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Four hikers walking on a narrow mountain trail with trekking poles and backpacks

Alpenüberquerung 2026 von Garmisch nach Meran

Der folgende Text ist eine Kopie meiner Blogseite in der Rubrik Fernwandern mit wenigen Fotos. Wer mehr sehen möchte, dem empfehle ich, lieber HIER zu dieser Seite zu wechseln.

Audio-Zusammenfassung

Freitag, 22. Mai 2026 – Anreise und Tuchfühlung

Lange geplant, nun ist es soweit! Auch in diesem Jahr will ich mit meinem Sohn Georg über Stock und Stein und dieses Mal sogar über die Alpen kraxeln. Vom 22. Mai – 31. Mai 2026 müssen wir es nun miteinander aushalten und freuen uns auf die Abenteuer, die uns bestimmt wieder erwarten werden. Gebucht haben wir die Wanderung bei Eurotrek, die folgendermaßen zusammenfassen, was uns erwartet:

„Wandern Sie von Garmisch-Partenkirchen durch die bayerischen Alpen nach Meran in Südtirol. Die mittelschwere Route führt über 7 Nächte durch drei Länder (Deutschland, Österreich, Italien) mit Höhepunkten wie der Partnachklamm, Geisterklamm und dem Dreiländergrenzstein. Tagesetappen von durchschnittlich 14-20 km mit Anstiegen bis 750 m. Die Tour beinhaltet Gepäcktransfer, Seilbahnfahrten und endet entlang der Tappeiner Promenade in Meran durch Wein- und Apfelgärten. Entdecken Sie die Vielfältigkeit der drei Alpenländer Bayern, Tirol und Südtirol! Urige Almen und einsame Berghütten, tosende Klammen und beeindruckende Hochtäler warten nur darauf, entlang historischer Wege entdeckt zu werden. Immer wieder locken traditionelle bayerische Biergärten, Tiroler Schmankerl und Südtiroler Spezialitäten zur gemütlichen Rast. Inmitten der höchsten Berge der Alpen gelangen Sie schließlich bis nach Meran, wo sich die vielfältigen Eindrücke Ihrer Wanderreise durch die Alpenregionen zu einem einzigartigen Ganzen zusammenfügen. Eine wunderbare Tour, um die schönsten Seiten der Alpen kennenzulernen! Alpenüberquerung „light“!

Das hört sich doch gut an, oder? Vor allem das Wörtchen „light“ klingt irgendwie beruhigend, so nach Spaziergang. Heute sind wir in Garmisch angekommen. Pünktlich und ohne Zwischenfälle! Jedenfalls fast. Von Georgs Rollkoffer ist der Teleskopgriff sauber abgebrochen, wie durchgesägt, nachdem ihm der Koffer auf einem Treppenabsatz aus der Hand gerutscht ist. Nun muss er ihn in leicht gebückter Körperhaltung schieben. Und im Regio von München nach Garmisch war die Klimaanlage kaputt, was wir als Survival-Training für die nächsten Tage heldenhaft durchgestanden haben. Sie werden sich vermutlich genauso heiß anfühlen, auch ohne Zug.

Wir sind einen Tag eher angereist, damit wir uns in Ruhe den Ort anschauen und mental auf die nächsten Tage einstellen können. Nach dem Einchecken im Hotel Königshof ganz in der Nähe des Bahnhofs begutachten wir unsere Zimmer, die sehr gemütlich sind, ausgestattet mit Wasserkocher, Tee und Kaffee (ich liebe es) sowie einem ahnungsvollen Blick auf die Berge inklusive Zugspitze.

Panoramablick auf schneebedeckte Berge im Hintergrund und ein Gebäude mit Turm im Vordergrund, umgeben von grünen Bäumen.

Wir verabreden uns für eine abendliche erste Runde durch den recht großen Ort. Morgen nehmen wir ihn genauer unter die Lupe, und auch ein Hotelwechsel in den Rheinischen Hof ist zu absolvieren. Neugierig lassen wir uns treiben, zunächst durch eine Bahnunterführung, die wir gemeinsam mit lauten Autos teilen müssen, sehen aber schon kurz darauf die Fußgängerzone mit vielen Fallen für Touristen. Hier ein Dirndl und Lederhosen, dort leckeres Brot aus der Hofpfisterei (die es übrigens auch in Steglitz gibt), Souvenirs, regionale Spezialitäten und Buchläden. Bücher!!! Wenn auch mittlerweile mein Blick schon so trainiert ist aufs Betrachten der Häuser, dass ich sofort in den Berlin-Modus verfalle, mein Handy zücke und wild drauflos fotografiere, machen mich Buchläden immer noch willenlos. Wenigstens mal durchschlendern und den Duft des Papiers genießen! Die bunt bemalten Fassaden leuchten im Sonnenlicht. Fast jedes Haus erzählt mit den Bildern eine Geschichte und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht die komplette Stadt abzubilden.

Fassade eines historischen Gebäudes mit bunten Fresken und einem Schaufenster, das Souvenirs anbietet, an einer Straßenecke in einem malerischen Dorf.

Besonders gut gefällt es mir im Michael-Ende-Kurpark, in dem es viel zu bestaunen gibt: uralte Bäume, eine Blumenuhr, mit viel Farbgespür komponierte Rabattenbepflanzungen, Skulpturen, die Figuren aus Michael Endes Büchern darstellen. Der bekannte und sehr beliebte Autor wurde in Garmisch geboren und hat hier seine Kindheit verbracht. Die Gemeinde hat den klassischen Kurpark zu einem kleinen Themenpark umgestaltet, der Endes Fantasiewelten aufgreift – mit Denkmal, literarischen Motiven und stillen Ecken zum Tagträumen.

Schild mit der Aufschrift 'Michael Ende Kurpark' in einem modernen Gebäude.

Unterwegs bin ich so vertieft in das Betrachten meiner Umgebung, dass ich wie Hans-guck-in-die-Luft nicht nach unten schaue und mit einem kleinen Kind kollidiere, das mich ebenso wenig registriert hat und in mich hineinrennt. Es zieht natürlich leider den Kürzeren und stürzt, Tränen fließen lautstark, während ich total erschrocken in Schockstarre verfalle. Kaum ist die Zimmermann in Bayern, randaliert sie schon am 1. Tag mit Personenschaden! Die Eltern nehmen es zum Glück sportlich und lachen, was mich ein bisschen erleichtert. Damit ich nicht noch mehr Unheil anrichten kann, gehen wir nach einem sehr sättigenden Ausflug zum Mexikaner zurück ins Hotel und kundschaften dort noch die Räumlichkeiten aus. Dabei entdecken wir sogar ein „Bibliothek“ genanntes Bücherregal mit interessanten Titeln wie „Wer einen Treiber erschießt, muß die Witwe heiraten“ und – man staune – einen Sammelband von Ottokar Domma, hier im tiefsten Bayern! Ob es wohl schon Leser gefunden hat?

Samstag, 23. Mai 2026 – Garmisch-Partenkirchen genauer kennenlernen

Da in den kommenden Tagen der Wecker zeitig klingeln wird, genießen wir es, auszuschlafen und fast die letzten am Frühstücksbuffet zu sein. Wir lassen das Gepäck anschließend in der Lobby stehen und widmen unsere Neugier dem Stadtteil Partenkirchen. Relativ ziellos lassen wir uns treiben und stehen schon nach kurzer Zeit vor dem Rathaus, das 1935 zu Ehren der Vereinigung der beiden Gemeinden Garmisch und Partenkirchen errichtet wurde. Ein prächtiger Bau, den ich viel älter geschätzt hätte. Neben dem Eingang mahnt eine Gedenktafel von 1953, die Kriegsgefangenen und Vermissten nicht zu vergessen, die es aber – das darf man bei allem Verständnis nicht außer acht lassen – nicht gegeben hätte, wenn Deutschland den Krieg nicht begonnen hätte. Auf dem Rathausplatz ist eine Lok der Zugspitzbahn zu bestaunen.

Blaues Elektrolokomotive mit Berg im Hintergrund.

Gefühlt besteht die ganze Stadt aus reich verzierten Bürgerhäusern und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht ständig mit dem Handy draufzuhalten. Viele Bemalungen sind biblische Motive, wir fühlen uns wie in einer Open-Air-Gemäldegalerie und philosophieren darüber, ob gelebte Religiosität mehr Stabilität und Zusammenhalt in eine Gemeinschaft bringt, denn wir haben das Gefühl, dass hier nichts die offensichtliche Ordnung und Verlässlichkeit erschüttern kann. Georg meint, dass eventuell auch die Gewalt der Natur die Menschen zusammenrücken lässt, die ja in einer Großstadt nicht so eine ausgeprägte Rolle spielt wie in den Bergen. Vielleicht wird man auch im Angesicht der Alpen demütiger und achtsamer dem Leben gegenüber – wer weiß.

Die Sebastianskapelle am Wegesrand wurde 1637 als Pestkirche auf dem damaligen Pestfriedhof errichtet und ist das älteste erhaltene Gotteshaus der Pfarrei. Heute dient das Gelände als Kriegergedenkstätte.

Denkmal mit zentraler Statue und umgebenden Gedenktafeln, umgeben von Blumenbeeten in einer parkähnlichen Umgebung.

Weiter gehts durch die historische Ludwigstraße, in der die Häuser gefühlt immer prunkvoller werden.

Informationstafel über die Rolle eines Versicherungsmaklers, die wichtige Punkte zu dessen Unabhängigkeit und Pflichten gegenüber Kunden enthält.

Amüsiert betrachten wir ein Schild eines Versicherungsmaklers, der alle Punkte aufgelistet hat, die ihn von einem Versicherungsvertreter unterscheiden. Offenbar fühlte er sich in seiner Seriosität untergraben, weil ihm seine Kunden vielleicht unlautere Absichten anlasteten und wollte damit klare Verhältnisse schaffen. Man hört den Frust förmlich aus jeder Zeile raus. Wir wünschen ihm, dass seine Überzeugungsversuche von Erfolg gekrönt werden!

Und schon stehen wir vor der nächsten, weitaus größeren Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Sie wurde im neugotischen Stil erbaut und 1871 geweiht. Zur Ausstattung gehören mehrere Altäre, zentral der Hochaltar mit Flügeln. Wenn man sich genau umschaut und den Blick nach oben richtet, weiß man, warum man sich so beobachtet fühlt. An allen Pfeilern und Ecken sitzen unzählige kleine Gestalten, die das Geschehen in der Kirche im Blick haben. Manche schauen hochnäsig, andere frustriert, teilweise kann man aber auch ein spöttisches Lächeln erkennen. Im Eingangsbereich hängt eine Tafel mit Fotos von gerade verstorbenen Gemeindemitgliedern, so sind alle Kirchgänger immer aktuell informiert.

Innere einer Kirche mit hohen Gewölbedecken, bunten Kirchenfenstern und einem opulenten Altar im Hintergrund.

Nun wird es Zeit, samt Gepäck in den Rheinischen Hof zu wechseln, mit dem unsere gebuchte Wanderreise beginnt. Er liegt ca. 2,5 km entfernt und wir beschließen, dafür den Bus zu benutzen. Das läuft hier allerdings etwas anders ab, als wir es von Berlin gewöhnt sind. Einsteigen ist nur vorne erlaubt unter Vorzeigen des Fahrscheins, Haltestellen werden während der Fahrt weder angezeigt noch angesagt, so dass wir die Haltestellen mitzählen müssten, um zu wissen, wo wir aussteigen sollen. Der Busfahrer hat einen so eigenwilligen Fahrstil, dass alle, die stehen, sich krampfhaft an allem festklammern, was sie zu fassen bekommen, um nicht umzufallen. Auf wackligen Beinen versuche ich, kurz loszulassen, um die Ortung auf meinem Handy sichtbar zu machen, damit wir den Zeitpunkt des Ausstiegs nicht verpassen. Um uns herum schart sich eine Großfamilie, deren Kinder mir ständig schmerzhaft einen Klappsitz ins Bein rammen. Wir sind sehr froh, als wir endlich aussteigen können. Im Hotel müssen wir noch ein bisschen warten, um unsere Zimmer in Beschlag zu nehmen, können aber dafür gratis Kaffee und andere Getränke zu uns nehmen in Selbstbedienung, was wir genüsslich ausnutzen. Wir haben auch eine edle Filzmappe mit ein paar Reiseunterlagen ausgehändigt bekommen. Allein dafür hat sich die Buchung schon gelohnt! 

Zwei graue Filzordner mit grüner Schnur, einer mit einer Broschüre über Eurohike und einem QR-Code, auf einem Holztisch.

Jetzt ist es erst 15 Uhr, also schwärmen wir nochmal aus und gelangen an eine Ansammlung von merkwürdig unsympathisch wirkenden Gebäuden. Es ist auch ohne architektonisches Sachverständnis eindeutig, dass sie aus den 1930er Jahren stammen und bestimmt nicht als Wohnhäuser errichtet wurden. Ob sie vielleicht in Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen stehen? Oder als Kasernen dienten?

Ansicht eines historischen Gebäudes mit vielen Fenstern, aufgenommen an einer Straße unter blauem Himmel.

Mit letzterer Vermutung liegen wir genau richtig. Die ehemalige Artilleriekaserne entstand 1936 als Standort des Gebirgsartillerie‑Regiments 79 und war Teil des militärischen Ausbaus der NS‑Zeit. Der Bau wurde von der Heeresbauverwaltung geplant mit einem ganzen Netz weiterer militärischer Einrichtungen, darunter Munitionslager, Schießstand und Standortübungsplatz. Besonders problematisch war die Benennung nach Konrad Krafft von Dellmensingen, einem hochbelasteten Militär des Ersten Weltkriegs. Er verantwortete den massiven Giftgaseinsatz in der 12. Isonzo‑Schlacht, bekämpfte später aktiv die Demokratie, unterstützte den Kapp‑Lüttwitz‑Putsch und forderte offen einen „Vernichtungskrieg gegen das Weltjudentum“. Dass das NS‑Regime ihn 1937 als Namenspatron wählte, war daher kein Zufall. Nach 1945 entfernten die US‑Besatzungsbehörden den Namen aus dem offiziellen Gebrauch. Allerdings führte die Bundeswehr 1975 die belastete Bezeichnung wieder ein. Erst 2011 wurde der Schriftzug am Kaserneneingang entfernt. Was mich aber am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass hier immer noch US-Soldaten stationiert sind. Deutschlandweit sind es 37.000 und in Bayern liegt der Schwerpunkt. Das Marshall Center in Garmisch dient dabei als Ausbildungs- und Erholungsstandort, nicht als militärische Basis. Es gibt keine Kampfbrigaden, keine Panzer, keine Manöver, sondern es werden Militärs, Diplomaten und Sicherheitsfachleute aus über 100 Ländern ausgebildet und es geht also eher um Sicherheitspolitik. Was man nicht alles so nebenbei dazulernt!

Den Fluss Loisach überqueren wir gleich zweimal. Er führt nicht sehr viel Wasser mit sich und wird heute von vielen als Freibad genutzt – warm genug ist es auf alle Fälle! Und falls jemand seinen Gartenzaun erneuern will und mal was ganz anderes ausprobieren möchte, dem empfehlen wir diese Variante:

Ein Gartenzaun aus alten Skiern in einer Wohngegend, umgeben von Bäumen und Häusern.

Nun müssen wir aber zurück ins Hotel, denn um 18:15 Uhr kommt Thomas von Eurohike, um uns und anderen Wanderwütigen wertvolle Tipps mit auf den Weg zu geben. Wir lernen, wie wir einen Notruf absetzen, dass wir nicht von Hotel zu Hotel laufen, sondern Start- oder Endpunkt einer Etappe auch mal ganz woanders liegen kann, dass wir die Touren-App jeden Morgen neu laden sollen und wie wir diese effektiv nutzen können. Er empfiehlt, wegen der Hitze um 8 Uhr zu starten (das werden wir wohl nicht schaffen), viel zu trinken und das Wasser mit einer Prise Salz anzureichern. Nun ja, letztendlich entscheidet jeder selbst, was er tut oder lässt, aber ein paar Infos sind schon ganz brauchbar. Georg ist unterdessen aufgefallen, dass im anderen Hotel noch sein Ladekabel samt Powerbank liegen muss. Tja, da müssen wir wohl oder übel nochmal hin! Die Frage, ob gehen oder fahren, ist schnell geklärt – der nächste Bus kommt erst in einer halben Stunde. Dort angekommen, erfährt Georg, dass hier nur die Servicekräfte weiterhelfen können, die jetzt allerdings schon Feierabend haben. Aber wie so oft im Leben gibt es diesem Ärgernis auch etwas Positives abzugewinnen: Wir lernen noch ein paar Straßen kennen, durch die wir noch nicht gelaufen sind. Und da wir morgen früh sowieso wieder in diese Richtung müssen, kann er einen zweiten Versuch starten, das Verlorene wiederzubekommen.

Eine bunt gemusterte Gummi-Ente, die auf einer Badezimmeroberfläche steht, mit der Aufschrift "Ich wurde adoptiert im Hotel rheinhischer hof".

Wieder zurück auf dem Zimmer, werde ich schon erwartet. In der Dusche sitzt ein kleines Wesen und fleht mich an: „Nimm mich mit! Bitte!!!“ Was würdet ihr tun? Soll ich das Quietsche-Entchen adoptieren?

Ich werde die Nacht darüber schlafen und morgen früh eine Entscheidung treffen. Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker!

Sonntag, 24. Mai 2026 – Von Garmisch nach Mittenwald (20 km, ca. 6 Std., 750 Hm bergauf, 550 Hm bergab)

Ich entscheide mich dafür, das Entchen hier zu lassen, es ist ja schon eine große Verantwortung, so eine Adoption. Das wäre nicht zu bewältigen, denn ich habe mit mir zu tun. Der erste Wandertag wird sehr nämlich anstrengend, große Hitze, viele Höhenmeter, da kann ich mich nicht noch um ein Adoptiv-Entchen kümmern. Wir sind für 7:30 Uhr zum Frühstück verabredet, was aber nicht so richtig klappt. Das hat zur Folge, dass der Bus zum Bahnhof ohne uns abfährt und wir laufen müssen, denn der nächste kommt erst in einer Stunde. Der zweite Versuch Georgs, im Hotel Königshof sein vergessenes Ladezubehör zurückzubekommen, ist erfolgreich, so dass wir gleich weiterwandern können zum eigentlichen Startpunkt der ersten Etappe. Das sind nochmal knapp 2 km, so dass wir schon 4 km gelaufen sind, bevor es eigentlich losgeht. Aber wir werden entlohnt durch einen sehr schönen Weg, der direkt an der Partnach entlangführt und als geologischer Lehrpfad hergerichtet ist mit vielen verschiedenen, alpentypischen Gesteinssorten. Sogar eine riesige Rechenmaschine aus Steinen lädt ein zum Ausprobieren. Eine Ökotoilette schafft Erleichterung im Notfall. In der Ferne sieht man schon die Sprungschanze des Skistadions, in dem viele internationale Meisterschaften stattfinden und das man aus dem Fernsehen kennt.

Skisprungschanze in den Bergen mit grünen Wäldern im Hintergrund und strahlend blauem Himmel.

Georg ist ständig am Umpacken und Schuhe neu schnüren. Er hat einen riesigen Rucksack und ich wundere mich, was er da wohl alles mit sich rumschleppt. Jedenfalls geht er nicht mehr zu, als er das wiedergewonnene Ladekabel einpacken will.

Ein Mann mit einem Rucksack geht unter einer Brücke hindurch, die mit Graffiti versehen ist. Über dem Eingang hängt ein Schild mit der Höhe von 1,8 Metern.

Manches wird entsorgt und ich übernehme auch einen Teil, so dass wir dann startklar am Skistadion ankommen. Es ist nicht zu übersehen, dass es für die Olympischen Winterspiele 1936 gebaut wurde und erinnert ein bisschen an das Berliner Olympiastadion. Wie es damals üblich war, wurden die Eingangstore zum Stadion mit überlebensgroßen Figuren geschmückt, die natürlich dem nationalsozialistischen Idealbild des starken, muskulösen Menschen entspricht, in dessen Adern germanisches Blut fließt. Sie haben durchaus eine furchteinflößende Wirkung.

Eingang mit zwei Skulpturen an den Toren, die den Zugang zu einem Sportgelände zeigen. Im Hintergrund sind Bäume und blauer Himmel zu sehen.

Nach dieser kleinen Stippvisite wenden wir uns der Partnachklamm zu, der ersten Station unserer Wanderung und treffen ein Paar mit Hund, das wir gestern auf der Infoveranstaltung kennengelernt hatten. Schnell kommen wir ins Gespräch und tauschen uns ein bisschen aus über das Wandern, über Meran, das beide schon gut kennen und – dort angekommen – noch eine Woche vor Ort bleiben wollen. Der Hund trabt derweil brav nebenher und ich bewundere ihn schon jetzt für die Leistung, die er noch erbringen muss auf dieser Etappe. Noch sind wir alle hochmotiviert:

Ein Paar steht auf einem Wanderweg mit ihrem Hund. Im Hintergrund sind Straßenschilder und eine bewaldete Umgebung sichtbar.

Mit uns sind gefühlt tausend andere Pfingstausflügler auf dem Weg zur Klamm, um dieses Naturspektakel zu genießen und anschließend die nächste Alm aufzusuchen. Menschenmassen wälzen sich durch den Kassenbereich hindurch, um dann im Trippelschritt hoch über der tosenden Partnach auf einem in den Fels gehauenen Pfad die Klamm zu durchwandern. Wenn jemand ein Foto machen will, folgen alle hinter ihm gespannt seinem Treiben, denn sie werden zur Zwangs-Wartegemeinschaft. Überholen ist ein Wagnis, weil auch der Gegenverkehr in die Quere kommen könnte. Unter diesen Bedingungen ist es nicht so einfach, sich in voller Aufmerksamkeit dem Naturschauspiel zu widmen und es eventuell auch noch zu genießen.

Ein schmaler Abschnitt einer Schlucht mit klarem, türkisfarbenem Wasser, umgeben von hohen, rauen Felsen und einigen grünen Pflanzen.

Trotzdem sind wir schwer beeindruckt, zu welch reißendem Fluss die Partnach hier wird und vor allem wie laut Wasser sein kann. Es ist angenehm kühl und stellenweise auch nass, aber das stört niemanden. Wenn man bedenkt, dass vor Millionen Jahren Schmelzwasser und Geröll das harte Felsgestein so tief aushöhlten und wir jetzt in dieser Schlucht spazierengehen, kann man angesichts der hohen Felswände schon ziemlich ehrfürchtig werden vor der Gewalt der Natur. Interessant ist auch, dass sich der Name „Partnach“ aus dem indogermanischen „portn“ (Pforte) und dem althochdeutschen „aha“ (Ache) für Wasserlauf zusammensetzt. Partenkirchen, das früher im Römischen Reich Partanum hieß, hat seinen Namen nach diesem Flusslauf erhalten. Siehe auch hier: Partnachklamm.

Ab hier gehts bergauf! Grundsätzlich ein besserer Slogan als das Gegenteil, aber in unserem Fall wirds jetzt sehr anstrengend, weil die Sonne gnadenlos unseren Weg beleuchtet und erwärmt. Aber ich sage mir, besser so als Regen! Der Weg klettert in Serpentinen hoch zum Bergkamm und führt auch über diese Wackelbrücke:

Brücke durch den Wald mit zwei Personen, umgeben von üppigem Grün und Steigungen.

Wenn man alleine darüber läuft, ist es ok, aber es sind immer noch viele Menschen mit uns unterwegs, so dass wir eine Schicksalsgemeinschaft bilden und vorsichtig die Stufen hochwanken. Es kann ja nichts passieren, aber ich fühle mich, als hätte ich leichte Schlagseite. Alles nicht so schlimm, irgendwie machts ja auch Spaß! So arbeiten wir uns Stück für Stück schnaufend nach oben, jedenfalls ich. Georg passt sich an und schlendert gemütlich hinter mir her. Wir wissen, dass von den 20 km die ersten sieben am schwierigsten sind. Ich beäuge immer das Höhendiagramm in der Wander-App und fiebere dem Augenblick entgegen, wo das rote Standort-Pünktchen wie ein Mützchen auf der Spitze hockt:

Grafik eines Höhenprofils mit Steigungen und Gefällen über eine Distanz von 20,7 km.

Wir werden natürlich durch weite Blicke hinweg über bunte Bergwiesen auf das Alpenmassiv belohnt und genießen diese in einer redlich verdienten Pause. Ich verschwinde im Gebüsch und trete auf dem Rückweg zur Bank in eine durch Laub und Äste gut getarnte Vertiefung. Irgendwie hatte ich Sekunden vorher schon die Ahnung, dass ich jetzt stürzen werde. Und so ist es dann auch. Wie in Zeitlupe senke ich mich nieder in die Waagerechte und rutsche dabei mit dem Gesicht an einem Stamm entlang. Der ist aber schon so verrottet, dass er sich total weich und zerfasert den Konturen meines Gesichts anpasst und nicht umgekehrt. Mit anderen Worten: Es ist nichts passiert!

Etliche Almen laden auf dem weiteren Weg ein zur Einkehr, doch wir bleiben tapfer und lassen uns nicht verlocken. Viele werden das kennen: Man lässt sich erschöpft nieder, entspannt sich, bedient sich aus dem verführerischen kulinarischen Angebot und hat dann so gar keine Lust mehr zum Weiterwandern. Einfach nur sitzenblieben und das Leben genießen! Es kostet immer unglaublich viel Überwindung, die letzten Kilometer in Angriff zu nehmen. Deswegen richten wir unseren Fokus aufs Ankommen, wie Georg immer so schön sagt. Bald kommt Schloss Elmau in Sicht. Ein beeindruckender Prachtbau inmitten einer Bilderbuchkulisse, der heute als Hotel dient. Aber nicht nur. Es ist kein klassisches Luxushotel, sondern eine Mischung aus Retreat, Kulturzentrum und alpinem Refugium. Die Kombination aus abgeschiedener Lage, hochkarätiger Kultur, Spitzenkulinarik und einem extrem breiten Wellness- und Sportangebot macht es zu einem der profilstärksten Resorts Europas.

Landschaft mit einem historischen Gebäude im Vordergrund, umgeben von Bäumen und Bergen unter einem wolkigen Himmel.

Uns steht der Sinn aber jetzt nicht nach Luxus, sondern wir machen einen Bogen um das Schloss herum und erreichen bald zwei Seen kurz hintereinander – den Ferchensee und den Lautersee, beide sehr sauber mit tausenden kleinen, zappelnden Kaulquappen darin. Das spätere Froschkonzert muss ohrenbetäubend sein! Jetzt hingegen herrscht hier absolute Ruhe, unterbrochen von leisem Stimmengemurmel der wenigen Badenden, die genüsslich und gemächlich im Wasser dahingleiten oder auf den weitflächigen Wiesen liegend vor sich hin chillen. Die Atmosphäre ist so entspannt, dass man automatisch ins Flüstern verfällt, um diese Idylle nicht zu zerstören. Wir setzen uns kurz ins Gras, um das Naturparadies zu genießen und begeben uns dann auf die letzten vier Kilometer bis Mittenwald.

Diese bieten nochmal eine Überraschung. Zunächst sieht der Weg entlang des Leinbachs so aus, als würde er uns direkt in den Ort führen. Aber plötzlich eröffnet sich unter uns noch eine Schlucht mit Wasserfall, durch die wir nach Mittenwald hinunterklettern müssen, vorbei an der Mariengrotte.

Ein schmaler Weg führt durch einen grünen Wald mit hohen Bäumen und einem plätschernden Bach nebenan. Im Hintergrund sind Berge zu sehen.

Und endlich erblicken wir die ersten Häuser, die wie eine Filmkulisse anmuten, als wären sie nur errichtet worden, um das typische Leben in den Alpen abzubilden. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich nun auf den Weg zum Hotel, dem wir entgegenfiebern, vor allem der Dusche.

Eine malerische Straße mit historischen Gebäuden im bayerischen Stil, mit bunten Fensterläden und Holzbalkonen, unter einem blauen Himmel mit einigen Wolken.

Es ist sehr plüschig und familiär, aber alle sind unglaublich aufmerksam und freundlich, auch die anderen Gäste. Gesäubert und erfrischt, treffe ich mich mit Georg noch zum Essen, dann ist mein Tag zu Ende. Noch nicht mal den Bericht habe ich geschafft, mit den Fingern auf der Tastatur wache ich zwei Stunden später wieder auf und beschließe, in den frühen Morgenstunden alles aufzuschreiben.

Montag, 25. Mai 2026 – Von Mittenwald nach Leutasch (14 km, 4 Std., 200 Höhenmeter)

Mein Wecker klingelt um 4:30 Uhr, damit ich noch genug Zeit habe, den gestrigen Tag hier Revue passieren zu lassen. Das Problem ist nur, dass ich ihn nicht höre, meine Zimmernachbarn aber wahrscheinlich schon, denn die Wände sind sehr dünn. Ich hatte es eigentlich schon geahnt, dass ich um diese Uhrzeit im Tiefschlaf liege. Nun muss ich eben ein bisschen schneller schreiben. Zum Glück müssen wir uns heute nicht beeilen. Als wir zum Frühstück gehen, ist der kleine Gastraum gut gefüllt mit Gästen. Ein Tisch ist noch frei und ich frage eine Mitarbeiterin, ob wir uns da hinsetzen können. Sie schaut mich verblüfft an und sagt dann lachend: „Natürlich! Ich hab mich schon gewundert, was Sie von mir wollen!“ Von unserem Platz aus genießen wir das Treiben am Buffet wie eine Theaterkomödie und stellen fest, dass es zum guten Ton gehört, allen Gästen einen guten Morgen zu wünschen. In dem Punkt haben wir schon mal kläglich versagt. Die Dialoge zwischen Personal und Gästen sind sehr vertraut, man merkt, dass sich alle gut kennen. Bestimmt kommen viele jedes Jahr hierher, um Urlaub zu machen.

Georg berichtet mir unterdessen von der Geschichte Mittenwalds, die er gestern Abend recherchiert hat, vor allem in den 1930er Jahren. Die Wehrmacht nutzte Mittenwald als Garnison und Ausbildungszentrum, führte hier Belastungsproben für neue Halbkettenfahrzeuge durch und band den Ort früh in ihre militärischen Planungen ein. 1937 und 1938 wurden im regionalen Kurortverbund sogenannte Judenabwehrschilder aufgestellt, organisiert vom Kurdirektor des benachbarten Garmisch‑Partenkirchen. Damit wurde auch Mittenwald Teil der antisemitischen Abschreckungsmaßnahmen, die jüdische Gäste systematisch fernhalten sollten. 1940 drehte Leni Riefenstahl in Mittenwald den Film „Tiefland“, für den sie Sinti und Roma aus Zwangslagern als Statisten aus den Lagern Maxglan bei Salzburg und Berlin-Marzahn holte. Sie wurden während des Drehs streng überwacht und isoliert untergebracht. Viele dieser Komparsen wurden später in Auschwitz ermordet.

Das Mittenwalder Wappen wurde 1407 vom Freisinger Bischof Berthold von Wachingen verliehen und ist damit die älteste urkundlich belegte Wappenverleihung an eine heute bayerische Gemeinde. Es zeigt drei grüne Tannen zwischen silbernen Felsen, ein sprechendes Bild für den Ortsnamen und die Lage zwischen Karwendel und Wetterstein. Im Stamm der mittleren Tanne befindet sich ein goldgekrönter schwarzer Mohrenkopf, das heraldische Zeichen des Bistums Freising, das bis 1803 Landesherr über Mittenwald war. Eine beglaubigte Abschrift von 1812 bestätigt die frühe Form des Wappens nahezu unverändert. In unserem Hotel sind ebenfalls Spuren davon zu finden. In jüngerer Zeit führte die Darstellung des Mohrenkopfes zu Diskussionen, und 2020 wurde eine Petition zur Entfernung dieses Elements eingereicht, offenbar ohne Erfolg, denn der Mohr ist immer noch allgegenwärtig.

Letztes Jahr hatte sich Georg den Spaß gemacht, morgens die Kiwi des Schicksals zum Verlauf des Tages zu befragen. Diese Tradition hat er wieder aufgenommen und für heute lautet das Motto: „Genieße den Tag!“ Passender gehts ja wohl kaum!

Wir trödeln noch ein bisschen rum, packen dann unsere sieben Sachen zusammen und checken aus. Georgs großer Rucksack reist ab sofort auch mit dem Auto, so dass er viel weniger zu schleppen hat.

Der Weg hinaus aus Mittenwald führt uns durch die Prachtstraßen des Ortes und ich bin dem Himmel sehr dankbar, dass heute Feiertag ist. Es gibt so viele interessante Läden! Auch die Häuser sind einzigartig und fast alle bemalt im Stil der Lüftlmalerei. Das ist eine Art Fassadenmalerei, bei der Bilder, Ornamente oder scheinbare Architekturteile direkt auf den frischen Kalkputz gemalt werden. Die Farben verbinden sich beim Trocknen chemisch mit dem Putz und halten dadurch sehr lange . Die Motive reichen von religiösen Szenen über Alltagsszenen aus dem ländlichen Leben bis zu Hauszeichen, Jagdbildern oder Sonnenuhren. Ich bin begeistert. So ein kleines, gemütliches Städtchen!

Fassade eines historischen Gasthauses mit dekorativen Wandmalereien und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.

Selbst die katholische Kirche St. Peter und Paul ist bemalt und wir nehmen uns die Zeit, sie von innen zu betrachten. Noch bevor wir die große Tür öffnen, riechen wir den Weihrauch, drin wabert eine Nebelschicht durch die Bänke und lullt uns ein, vermutlich noch vom Pfingstgottesdienst hängengeblieben. Besonders fällt mir die aufwendige Deckenmalerei ins Auge, aber letztendlich gibt es keine Stelle, die nicht prunkvoll ausgestattet ist.

Innenansicht einer Kirche mit reich verzierten Wänden, Deckenmalereien und einer zentralen Altaranordnung. Licht fällt durch hohe, bunte Fenster.

Nun erreichen wir die Isar, biegen aber schon bald ab zum Fluss Leutasch, der ab Österreich Leutascher Ache heißt. Er führt zur Leutasch-Klamm und dem Wasserfallsteig, auf dem wir die Staatsgrenze überschreiten.

Eine Felsformation mit einem Warnschild, das auf eine Staatsgrenze hinweist.

Zuerst nehmen wir den Weg durch die Schlucht zum tosenden Wasserfall. Schlagartig wird es richtig kalt und nebelfeucht, feiner Sprühregen überzieht uns mit einem Wasserfilm, was angesichts der Hitze jenseits der Felsen sogar sehr angenehm ist. Auf einem Gittersteg gelangen wir zu der Stelle, wo sich die Leutasch 22 Meter abwärts in die Klamm stürzt.

Auf dem Weg zurück senkt sich die Wärme wieder wie eine schwere Decke auf uns herab, was den bevorstehenden Aufstieg zur Geisterklamm nicht besser macht. Auf ca. 150 Höhenmetern schrauben wir uns mit vielen anderen Pfingstausflüglern in Serpentinen nach oben. An jeder Kehre steht ein Informationsschild zur chronologischen Geschichte der Alpen, die vor allem von kurzatmig Schnaufenden wie mir dankbar und ausgiebig studiert werden, bis der Puls sich wieder beruhigt hat. Endlich oben, folgt nun die nächste Herausforderung vor allem für Menschen mit Höhenangst. Jetzt heißt es, sich in 40 Metern Höhe über der Leutasch auf Gitterrost-Stegen an den Felswänden entlang zu bewegen und auf der Panorama- und Höllbrücke die Wassermassen zu überqueren. Die Stege sind kein Problem, obwohl sehr viele Schaulustige unterwegs sind. Aber die Brücke! Sie ist an einer Seite an zwei Stahlseilen befestigt, die andere liegt auf dem Fels auf. Natürlich wollen alle dorthin und todesmutig in die Tiefe blicken. Einige finden es besonders lustig, die ohnehin heftig schwankende Konstruktion noch zusätzlich in Schwingung zu versetzen. Das hat zur Folge, dass wir mit gefühlt 200 Menschen wie in einer Wiege hin- und herschaukeln. Ich traue dem Frieden nicht so richtig und habe immer die Stelle im Blick, an der die Stahlseile verankert sind, während ich Stoßgebete zum Himmel schicke, sie mögen noch so lange halten, bis ich die Brücke verlassen habe.

Ansicht einer Brücke über eine Schlucht, umgeben von grünen Wäldern und Felsen, mit mehreren Personen, die die Brücke überqueren.

Wir sind eine ganze Weile dort unterwegs, bis wir wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Jetzt verlangt uns der Weg in anderer Hinsicht einiges ab, denn es geht eine lange Strecke ohne schattenspendende Bäume an der Straße entlang, aber wir sehen eine merkwürdige Ruine, die mitten auf der Wiese steht.

Die Überreste eines alten Steingebäudes in einer blühenden Wiese, umgeben von Wald.

Wir lesen auf dem Schild, dass es sich um die Porta Claudia handelt. Sie war Teil einer Befestigungsanlage, erbaut zwischen 1632 und 1634 zum Schutz Tirols, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert, belagert und teilweise zerstört wurde. Tirol erhielt 1632 das Recht, diese Sperranlage auf bayerischem Gebiet zu bauen, um sich im Dreißigjährigen Krieg gegen die vorrückenden Schweden zu schützen. Benannt wurde sie nach Claudia de’ Medici, die den Bau als Landesfürstin von Tirol in Auftrag gab.

Eine Frau steht neben einem Bücherkasten im Freien, umgeben von Bäumen und einer Wiese. Der Bücherkasten hat die Aufschrift 'LESEN', 'ENTSPANNEN' und 'AKTIVITÄTEN' und ist mit verschiedenen Aufklebern geschmückt.

Ein Stück weiter steht eine Bücherzelle, wie man sie mittlerweile ziemlich oft sieht, in Berlin leider auch zerstört und verwüstet. Diese hier ist etwas ganz Besonderes, fast ein Mini-Lesezimmer. Sogar ein Stuhl steht bereit, eine Lesebrille, es gibt positive Bienen im Glas (Bienchen mit Motivationssprüchen) und Geduldsfäden zum Mitnehmen. Um es für Besucher noch gemütlicher zu machen, können diese sich an einem Blumenkasten mit Stiefmütterchen erfreuen. Hier steckt so viel Liebe zum Detail drin! Auf Instagram habe ich vorhin ein paar Bilder von heute gepostet, natürlich auch von diesem Wohlfühlort. Und tatsächlich hat das die Person gesehen und kommentiert, die sich um die Bücherzelle kümmert! Ist das nicht unglaublich?

Wir steigen nun ein in einen Abschnitt unserer Wanderung, der entspannter nicht sein kann und von so überwältigender Schönheit, dass ich mich nicht sattsehen kann an den blühenden Wiesen, den sie umgebenden Bergen, der Leutascher Ache – unserer ständigen Begleiterin, den unseren Weg säumenden Bäumen, die uns nach sonnigen Teilstrecken immer wieder Schatten spenden. Die Farben sind so intensiv und fast unwirklich satt und kräftig, dass sie aussehen wie am Computer bearbeitet. Ein Barfußpfad verlockt Georg, mit unbeschuhten Füßen den weichen Grasteppich zu erfühlen. Eine Erholung!

Blühende Wiese mit bunten Blumen und angrenzendem Wald unter einem blauen Himmel.

So nähern wir uns unaufhörlich unserem heutigen Zielort Leutasch und unserer Unterkunft Pension Bergfrieden. Verwöhnt von Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald, mutet Leutasch etwas merkwürdig an. Es setzt sich aus mehreren Ortsteilen zusammen, hat aber kein eigentliches Zentrum. Uns kommt es wie eine nicht durchdachte Aneinanderreihung von einigen Wohnhäusern und vielen Hotels vor. Es gibt eine Tankstelle, einen Supermarkt und einen Park mit Open-Air-Bühne, deren Sommerprogramm durch fast immer dieselbe Blaskapelle bestritten wird. Und es gibt ein Bürger:innen-Biotop. Das entbehrt nicht einer unfreiwilligen Komik. In der Pension werden wir von einem Umschlag begrüßt, auf dem unser Name steht. Er enthält die Schlüssel für die Zimmer, das Anmeldeformular und nützliche Informationen für unseren Aufenthalt. Zum Beispiel, wo wir essen gehen können.

Beim Auspacken seines Koffers fällt Georg auf, dass er heute morgen zwei seiner drei Paar Schuhe auf dem Balkon des Hotelzimmers stehen lassen hat. Dieses Mal können wir nicht zurücklaufen und sie abholen. Aber ein Anruf genügt: „Kein Problem! Wir schicken die Schuhe nach Hause!“

Es war wieder eine sehr abwechslungsreiche Tour – viele und wenige Menschen, Kälte und Hitze, Straßen-, Wald- und Wiesenwege, viele Radfahrer und wenig Wanderer, Sonne und Schatten, Berge und Täler. Georg meint, man hat das Gefühl, dass Eurotrek die Touren ganz bewusst so zusammengestellt hat, um die Zufriedenheit der Urlauber zu gewährleisten.

Dienstag, 26. Mai 2026 – Von Leutasch nach Nauders (15 km, 4,5 Std., 200 Höhenmeter)

Der gemeinsame Tag beginnt mit dem Frühstück, zu dem wir uns für 8:30 Uhr verabredet haben. Eine Zeit, zu der man noch ein gut bestücktes Buffet erwarten kann. Doch die Auswahl ist sehr überschaubar – wir reißen uns das letzte Körnerbrötchen und die zwei Eier unter den Nagel, die in einem Körbchen rumdümpeln. Der Kaffee schmeckt auch nicht. Aber egal – wir müssen nicht hungrig loswandern und nahmen uns auch jeder ein Brötchen mit auf den Weg. nun noch die letzten Handgriffe im Zimmer erledigen und dann kanns losgehen. 9:10 Uhr klopft es an meiner Tür und ich wundere mich, dass Georg schon fertig ist. Schwungvoll reiße ich sie auf, den Lippenstift in der Hand, doch nicht Georg, sondern der Pensionsbetreiber steht vor mir: „Sie wissen schon, dass das Gepäck bis 9 Uhr unten stehen muss zur Abholung? Der Transport ist da und wartet auf Ihre Koffer!“ Oh oh, ich schnappe meinen Rucksack und bugsiere ihn die Treppe runter. Dort steht freundlich lächelnd der Fahrer und befreit mich von der Last, ich flitze wieder hoch, klopfe bei Georg, der gerade frustriert versucht, sein Hab und Gut zu verstauen. Meine Nachricht macht die Situation nicht besser, aber kurz darauf sehe ich ihn mit Koffer und Rucksack auf den Weg nach unten. Ich schnüre meine Wanderschuhe und gehe schon mal nach unten, gebe den Schlüssel ab und sehe, dass der Fahrer immer noch da steht. Hm, gibt es noch mehr Bummelanten? Erst jetzt bemerke ich, dass Georg sein Gepäck an den vereinbarten Platz gestellt hat, der Fahrer das aber nicht mitbekommen hat und deswegen immer noch auf Georgs Koffer wartet. So ein Wirrwar! Aber der Fahrer ist sehr geduldig und freundlich und nimmt es nicht übel.

Bevor wir aus dem Ort hinausspazieren, statten wir dem örtlichen Supermarkt noch einen Besuch ab. Ich kaufe mir einen Kaffee aus dem Kühlregal, Georg einen frischen am Backstand und einen zusammenfaltbaren Rucksack, in dem er seine Utensilien verstaut, die nicht mehr in Koffer und Rucksack gepasst haben.

Ein Blick in ein modernes Supermarktinnere mit Regalen voller frischer Produkte und Angeboten. Im Vordergrund stehen Einkaufskörbe und Schnäppchenschilder, während eine Person an der Kasse steht.

Es ist schon wieder sehr heiß, so dass der Weg zum Ortsende nicht so richtig Spaß macht. Es gibt viele Baustellen, ein Hotel beeindruckt durch seine Größe und natürlich steht auch hin und wieder eine kleine Kapelle zur Andacht bereit.

Eine kleine, weiße Kapelle mit Glockenturm, umgeben von Bergen und grünem Landschaft.

Endlich biegen wir in einen Feldweg ein, der mein Herz höher schlagen lässt angesichts der farbenfrohen Wiesenblumen und der uns zum Weidachsee führt, einem großen Angelsee. Ein 400 m langer Holzsteg, ideal auch für Fliegenfischer, ein Angelverleih, eine Cafeteria mit offenem Kamin, eine Terrasse und ein Hofladen lassen die Herzen der Angelfreunde höher schlagen, von denen schon einige zugange sind. Forellen gibt es genug, sie werden in einem Zuchtbecken vermehrt.

Eine große Schule von Fischen schwimmt im klaren Wasser, während ein Abflussrohr am Rand sichtbar ist.

Während ich die Fische bestaune, die dicht gedrängt wie Konzertbesucher fast unbeweglich entgegen der Fließrichtung des Gewässers auf ein Gitter starren, packt Georg seinen Rucksack neu. Beim Aufsetzen fallen beide Wasserflaschen zu Boden, der Deckel springt ab und der Inhalt versickert im Boden. Irgendwie geht heute alles ein bisschen schief, wogegen Georg später beim Resümee des Tages heftig widerspricht. Das wäre alles normal. Na gut, wir müssen weiter. Die 15 km müssten wir locker bis zum frühen Nachmittag schaffen, aber wir haben ein bisschen die Zeit im Nacken, denn wir müssen um 16 Uhr in Telfs an einer bestimmten Bushaltestelle stehen. Ein Transfer wird uns und andere Wanderer zum 85 km entfernten Hotel in Nauders bringen. Also stiefeln wir los, meistens ich voran, weil Georgs einziges Paar Schuhe, das ihm verblieben ist, eine schnellere Gangart nicht zulässt. Die Strecke führt uns über sehr abwechslungsreiche Wege wie Wiesen, Forststraßen, Wurzeln, Holzbohlen übers Hochmoor, Geröll, Asphalt, Nadelteppiche, zwei Flussbette und über Weiden. Hier möchte ich kurz einfügen, dass wir bisher nur drei Kühe aus der Ferne gesehen haben, heute kommen eine Schafherde und drei Pferde dazu.

Zwei schwarze Pferde mit langen Mähnen stehen im Stall neben einem Holzzaun.

Als gelernte Bäuerin kann ich nicht an Nutztieren vorbeigehen, ohne ein paar Worte mit ihnen gewechselt zu haben. Vor einem Stall steht ein schwarzglänzendes Pferd und nimmt zunächst keine Notiz von uns. Georg geht weiter, ich bleibe stehen und spreche es an. Verwundert hebt es den Kopf und trabt gemächlich auf mich zu. Das Streicheln seiner samtigen Nüstern gefällt mir und anscheinend auch ihm. Plötzlich wird ein Vorhang zur Seite geschoben und ein zweites Pferd gesellt sich neugierig zu uns. Auch dieses erhält Streicheleinheiten, doch dem anderen gefällt das offensichtlich gar nicht – es stupst seinen Stallgenossen weg von meiner Hand. Ich verabschiede mich und schließe wieder auf zu Georg. Wenn der Weg im Wald verschwindet, atmen wir beide auf, denn es wird immer wärmer. Auf sonnigen Abschnitten bergauf zu laufen, wird zum Härtetest der Kondition. Aber immer wieder eröffnen sich uns überraschende Weitblicke über großflächige Wiesen vor der beeindruckenden Kulisse des Alpenmassivs. So erreichen wir gegen 12 Uhr den wunderschön gelegenen Ropferhof. Er wirbt mit dem Slogan „Wo die Berge die Seele berühren und Geschmack noch echt ist.“ Der Blick ins Inntal ist fantastisch und mich erfasst der Neid auf zwei Frauen, die als Gäste gerade gemütlich im Schatten sitzend die Aussicht genießen. Ich würde mich jetzt gerne dazusetzen mit einem kalten Getränk und mich nicht mehr vom Fleck rühren. Ich habe mal nachgeschaut – vier Übernachtungen kosten für 1-4 Personen 545 €, aber natürlich würde es dabei ja nicht bleiben. Fahrtkosten und Essen sind ja auch nicht umsonst.

Ein gelbes Blumenfeld im Vordergrund mit einem Blick auf einen majestätischen Berg und eine Berghütte unter klarem Blauhimmel.

Als ich fertig geträumt habe, gehts weiter, nunmehr überwiegend 700 Höhenmeter abwärts. Zunächst im Zickzack durch den Wald auf Wegen, wie ich sie liebe, über Treppen und Brücken, immer mit einem angenehm kühlenden Wind als Begleiter. Ab und zu können wir durch die Bäume eine steile Felswand erahnen und die Tiefe des Inntals, in das wir hinabsteigen müssen. Später tritt der Weg aus dem Schutz des Waldes heraus in die Sonne pur, die von den Felswänden reflektiert und noch verstärkt wird. Nun besteht der Untergrund aus Geröll und erfordert höchste Konzentration, denn darauf rutscht man schneller aus als auf Schnee. Es kommt schon mal vor, dass die Steinchen unter dem Schuh wegflutschen.

Ein Wanderer geht eine Holztreppe in einem dichten, grünen Wald hinunter.

Weil die Wegführung in der Touren-App immer live mitverfolgt werden kann und ich somit genau sehe, ob wir noch auf dem richtigen Pfad sind, wieviel Kilometer es noch sind und wo sich der rote Punkt auf dem Höhenprofil gerade befindet, habe ich mein Handy in der Hand und schaue ab und zu mal drauf. Georg macht sich aber Sorgen um mich (ok, nicht zu Unrecht, schließlich bin ich schon einmal von der Senkrechte in die Horizontale gewechselt) und gibt mir den Befehl: „Jetzt stecke doch mal das Handy weg, damit du die Hände frei hast und dich abstützen kannst, wenn du stürzt!“ Das geht mir dann aber doch zu weit und ich denke gar nicht daran. Er hat die Route auf seiner Uhr und sieht natürlich auch, wo wir langlaufen müssen, aber ich will sie ebenso vor Augen haben. Dann kommt ein Abzweig, dem Georg konsequent folgt, obwohl ich rufe: „Wir sind falsch! Wir entfernen uns von der Route!“ Was soll ich machen? Ich trotte missmutig hinterher, kann ihn dann endlich von seinem Irrtum überzeugen und wir kraxeln einen Parallelpfad, der sich schnell im Nirgendwo verliert, zurück auf die richtige Route. Und mit kraxeln meine ich auch kraxeln. Das letzte Stück krabbele ich auf allen Vieren, weil es so steil ist. Als der Serpentinenpfad zu Ende ist und wir uns auf einer Forststraße einer Wallfahrtskapelle nähern, haben sich die Wogen geglättet, aber die brütende Hitze liegt wie eine Glocke über uns.

Noch drei Kilometer sind es bis Telfs, als wir um 14 Uhr an der Mariahilfkapelle am Birkenberg ankommen. Gerne würde ich eine Pause machen, bevor wir zur Stadt hinabsteigen, aber eine schattige Bank ist weit und breit nicht zu sehen. Also verlegen wir unseren Rastplatz kurzerhand in die Kapelle, in der es wunderbar kühl ist. Die barocke Rundkuppelkirche stammt aus dem 17. Jahrhundert, wurde 1692–1694 erweitert und erhielt ihre heutige Form mit Kuppel und Laterne. Sie war einst ein wichtiger Wallfahrtsort, besonders für kinderlose Frauen, verlor aber im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Bekannt ist sie für ihre reich ausgestatteten Altäre von Andreas Thamasch und das kleine schwarze „Mohrele“, um das sich eine Kindersegen-Legende rankt.

Detailansicht eines kunstvollen Altars mit goldenen Skulpturen von Heiligen und Engelsfiguren, umrahmt von prächtigen Verzierungen.

Wir holen unseren Proviant aus dem Rucksack, entledigen uns der Schuhe und Strümpfe und mampfen unter dem gnädigen Blick der Mutter Maria und des Herrn Jesus Brötchen, Müsliriegel und Eier. Der liebe Gott wird uns vergeben, und schließlich heißt die Kapelle ja „Maria hilf“. Ein bisschen plagt mich das schlechte Gewissen, denn es ist zwar nicht verboten, aber doch sehr respektlos, in der Kirchenbank die Stullenpakete auszupacken. Als wir fertig sind, aber immer noch der Dunst unserer nackten Füße wie Weihrauchschwaden durch die Kapelle wabert, kommen zwei Frauen zum Beten herein. Wir versuchen derweil, lautlos in unsere Schuhe zu schlüpfen, gar nicht so einfach!

Gestärkt und ein bisschen wohltemperierter als vorher, nehmen wir die drei Kilometer abwärts durch Telfs in Angriff, vorbei an einem Kreuzweg. Alle Gehwege sind schattenfrei und ich habe das Gefühl, gleich wie ein vertrockneter Frosch am Boden zu kleben. Mit Logik und Spürsinn finden wir schließlich die Bushaltestelle, haben aber noch ein bisschen Zeit und schlendern durch den klimatisierten Supermarkt nebenan. Meine Beute: Ayran, Wasser, ein Koffeingetränk und ein Eis. Dann kommt der Bus und bringt uns auf einer einstündigen Fahrt mit etlichen anderen Urlaubern nach Nauders am Reschenpass. Viele checken im gleichen Hotel wie wir ein, dem Tiroler Hof, der sich als Beauty- und Wellnesshotel bezeichnet. Der Rezeptionist hat mit einem Schlag ordentlich zu tun!

Ein gemütliches Hotelzimmer mit einem Doppelbett, einer Couch, einem Tisch und einem großen Fenster. An der Wand hängt ein Landschaftsbild mit Bergen.

Unsere Zimmer sind sehr schön, allerdings bekommen wir kein Essen im Restaurant, weil wir das vorher nicht angemeldet haben. Das finde ich sehr merkwürdig, denn schließlich sind wir zahlende Gäste des Hauses! Aber egal, wir durchkämmen den Ort nach etwas Essbarem, was nicht einfach ist. Viele Hotels und Restaurants sind geschlossen oder schon lange außer Betrieb, aber in einer Sport- und Musikkneipe werden wir reichlich versorgt. Zum Abschluss schauen wir uns noch ein bisschen in Nauders um und arbeiten uns ganz nach oben zu einer Kirche und dem schmuckvollen Friedhof, von dem aus man einen guten Überblick über den Ort bekommt. Am gegenüberliegenden Berghang sehen wir die Schneise für den Sessellift, mit dem wir morgen zunächst bergauf fahren, dann zu Fuß noch weiter hochklettern zum Dreiländereck, um von dort auf 850 Höhenmetern wieder in die Tiefe zu steigen.

Ein Selbstporträt von zwei Personen in einer Seilbahn mit einer grünen Landschaft und einer Stadt im Hintergrund.

Mittwoch, 27. Mai 2026 – Von Nauders nach Reschen (14 km, 5 Std., 550 Hm bergauf, 850 Hm bergab)

Heute gibts keine Probleme mit den Koffern, denn wir stellen sie brav vor dem Frühstück in den Gepäckraum. Es scheinen um 8:30 Uhr schon alle anderen auf dem Weg zu sein, oder das Hotel ist nicht ausgelastet, denn wir sitzen so gut wie allein in dem weitläufigen Frühstücksraum und brauchen sogar bis 10 Uhr, bevor wir den Sessellift ansteuern. Die Tickets dazu waren in unseren Reiseunterlagen, und so nutzen wir diese Möglichkeit, ohne Anstrengung die ersten 150 Höhenmeter zu bewältigen. Ein Sessellift ist ziemlich aufregend, erstens muss man ohne zu zögern auf dem fahrenden Untergestell Platz nehmen und dann senkt sich der Sicherungsbügel, zweitens blickt man direkt dem Abgrund ins Auge, ohne die schützende Ummantelung einer Kabine, drittens muss man dann ja auch wieder runter vom Sitz und sofort aus der Knautschzone springen, bevor einen der nächste Lift touchiert. Trotzdem – ein wunderbares Erlebnis!

Oben angekommen, irren wir erst ein bisschen umher, bevor wir den Einstieg in die Tour finden, können uns aber auf einen von den drei Möglichkeiten einigen. Es geht nun auf sehr abwechslungsreichen Wegen (Wurzeln, Geröll, Steine, baumstammgroßen Holzstufen) durch eine traumhafte Landschaft überwiegend bergauf zum Schwarzen See, gefolgt vom Grünen See. Momentan sind die Wiesen besonders schön, ich kann einfach nicht anders – ich muss all die Blümchen mit ihren kräftigen Farben immer wieder fotografieren, obwohl ein Bild ja eigentlich reichen würde. Außerdem kann man dabei auch gut verschnaufen!

Zwei blaue Enzianblüten, eine auf dem Boden liegend und die andere waagerecht, umgeben von grünem Laub und trockenem Gras.

Wir überholen eine Familie mit zwei weinenden Kindern, die ganz offensichtlich nicht so viel Spaß haben an diesem Spaziergang wie ihre Eltern. Gegen 11:30 Uhr haben wir den Schwarzen See erreicht. Er macht seinem Namen alle Ehre, denn das Wasser wirkt fast ein bisschen unheimlich, dunkel und undurchdringlich.

Mann steht am Ufer eines Sees und schaut in die Ferne, im Hintergrund ein bewaldeter Hügel mit Schnee und blauer Himmel.

Er liegt in einem empfindlichen Moorgebiet, das im 19. Jahrhundert wirtschaftlich genutzt wurde: Um 1860 stach man Torf zum Heizen und leitete Wasser über Waale auf die umliegenden Wiesen ab. In den 1960er‑Jahren versuchte man, den See touristisch aufzuwerten und zu einem Badesee auszubauen; dafür wurde sogar ein Nichtschwimmerbecken ausgebaggert. Die instabile Moorkonsistenz machte das Vorhaben jedoch unmöglich, sodass das Projekt aufgegeben wurde. Heute hat sich die Natur weitgehend regeneriert, und der See steht als Naturdenkmal unter Schutz. Alle Erschließungen touristischer Art sind verboten, was für dieses Idyll ein Glücksumstand ist. Wir setzen und kurz auf eine Bank und nehmen die besondere Atmosphäre in uns auf. Am darauf folgenden Grünen See, der nach weiteren anstrengenden Höhenmetern auf uns wartet, ist es fast genauso. Er ist wirklich total grün!

Ruhiger See umgeben von dichten Wäldern und Bergen, mit einem Holzsteg im Vordergrund.

Hier müssen wir uns entscheiden, ob wir auf einem bequemen, nicht so steilen Weg weitergehen oder den als ziemlich anstrengend beschriebenen Aufstieg zum Dreiländergrenzstein wagen wollen. Auf jeden Fall wollen wir, wenn wir nun auch auf 2200 Meter hinaufsteigen werden, also vom jetzigen Punkt aus 380 Höhenmeter – 200 haben wir schon hinter uns. Nun wird es stellenweise ziemlich herausfordernd. Riesige Stufen sind zu erklimmen, Geröll sorgt für so manchen Ausrutscher, weswegen auf einer kurzen Strecke sogar ein Drahtseil zum Hochhangeln gespannt ist. Ein langes Stück laufen wir über Bohlen (ich liebe solche Wege), dann sorgen Wiesenwege wieder ein bisschen für Entspannung, bis es auf schmalen, steinigen Pfaden immer weiter nach oben geht. Weiter und weiter. Während Georg gleichbleibend dasselbe Tempo beibehält, werde ich hangaufwärts immer langsamer, finde aber einen Rhythmus für Füße und Lunge, der mich konstant am Laufen hält und es mir ermöglicht, die Aussicht zu bewundern. Ein Schild „Staatsgrenze“ weckt die Illusion, es geschafft zu haben, aber weit gefehlt! Jetzt wird es erst mal richtig interessant. Mittlerweile befinden wir uns knapp unterhalb der Baumgrenze.

Ein Schild mit der Aufschrift 'Achtung Staatsgrenze' steht in einer bewaldeten Landschaft. Im Hintergrund sitzt eine Person an einem Tisch.

Immer wieder werden wir zum Narren gehalten, doch plötzlich stehen wir vor diesem Schild:

Das Schild "DreiLänderKino" zeigt eine Panoramakarte der umliegenden Berge, umgeben von Kiefern und Steinen.

Ursprünglich war es wohl mal eine Etage höher auf der Aussichtsplattform befestigt, aber Wind und Wetter werden ihm zugesetzt haben. Jedenfalls haben wir es geschafft!

Eine Person steht auf einem Berggipfel und breitet die Arme aus, um die Aussicht auf eine grüne Tallandschaft mit Bergen im Hintergrund zu genießen.

Umgeben von Schnee, haben wir die Wahl, uns entweder auf den Grenzstein zu setzen und uns somit gleichzeitig in drei Ländern befinden, oder wir setzen uns in Italien auf eine Bank oder in Österreich.

Der Ausblick ist eine Wucht, wir haben drei Staaten und eine EU-Außengrenze durch bzw. überschritten. Der Vinschgau, das Inntal und der eidgenössische Engadin liegen uns zu Füßen.

Blick auf die Alpenlandschaft mit schneebedeckten Bergen und bewaldeten Tälern unter einem blauen Himmel mit Wolken.

Auch dieser kleine Herr genießt die Aufmerksamkeit und die Aussicht:

Ein Schneemann aus Schneeresten steht auf einem felsigen Boden mit Blick auf die Berge. Im Hintergrund sitzt eine Person auf einer Holzterrasse.

So schön, wie es hier oben ist – wir müssen nun auch wieder runter. Diese Stelle ist ein Wendepunkt und unser Weg setzt sich nun oberhalb des Hinwegs auf italienischem Boden fort. Um dort hinzugelangen, müssen wir das Schneefeld durchqueren und noch ein Stückchen höher. Einige knifflige Stellen stellen unsere Trittsicherheit und Schwindelfreiheit auf die Probe, aber wir bewältigen das wunderbar.

Panoramablick auf die Berge und das Tal mit einem klaren blauen Himmel und einigen Wolken.

Im Tal können wir Reschen schon sehen und sind erstaunt, dass wir jetzt noch sechs Kilometer vor uns haben. Man denkt, jetzt nur noch den Berg runter, und schon sind wir da! Ganz unerwartet stehen wir vor einer Ruine, die aussieht, als wäre sie früher militärisch genutzt worden. Im Internet habe ich kaum etwas gefunden, nur, dass es wohl mal eine Zollstation war. Neugierig steigen wir verbotenermaßen durch eine halb zugemauerte Tür hinein und schauen uns schaudernd um. Plötzlich schreit Georg aus einer anderen Ecke kurz auf und sofort setzt bei mir das Kopfkino ein – er hat eine Leiche gefunden! Vermutlich habe ich zu viele True Crime Podcasts gehört, denn es war nur ein Vogel, den er aufgescheucht hat und der vermutlich genauso erschrocken war wie Georg.

Ein verfallenes Gebäude mit bunten Wandmalereien, umgeben von Gras und Bäumen, unter einem bewölkten Himmel.

Dann erreichen wir die Reschen-Alm, die allerdings noch geschlossen ist, denn die Saison beginnt erst nächste Woche. Aber man hat von hier aus einen herrlichen Blick auf den Reschensee, der uns zu Füßen liegt. Man sieht auch den Kirchturm, der aus dem Wasser ragt, eine traurige Sehenswürdigkeit des Ortes.

Blick auf einen Bergsee umgeben von hohen Bergen und dichten Wäldern.

Im Gebiet des heutigen Reschensees existierten ursprünglich drei natürliche Seen: Reschensee, Mittersee und Haidersee. Bereits ab 1911 gab es erste Studien zur Nutzung der Wasserkraft im oberen Vinschgau . Nach der Annexion Südtirols durch Italien 1920 wurden diese Pläne wieder aufgenommen. Ursprünglich war nur eine moderate Anhebung der Seen um etwa fünf Meter vorgesehen. Ab 1937 forcierte die faschistische Regierung das Projekt jedoch deutlich. Ein später genehmigter Vorschlag der Montecatini-Tochter SEAA sah vor, beide Seen auf 1497 m aufzustauen – eine Erhöhung des Wasserspiegels um 22 m beim Reschensee und 27 m beim Mittersee. Damit wären Graun vollständig und Reschen teilweise überflutet worden.

Die entscheidenden Änderungen wurden der Bevölkerung zunächst nicht transparent kommuniziert; ein Aushang in italienischer Sprache blieb weitgehend unbeachtet. Erste Enteignungen erfolgten bereits 1940/41 „im nationalen Interesse“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Projekt wegen finanzieller Engpässe verzögert, aber durch eine Vereinbarung mit Schweizer Elektrizitätsgesellschaften ab 1947 wieder beschleunigt, da diese dringend Winterstrom benötigten. 1947 informierte Montecatini die Bevölkerung über den endgültigen Umfang des Stausees und den engen Zeitplan. Trotz Protesten wurde der Bau des Damms fortgesetzt. Die Entschädigungen wurden 1948/49 neu festgesetzt, ein Recht auf Realersatz bestand jedoch nicht.

1950 wurden alle Gebäude in Graun und in Teilen von Reschen – mit Ausnahme des denkmalgeschützten Kirchturms von St. Katharina – abgetragen und das Gebiet geflutet. Insgesamt verschwanden 163 Häuser und 523 ha Kulturland unter Wasser. Rund 70 % der Bevölkerung wanderten ab. Der heute aus dem See ragende Kirchturm ist das letzte sichtbare Relikt des alten Dorfes Graun. Damit will ich mich auf jeden Fall noch mal näher beschäftigen und es gibt auch etliche Romane, die das Thema aufgeabeitet haben, z.B. „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano.

Unser letztes Wegstück führt uns über drei Kilometer hinunter nach Reschen. Es ist so unglaublich still, wie man es selten erlebt. Ab und zu hört man ein Vögelchen zwitschern, mehr nicht. Noch nicht mal unsere Schritte geben Geräusche von sich, weil wir auf einem weichen Grasteppich laufen. Ich genieße das in vollen Zügen.

Eine malerische Landschaft mit hohen Bäumen und grünen Wiesen, umgeben von Bergen und einem blauen Himmel mit Wolken.

Das letzte Stück zieht sich etwas in die Länge, doch irgendwann sind wir unten im Ort. Die Häuser sehen deutlich anders aus als die in den Tagen zuvor. Man merkt, dass wir in einer anderen Gegend sind, aber nicht unbedingt, dass es auch ein anderes Land ist. Alles ist deutsch beschriftet, die Menschen sprechen deutsch, auch die Einheimischen. Ich muss mich unbedingt noch mit der Geschichte Tirols beschäftigen, denn daraus erklärt sich bestimmt vieles.

Landschaft mit Kühen auf einer Wiese, nahe einem See und Bergen.

Nun müssen wir noch ein Stück durch den Ort, um uns in einem anderen Hotel die Zimmerschlüssel für unser Hotel abzuholen, zu dem wir dann wieder zurücklaufen. Etwas umständlich, aber vermutlich darin begründet, dass es hier kein Personal gibt. Die Zimmer haben Jugendherbergscharme, die Dusche in Georgs Zimmer funktioniert nicht, direkt sauber ist es auch nicht und Frühstück gibt es nur bis 9 Uhr. Das wird stressig morgen!

Donnerstag, 28. Mai 2026 – Von Reschen nach Naturns (18 km, 5 Std., 450 Hm aufwärts, 850 Hm abwärts)

Ich schlage die Augen auf und sehe blinzelnd auf mein Handy – es ist 8 Uhr! Ach du meine Güte, jetzt aber schnell! Wir wollten ja eigentlich schon um diese Zeit beim Frühstück sitzen und hatten verabredet, dass Georg um 7:30 Uhr meine Dusche nutzen kann. Hat er schon vergeblich geklopft? Ich schreibe ihm hastig eine WhatsApp, dass ich mich schnell fertig mache und ihm dann bescheidsage, wenn er rüberkommen kann. Zu allem Überfluss ist das Wasser nur lauwarm, bestätigt aber den Eindruck, den ich von dieser Unterkunft habe. Die nächste Nachricht geht an Georg raus: „Bin fertig!“ Keine Reaktion. Hat er auch verschlafen? Hektisch rufe ich ihn an. „Ja?“, tönt es vom anderen Ende. Ich signalisiere, dass wir uns beeilen müssen, wenn wir noch einen Haps zu essen abbekommen wollen. „Aber es ist doch erst kurz nach sechs?“, teilt mir Georg verschlafen mit. Ich schaue auf die Uhr – tatsächlich! Ich fasse es nicht! Mit Brille wäre das nicht passiert! Kurz entschlossen lege ich mich in voller Montur wieder ins Bett und döse noch ein bisschen vor mich hin, bis es dann Zeit wird für den geplanten Tagesbeginn. Als wir später ohne Wehmut das B&B Hotel verlassen, ist es draußen sogar relativ kalt. Das erste Mal, seit wir auf Wanderschaft sind, ziehe ich meine Jacke an. Wir gehen nochmal zu dem Hotel, wo wir gestern unsere Schlüssel abholen mussten, lassen uns Gästekarten ausstellen, weil wir heute Teilstrecken mit dem Bus fahren müssen und melden bei der Gelegenheit gleich die defekte Dusche. Doch das Problem ist bekannt, weil sich schon mehrere Gäste vor uns beschwert hatten. Wir erfahren, dass nichts kaputt ist, man setzt das Wasser nur nicht über die Armatur in Gang, sondern über den Duschkopf. Ich kenne diese Funktion nur zum Regulieren des Wasserstrahls, aber nicht zum An- und Ausschalten der Dusche. Die Hotelbetreiber geben uns recht und finden das auch komisch, eventuell wollen sie das mal ändern. Ich sage, ein Zettel zur Aufklärung würde ja reichen. dann gäbe es auch keine Beschwerden mehr. Die Gästekarten bekommt man übrigens nie automatisch, obwohl einem diese Abgabe von 3,50 € bis 5 € pro Person überall zusätzlich abgeknöpft wird. Unter Vorlage dieser Karte kann man z.B. die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Meistens brauchen wir sie nicht, weil wir ja laufen, aber ab und zu sind Busfahrten eingeplant, weil die Distanz zum nächsten Hotel zu Fuß nicht zu bewältigen wäre. In so einem Fall muss man die Karte eben einfordern.

Nun können wir starten und es dauert nicht lange, bis meine Jacke wieder im Rucksack verschwindet. Die Sonne ist gerade dabei, ihre volle Kraft zu entwickeln. Ein sonniger Uferweg führt uns zunächst zu dem Kirchturm von Graun, der im Reschensee aus dem Wasser ragt. Ein merkwürdiger Anblick, der viele Touristen und auch uns magisch anzieht.

Bild eines alten Kirchturms, der aus einem ruhigen, blaugrünen See ragt, umgeben von Bergen und einem klaren, blauen Himmel.

Ich hatte ja gestern schon darüber berichtet. Einst stand er im Zentrum des alten Dorfes Graun, umgeben von Höfen, Gärten und schmalen Gassen. Als in den 1950er‑Jahren der Stausee aufgestaut wurde, verschwand das gesamte Dorf unter den Fluten; nur der Turm aus dem 14. Jahrhundert blieb stehen. Bei Wind klirren manchmal die Glocken im Inneren – ein leiser, fast gespenstischer Klang, der an das verschwundene Leben rund um den Turm erinnert. Auf einer Infotafel kann man sehen, wie das Dorf aussah und wie es geschleift wurde. Eine traurige Geschichte.

Von hier aus müssen wir laut Routenbeschreibung ein Stück mit dem Bus bis zur Feuerwehr von St. Valentin fahren. Mir sind ja, ehrlich gesagt, Wanderungen lieber, wo ich komplett zu Fuß unterwegs bin, aber die Entfernungen auf dieser Tour sind einfach nicht an einem Tag zu schaffen. Der nächste See wartet auf uns mit glitzerndem Wasser, Schwänen, Blesshühnern mit Küken und vor allem viel Sonne. Ganz viele Bäume sind von der Gespinstmotte befallen und haben einen silbrig weißen Überzug. Die Bäume erholen sich wohl danach wieder und für den Menschen sind die Motten auch nicht gefährlich, aber es sieht ziemlich eklig aus. Der Uferweg des Haidersees, teils aus Holzstegen bestehend, ist mit vielen lauschigen Plätzen ausgestattet, die aber bei dieser Hitze gar nicht nutzbar sind, nur kurz probieren wir eine strandkorbähnliche drehbare Bank aus.

Ein malerischer Weg am Ufer eines Sees, umgeben von Blumen und Bergen unter einem blauen Himmel mit weißen Wolken. Eine Holzbank steht am Pfad und lädt zum Verweilen ein.

Heute ist der Tag der Seen, denn nun müssen wir ein Stück bergauf, vorbei an einem Gehöft, das aussieht wie eine Kulisse für einen Spielfilm, der im 18. Jahrhundert angesiedelt ist. Am Faulen See haben es sich ein paar Ausflügler gemütlich gemacht. Wir aber sind nicht faul, sondern stiefeln weiter über eine Viehweide, wo endlich auch mal eine Kuhherde zu sehen ist und das Bild der Alpenlandschaft in meinem Kopf vervollkommnet.

Eine Kuh steht auf einer grünen Wiese umgeben von Bäumen.

Und schon kommt das nächste Gewässer, nämlich der unglaublich idyllische Bergsee. Hier ist es so schön, dass ich die Familie richtig beneide, die sich am Ufer mit Picknickkorb häuslich niedergelassen hat. Es gibt auch eine gemauerte Feuerstelle, die als Lagerfeuer und Grill genutzt werden kann. Habe ich in den Tagen vorher den Anblick von Kühen vermisst, bekomme ich das heute nachgeliefert, denn am Ufer gegenüber liegen zwei Kühe kuschelnd dicht nebeneinander, eine schleckt der anderen liebevoll das Gesicht ab. Ich bin hin und weg.

Zwei Kühe liegen am Ufer eines ruhigen Sees, umgeben von Bäumen und Bergen.

Mittlerweile ist es so brütend heiß, dass ich mir wie eine Muslima ein Tuch um den Kopf schlinge, damit mein Gehirn nicht anfängt zu kochen. Wenn der Weg durch den Wald führt, ist es auszuhalten, aber auf offenem Gelände sehnt man sich nach dem nächsten Baum. Ich mag Sonne sehr, aber das ist selbst mir zu viel.

Eine Frau mit einem karierten Schal über dem Kopf lächelt in die Kamera, während sie auf einem Waldweg steht. Im Hintergrund sind Bäume und trockene Erde zu sehen.

Bald sehen wir durch die Bäume den Ort Burgeis hindurchschimmern, dem wir über steile Sonnenhänge entgegengehen. Der Ort ist bekannt für seine mit Fresken bemalte Hausfassaden, alte Portalen, Freitreppen und Erker. Wir durchqueren ihn und stellen fest, dass es hier noch viel urtümlicher aussieht als in den durchgestylten Touristen-Hotspots. Man bekommt eine Ahnung, wie es hier früher mal aussah.

Ein junger Mann steht auf einer Straße in einem malerischen Dorf, umgeben von traditionellen Häusern mit Wandmalereien und einem blick auf die Berge im Hintergrund.

Trotzdem sind wir froh, über eine Weide wieder im Wald verschwinden zu können. Hier erwartet uns eine Besonderheit dieser Gegend – ein Waalweg. Ich habe mich schon die ganze Zeit gewundert, wie viele Flächen mit Beregnungsanlagen gewässert werden, also auch Wiesen. In Deutschland würde man das in dieser Größenordnung nicht machen, denn sie erholen sich auch wieder, selbst wenn sie vertrocknet sind. Doch hier erforderten seit jeher das trockene, windige Klima und die leichten Sandböden eine künstliche Bewässerung, um ertragreiche Landwirtschaft zu betreiben. Schon im 14. Jahrhundert wurde ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit Waalen angelegt, die teilweise heute noch in Betrieb sind. Schmale, offene Kanäle führen das Wasser aus Flüssen und Seen in die Wiesen, wo sie von kleineren Zweigwaalen verteilt werden. Wir laufen jetzt ziemlich lange durch den Wald an solchen Kanälen entlang und empfinden dieses Stück der Tour als besonders angenehm.

Ein Wanderer geht auf einem schmalen Weg entlang eines Bachs, umgeben von Bäumen und üppigem Grün in einer Berglandschaft.

Ein schöner Rastplatz mit fantastischem Ausblick verlockt uns zu einer Pause. Das ist zwar immer sehr gefährlich für die Motivation zum Weiterlaufen, aber es ist einfach zu schön hier. In der Ferne sehen wir ein schlossähnliches Gebäude und finden mit Google Lens heraus, dass es damit ebenfalls eine besondere Geschichte auf sich hat. Es handelt sich nämlich um das Benediktinerstift Marienberg. Die Abtei gilt mit rund 1350 Metern Höhe als die höchstgelegene Benediktinerabtei Europas. Gegründet wurde sie im späten 11. Jahrhundert durch die Edelfreien von Tarasp. Im Mittelalter war Marienberg wiederholt Konflikten ausgesetzt, die zeitweise die Existenz des Klosters bedrohten und 1304 sogar zur Ermordung eines Abtes führten. Heute lebt eine kleine Gemeinschaft von sieben Mönchen in Marienberg, die seelsorglich tätig sind und das benediktinische Erbe pflegen. Berühmt ist die Krypta mit ihren romanischen Fresken aus der Zeit um 1175–1180, die zu den bedeutendsten Kunstwerken des Alpenraums zählen. Wer möchte, kann dort auch übernachten.

Aussichtspunkt mit einer Holzbank und Geländer, Blick auf ein grünes Tal umgeben von Bergen, mit Wiesen und Bauernhöfen im Vordergrund.
Eine kunstvoll geschnitzte Holzfigur mit langen, fließenden Haaren und einer ausdrucksvollen Gesichtszüge, die mit Halsketten geschmückt ist, umgeben von grünen Bäumen.

Bis heute hatte ich auch noch nie von den Saligen gehört. Dazu gibt es eine schöne Legende: In einer der hiesigen Felsengruppen namens Magronda wohnten früher Salige Frauen. Dies waren weise Frauen, die fleißig und arbeitsam waren und den Bauern bei der Arbeit halfen, aber immer selbst bestimmten, wie sie leben wollten. Sie gaben nie ihren Namen preis und machten es auch immer zur Bedingung, dass sie nicht danach gefragt werden durften, sonst mussten sie nämlich sofort zurück in ihre Höhlen. Die Saligen von Margronda haben den Bauern auf den nahen Valdaines- und Multenwiesen immer wieder geholfen. Zu einem jungen Bauern kam jedes Jahr bei der Heuernte dieselbe Salige und half tatkräftig mit. Der junge Bauer verliebte sich in sie. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie mit ihm mitkommen würde. Da sie dies aber nicht wollte, griff er zu einer List. Als die Heuarbeit auf der Wiese nahezu fertig war, band er ihren Fuß am Wiesbaum fest. Als die Salige dies bemerkte, fing sie bitterlich zu weinen an, riss sich los und war auf der Stelle verschwunden. In der Familie des Bauern soll bis heute immer jemand hinüberwinken.

Eine schöne Geschichte! So kommen wir schließlich oberhalb von Mals an, einer der ältesten Ortschaften Südtirols. Eigentlich müssten wir jetzt noch acht Kilometer bis zum heutigen Zielort Naturns laufen, aber in unseren Reiseunterlagen wird die Option genannt, hier die Tour zu beenden und das letzte Stück mit dem Zug zu fahren. Wir sind uns schnell einig, dass wir das so machen wollen. Es ist einfach zu heiß für ausgedehnte alpine Wanderungen. Der Weg zum Bahnhof ist allerdings lang und wir schleppen uns auf kochenden Straßen dahin. Dort angekommen, erfahren wir, dass Schienenersatzverkehr ist, aber letztendlich ist es egal, denn der Bus bringt uns auch bis nach Naturns. Wir sind nicht die Einzigen, die diese Abkürzung der Etappe gewählt haben, etliche von den Wanderern, die mit uns in Garmisch gestartet sind, sitzen ebenfalls völlig erschöpft und apathisch im Bus. Unser Hotel (und sogar eine Bibliothek) ist schnell gefunden und wir sind begeistert! Es ist die nobelste und sympathischste Unterkunft, die wir bisher hatten.

Helles, modernes Schlafzimmer mit einem Einzelbett, Schreibtisch und Stuhl. Der Raum hat große Fenster mit Blick auf die Landschaft.

Nach dem Abendessen bin ich so müde, dass ich es gerade mal noch schaffe, dem Mond eine gute Nacht zu wünschen.

Freitag, 29. Mai 2026 – Von Naturns nach Meran (19 km, 6 Std., 600 Hm aufwärts, 800 Hm abwärts)

Die Kiwi des Schicksal sagt voraus: „Heute ist nicht der Tag zum Faulenzen!“ Das nehmen wir wörtlich, fahren aber erst einmal mit dem Bus bis Rabland. Es soll heute noch heißer werden als gestern, weswegen wir diese von Eurotrek vorgeschlagene Option in Anspruch nehmen. Von zwei Frauen, denen wir unterwegs hin und wieder begegnen und die in selben Hotel sind wie wir, erfahren wir, dass sie sogar noch drastischer abkürzen und erst auf der Hälfte der Route in Partschins loswandern wollen. Wie gesagt – eigentlich gefällt mir das nicht, aber es ist einfach mal vernünftiger, nicht auf Teufel komm raus einen Sonnenstich zu riskieren.

Ein Felsen mit der Aufschrift 'LASS MICH GEHEN !' in roter und weißer Farbe.

Wir steigen also in Rabland aus und stromern durch riesige Apfelplantagen nach oben, um am Hang wieder auf die Hauptroute zu gelangen. Viel kürzer ist das zwar nicht, aber wir haben einen steilen Aufstieg an einem Sonnenhang gespart. Die Apfelbäume stehen wie Weinreben im Spalier, haben nur einen festgebundenen Hauptstamm und kaum Verzweigungen. Auf der Webseite Südtiroler Apfel erfährt man interessante Fakten, z.B., dass 50 % der italienischen Apfelernte und 8 % der europäischen Apfelernte aus Südtirol stammen. Mit ungefähr 20 % der exportieren Menge haben Deutsche den größten Appetit darauf. Der Apfel stammt aus den Bergregionen Kasachstans, gelangte über die Seidenstraße nach Europa und wurde im 13. Jahrhundert erstmals in Südtirol angebaut . Dort entwickelte sich der Apfelanbau vom bäuerlichen Selbstversorgergarten zur bedeutenden Exportwirtschaft, unterstützt durch neue Sorten, Transportwege wie die Eisenbahn und moderne Technik im 20. Jahrhundert. Die meisten Plantagen sind von Netzen überspannt und wir fragen uns, wieso? Schutz vor Vögeln kann es nicht sein, dass die Seiten sind ja offen. Des Rätsels Lösung lautet: Die Bäume und Früchte werden zuverlässig vor Hagel, starker Sonneneinstrahlung und Schädlingen geschützt sowie vor der marmorierten Baumwanze. Sie sollen zugleich verhindern, dass Pflanzenschutzmittel aus den Anlagen in die Umgebung abdriften.

Ein Wanderweg zwischen Hochtälern und Obstbäumen mit Bergen im Hintergrund.

Zum Glück hängen aber erst ganz kleine grüne Äpfelchen dran, so dass ich nicht in Versuchung gerate, mit den „Pflücken verboten!“-Schildern zu kollidieren. Es geht danach es ein Stück durch den Wald, der mit seinen großen Felsbrocken sehr an den Harz erinnert. Die Vögel geben uns ein Gratis-Konzert.

Pfad durch eine grüne Waldlandschaft mit einem Wegweiser auf einem großen Felsen.

Es folgt eine Mutprobe, denn die Hängebrücke über die Etsch gerät natürlich ins Schwanken, wenn man darüber läuft.

Kurz darauf erreichen wir Partschins über den Sonnenbergweg, der seinem Namen alle Ehre macht. Betörende Düfte von Rosen und Jasmin begleiten uns, die Pflanzen geben alles, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Schon von weitem grüßt das Zwiebeltürmchen der Kirche, auf deren Friedhof wir Grabsteine mit bemerkenswerten Inschriften finden. Ganz brav haben sich die meisten erst nach dem Empfang der heiligen Sterbesakramente von dieser Welt verabschiedet. Und der Spruch „Hier erwartet den Tag der Auferstehung Anna Schönweger…“ hat etwas Tröstliches, wie ich finde. Sehr überrascht sind wir, dass hier der erste Erfinder der Schreibmaschine – Peter Mitterhofer – begraben wurde. Ehrlich gesagt, hatte ich bis zu diesem Moment nichts davon gewusst. Partschins ist geprägt von Obstanbau und Tourismus. Der Ort liegt am Eingang zum Naturpark Texelgruppe und ist bekannt für den Partschinser Wasserfall, historische Höfe, Kirchen und das Schreibmaschinenmuseum Peter Mitterhofer.

Blick auf ein malerisches Dorf umgeben von Bergen und üppiger Vegetation.

Peter Mitterhofer war ein Zimmermann aus Partschins, der zwischen 1864 und 1869 mehrere frühe Schreibmaschinen entwickelte und damit zu den Pionieren dieser Technik zählt. Er stellte seine Modelle sogar am Wiener Kaiserhof vor, erhielt aber wenig Unterstützung und konnte seine Erfindungen nicht zur Serienreife bringen. Das Museum, ein Denkmal und zahlreiche Ausstellungen erinnern an sein Werk. Selbst Friedrich Nietzsche kommt zu Wort.

Weiter gehts bergauf und bergab durch eine sehr steinige Gegend, die Schlundensteine. Ganz nebenbei erhält man Sprachkundeunterricht und es macht richtig Spaß, die Begriffe zu „übersetzen“.

Metallenschild mit der Aufschrift 'Schnoatznkuchl'.

Der Algunder Waalweg bringt uns nun in sanften Biegungen Meran näher, aber es sind immer noch ca. acht Kilometer bis dorthin. Hier ist es auszuhalten, weil schattige Abschnitte dabei sind. Außerdem ist es ein wunderschöner Weg, meistens mit dem Wässerchen neben uns und verheißungsvolle Ausblicke auf Meran bietend. Gleichzeitig kann man viel über den Weinanbau erfahren, wenn man die Geduld hat und sich die Texte auf den als Weinblätter gestalteten Infotafeln durchliest. Das gelingt uns nur bedingt, muss ich zugeben.

Wanderweg zwischen Weinreben mit Blick auf die Landschaft und das Tal

Da wir jetzt permanent den Meraner Talkessel zu Füßen liegen haben, erliegen wir der Illusion, nur noch hinabsteigen zu müssen und schon sind wir da! Das kann doch jetzt nicht mehr so weit sein! Unsere Überlegungen werden unterbrochen durch eine weitere wacklige Brücke, die zu überqueren ist.

Hängebrücke, die durch einen grünen Wald führt, bei sonnigem Wetter.

Danach beginnt die Tappeiner Promenade, die wir durch ein Eingangstor betreten. Sie führt auf ca. fünf Kilometern Länge immer am Hang entlang bis in die Stadt und ist so liebevoll gestaltet und gepflegt, dass ich mich vermutlich als Meranerin oft hier aufhalten würde. Die Stadt liegt wie auf dem Präsentierteller vor uns und wir genießen die üppige Natur um uns rum, so gut wir können. Schön wäre, zum Schluss eine kleine Pause einlegen zu können, um den Tag und auch die gesamte Wanderung zu resümieren, aber alle Bänke im Schatten sind besetzt. Also traben wir vor uns hinschwitzend weiter mit so allerlei begleitenden Merkwürdigkeiten und Schönheiten.

Ein schmaler Wanderweg entlang von Weinbergen mit Blick auf ein Tal und die umliegenden Berge. Auf der linken Seite steht eine Holzbank, während ein schmaler Wasserkanal rechts verläuft.

Der Tappeiner Promenade ist eine sonniger Höhenweg über Meran, der auf etwa vier Kilometern vom Küchelberg bis nach Gratsch verläuft. Besonders fasziniert mich die Mischung aus einheimischer, mediterraner und exotischer Vegetation. Sie ist einem botanischen Garten ähnlich und offenbar sehr beliebt, denn es herrscht reges Begängnis. Wir sind hier teilweise sogar auf dem Gebiet von Dorf Tirol, das wir uns morgen mal genauer anschauen wollen. Es liegt oberhalb von Meran und ist über eine Straße und einen Sessellift erreichbar. Dorf Tirol entwickelte sich aus einem kleinen Siedlungskern rund um die Pfarrkirche und den Schlossweg, der hinauf zu Schloss Tirol führt, dem historischen Machtzentrum der Grafen von Tirol. Die Lage oberhalb von Meran begünstigte schon früh Landwirtschaft, besonders Wein- und später Apfelanbau und ist heute ein beliebtes Ausflugsziel.

Wir verlassen die wunderschöne Promenade, die uns deutlich gemacht hat, dass wir jetzt in mediterranen Gefilden angekommen sind, steigen die letzten Meter hinab in die Stadt und steuern das P&H Family-Hotel an, in dem wir bis Sonntag bleiben werden. Sofort ploppt bei mir die Assoziation „Karlsbad!“ auf. Die mondänen Hotels, ein ehemaliges Kurhaus mit Park und Wandelhalle, die Alleen und die Passer, die durch Meran rauscht, muten genauso an. Beide Orte setzen auf Gesundheit, Spazierwege, elegante Promenaden und eine Mischung aus Natur und Architektur. Meran ist ein lebendiger, sonniger Kurort zwischen Palmen und Bergen, Karlsbad der elegante, historisch geprägte Kurklassiker Böhmens.

Alle Fußgängerüberwege sind mit Zebrastreifen ausgestattet und die Autos halten auch immer ganz diszipliniert an, sobald man davorsteht. Daran gewöhnt, laufe ich mit Blick auf Google Maps, das uns den Weg zum Hotel anzeigt, sorglos drauflos und merke zu spät, dass hier eine Ampel den Verkehr regelt. Sie ist natürlich rot! Erbost werde ich angehupt und angeschrien: „Bist du dumm?!“ Diese Frage muss eindeutig bejaht werden und ich schäme mich in Grund und Boden, weil sich genau an dieser Straßenecke ein Café mit vielen Gästen im Außenbereich befindet. Sie beobachten das Schauspiel natürlich spöttisch lächelnd, denn ich erfülle genau das Klischee von Leuten, die nur noch auf ihr Handy starren und ihr Umfeld nicht mehr wahrnehmen. Ich gelobe Besserung!

Unser Hotel liegt direkt an der Passer. Wenn ich auf dem Balkon stehe, sehe ich sie, überhören kann ich sie ohnehin nicht. Ein stetiges Rauschen erfüllt das Zimmer, was ich aber sehr schön finde. Wir gehen noch was essen, schlendern durch die Straßen und nehmen uns vor, uns morgen einfach treiben zu lassen, um die Stadt kennenzulernen. Ich genieße den ausklingenden Tag auf dem Balkon und freue mich, morgen mal keinen Koffer packen zu müssen.

Blick auf einen beleuchteten Pool umgeben von Bäumen und einem Fluss in der Nähe, mit einigen Personen am Pool und auf einem Gehweg.

Samstag, 30. Mai 2026 – Meran erkunden

Wir genießen es, neben der tosenden Passer und beschattet von riesigen Silberpappeln im Garten des Hotels zu frühstücken. Ohne Zeitdruck, ohne Aufbruchsstimmung zu einer neuen Etappe, sondern mit der Option, Meran dort ein bisschen kennenzulernen, wohin uns unsere Füße tragen. Wir wurden beide heute morgen um 7 Uhr von einem wunderschönen Glockenspiel mit einer Melodie geweckt, die mir seltsam vertraut vorkam. Eingängig, etwas melancholisch, einladend zum Mitträllern. Die Frage ist, wo kam das her? Von der Evangelischen Christuskirche, in die wir gestern kurz einen Blick geworfen hatten? Oder von dem Turm, auf den ich von meinem Zimmer aus blicke und der zur Pfarrkirche Maria Himmelfahrt gehört? Wozu gibt es Internet? Doch die Suche nach einem Glockenspiel in Meran läuft ins Leere. Immer wieder kommt die Sprache auf das Glockengeläut der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus, doch erstens ist diese zu weit weg und zweitens war das ja kein Glockenläuten, sondern eine richtige Melodie. Die Frage bleibt vorerst offen, aber das muss ich noch rausbekommen!

Eine Skulptur von Elisabeth, sitzend auf einem Podest, umgeben von Bäumen im Park.

Wir schlendern los, zunächst auf die südliche Seite Passer, stellen aber fest, dass wir uns doch besser am Fluss orientieren. So lernen wir Merans erstes Bauwerk kennen, das in Eisenbeton errichtet worden ist. Heute gilt das Plankenstein genannte Haus als eines der stadtgeschichtlich bedeutendsten von Meran. Es liegt in einer Parkanlage, in der ein Denkmal von Sissi steht. Die Kaiserin Elisabeth von Österreich prägte Meran nachhaltig, denn ihr erster Aufenthalt 1870 machte das milde Klima der Stadt europaweit bekannt. Sie reiste mit ihren Töchtern an, damit die kränkliche Valerie auf Schloss Trauttmansdorff genesen konnte, dessen Räume eigens für sie hergerichtet wurden. Die rasche Besserung des Kindes löste einen Reiseboom aus, der Meran zum beliebten Luftkurort adeliger Gäste machte. Es gibt deshalb einen Sissi-Weg und einen Sissi-Park, wo die Sommerpromenade beginnt, die im Schatten alter Bäume verläuft.

Beiderseits der Passer gibt es Fußgängerpromenaden, die sehr beliebt und belebt sind, vor allem bei diesem Wetter. Alle Bänke sind besetzt, einige sitzen einfach nur so da, andere lesen, treffen sich mit Freunden oder verlegen ihren Platz an einer seichten Stelle ins Flussbett. Die Passer als sozialer und kommunikativer Raum! Das gefällt mir. Wir wechseln die Flussseite zum Kurhaus und Wandelhalle, wo gerade ein Flohmarkt stattfindet. Es gibt die üblichen Dinge, die der Mensch nicht braucht, bis hin zu ausgelatschten Schuhen. Aber der Bücherstand bietet dann doch so einige Besonderheiten:

Ein Stapel alter Bücher auf einem Tisch, darunter ein Buch mit dem Titel 'Wer will unter die Soldaten, der muss haben ein Gewehr!' und Abbildungen von Soldaten auf Pferden. Im Hintergrund sind gerahmte Bilder und Spielkarten sichtbar.

Wir wandern weiter und geraten mitten in ein gerade startendes Fahrradkorso, begleitet von Polizei und jubelnden Zuschauern am Straßenrand.

Radfahrer auf einer Straße in einer Stadt mit schönen Gebäuden und Bergen im Hintergrund.

Vor uns taucht der Turm der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus auf. Wenn man genau hinschaut, bemerkt man dort mehr Uhren als üblich, nämlich auf zwei Stockwerken. Die Kirche besitzt insgesamt sieben große Turmuhren. Als im 18. Jahrhundert die Häuser der Altstadt immer höher wurden, versperrten sie vielerorts den Blick auf die ursprünglichen vier Zifferblätter. Deshalb montierte man rund acht Meter weiter oben drei zusätzliche Uhren an den zur Stadt gewandten Seiten. Damit war das Problem gelöst – und bis heute erfreuen sich die Meraner an diesen sieben Uhren, die dank moderner Technik inzwischen sekundengenau gehen.

Ab hier wirds fast mittelalterlich, denn kleine Gassen, Stadttore, Treppen und Häuser, denen man ihr Alter ansieht, säumen nun den Weg, der uns nach oben führt. Aber auch moderne Kunst kann man hier finden. Bald haben wir eine Höhe erreicht, die einen Ausblick auf eine dschungelähnliche Vegetation bietet. Alles wächst üppig in Dimensionen, von denen Gärtner in Deutschland nur träumen können. Viele Bäume sind so unglaublich hoch, dass man den Kopf weit nach hinten beugen muss, um das obere Ende zu sehen.

Jetzt sind wir auf dem Tirolersteig, der Gilfpromenade und wieder auf dem Tappeiner Weg, den wir gestern auf dem Weg zum Hotel verlassen hatten. Alles ist so liebevoll gestaltet! Man geht nicht nur einen Weg geradeaus, sondern ständig eröffnen sich Möglichkeiten, die Ebenen zu wechseln, wie ein kleines Labyrinth.

Ein Blick auf ein gelbes Gebäude umgeben von Bäumen, mit Bergen im Hintergrund und einem klaren Himmel.

Früher waren diese Flanierwege nicht für jedermann zugänglich. Um den wohlhabenden Gästen Ruhe und Erholung zu sichern, wurde 1884 sogar eine eigene „Curpolizei“ eingeführt. Sie überwachte die strengen Promenadenregeln: Zu bestimmten Zeiten durfte nicht geraucht werden, lange Röcke sollten keinen Staub aufwirbeln, Sitzplätze waren vorrangig für Kurgäste reserviert, und nur ordentlich gekleidete Einheimische durften die Promenaden nutzen. Diese Vorschriften galten bis zum Ersten Weltkrieg – selbst verwundete Soldaten in der Lazarettstadt Meran durften die Promenaden nicht betreten, um den Kurgästen ihren Aufenthalt nicht zu trüben. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei!

Später lese ich, dass wir an einer ganz bedeutenden Stelle standen, einem Felsen, an dem der Weg endet. Hier treffen Afrika und Europa aufeinander! Jedenfalls aus geologischer Sicht. Meran liegt direkt auf der Periadratischen Linie, einer geologischen Bruchzone von Turin bis Südungarn. Entlang dieser Grenze stoßen die afrikanische und die europäische Platte aufeinander, wobei sich Afrika seit rund 190 Millionen Jahren kontinuierlich annähert. Wenn man das weiß, kann man es sogar sehen. Granit trifft auf Gneis, das sind die beiden typischen Gesteine für die Kontinente. Leider sind wir noch ahnungslos, als wir dort stehen.

Das Dorf Tirol wollen wir uns auf jeden Fall noch anschauen, wenn wir schon mal hier sind, aber nicht unbedingt zu Fuß hinauflaufen. Es gibt aber einen Sessellift hinauf, was wir sehr sympathisch finden. Nun müssen wir bloß noch die Talstation finden. Doch vorher möchte Georg mal den italienischen ALDI besichtigen und bei der Gelegenheit ein paar Kleinigkeiten kaufen. Gesagt, getan. Die Filiale ist schnell gefunden und unterscheidet sich nur unwesentlich von denen in Deutschland. Aber es gibt SB-Kassen, die in Berlin wohl bei ALDI noch nicht so üblich sind. Wir bringen unsere erworbenen Schätze ins Hotel und laufen zum Sessellift, um auf den Berg zu entschwinden. Welch ein Vergnügen! Fast lautlos schweben wir nach oben und genießen es. Sogar das Aussteigen auf der Bergstation verläuft so gut wie unfallfrei, nur, dass Georg von seinem gerade verlassenen Sessel zur Seite geschubst wird, weil er nicht schnell genug den Bereich verlassen hat.

Sitzlift mit Blick auf eine malerische Landschaft, zwei Personen sitzen auf den Sesseln, eine Frau und ein Mann, vor einer Bergkulisse.

Unsere heutige Bequemlichkeit reizen wir noch weiter aus und fahren mit dem Bus weiter wie bei einer Stadtrundfahrt. Einmal bis zur Endstation Tiroler Kreuz und zurück ins Zentrum von Dorf Tirol. Dort steigen wir aus und drehen eine Runde entlang der Sehenswürdigkeiten Schloss Tirol, Brunnenburg und Pfarrkirche zum Heiligen Johannes dem Täufer. Das Schloss war das ehemalige Machtzentrum der Grafen von Tirol und Namensgeber des Landes. Heute ist es Sitz des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte. Unterhalb davon sieht man die Brunnenburg. Ezra Pound schrieb dort die letzten seiner 120 „Cantos“, sein Hauptwerk. Heute ist dort das Museum für Landwirtschaft und Bergbauernkultur untergebracht. Die Nachfahren Ezra Punds wohnen dort noch.

Eine Person steht an einem Geländer, blickt auf eine Aussicht mit Bergen und einem alten Turm im Hintergrund.

Auf einer Promenade am Berghang bewegen wir uns wieder auf den Sessellift zu und umgehen dadurch die touristisch stark frequentierte Hauptstraße. Außerdem haben wir nochmal einen wunderbaren Blick auf Meran, genau wie später vom Lift aus, nachdem wir uns im Restaurant neben der Bergstation gestärkt hatten.

Ein Weg durch Weinberge mit Zypressen, der einen Blick auf eine Stadt und die umliegenden Berge bietet.

Mittlerweile ist es 17 Uhr. Wir trennen uns, jeder verschwindet in seinem Zimmer, denn bei 30 Grad draußen sind wir ziemlich müde. Prompt schlafe ich auch ein auf meinem schönen Balkon, werde aber um 19 Uhr wieder von dem Glockenspiel geweckt. Hier zum Anhören: Parrocchia Santa Maria Assunta Merano / Pfarrei Maria Himmelfahrt Meran

Immerhin kann ich die Quelle ausmachen. Es ist die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt ganz in der Nähe des Hotels. Auf deren Webseite ist allerdings absolut nichts dazu zu finden. Kurzentschlossen mache ich einen kleinen Abendspaziergang dorthin in der Hoffnung, vor Ort Informationen zu finden. Ohne Erfolg.

Ansicht einer Kirche mit einer hellen Fassade, mehrfachen Fenstern und einem hohen Glockenturm, umgeben von Bäumen und einem klaren Himmel.

Das macht mich wahnsinnig! Ich will das wissen! Letztendlich frage ich zwei Telefonjoker und einer davon weiß die Lösung. Er schreibt: „Ja, liebe Renate, das ist die bekannte Hymne des katholischen Wallfahrtsortes Lourdes. Hat bis zu 33 Strophen! Der Refrain lautet Ave ave ave Maria. Das Lied erzählt die Geschichte dieser Wallfahrt und der zu Grunde liegenden Ereignisse. Ist gewissermaßen ein Ohrwurm….“ Auf YouTube findet man viele Versionen dieses Liedes, zum Vergleich hier eine davon: das große Lourdeslied (Ave Maria) Danke, lieber Gilbert!

Später klopft Georg an meiner Tür mit dem Vorschlag, noch einen Abendspaziergang zu machen. Sehr gerne! Denn es ist um diese Urzeit eine ganz andere Stimmung in der Stadt und wir entdecken noch ein paar schöne Häuser:

Ansicht der Villa Clipperd mit gotischen Fenstern und Türmchen, umgeben von Bäumen.

Die letzte Nacht bricht an, morgen reisen wir wieder ab und werden noch lange von den Eindrücken zehren!

Fazit: Wir sind durch eine traumhaft schöne Landschaft gewandert, die sich – regionaltypisch durch Landwirtschaft geprägt – durchaus voneinander unterscheidet und haben viel dazugelernt! Wir wurden von Eurotrek sehr gut betreut durch die dazugehörige App und den Gepäcktransport. Was für mich neu war – die vielen Optionen, die uns offenstanden. Wir konnten die Route oft selbstständig gestalten in Schwierigkeitsgrad und Länge. Das ist einerseits schön, andererseits hätte ich es lieber, einen festgelegten Weg komplett zu laufen, ohne hin- und her überlegen zu können. Bei einigen Hotels haben wir verstanden, warum Eurotrek auch ein Premiumpaket anbietet. Für eine Nacht waren sie aber in Ordnung. Die Strecken sind sinnvoll ausgewählt und durchdacht. Man muss kein Reinhold Messner sein, um die Alpen zu überqueren!