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24. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | drei Kasernengelände, GSG 9, Polizei, viele Supermärkte, hohe Häuser, Hasenheide, Schulen und eine Moschee

„Es ist nun der Herbst gekommen | Hat das schöne Sommerkleid von den Feldern weggenommen…“ (Joseph von Eichendorff) – Kalenderspruch des Tages

Audio-Zusammenfassung des Beitrags mittels KI:

Eine farbige Stadtkarte mit markierten Straßen und Sehenswürdigkeiten.

Heute steht mir eine vergleichsweise kurze Tour bevor, weswegen ich mir viel Zeit lasse und auch abseits der Straßen neugierig herumschnüffle. Ich beginne mit dem letzten Stück der Gatower Straße, die auf vielen der letzten Touren meine treue Begleiterin war. Ab Heerstraße hat ihr Leben nur noch eine kurze Daseinsberechtigung, bis sie von der seitlich auf sie zukommenden Wilhelmstraße übernommen wird. Im Gegensatz zu ihrem Aussehen südlich der Heerstraße wird sie hier zu einem ganz gewöhnlichen Stück Berlin mit wenig herausragenden Eigenschaften, doch wie immer lohnt sich das genaue Hinschauen wie z.B. bei diesem Haus. Hier wurde der Fokus auf Glas gesetzt, aber auch die kleinen Dächer auf jeder Geschosshöhe sorgen für Abwechslung.

Moderne Gebäude mit großen Fenstern und einzigartiger Architektur, umgeben von Bäumen und Parkplätzen.

Gegenüber steht eine Wohnsiedlung der einfacheren Bauart, aber wie man sieht, scheint es auch hier keinen Leerstand zu geben.

Ein vermietungsschild mit der Aufschrift 'zu vermieten' steht vor einem Wohngebäude mit mehreren Fenstern. Im Hintergrund sind parkende Autos und Bäume zu sehen.

Ich bin neugierig, ob sich diese relativ einfallslose Architektur in der Gestaltung des Innenhofs fortsetzt und werde mit sehr gepflegten Grünanlagen überrascht. Vor allem gefallen mir die Blühwiesen, die jetzt ihre beste Zeit zwar hinter sich haben, aber ein überzeugendes Konzept erkennen lassen. Durch die Abgrenzung mit Kordeln ist klar erkennbar, dass das nicht einfach eine ungemähte Wiese ist, sondern eine sympathische Idee dahintersteckt. Außerdem sorgen Spielgeräte, ein großes Insektenhotel und Kunst am Bau für Abwechslung und Interaktion. Das ist sozusagen die innere Schönheit, die sich dem oberflächlichen Betrachter oder eiligen Passanten von der Straße aus nicht erschließt.

Schnell erreiche ich die Stelle, an der sich die Wilhelmstraße heranpirscht, das heißt, ich muss ihr bis zur Heerstraße zurück folgen und dort wieder kehrt machen. Was ich hier erblicke, versetzt mich mal wieder in großes Staunen. Scheinbar endlos, jedenfalls für das Auge nicht erfassbar, zieht sich das Gelände der ehemaligen Trainkaserne hin.

Die Ausmaße sind gigantisch. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Spandau eine Festungsstadt war und als solche ausgebaut werden sollte.

Die Kaserne wurde in den Jahren 1885 bis 1886 vom preußischen Militärfiskus errichtet. Sie diente dem Brandenburgischen Train-Bataillon Nr. 3, das für Transport, Versorgung und Nachschub innerhalb des Heeres zuständig war. Die Anlage entstand in einer damals noch locker bebauten Umgebung und prägte gemeinsam mit weiteren Kasernen die militärische Struktur des Stadtteils. 1888 erhielt der Bau einen Westflügel, 1915 folgten weitere Umbauten. Die Gebäude bestehen aus rotem Backstein und zeigen die für die Kaiserzeit typische Mischung aus funktionaler Militärarchitektur und repräsentativen Fassadendetails. Rundbogenfenster, Zinnen, Konsolen, Bildwerke und Säulen gliedern die Obergeschosse, während die Eingänge mit reichem Dekor gestaltet sind. Selbst die Stallgebäude wurden schmuckvoll gestaltet.

1948 übernahmen britischen Streitkräfte die ehemalige Trainkaserne und gaben ihr den Namen Smuts Barracks, benannt nach dem südafrikanischen Feldmarschall Jan Christiaan Smuts. Die Kaserne lag unmittelbar neben dem Festungsgefängnis Spandau, das 1946 zum Kriegsverbrechergefängnis umgewandelt worden war und in dem bis 1987 sieben verurteilte NS‑Funktionäre inhaftiert waren: Reichsjugendführer Baldur von Schirach, Großadmiral Karl Dönitz, Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath, Großadmiral Erich Raeder, Generalbauinspektor für Berlin Albert Speer, Reichswirtschaftsminister Walther Funk und der „Stellvertreter des Führers“ Rudolf Heß. Dieser lebte nach der Entlassung der übrigen Häftlinge über zwei Jahrzehnte allein im Gefängnis und beging 1987 Suizid. Noch im selben Jahr wurde das Gebäude abgerissen, um zu verhindern, dass es zur Kultstätte für Neonazis wird. Um ganz sicher zu gehen, wurden die Steine sogar pulverisiert und in der Nordsee versenkt, um jede Form der symbolischen Weiterverwendung auszuschließen.

Anschließend entstand dort ein Einkaufszentrum für Angehörige der westlichen Alliierten, das Britannia Centre Spandau. Nach dem Abzug der britischen Truppen im Jahr 1994 wurde das Areal zivil genutzt und später teilweise erneut abgerissen und durch Neubauten wie Garagen, Kantinen- und Werkstattgebäude ersetzt; 1985 verschwanden auch die Mannschaftshäuser entlang der Wilhelmstraße. Ebenfalls in den 1980er Jahren wurde ein Hundezwingerhaus mit Operationssaal errichtet. Erhalten blieben die ehemalige Wache, das Offiziers- und Verwaltungshaus, die Kantine, die von den Briten als Garagen genutzten Stallungen sowie das Offizierskasino; außerdem nutzten die Briten eine Offiziersvilla als Kindergarten und Wohnhaus. An der Stelle, wo das Gefängnis stand, gehen jetzt täglich Massen von Menschen im Kaufland ein und aus. In einem anderen Abschnitt der Kaserne wurde ein Schulcampus „Wilhelmstadt-Schulen“ errichtet und diverse andere Einrichtungen untergebracht.

Nun trabe ich auf der Wilhelmstraße weiter nach Norden und entdecke kurze Zeit später an der Schmidt-Knobelsdorf-Straße die nächsten Kasernengebäude. Sie gehören zur ehemaligen gleichnamigen Kaserne, später unter den Briten Brooke Barracks genannt. Ich hebe mir deren Erkundung für später auf und folge erst einmal weiter der Wilhelmstraße. Ein großer Sportplatz von BLAU-WEISS Spandau wartet auf Publikum und sein Schaukasten auf Generalüberholung.

Bald stehe ich vor der traurigsten Schule, die ich bisher auf meinen Wanderungen gesehen habe. Immer noch unter dem Eindruck der an Burgen und Schlösser erinnernden Schulen von Steglitz-Zehlendorf stehend, bin ich ziemlich erschüttert über diesen trostlosen Anblick und frage mich, was Bertolt Brecht wohl dazu sagen würde.

Das Konzept, Schule und Volkshochschule in einem Gebäude unterzubringen, finde ich aber gut. Sogar eine Schulbibliothek gehört dazu, die früher öffentlich war und zur Stadtbibliothek Spandau gehörte. Die Hinweisschilder an der Tür sprechen für sich. Auffällig ist das Relief, das sich über den Fenstern und der Eingangstür über die gesamte Länge der Fassade erstreckt. Es stammt von der Künstlergruppe „GANG“ und wurde 1998 im Rahmen eines gemeinschaftlichen Kunst-am-Bau-Projekts mit Schülerinnen und Schülern entwickelt. Davon zeugen die Namen der Beteiligten auf den Buchrücken. Eine sehr schöne Idee.

Im weiteren Verlauf der Wilhelmstraße und später Seeburger Straße begegnen mir Perlen der Architektur (jedenfalls in meinem laienhaften Verständnis) und Gebäude, die den Gesamteindruck der Gegend wieder deutlich schmälern. Wer schon länger meinen Beiträgen folgt, weiß, dass ich Plattenbauten nicht abgeneigt gegenüber stehe, schließlich wohne ich selbst in einem, der auch nicht gerade ansehnlich ist. Aber es gibt Häuser, die geeignet sind, die Stimmung negativ zu beeinflussen.

In der Seeburger Straße begegnet mir die erste Moschee seit Beginn meiner Wanderungen – die Moschee Markaz Rasulallah.

Ein weißes Gebäude mit kuppelförmigen Türmen und Balkonen.

Laut Internet handelt es sich hier um eine kleine, lokal verankerte muslimische Gemeinde, die vor allem als Gebetsort für die Nachbarschaft dient und für fünf täglichen Gebete sowie für das Freitagsgebet geöffnet ist. Die Einrichtung gehört zu den vielen dezentralen Moscheen in Berlin, die nicht als große repräsentative Bauten auftreten, sondern in bestehenden Gebäuden untergebracht sind – häufig in ehemaligen Gewerberäumen oder Wohnhäusern. Auch die Markaz‑Rasulallah‑Moschee folgt diesem typischen Berliner Muster. Da sie nicht zu den großen, öffentlich sichtbaren islamischen Zentren Berlins gehört, gibt es keine umfangreiche Berichterstattung oder historische Darstellung. Sie erfüllt vielmehr die Funktion einer Nachbarschafts‑Moschee, wie sie in vielen Berliner Bezirken existiert.

Ich biege ab in die Seecktstraße, 1936 wie die dort angrenzende Kaserne nach Hans von Seeckt benannt, Militär und Politiker, der von 1920 bis 1926 Chef der deutschen Heeresleitung war. Von hier aus hat man einen Blick auf das Kasernengelände, das direkt an die Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne angrenzt. Beide sind momentan ungenutzt und sollen für die Bundespolizei, den Zoll und die GSG 9 wiederbelebt werden. Wie die Trainkaserne (Smuts Barracks) ließen sich auch hier die britischen Alliierten nieder und benannten die Kasernen nach Feldmarschall Sir Archibald Percival Wavell und Feldmarschall Alan Francis Brooke. Die Von-Seeckt-Kaserne (Wavell-Barracks) wurde 1935-36 vom Oberkommando des Heeres unter der Bauleitung Robert Kischs erbaut. Wenn man genau hinschaut, kann man am Portal die Reste eines Adlers erkennen, der in seinen Klauen einen Kranz hielt, vermutlich mit inneliegendem Hakenkreuz.

Das Ensemble mit Exerzierplatz und Einfriedungen steht unter Denkmalschutz. Ursprünglich waren dort rund 1.000 Wohnungen, Gewerbe, Schule und Kita geplant, doch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) hat klargestellt, dass die Unterbringung einer neuen Direktion der Bundespolizei mit Spezialkräften auf dem ehemaligen Kasernengelände zwischen Seeckt‑ und Schmidt‑Knobelsdorf‑Straße Vorrang vor allen anderen Planungen hat. Für das „Polizeiviertel“ mit Sanierung denkmalgeschützter Bauten, Neubauten und Infrastruktur (u. a. Hubschrauberlandeplatz) sind Investitionen von etwa 500 Millionen Euro vorgesehen; die Arbeiten sollen um 2029/30 abgeschlossen sein. Dafür sollen Teile der denkmalgeschützten Kasernenbauten saniert und in die neue Bundespolizei‑Nutzung integriert werden; andere Bereiche werden neu bebaut. Einzelne Zwischennutzungen (z. B. Schule am Gartenfeld in einem Gebäude an der Seecktstraße, kleinere Gewerbe) sollen aber bestehen bleiben. Doch momentan scheint hier noch gar nichts im Gange zu sein, jedenfalls nicht sichtbar.

Die 1904 erbaute Grundschule am Birkenhain relativiert meinen Schock über die Bertolt-Brecht-Schule wieder, sie macht einen deutlich engagierteren Eindruck. Auch ein Spielplatz und die Kombination von historischen und neuen Gebäuden des Johannesstifts der Diakonie fügen sich hier gut ein.

Nach so viel Militär und Menschen freue ich mich auf die Hasenheide und Egelpfuhlwiesen – eine Kleingartenanlage mit angrenzendem Naturschutzgebiet, durch das sich auch der Bullengraben zieht. Dazu muss ich ein Stück Heerstraße passieren und mit Blick auf die Hochhaussiedlung am Blasewitzer Ring in das Kontrastprogramm Kolonie Heerstraße abbiegen. Wie überall in den Schrebergärten haben sich ihre Besitzer auch hier große Mühe gegeben, kleine Paradiese zu erschaffen. Es macht Spaß, durch die mit Namen versehenen Wege zu schlendern und sich an der Farbenpracht zu erfreuen.

Nahtlos geht es von dort über in die Egelpfuhlwiesen mit Bullengraben und Weideflächen und man könnte denken, ganz weit weg zu sein von den eben durchlaufenen Straßen.

Der Eindruck wird verstärkt durch die Einfamilienhäuser am Seeburger Weg, wo allerdings gerade eine riesige Wohnanlage im Entstehen begriffen ist.

Mit dem Blasewitzer Ring habe ich die Ortsteilgrenze zu Staaken erreicht. Eine Seite gehört zu Wilhelmstadt, die andere zu Staaken. Auch hier stehen Häuser, bei deren Anblick ich denke: „Hier will ich aber nicht wohnen“ oder „Was für eine faszinierende Architektur!“ Letztere bezirzen mich durch ein erkennbares architektonisches Konzept, zu dem ein originell gestalteter Hof mit hoher Aufenthaltsqualität und in der Höhe sich scheinbar verjüngende geschwungene Balkone zählen sowie einem Gemeinschaftsgarten mit dem schönen und naheliegenden Namen „Blase“. In den Zugängen zum Hof finden sich für alle Mieter zugängliche Räume, die als Treffpunkte für verschiedene Aktivitäten dienen sollen. Leider sind das ziemlich zugige Ecken und die Lokale bleiben teilweise ungenutzt.

Fast am Ende der Tour locken mich gleich zwei nicht zu übersehende Kunstwerke. Auf einem Platz vor dem Stadtteilladen Staaken steht ein gelbes Gebilde, das ich neugierig umrunde in der vergeblichen Hoffnung, einen Hinweis auf Titel und Künstler zu finden. Aber Google weiß Bescheid und teilt mir mit, dass es sich um ein Werk des Künstlers Josef Henry Lonas handelt mit dem Titel „Hängende Skulptur“, entstanden in den Jahren 1973-1975. Es besteht aus Beton und Glasfaserkunststoff auf einem Stahlskelett. Die Skulptur entstand im Rahmen eines Wettbewerbs der Wohnungsbaugesellschaft GSW und orientiert sich an der Architektur der umliegenden Großwohnsiedlung.

In Sichtweise schmückt gegenüber ein Mural namens „Coming Home“ von SatOne die Stirnseite eines Wohnblocks. In das Bild lässt sich viel hineininterpretieren. Die senkrechten Balkone wirken wie übereinanderliegende Ebenen, die sich im Bild bewegen und verschieben – fast so, als würde die Wand selbst in Bewegung geraten. In der Mitte der Fläche liegt eine Lichtquelle wie eine Feuerstelle, die dem Ganzen eine besondere Stimmung verleiht und zeigen will, wie wichtig es für Menschen ist, zusammenzukommen, miteinander zu sprechen und Gemeinschaft zu erleben. Ich mag solche Bilder, die alle Deutungen offen und auch gelten lassen.

Warum aber heißt der Stadtteilladen „Staaken“? Gehört dieser Teil der Straße nicht noch zu Wilhelmstadt? Oder darf man das nicht so genau nehmen? Wer, wenn nicht die Mitarbeiterin müsste darüber Auskunft geben können? Ich gehe hinein und schaue mich ein bisschen um, weil sie gerade mit einer muslimischen Frau deutsch übt und mich zunächst gar nicht bemerkt. Als ich meine Frage vorbringen kann, ist sie sehr erstaunt. „Oh, das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich bin nicht von hier und kenne mich mit den Grenzen nicht so gut aus. Gibt es denn überhaupt so genaue Trennlinien?“ Ich bestätige das und erkläre ihr, wieso mich das so brennend interessiert. „Alle Straßen zu Fuß?!“ Ihr Staunen wächst. „Und warum?“ Sie kann sich das gar nicht vorstellen, hat aber einen Plan von Staaken, auf dem wir nachschauen. Aber weil der Blasewitzer Ring eben selbst die Grenze ist, sind wir danach auch nicht schlauer. Egal, es gibt schließlich Wichtigeres.

Bronzestatue eines sitzenden Mannes mit Lorbeerkranz, der ein Kind umarmt, auf einem Steinsockel, umgeben von grünen Sträuchern.

Nun fühle ich mich nach 15 Kilometern noch nicht so richtig ausgelastet und beschließe, endlich mal das Museum für die Spandauer Stadtgeschichte in der Zitadelle zu besuchen. Auf dem Weg dorthin finde ich doch tatsächlich am Juliusturm Nummer Zwei der Skupturen-Trilogie, die aus Görings wie auch immer erworbenen Besitztümern stammt und bis 1945 in Carinhall stand. Nummer Eins (Apoll) hatte ich auf der letzten Tour am Grimnitzsee entdeckt. Hier handelt es sich um Ares Lusovisi.

Das Museum selbst war für mich etwas enttäuschend, denn ich hatte mir Informationen zum gesamten Stadtbezirk erhofft. Hier geht es nur um Spandau selbst, aber dümmer geworden bin ich natürlich nicht.

Am Montag werde ich Wilhelmstadt abschließen, dabei begleitet mich Eddie, ein Teilnehmer der Schreibwerkstatt, die ich bis Ende 2025 geleitet habe. Er geht sogar schon zum zweiten Mal mit mir auf Wanderschaft und ich freue mich darauf.