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31.08.2026 | Spandau (Kladow) | Groß Glienicker See, Schwerbeschädigtensiedlung, Schilfdachkapelle, Wochenendsiedlung West und Kaffee an der Bushaltestelle

„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Immanuel Kant) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Für meine erste Tour in Spandau und somit Kladow Anfang August hatte ich mir viel zu viele Straßen vorgenommen, wodurch meine Planung leicht durcheinander geriet. Aufgrund von schon festgelegten Verabredungen mit Begleitpersonen konnte ich die Vorschau auch nicht komplikationslos ändern, ohne alle Mitwanderer darin zu involvieren, weswegen ich nun heute ganz in Ruhe diesen Ortsteil abschließen möchte. Wie ich aus dem Podcast U 100 – Generation Kladow gelernt habe, ist es vor allen den älteren Bewohnern wichtig zu betonen, dass sie hier, wo ich heute unterwegs bin, in Groß-Glienicke wohnen. Dabei ist der Bindestrich von großer Bedeutung, denn Groß Glienicke ohne Strich liegt am Westufer des Groß Glienicker Sees und gehört zu Potsdam. Um das alles zu verstehen, muss man eine Reise in die Vergangenheit machen.

Ich hole mal ein bisschen weiter aus und gehe zurück ins Jahr 1375, als erstmals ein Gut am Nordende des Glienicker Sees erwähnt wurde. Über die Jahrhunderte wechselte es mehrfach den Besitzer, bis es 1572 an Georg von Ribbeck kam, der damit den osthavelländischen Zweig seiner Familie begründete, aber wohl nichts mit dem Birnbaum zu tun hatte. Drei Generationen der Ribbecks prägten das Gut und sorgten auch für die Gartenanlage, die sich gegenüber der Hofstelle befand. 1788 musste die Familie das Gut aus finanziellen Gründen verkaufen. Die neuen Besitzer errichteten eine Dampfbrennerei, Dampfmehlmühle und eine Ziegelei und ein Herrenhaus im klassizistischen Stil, flankiert vom Landschaftspark, der heute als Gutspark Groß Glienicke unter Denkmalschutz steht. Die Gutsstraße war die Verbindung von Spandau nach Potsdam.

1890 übernahm die Berliner Familie Wollank das Gut. In dieser Zeit wurde der Verkehr von der alten Gutsstraße auf die neue Potsdamer Chaussee verlegt. Die Wollanks ließen 1867 auf Berliner Seite das Spandauer und 1903 auf Potsdamer Seite das Potsdamer Tor errichten, um die Gutsstraße für den Durchgangsverkehr zu sperren. Beide stehen noch. Nach dem Tod von Otto und Dorothea von Wollank 1929 erbte ihre Tochter Ilse das Anwesen und wohnte hier mit ihrem Mann Robert von Schultz. Wirtschaftliche Probleme führten 1938 zum Verkauf an den Fiskus.

Die Geschichte des Gutes ist eng mit der des Dorfes Groß Glienicke verwoben, das sich an beiden Ufern des Sees ausbreitete und auch nach der Gründung von Groß-Berlin im Jahr 1920 nicht zu selbigem gehörte, sondern eine eigenständige Landgemeinde im Landkreis Osthavelland war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte jede Besatzungsmacht in Berlin einen eigenen Flughafen haben. Für Amerikaner, Franzosen und Sowjets war das problemlos – Tempelhof, Tegel und Schönefeld lagen vollständig in ihren Sektoren. Nur der britische Flughafen Gatow war teilweise von sowjetischem Gebiet abgeschnitten, denn die Zufahrtsstraße und geplante Erweiterungsflächen lagen in der sowjetischen Zone. Gleichzeitig hatten die Sowjets ein starkes Interesse am Flughafen Staaken, der damals in der britischen Zone lag. Beide Seiten wollten also Flächen, die jeweils im anderen Sektor lagen. Die Lösung war ein Gebietstausch: Teile von Groß Glienicke und Staaken wurden verschoben, sodass die Briten freien Zugang zu Gatow erhielten und die Sowjets Staaken bekamen. Die Folgen waren tiefgreifend. Die Grenze verlief mitten durch den See und den Gutshof. Während der DDR‑Zeit entstand am Ostufer ein Grenzstreifen mit Mauer, Postenweg und Wachturm, der den Zugang zum Wasser vollständig versperrte.

So kam es dazu, dass die Bewohner am Westufer des Sees nun zum Osten gehörten und die vom Ostufer zum Westen. Verrückt!

Nach 1990 blieben beide Teile in ihren Verwaltungsbezirken. Staaken hingegen zählt seit der Wende wieder komplett zu Berlin. Ich musste mir das grafisch verdeutlichen, um alles verstehen zu können und empfehle allen, die sich für Karten interessieren, das Geoportal des Landes Berlin zu durchstöbern. Aber Achtung, man kommt dort sehr schwer wieder weg!

Heute erinnert auf dem Gutsgelände eine Gedenkstätte an diese Zeit mit einem deutlich nachvollziehbaren Verlauf der Grenze und der Befestigungsanlagen.

Gehen wir nochmal zurück in die Zeit, als den Wollanks das Rittergut gehörte. Damals zählten viele Ländereien rund um den Groß Glienicker See von insgesamt rund 1000 ha dazu, Wald und Ackerflächen. Aus wirtschaftlicher Not heraus verkaufte die Familie Ende der 1920er Jahre den nordöstlichen Bereich an den Staat, der sich dafür als Flugplatz-Standort interessierte. Außerdem gründete Otto von Wollank die „Wochenend West Grundstücks‑AG“, die 1929 das Groß‑Glienicker Gutsgelände auf der Spandauer Seite parzellierte und vermarktete. Die Gesellschaft entwickelte eine Wochenendsiedlung am Wasser, die zunächst unter dem werbewirksamen Namen „Luxusbad Cladow‑Glienicke“, später „Seebad Cladow‑Glienicke“ angeboten wurde. Straßennamen wie Seebadstraße, Kur- und Uferpromenade sollten diesen Eindruck untermalen. Aus den zunächst einfachen Wochenendhäusern entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Villenkolonie, die das Bild des östlichen Seeufers dauerhaft veränderte. (Als Quelle für diesen Text habe ich folgende Seite verwendet: Dorf am See, auf Dauer geteilt)

Hier ein paar von mir eingefangene Eindrücke der sogenannten Wochenendsiedlung, die sich zwischen Uferpromenade und Ritterfelddamm erstreckt. Viele Straßen sind unbefestigt und ohne Gehweg, hin und wieder zeugen auch alte Gartenlauben vom ursprünglichen Konzept, aber natürlich hat auch in diesem Viertel das 21. Jahrhundert Einzug gehalten mit der großen Vielfalt, die das Baugewerke so hergibt, u.a. eine erstaunliche Anzahl an schilfgedeckten Häusern.

Die in den 1930er Jahren angelegte zentrale Achse der Siedlung war das Seekorso, später Adolf-Hitler-Allee, seit 1945 wieder Seekorso. Die Straße ist breiter als alle anderen und sollte vorrangig dem Ausflugsverkehr zum See dienen und eventuelle zukünftige Erweiterungen wie z.B. Straßenbahn und Buslinien möglich machen.

Sie führt schnurgerade hinab in Richtung See, direkt auf das Strandbad zu und endet in einem großen Parkplatz, auf dem zwei Autos stehen und ziemlich verloren wirken. Mein Eindruck ist, dass dieser Platz völlig überdimensioniert ist, aber offenbar wird er von den Strandbadbesuchern benötigt und vielleicht auch für Veranstaltungen genutzt. Im Rahmen der Sanierung der Kurpromenade für eine kontrollierte Ableitung von Regenwasser wurde er außerdem neu befestigt, was sicher nicht passiert wäre, läge er dauerhaft brach.

In der entgegengesetzten Richtung wurde das Seekorso übrigens über den Ritterfelddamm hinweg beim Bau der Landstadt Gatow fortgeführt. Gerne hätte ich zur Veranschaulichung der Straße noch ein paar Fotos mehr gemacht, aber einer der Anwohner, dessen Haus ich gerade fotografiert habe, läuft mir hinterher. Vielleicht habe ich ihn nicht gleich gehört, denn er ruft wild gestikulierend: „Bleiben Sie doch mal stehen!!“ Arglos wende ich mich ihm zu, neugierig, was er mich fragen will. „Sie haben eben mein Haus fotografiert. Warum?“ Ich erkläre es ihm. „Sie hätten mich aber vorher fragen müssen“, merkt er an. „Nein“, widerspreche ich, „Solange ich Ihr Grundstück nicht betrete, darf ich Fotos ohne Ihr Einverständnis machen.“ Vermutlich weiß er das auch, behauptet aber, er hätte dann trotzdem die Rechte am Bild. „Ich kenne mich da ein bisschen aus, wissen Sie? Ich hatte früher viel mit sowas zu tun.“ In solchen Situationen hat es keinen Sinn zu diskutieren. Wenn er das nicht möchte, dann akzeptiere ich das natürlich. Deswegen biete ich ihm an, das Bild in seinem Beisein zu löschen. „Ja, bitte!“, beharrt er und passt genau auf, dass es auch wirklich verschwindet aus meiner Galerie und aus dem Papierkorb. Dann laufe ich weiter, habe aber das Gefühl, dass er genau aufpasst, ob ich mich nicht noch anderer Vergehen schuldig mache und verzichte auf weitere Fotos in der gut einsehbaren Straße. Zur Sicherheit schaue ich nochmal nach, wie sich das verhält mit der Gesetzeslage. Ich kann ja schließlich nicht an jeder Haustür klingeln, um eine Fotogenehmigung einzuholen:

Die Panoramafreiheit (Paragraf 59 UrhG) erlaubt es, „Werke, die sich bleibend an öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen befinden“ ohne Genehmigung zu fotografieren oder aufzunehmen und die Aufnahmen zu veröffentlichen und zu verwerten. Voraussetzung ist, dass man die betreffenden Gebäude von öffentlichen Straßen oder Plätzen aus sieht. Die Panoramafreiheit gilt auch für Kunstwerke im öffentlichen Raum, wenn sie dort dauerhaft stehen.

Na also, ich hatte recht. Auf Google Maps ist sein Haus auch verpixelt, vielleicht rührt daher seine Bemerkung, schon viel mit dem Thema zu tun gehabt zu haben.

Wie man auf der Karte ganz oben gut erkennen kann, wird das Gebiet von einem Grünzug in zwei Hälften geteilt. Dieses Waldstück wurde nicht zufällig von der Bebauung ausgeklammert, sondern war geplanter Teil der ursprünglichen Siedlungsidee für Groß Glienicke in den 1920er / 1930er Jahren. Vorgesehen waren ein Grünstreifen zwischen Uferpromenade und See, ein Kurpark im Norden und dieser Grünzug südlich der Waldallee. Diese drei Elemente sollten zusammen einen Grüngürtel bilden, der die Siedlung von drei Seiten umschließt und als Puffer zur offenen Landschaft dient. Die Grenzlage, Landschaftsschutz und geringer Nachverdichtungsdruck führten dazu, dass die Fläche so erhalten geblieben ist.

Ich habe ein sehr interessantes Dokument gefunden mit den damaligen Bebauungsplänen, die das hier Geschriebene vielleicht etwas nachvollziehbarer machen:

Nun wende ich mich dem südlichen Teil der heutigen Etappe zu – dem Volkskundlerviertel, wie es auch bezeichnet wird, denn fast alle Straßen sind nach Persönlichkeiten der Sprach- und Volkskunde benannt. Es ist wesentlich jünger als die Wochenendsiedlung, die meisten Straßen wurden erst in den 1960er Jahren angelegt, was man übrigens sehr gut auf HistomapBerlin nachprüfen kann.

Das Waldstück wird vom Gottfried-Arnold-Weg durchzogen, hin und wieder zweigen Wege davon ab in die beiden Wohngebiete ober- und unterhalb. Fast am Ritterfelddamm und ziemlich versteckt verbirgt sich die Schilfdachkapelle, die Anfang der 1950er‑Jahre aus einer lokalen Initiative in der Wochenendsiedlung West entstand.

Pfarrer Wilhelm Stintzing erkannte früh, dass die wachsende Gemeinde auf der Ostseite des Groß Glienicker Sees ein eigenes Gotteshaus brauchte, denn der Gang in die Groß Glienicker Kirche am Westufer war ja nicht mehr möglich. Die Bauplanung stammte von Klemens Weigel nach Ideenskizzen des Bühnenbildners Hans‑Ulrich Thormann. Ab 1951 wurde die Kapelle in Selbsthilfe errichtet – mit Bausteinen aus der zerstörten Schlossruine des Gutshofes und aus Trümmern Westberliner Häuser, gemauert mit kostenlosem Karbidschlamm. Ein internationales Jugendlager half mehrere Wochen beim Bau. Die Arbeiten waren mühsam, denn Material war knapp und der Weg zur Baustelle verlängerte sich durch die neue Grenze erheblich. 1952 konnte Richtfest gefeiert werden, 1953 wurde die Kapelle mit ihrem charakteristischen Reetdach eingeweiht.

In den folgenden Jahrzehnten kamen Orgel, Glockenturm und Gemeindehaus hinzu. Das Banner „Offene Kirche“ neben dem Eingang weckt die Hoffnung, dass die Tür nicht abgeschlossen ist, außerdem ertönen aus dem Inneren Posaunenklänge. Hier übt jemand und ich weiß nicht, ob es unhöflich erscheint, wenn ich da so einfach reinplatze. Unschlüssig umrunde ich die Kirche ein paarmal und entdecke dabei den evangelischen Kindergarten, der zur Waldallee führt. Hier wäre ich auch gerne nochmal Kind, obwohl ich nie eine Kita besucht habe, nur die Vorschule.

Zurück an der Kirchentür, warte ich ab, bis das Instrument kurz verstummt, drücke wie ein Dieb ganz leise die Klinke runter und falle dem Musiker fast in die Arme. Er hat sein Lager keinen Meter von der Eingangstür entfernt aufgebaut und will gerade die Noten umblättern, als ich ungewollt direkt neben ihm quasi mit der Tür ins Haus bzw. in den Notenständer falle. Wir sind – glaube ich – beide ein bisschen erschrocken, aber letztendlich weiß er ja um die Möglichkeit, dass Kirchenbesucher auftauchen können. Nach der Begegnung vorhin tut es richtig gut, in ein freundliches Gesicht zu blicken, er öffnet mir sogar die Tür zum Kirchensaal mit den Worten „Schauen Sie sich gerne um!“ und lässt mich allein.

Der Innenraum ist bewusst einfach gehalten: helle Wände, Holz, ein kleiner Altar, die Orgel und die typischen Fensteröffnungen der frühen 1950er Jahre. Die Ausstattung wurde über die Jahrzehnte ergänzt – etwa durch eine Heizung und eine Lautsprecheranlage. Es riecht so ganz typisch erdig-holzig nach Kirche, eine Mischung aus den Wachsdämpfen der Kerzen, Mauerwerk und Holz. Selbst der Flyer, den ich mitnehme, verströmt zwei Tage später noch dieses Aroma. Ich verlasse die Kirche und stolpere ein zweites Mal fast über den Posaunisten. Er sitzt auf den Eingangsstufen und – meine Erinnerung verlässt mich an dieser Stelle – raucht oder isst. Vermutlich letzteres, denn mit Raucherlunge der Posaune vernünftige Klänge zu entlocken ist bestimmt nicht einfach. „Sie hätten doch weiterspielen können“, merke ich an, doch er versichert, dass er sowieso eine Pause machen wollte und wünscht mir einen schönen Tag. Das klingt so sehr nach letztem Satz, dass mich der Mut verlässt, auch ihm ungefragt von meinem Projekt zu erzählen, und so trolle ich mich davon. Auf ins Volkskundlerviertel! Es entstand im Zuge der planmäßigen Erschließung von Wohngebieten in Kladow nach dem Zweiten Weltkrieg, neue Straßen für Eigenheime wurden in kleinen Siedlungen gruppiert. Typisch für Kladow ist, dass verschiedene Bereiche thematisch gruppierte Straßennamen tragen: das Fliegerviertel, Finnenviertel, Entdeckerviertel, fränkisches Viertel und eben Volkskundlerviertel.

Vor einem wunderschönen, von wildem Wein eroberten kleinen Haus muss ich einfach mal kurz stehenbleiben und den Anblick genießen. Die roten Rosen, weißen Fensterrahmen, die blaue Tür und der Himmel setzen die nötigen Farbakzente zum üppigen Grün. Vom Dach hängen Efeuranken herunter und verleihen dem Gesamtbild den letzten Schliff. Das Haus wirkt geschützt, verwunschen und eng mit dem Garten verbunden, in dem es zum Glück nicht so streng reglementiert zugeht.

Ich komme ins Gespräch mit der Besitzerin und nutzt die Gelegenheit, eine kompetente Person zu fragen, ob es denn so ist wie von vielen behauptet, dass sich durch den Bewuchs viele kleine Tierchen ins Hausinnere verirren. Denn das ist das Totschlagargument gegen Rankelpflanzen an der Fassade. Wer, wenn nicht meine Gesprächspartnerin kann dazu ein glaubwürdiges Statement abgeben! „Ja klar“, sagt sie, „mit Spinnen muss man leben, aber die sind doch auch in anderen Häusern. Ob es hier mehr sind, kann ich nicht sagen, denn ich wohne schon immer hier!“ Sie lacht und meint, schlimmer wäre vermutlich, dass sich die Saugfüßchen des Weins fest im Putz verkrallen und dieser, sollte der Wein mal entfernt werden, erneuert werden müsste. „Aber das Problem haben wir ja nicht, denn wir beabsichtigen nicht, alles zurückzuschneiden. Nur die Fenster müssen ab und zu freigelegt werden.“ Natürlich erzähle ich ihr auch, warum ich hier vor ihrem Zaun stehe. Als sie hört, dass ich aus Marzahn-Hellersdorf komme, überlegt sie, ob sie sich dort jemals hin verirrt hat. „Meistens bin ich hier, das genügt mir. Ich arbeite ein bisschen im Garten oder im Haus und bin zufrieden. Mich zieht es gar nicht woanders hin.“ Das verstehe ich total, es wäre ja auch komisch, wenn plötzlich alle auf Wanderschaft gingen.

Nun suche ich noch die Schwerbeschädigtensiedlung. Sie entstand 1963/64 auf einem zuvor landwirtschaftlich genutzten Kornfeld und war ein öffentlich gefördertes Einfamilienhausprojekt für Kriegs- und Arbeitsgeschädigte. Bauherr war der Siedlungs- und Bauverein der Schwerbeschädigten in Berlin. Insgesamt wurden 31 Fertighäuser in leichter Holzbauweise errichtet, jeweils auf großzügigen Parzellen von 800 bis 900 Quadratmetern. Der Grundstückspreis lag bei nur 3,50 DM pro Quadratmeter, was das Projekt für die Zielgruppe erschwinglich machte. Drei Haustypen standen zur Auswahl; der größte, Typ 4, kostete inklusive Grundstück rund 100.000 DM und bot vier Zimmer, eine moderne Einbauküche, ein Bad mit Durchlauferhitzer sowie eine Ölheizung. Da Kladow 1964 noch nicht an die Kanalisation angeschlossen war, erfolgte die Abwasserentsorgung über Sickergruben. (Quelle: Die „Schwerbeschädigtensiedlung“ 1964 – Kladower Forum e.V.) Die Siedlung ist für mein ungeübtes Auge nicht direkt als geschlossene Anlage zu erkennen, aber ich glaube, ein paar Häuser ausfindig gemacht zu haben:

In der ARD-Mediathek habe ich dazu einen kurzen, aber sehr interessanten Beitrag gefunden.

Heute wohnen dort nicht mehr gezielt Schwerbeschädigte als abgeschlossene Gruppe, denn mittlerweile wurden die Häuser verkauft, vererbt und haben neue Besitzer, so dass die soziale Zweckbindung als historisch bezeichnet werden kann.

Zum Abschluss des Tages bin ich mit Oliver Schmidt verabredet, dem Host des hier schon öfter erwähnten Podcast Generation Kladow . Einmal entdeckt, habe ich alle 22 Folgen an einem Wochenende bei der Gartenarbeit angehört und war elektrisiert! Was für eine wertvolle und überaus interessante Dokumentation von Kladower Lebensgeschichten aus mehreren Jahrzehnten, die aber auch über Kladow hinaus unschätzbare Zeitdokumente sind. Besonders hat mir dabei auch gefallen, dass Oliver Schmidt seinen Gesprächspartnern genug Raum lässt und ihnen nicht ständig ins Wort fällt, was leider oft passiert in Interviews. Jedenfalls habe ich ihn kontaktiert, um zu erfahren, ob und wann es weitergeht mit dem Podcast. Ich leide nämlich unter Entzugserscheinungen! Schnell meldete er sich zurück und wollte eigentlich ein Stück mitlaufen durch Kladow, was mir sehr gefallen hätte. Denn nichts geht über eine Begleitung, die sich in der Gegend gut auskennt. Aus verschiedenen Gründen wurde daraus aber nichts, deswegen wollen wir uns heute an meinem letzten Tag in Kladow wenigstens auf einen Kaffee treffen. „Wenn es sich spontan ergibt und du mir eine WhatsApp schreibst, komme ich mit Milchkaffee wohin du willst – melde dich, falls es passt!“, schrieb er mir neulich und hält Wort. Als ich zur verabredeten Zeit am Spandauer Tor den Kreis für heute schließe, sitzt er dort schon mit einem Kaffee meiner Wahl und einem Becher Joghurt in der Bushaltestelle am Ritterfelddamm und wartet auf mich. Welch ein Service! Während ich das leckere Getränk schlürfe und Joghurt löffle, reißen wir so viele spannende Themen an, die in andere übergehen, dass wir einfach mehr Zeit bräuchten, als uns gerade zur Verfügung steht. Es geht um den Podcast natürlich, der zu meiner großen Erleichterung fortgesetzt werden wird, um Förderpreise, um die Podcasts, die ich produziert habe, um Kladow selbstverständlich und dass er, obwohl er ein Zugezogener ist, von den Kladowern akzeptiert wird. Wir sind uns einig, dass die geschichtlichen Kenntnisse der jungen Generation unterirdisch sind, woran aber nicht diese die Schuld tragen, sondern der fragmentarische Lehrplan für den Geschichtsunterricht, dass wir alle Verantwortung tragen, unser Wissen und unsere Erfahrungen weiterzugeben und bestenfalls die Jugendlichen darin stärken müssen, mit den „Alten“ in den Austausch zu kommen. Deswegen möchte Oliver perspektivisch auch den Podcast unter diesem Aspekt ausbauen. Wir verabschieden uns dann mit der Option, später doch mal eine Tour zusammen laufen zu können. Es muss ja nicht zwingend Kladow sein. Jetzt müsste hier idealerweise ein Foto erscheinen, aber ich habe leider nicht daran gedacht.

Was bleibt noch für heute? Das Stück Potsdamer Chaussee bis zum Stadtausgang und zwei kleine Straßen, dann ist Kladow „abgehakt“.

Seit ich hier unterwegs bin und nun auch schon Gatow hinter mir gelassen habe, empfehle ich allen, die ich zu fassen bekomme, unbedingt einen oder mehrere Ausflüge hierher zu machen. Wenn man noch nie hier war, kennt man Berlin nicht richtig. Diese schöne Landschaft mit lebenswerten Wohngegenden, aktiver Einwohnerschaft, viel Kultur und noch mehr Wanderwegen relativiert das Bild von der dreckigen Hauptstadt, das in vielen Köpfen kursiert.

Am Donnerstag gehts dann weiter in Wilhelmstadt, genauer mit Pichelswerder und Pichelsdorf.