Corona greift an – April und Mai II.

Seit langem setze ich mich mit der geschlechtergerechten Sprache auseinander. Ich habe viel darüber gelesen und noch mehr darüber nachgedacht. Ich kenne die Argumente dafür und dagegen und habe manchmal das Gefühl, mich in einem Religionskrieg zu befinden. Die Diskussionen sind sehr emotionsgeladen, was die Befürworter zu der Annahme verleitet, dass es sich um ein längst fälliges Thema handelt, dass endlich die deutsche Sprache ihrer maskulinen Prägung enthoben wird. Ich halte diese Schlussfolgerung für falsch. Der Grund für die vehemente Ablehnung auf Seiten der Gegner liegt meiner Meinung nach darin begründet, dass sie nicht freiwillig und wider besseren Wissens falsch schreiben und sprechen wollen, sich diesem massiv ausgeübten Druck einer elitären Minderheit nicht beugen wollen. Mittlerweile haben das aber viele getan, um nicht als rückständig, politisch inkorrekt, als ewig Gestrige oder unverbesserliche alte weiße Männer (oder auch Frauen) abgestempelt zu werden. Obwohl das Gendern noch nicht verpflichtend anzuwenden ist, verbreitet es sich rasant. Radio- und Fernsehsender, Zeitungen, Podcasts und Webauftritte haben sich dem Trend untergeordnet. Es würde mich interessieren, ob wirklich alle aus Überzeugung handeln oder nur, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen und dem Zeitgeist zu folgen. Ich fühle mich von der Genderlawine überrollt und weiß, dass ich sie nicht aufhalten kann, ich bin ihr ausgeliefert und kann ihr nicht entfliehen. Sie ist im täglichen Leben überall präsent. Diese Hilflosigkeit erzeugt bei mir so ein körperliches Unbehagen, dass ich viele Texte nicht lesen kann, Radio und Podcasts ausschalte, weil ich dieses Gefühl der Vereinnahmung nicht ertrage. Dabei bin ich gar keine vehemente Verfechterin des generischen Maskulinums, sondern halte es je nach Text und Zielgruppe die Doppelnennung für durchaus angemessen und wichtig, wie z.B. „Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Kolleginnen und Kollegen…“. Doch diese binäre Form ist mittlerweile ebenfalls in der Kritik, da sich ihr nicht alle Menschen zuordnen lassen. Es würde hier den Rahmen sprengen, die Argumente für und wider näher zu beleuchten.

Auch Rassismus, die Folgen des Kolonialismus und kulturelle Aneignung sind gerade angesagte Diskussionsthemen. Diese Identitätspolitik treibt mich um und macht mir in ihrer Gnadenlosigkeit Angst. Alles basiert auf der These, dass wir „Weißen“ die koloniale Prägung in den Genen haben und allein deswegen rassistisch sind, auch wenn wir diesen Vorwurf von uns weisen. Wir werden als Rassisten geboren und müssen unsere Schuld anerkennen lernen. Weiße müssen auf ihre Hautfarbe reduziert werden, um Rassismus zu bekämpfen. Das ist nicht überspitzt dargestellt, sondern so wird im Ernst argumentiert. Es gibt sogar vom Bund finanzierte Workshops für Schulen und Firmen, in denen man lernen soll, sich für die Hautfarbe und damit verbundenen Privilegien zu schämen und den eigenen Rassismus zu erkennen. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass ich mal als Rassist beschimpft werde. Die Tatsache, dass ich mit einer afghanischen und syrischen Familie freundschaftliche Kontakte pflege, mit viel Freude für multinationale Gruppen Bibliotheksführungen organisiert und durchgeführt habe und Menschen aus anderen Kulturen für eine Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens halte, zählt nicht. Das habe ich in vier Minuten zunichte gemacht. Ich habe mir erlaubt, meine Meinung zu einem Buch über Rassismus zu äußern. Ich fand das Buch aus verschiedenen Gründen nicht gut. Andere haben es hoch gelobt. Das ist völlig in Ordnung und kommt schließlich öfter vor. Aber bei solch einem brisanten Thema darf man nicht kritisieren, das habe ich jetzt erfahren müssen:

Sie haben das Buch „Der weisse Fleck“ von Mohamed Amjahid (@) bewertet und mit ihrer Literatur(nicht)empfehlung Rassismus reproduziert! Ihre Aussagen sind ein Paradebeispiel für white fragility, übrigens auch ausführlich im Buch beschrieben. Wenn sie nicht in der Lage sind, ein Sachbuch verantwortungsbewusst zu rezensieren, sollten sie wohl besser bei Romanen bleiben!

Wie konnte es dazu kommen? Wieso stehe ich plötzlich in den Augen der Befürworter auf der falschen Seite? Darüber habe ich mir in den letzten zwei Monaten viele Gedanken gemacht. In den 61 Jahren meines Lebens habe ich viele Erfahrungen sammeln können. Dazu gehört die Erkenntnis, dass zur Meinungsbildung ein Rundumblick, Hintergrundwissen, Zuhören, Abwägen, Offenheit und Gesprächsbereitschaft gehören. Wenn wir miteinander reden, uns für die Beweggründe unserer Mitmenschen interessieren, entwickeln wir auch Verständnis füreinander. Das hat nicht immer die Einigung auf einen Standpunkt zur Folge, aber vielleicht eine respektvolle Annäherung. Jetzt gibt es nur noch zwei Optionen: Ja oder Nein, Gut oder Böse. Entweder man schlägt sich auf die Seite der „Lifestyle-Linken“ (viel verwendeter Terminus im neuen, sehr empfehlenswerten Buch „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht) und somit der Guten oder man ist ein Rassist / Nazi / alt / weiß, also böse. Da ich eine alte weiße Frau bin, habe ich allein durch diese Tatsache schon verloren, auch wenn ich noch so gute Argumente habe. Bestenfalls werde ich milde und nachsichtig belächelt, schlimmstenfalls eben als Rassistin beschimpft. Wer sich der Identitätspolitik nicht in allen Punkten anschließt, stellt die soziale Gerechtigkeit infrage. Einmal in diese Ecke gestellt, neigt man zur Trotzreaktion: „Dann sage ich eben gar nichts mehr.“ Aber das ist falsch. Wir müssen im Gespräch bleiben!

Sehr wohltuend empfinde ich die Lektüre von „Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“ von Judith Sevinc Basad. Es gibt dazu ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Autorin: https://www.swr.de/swr1/bw/swr1leute/judith-sevinc-basad-journalistin-und-bloggerin-wehrt-sich-gegen-eine-intellektuelle-elite-mit-wahrheitsanspruch-100.html

Was hat das alles in meinem Corona-Tagebuch zu suchen? Das Thema beschäftigt mich rund um die Uhr. Es rückt immer näher. Bisher auf Logik und gesunden Menschenverstand vertrauend, kommt man damit nicht mehr weiter, denn dann wird man von der Moralkeule ausgebremst. Wenn ich versuche, an die Vernunft zu appellieren, wird mir der Schmerz vorgehalten, den ich durch mein uneinsichtiges Verhalten bei denen verursache, die ich durch mein Weißsein verletze. Das ist ein Totschlagargument. Wer möchte schuld sein, dass jemand leidet? Die meisten mit Sicherheit nicht. Ich auch nicht. Aber wie soll es weitergehen? Ich bin ratlos. So wird die Welt jedenfalls nicht besser.

Nach diesem problembehafteten Einstieg gehts jetzt weiter mit freudigeren Ereignissen. Zum Beispiel unserem Podcast. Neulich bekam ich eine Mail aus der Stadtbibliothek Innsbruck. Die dortigen Bibliothekarinnen wollen sich mit mir austauschen und Tipps holen. Das finde ich großartig. Nächste Woche treffen wir uns auf Zoom.

Ich lerne auch immer mehr dazu durch das Hören anderer Podcasts, liefere jetzt Inhaltsbeschreibungen der Folgen mit und dazugehörige Links, suche interessante Interviewpartner und sorge für mehr Abwechslung. Das bisherige Meisterstück ist die letzte Folge mit der Autorin Katja Oskamp und Thomas Böhm von RadioEins. Sie ist ein Beitrag zur Aktion „Berlin liest ein Buch“.

Hier gehts zur Folge mit Katja Oskamp: https://www.spreaker.com/episode/44779919

Und noch eine freudige Nachricht: Ich habe die erste Impfung mit Biontech hinter mir und freue mich auf die zweite im Juni. Dann wird vieles leichter. Irgendwo habe ich mal gelesen: Der Impfausweis wird der neue Reisepass. Da ist was dran.

(Bild von Markus Winkler auf Pixabay)

Die Inzidenzzahlen sind momentan auf dem Rückzug und alle schöpfen Hoffnung. Die Außengastronomie ist unter Auflagen wieder möglich und ebenso Veranstaltungen im Freien. Ich werde noch nicht zu den Gästen zählen, weil ich Restaurantbesuche nicht generalstabsmäßig planen will. Aber das ist mein ganz persönliches Ding. Was das für uns als Bibliothek bedeutet, muss noch geklärt werden. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, sind Listen zu führen, benötigen die Besucher einen Test, welcher Abstand ist einzuhalten usw. Da im Hof sowie auf dem Dach noch Bauarbeiten im Gange sind, können wir aktuell nicht ins Freie ausweichen. Aber das Dach wird ein toller Leseort. Neulich wurden die ersten Bäume gepflanzt.

Meine Liste mit geplanten und noch durchzuführenden Veranstaltungen ist so lang, dass ich leichte Panikattacken bekomme. Von Null wieder auf Normalbetrieb hochzufahren, wird nicht einfach werden. Automatismen müssen in Gang gesetzt werden, die wir während des Stillstands verlernt oder gar vergessen haben.

Nur die Schwebenden Bücher haben wir durchgezogen, ohne Publikum natürlich. Auch eine Buchpremiere konnte ich organisieren. Dazu hatte ich die Autorin Eva Lezzi, die Illustratorin Anna Adam, Bianca Körner aus der Schreibwerkstatt und Vertreter von Grün Berlin GmbH eingeladen zu einer Gesprächsrunde. Die Veranstaltung wurde gefilmt und auch im Podcast veröffentlicht. Es handelte sich um das Buch „Beni und Oma in den Gärten der Welt“, an dessen Entstehung die Bibliothek indirekt beteiligt war.

Am meisten freue ich mich auf die Wiederbelebung der Schreibwerkstatt. Ich hoffe, dass niemand auf der Strecke geblieben ist und die lang vermisste Fröhlichkeit in die Räume der Bibliothek zurückkehrt!

Die Stimmung ist überhaupt im Allgemeinen nicht so unbeschwert wie früher. Alle geben sich Mühe, aber das Betriebsklima fühlt sich so gedämpft an wie unsere Stimmen hinter den Masken. Ich fiebere dem Moment entgegen, wo wir diese nicht mehr brauchen.

Unseren diesjährigen Wanderurlaub in der Eifel – geplant im Mai – haben wir umgewandelt in eine Woche auf unserem Pachtgrundstück an der Havel. Quasi wandern mit dem Rasenmäher. Aber wir hatten wunderschöne Tage dort und sind trotz wechselhaftem Wetter sonnengebräunt wie nach 7 Tagen Mallorca. Dieses Fleckchen Erde mit überaus freundlichen und unkomplizierten Nachbarn ist wie ein Geschenk, das uns letztes Jahr zugeflogen ist. Hier ein paar Fotos:

Man ist hier so weit weg von den Hürden des Alltags, dass sie schnell in Vergessenheit geraten. Stattdessen erklären uns die Pflanzen, die Eichhörnchen, die Vögel, die majestätisch vorüberfliegenden Schwäne und die Strömung der Havel, worauf es wirklich im Leben ankommt. Wir Menschen nehmen uns einfach viel zu wichtig.