser wenden ihre Längsseite der Straße zu und bilden die Außenmauer.

Gegenüber entdecken wir die katholische St.-Franziskus-Kirche, die etwas sonderbar anmutet. Leider werden wir schon am Gartentor ausgebremst, so dass wir uns als Zaungäste eine Meinung zu bilden versuchen.

„Sie sieht irgendwie aus, wie ich mir eine amerikanische Baptisten-Kirche vorstelle“, sage ich zu Eva, weiß aber, dass dieser Vergleich ziemlich an den Haaren herbeigezogen ist, denn die Geschichte ist eine ganz andere. Die stetig wachsende katholische Bevölkerung der Gartenstadt musste in die dortige Schule zum Gottesdienst gehen, bis 1922 der Gemeinde ein Bauplatz am Finkenkruger Weg für eine Kirche zur Verfügung gestellt wurde. Als dann aber 1951 West-Staaken plötzlich auf dem Gebiet der DDR lag inklusive Finkenkruger Weg, gehörte die Kapelle auch dazu. Westberliner durften nur zu Gottesdiensten durch ein Tor das Kirchengelände betreten. Da dieser Zustand auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten war, wurde 1955 diese Notkirche St.-Johannes-Baptist Maria Vianney durch den Prälaten Dreus geweiht. Sie wurde mit Fertigbauteilen der Spandauer Dilawerke (Holzverarbeitung) erbaut und 1973 erweitert.

Ein Schild der Evangelischen Freikirchen-Gemeinde vor einem Gebäude, umgeben von Büschen und Bäumen. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken.

Gleich um die Ecke im Zörgiebelweg erwartet uns die nächste Kirche, auf den ersten Blick nur durch den Schaukasten davor als Gotteshaus erkennbar. Es handelt sich um die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde. Sie finanziert sich allein durch freiwillige Spenden von den knapp 100 Mitgliedern und Freunden. Das Besondere: Im Obergeschoss gibt es einen Eltern-Kind-Raum und ein Kirchencafé lädt ein zu gemeinsamen Begegnungen nach dem Gottesdienst. Sogar ein Club 50 ist im Angebot.

Die restlichen Straßen mit wie immer vielen individuellen Feinheiten sind relativ schnell abgelaufen, natürlich gefühlt beschleunigt durch die nie versiegenden Gesprächsthemen zwischen Eva und mir.

Am Ende sind es etwas mehr als 15 Kilometer, die wir gelaufen sind. Nun bleibt noch Zeit für einen Besuch in der Guitar Lounge in der Heerstraße, denn Benjamin hat meine Gitarre mit Totalschaden wieder spielbar repariert und ich darf sie aus dem Gitarrenkrankenhaus wieder mit nach Hause nehmen. Natürlich stärken wir uns in dieser gemütlichen Location vor der Heimreise mit Doppelstocktorte und Kaffee. Nicht nur wir haben diese Idee – der Laden brummt, wie man so schön sagt und ich freue mich für Benjamin und seine Frau, dass ihr Konzept von Café, Musikalienhandlung, Werkstatt und Veranstaltungsort so gut aufgeht. Ein weiterer Punkt auf meiner To-do-Liste, an einem Samstag eines der Wohnzimmerkonzerte zu besuchen. Wer neugierig geworden ist – HIER ist das kommende Programm zu finden.