Der Tag davor
Morgen gehts los – mein Sohn und ich starten zur diesjährigen Wandertour durch den Schwarzwald von Schonach über den Feldberg nach Basel. Eigentlich hatte ich nach dem Schluchtensteig geschworen, nie wieder einen Fuß in den Schwarzwald zu setzen. Zu unangenehm waren die Erlebnisse. Mein Fazit damals lautete:
Der Schwarzwald ist tatsächlich landschaftlich einzigartig und macht seinem Namen alle Ehre. Unser Weg führte uns durch Baden, das wir nun für immer und ewig mit einer merkwürdigen, humorfreien und introvertierten Bevölkerung in Verbindung bringen werden. Wir hatten auch sehr nette Begegnungen, aber das Befremdliche überwog eindeutig. Die Kombination „Land und Leute“ lässt unsere diesjährige Wanderung in der Rangfolge aller bisher absolvierten weit nach hinten fallen. Da wir uns nicht willkommen gefühlt hatten, verspüren wir auch nicht den Wunsch nach Wiederholung.
Aber nach zehn Jahren gebe ich ihm nochmal eine Chance. Für heute heißt es: Kofferpacken, letzte Dinge einkaufen und geordneter Rückzug aus der Wohnung. Die Wetterprognose für die ersten Tage ist gut. Ab Montag solls regnen, aber das kann sich noch ändern. Oberste Priorität: Wir müssen morgen um 7 Uhr unseren Zug schaffen. Das ist momentan die größte Herausforderung.
Mittwoch, 08.05.2024 – Anreisetag
Manchmal kann man sich tatsächlich noch selbst überraschen. Meine größte Sorge ist ja immer, dass ich verschlafe, und heute ist die Sachlage besonders brenzlig. Ich muss um 7 Uhr am Hauptbahnhof sein! Vorsichtshalber stelle ich meinen Handywecker auf vier versetzte Zeiten, werde aber – vor lauter Aufregung vermutlich – noch davor wach. Ganz alleine! So kann ich alles in Ruhe erledigen, was eben noch so zu tun ist, bevor man auf Reisen geht. Mein Koffer ist unglaublich schwer, aber ein letzter prüfender Blick findet nichts, was entbehrlich wäre. Natürlich wird sich am Ende der Wanderung zeigen, dass ich die Hälfte umsonst mitgeschleppt habe. Auf dem Weg zum Bahnhof versuche ich, Georg zu erreichen, um sicher zu gehen, dass auch er sich auf die Socken gemacht hat. Doch meine zwei Anrufversuche laufen ins Leere, oder besser gesagt, der Ruf geht gar nicht hin. Hat er das Handy ausgeschaltet, um besser schlafen zu können?! Vor meinem geistigen Auge entwickeln sich Szenarien unterschiedlichsten Ausmaßes, und alle enden damit, dass ich wohl alleine nach Triberg fahren werde. Doch meine Sorge ist unbegründet, denn Georg ist sogar vor mir am Bahnhof. Tatsächlich geht es ähnlich positiv weiter: der Zug fährt 20 Minuten vor Abfahrt ein. Die Reisenden sind so schockiert, dass sie sich nicht trauen, einzusteigen. Alle bleiben vor den geöffneten Waggontüren stehen und starren ungläubig auf die Zuganzeige. Schließlich traut sich jemand und macht den Anfang, die anderen folgen ihm erst zögerlich, dann immer mutiger. Das übliche Gedränge bleibt aus und es sind sogar noch viele Plätze frei. Doch damit es nicht langweilig wird, schmeiße ich erst mal meinen Kaffeebecher runter und tränke damit den Teppichboden unter meinem Sitz. Zum Aufsaugen verbrauche ich fast meinen gesamten Vorrat an Papiertaschentüchern. Noch schlimmer ist aber, dass ich nun keinen Kaffee mehr habe! Doch wie gerufen kommt ein Bahn-Mitarbeiter vorbei mit Kaffee und ich reiße ihm den letzten Becher mit zittrigen Händen vom Tablett.

Die Glückssträhne reißt nicht ab. Der Zug rollt störungsfrei durchs Land und stolz verkündet der Schaffner kurz vor Hanau, dass wir zu früh dort sein werden. Die Fahrgäste freuen sich mit ihm. Insgesamt fahren wir 7,5 Stunden bis Offenburg und dann nochmal 45 Minuten bis Triberg. Dort angekommen, haben wir exakt zwei Minuten Zeit, um den Bus zum Hotel zu erreichen. Klappt auch! Unglaublich. Schon auf der letzten Strecke hierher konnte man beobachten, wie die Berge immer mehr zusammenrückten und höher wurden, die Wälder dichter und dunkler, die Täler enger. Triberg hat dadurch ein echtes Platzproblem. Wenn gebaut wird, dann nur noch an den Hängen. Im Tal schmiegen sich die Häuser aneinander, kaum eine Stadt im Schwarzwald liegt in ähnlich tief eingeschnittener Tallage. Erstaunlicherweise gibt es hier so einige echte Sehenswürdigkeiten: die größte begehbare Kuckucksuhr der Welt (das Uhrwerk ist auch aus Holz), den höchsten Wasserfall Deutschlands und Männerparkplätze. Letztere hatten 2012 einen unglaublichen Medienwirbel und einen Aufschwung der Besucherzahlen auf 400.000 ausgelöst. Es handelt sich angeblich um Stellplätze, deren Nutzung dem Fahrer einiges Können abverlangt. Letztendlich war es aber nur ein Marketing-Gag, war aber eines Wikipedia-Eintrages würdig.




Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, gehts zum Abendessen. Mein Stück Lachs ist wohl das bisher teuerste meines Lebens. Es kostet ohne Beilagen 21 €. Kartoffeln, Reis, Gemüse o.ä. muss man dazu“buchen“ für jeweils ca. 6 €. Verrückt.




Um uns einzuwandern, machen wir danach einen Verdauungsspaziergang zu dem vielgepriesenen Wasserfall und stellen dabei fest, dass der an der Uhrenstraße liegende Ort offenbar überwiegend vom Uhrenverkauf lebt und auf amerikanische Touristen ausgerichtet ist. In einem Holzschnitzkunst-Laden grinsen uns gruselige Fasnachts-Masken an. Schnell weg hier!

Die Wasserfall-Anlage rund um das beeindruckende Naturschauspiel ist mit viel Bedacht gestaltet worden. Wir arbeiten uns an den Hängen in Serpentinen nach oben, die Luftfeuchtigkeit und der Lärmpegel steigen spürbar, die Verständigung ist fast unmöglich.


Wieder zurück im Hotel, ist es draußen schon dunkel. Gegenüber schmiegt sich die Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“ an den Berg und schickt mir einen Gutenachtgruß.

Akustische Zusammenfassung des ersten Tages:
Donnerstag, 09.05.2024 – Wilhelmshöhe (Schonach) bis Kalte Herberge


Motiviert starten wir in unseren ersten Wandertag, der mit moderaten Steigungen einen entspannten Einstieg in die bevorstehenden Etappen verspricht. Georg plauscht noch ein bisschen mit der Rezeptionistin, die ihm erzählt, dass sie auch gerade vor 14 Tagen den Weg gelaufen ist und es letztendlich immer mehr Kilometer waren, als vorausgesagt. „Herrliche Landschaft, aber manchmal war es dann doch ziemlich anstrengend.“ Das kann uns nicht erschüttern. Da wir nicht direkt im Hotel Wilhelmshöhe untergebracht werden konnten, müssen wir noch ein Stück mit dem Bus fahren und ca. 2 km laufen, bis wir am Beginn der Etappe sind. Wir kommen an einem Garten mit Kühen vorbei und an einem Erinnerungsschild für berühmte Sportler, die hier ihre Heimat haben oder hatten:


So ist es dann auch schon 11:30 Uhr, als wir endlich das Tor zum Westweg erreichen und finden auch jemanden, der das obligatorische Foto von uns macht. Muss sein!

Wir wollen gerade loslegen, als wie zu unseren Ehren aus einem benachbarten Waldweg eine Prozession auf die Straße biegt. Vorneweg drei junge Leute im weißen Gewand, die zwei Fahnen und das Kreuz tragen, gefolgt von einem Blasorchester, dem Pfarrer und der Gemeinde. Sie bewegen sich langsam dem Gasthof entgegen und dort gibts Chorgesänge und Gebete.
Gerührt von so viel Ehre, wenden wir uns dann aber doch unserer heutigen Tagesaufgabe zu und schreiten durchs steinerne Tor. Vor uns eine Gruppe junger Männer. Wir laufen hinterher und merken Gott sei Dank ziemlich schnell, dass wir dem GPS und den Wegmarkierungen mehr Aufmerksamkeit widmen sollten als unseren Gesprächen. Nach 500 Meter schon verlaufen! Das muss uns erst mal jemand nachmachen. Also wieder zurück auf Los und schon sind wir ein Teil der Prozession, die sich nämlich mittlerweile wieder in Bewegung gesetzt und in Zeitlupe auf der ganzen Breite des Westweges voranschreitet. Als wollten sie uns noch ein Stück begleiten. Es ist schwer, vorbei zu kommen und wir versuchen ganz diskret, uns an die Spitze des Zuges zu setzen. Kaum ist uns das gelungen, setzt die Musik wieder ein. Wir wundern uns, wieso mitten in der Woche Open-Air-Gottesdienste stattfinden und plötzlich, wenn auch spät, kommt mir die Erleuchtung. Heute ist doch Himmelfahrt! Jetzt ergibt das Ganze einen Sinn! Das Ziel der Gläubigen ist ein großes Kreuz. Was genau dann dort noch so alles passiert, bekommen wir nicht mehr mit, denn wir müssen nun mal ein bisschen Tempo zulegen. Es ist schon 11 Uhr und wir dümpeln immer noch am Beginn der Etappe rum.






Es ist relativ kühl, aber durch die Bewegung wird uns warm, vor allem bergauf. Momentan sind die Wiesenhänge übersät mit Löwenzahn. Das sieht so schön aus! Wir kommen am Blindensee vorbei und Georg hat die perfekte Erklärung für diesen seltsamen Namen: Man kann absolut nichts erkennen, das Wasser ist scheinbar schwarz und von unergründlicher Tiefe. Aber das täuscht, wie uns eine Infotafel erklärt. Der Blindensee ist ein Hochmoorsee. Er liegt nahe der Wasserscheide von Gutach und Elz. Typisch für einen Hochmoorsee ist, dass er weder einen Zulauf noch einen Ablauf hat. Er sieht aus wie ein Auge und wird deshalb auch Moorauge genannt. Zahlreiche Mythen ranken sich um den See. So soll z.B. mal eine Kuh hineingefallen und dann in der Donau wieder aufgetaucht sein.
So traben wir vor uns hin durch eine wunderschöne Landschaft und reden über so viele unterschiedliche Dinge, dass mir der Kopf brummt. Angefangen bei Stellenvergabe, Motivation, Depression, Therapien, Fördermittel, Schwerhörigkeit, Alkohol, Drogen, Faustan, Niederlande, Portugal, Gartenzäune, Muskelkater, Schrittlänge, Kilometerberechnung, Mathematik, Gottesdienste, Religion, Fragen an den Tag bis hin zu Dialekten, Fichten, Buchen, Siedlungsgeschichte, Erderwärmung, Klimaveränderung, Verjüngungsmitteln, Rente, Zielen, Plänen, Demenz, Schlaganfall u.v.m.
Völlig unerwartet, aber sehr originell wird uns an einem abschüssigen Weg eine Ausstellung präsentiert, die mich total begeistert. Ein Künstler hat regionaltypische Berufe und Traditionen mittels wohldurchdachter Fotos in Szene gesetzt, kombiniert mit jeweils einem Schild daneben, auf dem der Beruf vermerkt ist und ein passender Satz dazu. Klickt auf den rechten Pfeil! Erst kommt immer das Bild, dann die Erklärtafel.
Wir vereinbaren, erst Pause zu machen, wenn es noch 10 km bis zur Kalten Herberge sind. Dann haben wir auf jeden Fall mehr als die Hälfte geschafft. Wir wissen nämlich schon, dass es bei den 21 km laut Reisebeschreibung nicht bleiben wird. Die Angaben schwanken, aber es sind mindestens 24. Damit auch unser Geist in Bewegung bleibt, nicht nur unsere Beine, werden wir immer mal wieder mit Sprüchen am Wegesrand konfrontiert, die verschiedene Reaktionen darauf geradezu provozieren, wie z.B. hier. Ist das eine Drohung oder eine Ermahnung? Wir entschließen uns für letztere. Und dann erreichen wir endlich die Günterfelsen, die in beeindruckender Größe wie aus dem Nichts auftauchen. Warum Günter? Ich frage die KI. Sie braucht sehr, sehr lange für die Antwort, die nicht besonders zufriedenstellend ist, verweist aber auf eine Webseite, wo ich fündig werde:
Seinen Namen hat er vom ersten, in alten Urkunden auffindbaren Bauern, auf dessen Grundstück diese Felsengruppe steht: Heinrich Günter. Hätte der Bauer Heinrich Maier geheißen, wär’s der Maier-Felsen.




Es folgt ein Abschnitt über eine Waldstraße, vorbei an gut gefüllten Ausflugsgaststätten, bis dann endlich die 10-km-Marke geknackt ist. Nach der Pause stehen uns noch schöne Ausblicke bevor. Einer davon reicht sogar bis zum Feldberg, auf dem wir Schnee erkennen können. Na, das kann ja heiter werden. Dann werden wir übermorgen also durch Schnee stapfen?






Auf jeden Fall scheint es hier viele kreative Menschen zu geben, wovon die originellen Holzschnitzereien zeugen:




Auf den letzten drei Kilometern wirds nochmal richtig anstrengend. Heftige Steigungen lassen mich zur Schnecke mutieren, während Georg zum Endspurt loslegt und meinen Blicken entschwindet. Ich bin ziemlich froh, als uns gegen 17 Uhr endlich aus dem Tal die Kalte Herberge zuwinkt. Google Maps sagt, dass ich 25 km gelaufen bin. Georg hat 32.000 Schritte.



Wir werden freundlich empfangen mit den Worten, wir würden so entspannt aussehen. Ob wir denn gelaufen wären? Weil wir das bejahen, werden wir gebeten, die Wanderschuhe im Schuhraum auszuziehen, bevor wir auf unsere Zimmer gehen. Wir üben den zivilen Ungehorsam und lassen sie einfach an. Als ich später die Tür zum Bad öffne, traue ich kaum meinen Augen. Ist das noch zu toppen?

Aber es ist nicht kalt. Der Name „Kalte Herberge“ wird in einer Infomappe gut erklärt. Es gibt viele Geschichten dazu, aber die wahrscheinlichste belegt, dass in unruhigen Zeiten die Bauern aus der Nachbarschaft und Bürger aus den nahegelegenen Städten ihre Vorräte und Wertsachen in den versteckten Kellergewölben des Gasthauses in Sicherheit gebracht haben. Im alten Schwarzwälder Dialekt heißt “verstecken” gleich „verkalten“. In diesem Zusammenhang wird der seit über 500 Jahren bestehende Name entstanden sein. Der Gasthof, der auf 1030 Metern Höhe liegt, taucht 1480 erstmals als Gaststätte in alten Dokumenten auf, der Name Winterhalder schon im Jahr 1370. Seit mindestens 16 Generationen ist das Haus im Besitz dieser Familie. Da passt das dann auch wieder mit dem Bad.
Zum Abschluss des Tages trinken wir nach dem Essen noch einen Topinambur-Obstbrand. Georg nach Art „Hau wech das Zeuch“ und ich in kleinen, genießerischen Schlückchen.


Nun bereiten wir uns noch auf morgen vor. Um 9 Uhr wollen wir starten. Die Wetterprognose: Sonne pur bei 18 Grad.
Akustischer Einblick in den zweiten Tag:
Freitag, 10.05.2024 – Kalte Herberge bis Titisee

Der Bericht des heutigen Tages wird etwas kürzer ausfallen. Ich schreibe ihn am Folgetag, da ich gestern nicht mehr in der Lage dazu war. Obwohl es die Etappe mit den geringsten Anforderungen war, habe ich den Kampf mit dem Schlaf verloren. Deswegen hat heute morgen mein Wecker um 5 Uhr geklingelt, um vor dem Frühstück noch eine kompakte Beschreibung liefern zu können.
Der Tag beginnt mit Georgs Kiwi-App. Man stellt dem Tag eine Frage und erhält den Leitspruch dafür. Unserer lautet: „Lasse heute die sportlichen Aktivitäten sein.“ Tja, das müssen wir wohl ignorieren und laufen bei herrlichstem Sonnenschein los, der uns auch den ganzen Tag begleiten wird. Nicht ignorieren kann ich meine Zahnschmerzen, die zwar erträglich sind, solange keine Berührung von Unter- und Oberkiefer stattfindet, aber sie sind da als dumpfes Puckern und signalisieren, dass wohl nur ein Zahnarzt helfen kann. Das wird wohl in den nächsten Tagen nicht möglich sein. Also: Zähne NICHT zusammenbeißen und weiterlaufen! Unsre heutige Strecke ist sehr, sehr schön. Immer wieder erfreuen uns fantastische Ausblicke, die Steigungen bleiben moderat.






Selbst die Fichten sehen hier total gesund aus mit frischen grünen Spitzen. Aber es muss schon in den 80er Jahren Probleme gegeben haben. Ein Mahnmal erinnert daran, dass an dieser Stelle Bundespräsident Richard Weizäcker eine Rede zum Waldsterben gehalten hat. Übrigens mit einem Gedicht von Reiner Kunze!


An einer Baustelle kommen wir nicht weiter und müssen ein Stück Straße und dann durchs Dickicht laufen. Ich habe das Gefühl, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für meinen obligatorischen Sturz wäre. Ich bleibe an einer Wurzel hängen und lande kopfüber und bäuchlings auf einem mit Moos weichgepolsterten Baumstumpf. Das fühlt sich fast bequem an, wäre das Gelände nicht so abschüssig. Mit Georgs Hilfe begebe ich mich wieder in die Senkrechte und stelle fest, dass nichts weh tut. Also – weiter gehts! Wir werden lange Wegstrecken am Waldrand entlanggeführt, immer mit Blick auf die weite Landschaft und den Feldberg am Horizont. Aber auch die seelische und moralische Unterstützung ist durch Bildblöcke am Wegesrand gewährleistet.



In einer Hütte entdecken wir interessante Inschriften. Zu einer muss ich einfach auch einen Kommentar hinterlassen:


Zum Ende hin erfolgt nochmal ein etwas anstrengender Aufstieg. Georg hat sich vorher die topografische Karte angeschaut und kann es nicht schlimm genug machen, aber es hält sich dann doch in Grenzen. Wir steigen von ca. 1000 Hm an der Kalten Herberge zu 1200 Hm auf. Vorher ist aber Mittagspause zur Stärkung.

Leider ist die Aussicht dort auf der Weißtannenhöhe gleich Null, aber wir dürfen uns heute wirklich nicht beklagen. Immer wieder finden wir Hinweisschilder und Verhaltensmaßregeln für die Begegnung mit Wölfen. Das scheint hier ein großes Thema zu sein, denn viele Bauern haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen, um für eine vernünftige Regulierung zu plädieren:


Schließlich erreichen wir Titisee und laufen vom Berg über einen langgestreckten Wiesenweg runter in die Stadt, vorbei an einem riesigen, aber sehr schön angelegten Golfplatz (wer dort auf allen Feldern spielen will, hat auch Wandertag!), laut muhenden Kühen und einem brüllenden Bullen:


Titisee sieht aus wie die Zwillingsschwester von Königsee. Touristisch sehr frequentiert mit den üblichen Geschäften. Ich hole mir in einer Apotheke eine Salbe zum Betäuben des Zahnfleisches. Danach lassen wir uns in einer Bar am See nieder und ich genieße bei einem Aperol die Sonne. Georg trinkt ein Bier und gönnt sich einen Burger. Hier kann man es aushalten!



Übrigens hatten wir wieder eine angeregte Unterhaltung beim Laufen und wir stellen fest, dass die Themenvielfalt enorm ist. Ich habe mal mitgeschrieben. Es ging um ChatGPT, das Leben in der Gastronomie, wie schreibt man ein Buch, Leben nach den Ideen des Bhagwan, Stadtplanung, selbstbestimmtes Handeln, das 2. Leben von Kerstin, ausbeuterische Arbeitsstrukturen, Uber, Subunternehmer, Ähnlichkeiten von Text- und Musikproduktion, Produzenten, Darsteller, Georg Faszination für Dieter Bohlen, Mixologie, Vergütung für künstlerische Leistungen, Thomas Mann, Wölfe, AfD, Drafi Deutscher, Nino de Angelo, Helmut-Kohl-Platz, Nettelbeck, Internet, Kupferkabel, Stammheim, Sand von Mogadischu, Braunschweig, Karneval, Lesen, Waldluft, Zahnschmerzen und Muskelkater. Irre, was?
Von Titisee müssen wir nun noch nach Bärental kommen, denn dort befindet sich unser Hotel. In unseren Reiseunterlagen steht, dass wir den Bus nehmen sollen, der stündlich fährt. Georg will aber partout mit der S-Bahn fahren. Letztendlich ist es egal und wir fahren mit dem Bus, weil die Bahn nicht kommt. Im Hotel angekommen, werden wir freundlich begrüßt und – wie wir ja gestern schon von Kleins Wanderreisen erfahren hatten, in zwei verschiedenen Hotels untergebracht. Das gemeinsame Abendessen fällt aus, weil Georg keinen Hunger mehr hat. Gott sei Dank, wie sich später herausstellt. Nach einer erfrischenden Dusche gehe ich allein ins Restaurant und studiere die Karte. Die Preise sind exorbitant. Da ich aber was essen muss, entscheide ich mich für Spargel. 29 €! Man hat die Wahl, was man sich dazu servieren lässt. Ich entscheide mich für Lachs. Der Kellner ist sehr – nun ja, sagen wir sachlich. Er fragt, ob ich einen Vorspeisensalat haben möchte. Ich bejahe und bestelle noch ein Glas Rotwein. Ich erhalte schließlich 6-8 sehr gut zubereitete Stangen Spargel, knackig und zart. Der Lachs hingegen ist sehr winzig und der Rotwein kaum zu sehen im Glas. Und nun kommts: Noch nie im Leben habe ich so teuer gegessen. Der Lachs muss nämlich extra bezahlt werden. Das scheint hier im Schwarzwald so üblich zu sein, dass man jede Zutat extra bezahlen muss. Woanders gehört auch der Salat zum Essen dazu. Hier nicht. Jede Position wird einzeln abgerechnet. Letztendlich muss ich 72 € löhnen. Ich finde das, ehrlich gesagt, ziemlich unverschämt. Ich nehme all meinen Mut zusammen und bitte um eine Schmerztablette, falls die Hausapotheke so etwas hergibt. Es wird mir aber ziemlich schroff erklärt, dass das Hotel keine besitzen würde. Was ich irgendwie nicht glauben kann.
Unsere Zimmer sind in Ordnung. Was mich etwas irritiert, ist der Spiegel über meinem Bett. Den üblichen Zweck scheint er nicht erfüllen zu können, dafür ist er viel zu klein. Als ich im Bett liege, spiegeln sich darin meine Füße. Während ich über den Sinn nachdenke, entdecke ich neben dem Spiegel einen kleinen, runden Fleck. Ist das etwa eine Kamera? Zum Nachschauen bin ich zu müde und zu schmerzgeplagt, aber am nächsten Morgen untersuche ich das verdächtige Element. Es sieht aus wie Blei, mit dem etwas zugeschmiert wurde. Sehr mysteriös!


Akustischer Einblick in den dritten Tag:
Samstag, 11.05.2024 – Titisee bis Notschreipass (24 km)
Heute liegt die Königsetappe vor uns. Der Weg über den Feldberg mit 1493 Metern, die höchste Erhebung im deutschen Mittelgebirge. Zuerst müssen wir mit dem Bus wieder zurück nach Titisee. Weil wir wegen der bevorstehenden Anstrengung zeitig starten wollen, haben wir zum Frühstück ein bisschen Stress. Ab 8 Uhr gibts Frühstück, um 8.40 Uhr fährt der Bus. Georg wird wieder im anderen Hotel abgeholt und ist erst 8.10 Uhr da. Also schnell Essen fassen und los gehts! An den anderen Tagen hat uns Georg punktgenau mit seiner digitalen Karte durch die Landschaft gelotst, während ich die Wegmarkierungen im Auge behalten habe. Heute müssen wir mal ganz analog wandern, denn in seinem Hotel gabs kein brauchbares Internet. Aus diesem Grund brauchen wir ein bisschen, um den Einstieg in Titisee zu finden. Übrigens sagt die Schicksals-App heute: Du wirst heute sehr umsorgt werden. Genieße es.“ Na, da bin ich ja gespannt. Die erste Umsorgungs-Situation habe ich immerhin schon erlebt. Georg hat mir eine Schmerztablette gegeben. Die Zahnschmerzen werden dadurch erträglich. Positiver Nebeneffekt: Der Muskelkater ist weg! Zuerst gehts am Seeufer entlang mit immer wieder verlockenden Fotomotiven.



Doch es dauert nicht lange, bis die Steigungen beginnen. Ich bewundere die Radfahrer, die hier durchs Gelände holpern. Das käme mir nie in den Sinn, auf solchen Wegen eine Radtour zu machen. Naja gut, sonst auch nicht. Aber das hier ist schon Hardcore, trotz Elektromotor. In einem Waldstück laden niedliche Holzstühle zum Sitzen ein. Sie sind aus dem Baumstumpf herausgearbeitet. Ab der Kesslerhöhe gehts wieder ein Stück abwärts Richtung Skistation.






Unser nächstes Ziel ist die Adlerschanze in Hinterzarten. Sehr beeindruckend und eine weitere Sportart, die für mich und auch Georg nie in Frage käme.


An einem Aussichtspunkt auf Hinterzarten wurde ein Schild errichtet, das sehr anschaulich auf mögliche Szenarien einer Eiszeit hinweist, angelehnt an die erdgeschichtlich erforschte Eiszeit vor ca. 14.000 Jahren. Die Folgen der damals vordringenden Gletscher sind heute noch zu sehen.

Stück für Stück arbeiten wir uns voran in Richtung Feldsee, dem nächsten bedeutenden Punkt auf dem Weg. Die Landschaft ist wunderschön, gar nicht bedrückend, sondern weit und sanft geschwungen mit saftig grünen Wiesen, Blumen und Bächen. Wir erreichen eine Getränkestation. Jemand hat dort einen wassergekühlten Schrank aufgebaut, darin stehen Flaschen aller Art. Man kann sich welche rausnehmen und Geld in die Kasse des Vertrauens werfen. Leergut kommt in einen danebenstehenden Korb. Ringsum stehen riesige Bänke, von denen aus man einen tollen Blick zum Feldberg hat, dadurch aber auch etwas entmutigt wird. Das sieht noch so weit aus!







Zwischenbilanz an der Getränkestation:
Und wieder springen unsere Gespräche von einem Thema zum nächsten. Georg entpuppt sich direkt als Philosoph. Beim Studium war Rechtsphilosophie sein Lieblingsfach, was man deutlich merkt und ich bisher gar nicht wusste. Auch für solche Dinge ist ein Mutter-Kind-Urlaub wie geschaffen. Ich beschließe, alle meine Notizen unserer Gespräche am Ende der Woche der KI in den Rachen zu werfen und sie zu beauftragen, daraus eine Novelle zu schreiben. Georg empfiehlt mir die Präzisierung mit Angaben zum Stil, also z.B. nach dem Schreibstil von Franz Kafka. Heute beschäftigen uns z.B. Themen wie Referendariat, Familiengeschichte, Dialekte, Stasi, das Wort „Gästin“ und Grimms Wörterbuch der deutschen Sprache, Gendern, Sprachgeschichte, Traumata, Stauffenberg, Barnum-Effekt, der Satz „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber zu Verbrechen.“, Sport, das innere Kind, Dialektischer Materialismus und Karl Marx, der Unterschied zw. real existierendem und theoretischem Sozialismus, Weimarer Reichsverfassung, Trennung von Kirche und Staat. Nicht nur die Beine sind schwer beschäftigt, sondern auch der Kopf. So erreichen wir philosophierend den Feldsee und machen dort eine kurze Pause.



So, nun gehts aufwärts. Der Waldweg wird zum Wurzelweg, steinig und steil. Meine laute Atmung muss im ganzen Wald zu hören sein. Schnauf, schnauf – immer einen Schritt nach dem anderen, nicht nach oben schauen, das demotiviert. Wie ein Uhrwerk trabe ich vor mich hin.




So erreichen wir die Seilbahnstation. Ganz kurz blitzt die Versuchung auf, hochzufahren auf den Gipfel, aber wirklich nur ganz kurz. Wir laufen weiter und entdecken das nächste Westwegtor wie zu Beginn unserer Wanderung. Mit Stempelstelle. Darüber steht, dass es jetzt nur noch 200 Hm sind. 3,5 km haben wir noch vor uns bis zum Gipfel. Der Feldberg besteht aus mehreren Gipfeln und wird deshalb Feldbergmassiv genannt. Diese sind unbewaldet, hier und dort liegt noch Schnee. Ein Wegenetz überzieht die Ebene, Es gibt ein Bismarck-Denkmal, einen Aussichtsturm, den Blick hinunter auf den Feldsee und einen Sendemast.










Wir sind ganz schön lange unterwegs dort oben und folgen schließlich dem Weg runter nach Notschreipass. Dort müssen wir den Bus nehmen, um in unser Hotel zu gelangen, das wieder nicht am Wegesrand liegt. Es sind jetzt noch 8 km.



Von weitem schon erkennbar ist die größte Bank der Welt. Darauf würde eine ganze Schulklasse Platz bekommen. Auf dem dortigen Wegweiser steht, dass es auf dem Westweg bleibend noch 7 km bis Notschrei sind und 5 km nach Todtnau, wo sich unser Hotel befindet und beschließen, direkt dorthin zu laufen. Dann fehlt uns zwar dieser Abschnitt des Westweges, aber nicht so schlimm. Georg ist wieder im Feierabendmodus. Das heißt, Gespräche werden eingestellt, die Schritte schneller, um endlich ins Bett fallen zu können. Deswegen ist er mir auch weit voraus:



Unser heutiges Hotel Herrihof ist altehrwürdig und verfügt über eine interessante Geschichte: https://www.herrihof.de/geschichte/ Wir werden freundlich empfangen mit Reservierung von Plätzen fürs Abendessen. Die Wirkung von Georgs Tablette hält exakt bis zur Haustür an und überlässt nun wieder dem Schmerz das Feld. Ich ertrage das nur schwer und versuche es auch hier beim Personal. Mit Erfolg! Die Kellnerin beauftragte eine Verwandte, etwas zu bringen. Sie hat offenbar Mitleid mit mir, auch in Anbetracht der Tatsache, dass morgen Sonntag ist. Ich werde reich beschenkt – eine ganze Packung Ibiprofen 600 und Pulver, das man in Wasser auflösen muss. Dazu noch eine Flasche mit Wasser. Ich bin ihr sooo dankbar! Damit schaffe ich es bis Basel und werde gleich einen Termin bei meiner Zahnärztin in Berlin vereinbaren. Wieder im Zimmer, schaue ich mir die morgige Etappe an. Wir wandern über einen weiteren Berg, den Belchen. Im Internet finde ich folgende Aussage:
„Der Abschnitt über den Belchen ist mit Abstand die schönste Etappe des gesamten Westweges. Das Naturschutzgebiet rund um den Belchen und die Landschaft Richtung Haldenhof sind wunderschön. Allerdings bietet der Anstieg zum Belchen auch noch einmal eine echte Herausforderung an die Kondition und ist nicht zu vergleichen mit dem relativ einfachen Aufstieg zum Feldberg.“
Und wir dachten, die 18 Kilometer morgen wären so eine Art Ruhetag!
Sonntag, 12.05.2024 – Notschreipass bis Haldenhof (18 km, 620 Hm)

Bevor wir heute loswandern können, müssen wir mit dem Bus wieder hoch zum Westweg fahren. Schöner ist es natürlich, wenn das Hotel direkt am Weg liegt, das erleichtert den Start in den Tag. So muss man sich nach den Abfahrtszeiten der Busse richten und kann nicht unbeschwert ohne den Blick auf die Uhr frühstücken. Aber es sind eben nicht immer Hotels am Weg buchbar. Wir schaffen es gerade so. Kurz bevor der Bus kommt, schießen wir an der Haltestelle unsere ersten Fotos des Tages.


Wir müssen nach Notschrei. Da fragt man sich schon, woher dieser Name rührt, klingt irgendwie nicht verlockend. Ich frage die KI und sie antwortet folgendes:
Die Geschichte des Namens “Notschrei” geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Die abgelegene Lage des Gebiets machte den Menschen zu schaffen. Mit der aufkommenden Industrialisierung in Todtnau gab es zwar zahlreiche Manufakturen, doch die hatten aufgrund der abgelegenen Lage erhebliche Transportkosten und konnten so ihre Produkte nur sehr schwer absetzen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Lage zusehends schlimmer. Die verzweifelte Bevölkerung wandte sich in einer Petition an die Regierung in Karlsruhe und wies auf ihre von Arbeitslosigkeit und bitterer Armut geprägte Lage hin. Es war ein “Notschrei”. Die Menschen fühlten sich von der Regierung in Karlsruhe im Stich gelassen. Die Regierung reagierte auf diesen “Notschrei” und gab der Petition statt. Schon ein Jahr später wurde mit dem Bau der Straße begonnen, die bis 1855 dann auf ihrer ganzen Länge fertiggestellt wurde. So entstand nahe der Passhöhe 1854 im Zuge des Straßenausbaus ein Gasthof mit dem Namen Notschrei.
Vom Bus aus können wir eine riesige Hängebrücke sehen – Blackforestline. Sehr beeindruckend. Sie wurde vor genau einem Jahr eingeweiht: https://blackforestline.de/ Am Notschreipass angekommen, finden wir auch schnell den Westweg. Doch bevor wir starten, befragen wir wieder das Orakel und stellen die Frage an den Tag. Georg will wissen, ob der Belchen wirklich Es ist verblüffend, wie gut die Ergebnisse zu unserer Tagesplanung passen:


Es beginnt mit einem Aufstieg, aber es dauert nicht lange, bis sich vor uns eine Landschaft eröffnet, die beispiellos schön ist. Die vergangenen Touren haben ja auch nicht gegeizt mit reizvollen An- und Ausblicken, aber wie gestern vorausgesagt, ist das wirklich eine unglaublich sanftmütige Komposition von Weite, wellenförmigen, frisch-grün und löwenzahngelb leuchtenden Wiesen und Hängen, Wäldern in allen Grünschattierungen, die man sich denken kann, wohltuender Ruhe und den Greifvögeln, die am Himmel ihre Bahnen ziehen. Selbst mein Handy ist überwältigt und desertiert ins französische Netz. Wir kommen kaum vorwärts, weil es immer wieder neue, vermeintlich schönere Blickwinkel auf dieses Paradies gibt. Es entstehen sehr viele Fotos, wovon eine Auswahl zu treffen, fast unmöglich scheint:



















Natürlich wird das Ganze vom perfekten Wanderwetter begünstigt. Bei Regen und Sturm sähe es hier auch anders aus. Wir sind beide auf unsere Art mit der fotografischen Verarbeitung und Dokumentation dieser Schönheitsüberflutung beschäftigt. Ich begebe mich auf Augenhöhe mit dem Löwenzahn, Georgs Blick schärft sich für die Ferne. Unsere verbale Kommunikation ist eher schleppend, weil wir merken, dass Reden jetzt nur stören würde. Das bleibt überwiegend auch so den Tag über, vor allem, wenn es bergauf geht. So beschränkt sich die heutige Wort-Sammlung auf Themen wie abgebrochene Ausbildungen, Fotografie, Streamingdienste, Motzstraße, WhatsApp, Muskelschmerzen, Arten von Urlaub, Aufstand der Bauern, Nutztierhaltung, Vorteile körperlicher Arbeit.


Als wir merken, dass wir für 4 km zwei Stunden gebraucht haben, wenden wir uns wieder dem Tagesgeschäft zu. Laufen! Schnell noch am Brunnen erfrischen, um ab Wiedener Eck sechs Kilometer zum Belchen aufzusteigen. Der Weg ist gar nicht so schwierig, Steigungen wechseln sich mit ebenen Strecken ab, bis es dann auf den letzten 3,5 km ziemlich alpin zur Sache geht. Georg vorneweg, ich hinterher. Nicht nach oben schauen, das demotiviert. Langsam einen Fuß vor den anderen setzen, auf die Atmung achten. So gehts. Bis ich höre, dass sich hinter mir Wanderer nähern und der Abstand kürzer wird. Erster Impuls: anhalten und sie vorbeilassen. Zweiter Gedanke: Nö, wieso denn eigentlich? Sie können mich ja überholen. Als nächstes die Scham: Wie peinlich, wenn sie mein Keuchen hören. Was mache ich? Natürlich stehenbleiben und mich ans Ende der Bergbezwinger fallen lassen. Hier habe ich meine Ruhe. Und dann ist es fast geschafft. Wir sind oben auf dem Belchen auf Höhe der Gastwirtschaft, aber noch nicht am Gipfel. Die Aussicht umwerfend.









Der Name „Belchen“ kommt übrigens aus dem Keltischen und bedeutet „Der Strahlende“. Nun will ich natürlich auch die letzten 600 Meter noch absolvieren, um zum Gipfel zu kommen. Ich werde doch nicht kurz davor stoppen! Georg ist das nicht so wichtig und er sucht uns im Gasthaus schon mal einen Tisch.


Ganz oben kann man wirklich rundherum schauen, die Aussicht ist viel besser als vom Feldberg und ich bin froh, oben gewesen zu sein. Es gibt sogar ein Steinlabyrinth.



Wieder zurück im Gasthof, der übrigens das höchstgelegene Gasthaus im Schwarzwald ist, finde ich Georg bei Bier und Flammkuchen, den wir uns teilen. Der Gang auf die Toilette birgt eine große Überraschung. Die sanitären Anlagen sind hochmodern und muten fast wie eine Zeitreise an aus der urigen, beschaulichen Wirtschaft in Standards, die höchsten Ansprüchen genügen.
Nun folgt der letzte Abschnitt dieses Tages. Wieder 6 km, aber runter ins Tal zum Berggasthof Haldenhof mit Ausblicken, an denen man sich nicht sattsehen kann.


Vor uns läuft eine Gruppe, einer davon barfuß. Sie bitten uns, Fotos von sich zu machen, während sie in einer Kehre unter uns abwärts steigen und revanchieren sich durch identische Gegenleistung.


Wir kommen ins Schwatzen und erhalten große Anerkennung, dass wir noch so frisch „daherwandern“, obwohl wir so weit gelaufen sind. Einer kennt sogar das Hotel, das uns heute beherbergen wird und schwärmt von den dicken Federbetten, die es damals gab, als er Gast war. Wir entdecken dann noch eine alte Grenzmauer, ein altes Relikt aus Zeiten der badischen Markgrafschaft Baden-Durlach und dem Habsburgischen Vorderösterreich.
Georg ist jetzt wieder im Feierabend-Modus. Genug gewandert und gesehen, genug geredet. Jetzt gibts nur ein Ziel: das Bett.


Unser Hotel schon in Sichtweite, entdecken wir diese Bank. Der Spruch darauf heißt: „Komm, setz dich ein bisschen hin und ruhe dich aus.“ Das ist fast wie eine Fremdsprache!

Wir werden von einem freundlichen Wirt empfangen. Als Dame erhalte ich ein Zimmer im 1. Stock, Georg muss noch eine Treppe höher krabbeln. Das Abendessen nehmen wir in einem Verandazimmer mit tollem Blick auf die Natur ein. Allerdings muss sich Georg aus Einzelteilen ein vegetarisches Menü zusammenstellen. Auf der Karte stehen nur Fleisch- und Fischgerichte. Ich möchte wegen meiner Zähne auch kein Fleisch und entscheide mich für eine überaus gelungene Spargelsuppe und – wie Georg – überbackenen Ziegenkäse. Am Nachbartisch sitzt ein älterer Herr mit einer deutlich jüngeren Frau. Da er sehr laut spricht, werden wir unfreiwillig Ohrenzeugen seiner Selbstdarstellung und fragen uns, in welchem Verhältnis die beiden wohl stehen? Er redet oft von seiner Frau, sie von ihrem Mann. Er zeigt ihr seine Familienbilder, beteuert, dass er ein sehr guter Fotograf sei, weil er nämlich nie erwachsen werden wollte. Nur so bewahre man sich den natürlichen Blick. Manchmal geht er auch Golf spielen. Er bemängelt, dass nach 32 Jahren Ehe die Emotionen abflachen würden. Aber dass seine Tischnachbarin schon lange mit ihrem Mann zusammen ist und erst vor kurzem geheiratet hat, ist natürlich auch nicht in Ordnung. „Du hast dann ja in wilder Ehe gelebt!“, hält er ihr vor. Detailliert schildert er ihr seine Krebserkrankung bis hin zu seinen blau angeschwollenen Hoden. Sie hat wohl Kokain ausprobiert, weil sie nicht ohne diese Erfahrung sterben will. Er offenbart ihr, dass er sich damit ebenfalls auskennt, aber auch mit Frauen, vor allem traumatisierten Frauen. Als er das Gespräch auf ihre Kinder lenkt („Deine Tochter ist eine sehr Hübsche, kein Wunder, dass sie so viele Verehrer hat. Aber dein Sohn ist auch ein Süßer.“), wird sie traurig. Er reagiert sofort: „Nicht weinen! Oder doch. Weine nur! Ich tröste dich!“ Natürlich habe er auch viel Geld, verkündet er. Deswegen wird er das Essen hier bezahlen. So geht das noch ein bisschen genauso sprunghaft hin und her, dann beschließen sie, zurück in die Klinik zu fahren und einen Schnaps zu trinken. Georg und ich schauen uns an und der Groschen fällt. Das ist eine Kurschattenbeziehung! So ein gottgleicher, weltoffener, erfahrener Alleskönner und -wisser ist einfach unwiderstehlich.
Aber jetzt genug gelauscht. Wir ziehen uns auf unsere Zimmer zurück und überlegen schon mal, was morgen zur Ausrüstung gehören soll. Auf jeden Fall eine Regenjacke, denn es sind Gewitter angesagt.
Akustische Zusammenfassung des fünften Tages:
Montag, 13.05.2024 – Haldenhof bis Kandern (20 km, 320 Hm)

Weil heute eine relativ kurze Etappe bevorsteht und es laut Beschreibung nach dem Aufstieg zum Berg „Der Blauen“ nur noch bergab gehen soll nach Kandern, sind wir erst für 8:45 Uhr zum Frühstück verabredet. Ich bin die Erste und sitze mit zwei Frauen allein im Frühstücksraum. Nachdem ich mich am überschaubaren Buffet bedient und am eingedeckten Nebentisch Platz genommen habe, versuche ich zu ergründen, in welcher Sprache sich die beiden unterhalten. Es gelingt mir nur insofern, dass es Deutsch sein muss. Das schließe ich aus Wörtern wie „Ja, genau“ oder „Gestern“. Doch das wars dann auch schon. Es muss also ein Dialekt sein. Ich finde es total spannend, wie vielfältig die Klangfarben der deutschen Sprache sind und wie sie sich entwickelt haben. Dann kommt auch Georg angeschlendert. Seine Kaffeetasse ist nicht so ganz sauber, aber er sieht das nicht so eng und schenkt sich ein. Das ganze Hotel strahlt den Charme vergangener Gemütlichkeit aus. In allen Ecken gäbe es was zu tun. Die Restauranttoiletten sind defekt. Die Handtücher sind zwar gewaschen, aber viel benutzt und vergilbt, die Federkopfkissen klumpig, die Dusche in den Ecken vermutlich verkalkt. Auf dem Buffet stehen zwei Warmhaltegefäße mit Deckel. Alle schauen erwartungsvoll hinein, aber sie sind leer. Für unser Lunchpaket fehlen Obst und Wasser. Alles kein Thema, für eine Nacht geht das schon und ich will hier auch nicht die Diva spielen. Der Wirt war freundlich, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass er vieles schleifen lässt. Egal. Ich habe andere Baustellen, denn immer noch plagen mich die Zahnschmerzen und ich habe die Idee, mir in Kandern eine Praxis zu suchen, die mich als Notfallpatientin behandeln könnte. Doch nach drei Versuchen gebe ich auf. Ich bekomme Antworten wie „Diese Leistung bieten wir momentan nicht an“ oder „Wir sind austerminiert“. Ich verstehe das sogar irgendwie. Meine Behandlung wäre nicht wirtschaftlich.
Um 10 Uhr machen wir uns auf den Weg, hinaus aus dem Tal und hinauf in den Wald, bestens ausgerüstet mit Regenkleidung, da es heute Gewitter geben soll. Vorher aber wird wieder das Orakel befragt zum heutigen Tag. Passt!


Es ist auch der erste Tag, an dem nicht die Sonne scheint. Trotzdem wird uns schnell warm bergauf und ich habe mich meiner Regenjacke ganz schnell wieder entledigt. Der Blick zurück versöhnt mit der Anstrengung:



Wir werden auf eine Umleitung geführt, müssen ab und zu mal schauen, wo es denn nun lang geht und geraten mitten hinein in Sägearbeiten im Wald. Der Weg ist versperrt mit Baumstämmen und es kommt die Erinnerung an unsere Salzalpensteig-Tour im letzten Jahr hoch. Dort wurden wir heftig beschimpft von Forstarbeitern und ich hoffe, wir kommen hier ohne Diskussionen vorbei. Funktioniert! Wir steigen einfach über die Stämme und sehen zu, dass wir Land gewinnen. Georg trabt lustlos hinter mir her. Er ist noch müde, obwohl er 12 Stunden geschlafen hat und würde sich am liebsten an Ort und Stelle zum Weiterschlafen ins Gras fallen lassen. Er nennt es „Wanderkater“, denn seine Beine, Füße und Hüften schmerzen. Meine Zähne auch. Da hilft nur ein Ibu-Frühstück! Und weiter gehts, hier wird nicht geschwächelt! Auf unserer Wegbeschreibung steht, dass wir an einem Rastplatz mit Grill über eine Straße müssen und es dort hoch geht auf den Blauen, den letzten der drei Gipfel im Bunde mit dem Belchen und dem Feldberg. Doch mittlerweile sind wir am vierten Rastplatz mit Grill angelangt, der jetzt aber der richtige zu sein scheint. Die Wegmarkierung lässt hier streckenweise zu wünschen übrig. Aber ich habe ja mein schläfriges Kind dabei, der nur seiner digitalen Karte vertraut und diese in der Hierarchie auch über die Markierungen setzt. Diese Kombination funktioniert erstaunlich gut. So nähern wir uns dem Gipfel, ich (noch) vorneweg und überwiegend durch den Wald. Die Sonne straft die Wetterprognose Lügen, aber in der Ferne sieht man schon dunkle Wolken.





Am Wegesrand breiten sich Veilchenteppiche aus. Viele andere interessante Pflanzen gesellen sich dazu und arrangieren sich zu einer Augenweide.

Überhaupt ist der Wald so üppig grün, als hätte er noch nie etwas von Trockenheit gehört.



Ab und zu blitzt der Sendemast vom Berg Blauen durch die Zweige, komischerweise mal von rechts und mal von links. Wie das geht, kann ich auch nicht erklären. Georg hat mittlerweile ausgeschlafen und wir reden über Edeka, Bendzko-Immobilien, Steueroptionen, Ost-West-Tarif, den Ostbeauftragten der Bundesregierung, Kehlkopfentzündung, Sophie Passmann, die einzige deutsche Diva Hildegard Knef und ihr Lied „Im 80. Stockwerk“. So vergeht die Zeit schneller und schließlich ist es soweit – wir sind oben! Erst mal die Aussicht begutachten und den Turm besteigen. Nach Süden hin wird das Land flacher und verliert deutlich an Reiz. Aber die Wolkenformationen sind beeindruckend. Dabei fällt uns auf, dass es in der Ferne regnet. Es braut sich ganz schön was zusammen.









Auf dem Blauen gibt es ein Gasthaus und es wäre ganz in unserem Sinn, wenn wir dort einkehren könnten. Doch das ganze Areal ist eine Baustelle. Nicht so schlimm, denn wir haben ja Proviant im Rucksack. Wir versuchen, unseren Weg fortzusetzen, werden aber immer wieder von Baustellenzäunen gestoppt. Auf jeden Fall müssen wir am Blauenhaus vorbei, soviel steht fest. Einzige Möglichkeit: Wir hangeln uns an einem Grundstückszaun entlang in die Tiefe auf den Weg, der uns wieder bergab in den Wald hineinführt.

Die nächste Bank ist unsere. Mittlerweile ist es 15 Uhr, Zeit für eine Pause. Gerade haben wir den letzten Bissen verschlungen, fängt es an zu tröpfeln. Dann haben wir unsere Regenkleidung doch nicht umsonst mitgeschleppt. Wir haben noch ca. 8 km vor uns bis Kandern und das Versprechen, dass es nun nur noch bergab geht. Richtiger wäre: überwiegend abwärts, denn es warten noch einige heftige Steigungen auf uns. Für Georg zählt jetzt nur noch: ankommen! Wie in den letzten Tagen entwickelt er eine sagenhafte Endspurt-Energie und ist dann einfach mal weg. Mit ihm die Navigation. Da die Beschilderung hier immer sporadischer wird, stehe ich öfter an Kreuzungen und kann nur raten, welcher Weg der richtige ist. Wie ich ja gelernt habe, ist bergab nicht immer richtig! Google Maps versagt mir wegen schlechtem Empfang den Dienst, die Wanderkarte ist nicht kleinteilig genug. Himmelsrichtung klappt auch nicht, weil es bewölkt ist. Und nun? Probieren geht über studieren. Ich nehme den Weg, der mir am wahrscheinlichsten erscheint. Tatsächlich bestätigt eine rote Raute hinter einem Zweig meine Intuition. So geht es weiter. 8 km können sich ziehen, aber nicht endlos. Ich trete aus dem Wald, die Wolken machen der Sonne Platz, erste Häuser sind in der Ferne zu sehen. Es ist wieder so schön hier, dass ich von einer Bank aus die Ruhe und die Sicht genieße. Auch die Technik spielt wieder mit. Ich habe Internet, gebe die Hoteladresse ein und lasse mich führen. Durch Obstplantagen, über Weideflächen, an Gärten mit üppigen Pfingstrosen vorbei bis in die Stadt.

Wir können sogar wieder telefonieren. Georg hat inzwischen das Städtchen erkundet und war in der Apotheke shoppen. Merkwürdigerweise komme ich von einer ganz anderen Seite anmarschiert, aber wir erreichen zeitgleich das Hotel. Nur unser Gepäck hat es noch nicht bis hierher geschafft. Große Verwunderung allerseits. Ich rufe im Haldenhof an, wo wir heute morgen unsere Koffer hinterlassen hatten. Natürlich geht niemand ans Telefon, denn es ist Ruhetag. Unsere letzte Rettung ist Kleins Wanderreisen, die für uns die Reise organisiert haben. Frau Klein kümmert sich sofort und teilt mir dann mit, dass unser Gepäck in ca. 40 Minuten da sein wird. Merkwürdig ist nur, dass der Haldenhof-Wirt sich nicht gewundert hat, dass um 18 Uhr die Koffer immer noch nicht abgeholt wurden. Egal, wir wissen, dass das geregelt wird und gehen erst mal im Gasthaus Zur Krone unter tiefroten Kletterrosen südtirolerisch essen. Ein Gaumenschmaus!



Kandern ist ein niedliches Städtchen, das wir uns noch ein bisschen anschauen, ehe wir ins Hotel „Zur Weserei“ und unseren mittlerweile gelieferten Koffern zurückkehren. Jetzt heißt es nur noch Füße hoch und ausruhen, bevor wir morgen zur letzten, als schwer benannten Etappe aufbrechen.

Akustische Zusammenfassung des sechsten Tages:
Dienstag, 14.05.2024 – Kandern bis Basel (26 km, 522 Hm)

Der erste Blick in den Spiegel lässt mich daran zweifeln, ob ich das bin. Ich sehe voll niedlich aus! Zur Erläuterung – als Georg klein war, sagte er einmal zu mir: „Mama, du siehst morgens immer so niedlich aus. Da hast du voll das fette Gesicht!“ Ich kann nur hoffen, dass der aufrechte Gang die Wassermassen in meinem Körper wieder an die richtigen Positionen schwappen lässt.
Es gibt für die Touren offenbar unterschiedliche Informationen oder Arten der Berechnung. Kleins Wanderreisen geht für heute von ca. 230 Hm aus, auf der Webseite des Schwarzwaldvereins sind es 522. Wenn ich mir das Höhenprofil anschaue, scheint letztere Angabe zu stimmen. Hinzu kommen die 26 km und Sonne pur. Aber hier wird nicht gejammert, wir starten motiviert zur letzten Etappe. Vorher aber gibts das beste Frühstück der gesamten Wanderung und unser Lunchpaket bekommen wir umsonst. Während wir noch beim leckeren Rührei sitzen, fragt mich die Wirtin, ob der Schornsteinfeger in mein Zimmer dürfe. Er müsse nur mal kurz dort auf den Balkon. Natürlich erlaube ich das, denn der Tag kann ja mit diesem Glück nur noch besser werden. Beim Auschecken verspricht uns der Wirt lachend, darauf zu achten, dass unser Gepäck abgeholt wird. Na dann, was soll jetzt noch schiefgehen? Die Schicksals-App setzt noch einen obendrauf:



Der Weg führt uns durch das schöne Städtchen Kantern hinaus in den Wald.



Wir queren eine Bahnschiene, die folgende Warnung vorausschickt:

Doch der Hang, der nun folgt, lässt das Lächeln auf meinen Lippen ersterben. Hechelnd oben angekommen, ist Georg schon beim Plaudern mit Spaziergängern, die ihn fragen, ob er sich hier auskenne. Sie suchen die Wolfsschlucht und erhoffen sich von ihm Hilfe. Da ich gerade an einem Wegweiser dorthin vorbeigekommen bin, schicke ich sie in diese Richtung. Was – wie sich kurz darauf herausstellt – falsch war. Denn unser Weg führt uns genau da durch. An einer engen Stelle schiebt Georg erst einmal die Felsen auseinander.






Nun nähern wir uns Wollbach, das administrativ noch zu Kantern gehört und ebenso idyllisch anmutet. Wir entdecken wieder eine kleine Verpflegungsstation für Wanderer und bedienen uns an den Kaltgetränken. Ich entscheide mich für Holunderwasser mit Zitrone. Der Hausbesitzer kommt vorbei und freut sich, dass wir uns freuen. Wir wechseln ein paar Worte, dann gehts weiter, vorbei an einer Kirche, die gerade den Fingerzeig Gottes erfährt, an einem Schild mit der Ortsgeschichte und dem Hinweis auf einen Sohn der Stadt, der sich an einem Aussteiger-Lebensmodell versucht hat. Auch hier gibt es Bücher-Telefonzellen, genannt Bücher-Hüsli, was schon sehr schweizerisch klingt. Offenbar kämpft man hier aber mit den gleichen Problemen wie in Berlin, denn die Stadtverwaltung weist darauf hin, dass dieses Hüsli nicht als Entsorgungsort missbraucht werden soll. An einem Kirschbaum gibt es für mich kein Halten mehr, die roten Früchte sind zu verlockend und ich muss mich zwingen, weiterzugehen. Sie schmecken sooo gut! Georg hat den Mundraub natürlich gleich dokumentiert.









Wir sind schon ziemlich erschöpft, als wir am Baselblick ankommen. Die Sonne brennt, die Lunge auch. Aber die Vernunft sagt: nicht hinsetzen! Weiterlaufen! Denn wenn man erst mal die müden Knochen ausgestreckt hat, fällt das Weiterlaufen sehr schwer. In der Ferne ist tatsächlich eine größere Stadt zu erahnen, das könnte aber auch Lörrach sein. Wir kommen vorbei an komischen Hühnern, Weinbergen, vielen Pflanzen, die um die Wette zu blühen scheinen und werden vom Zirpen der Grillen und lautem Vogelgezwitscher begleitet.








Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Haut in meinem Gesicht gut geröstet ist. Ich liebe die Sonne, aber so sehr nun auch wieder nicht. Im Geiste entwerfe ich einen Sonnenschutz aus Feuchttüchern, und in unserer Mittagspause setze ich den Plan um. Das sieht dann so aus und hat den Vorteil, gleichzeitig meine dicke Backe zu kühlen:

Das nächste Etappenziel ist die Burg Rötteln, die ungefähr auf der Hälfte der Strecke liegt. Eine sehr gut erhaltene Anlage, zu deren Füßen sich Lörrach hinzieht.





Ich hätte nichts dagegen, wenn das schon Basel wäre, aber um dorthin zu gelangen, müssen wir schon noch was tun. Ca. 13 km liegen noch vor uns. Unsere Gespräche beschränken sich heute auf das Notwendigste. Jeder hat mit sich zu tun und so fällt das KI-Futter recht mager aus: französische AKW-Gegner, altern, Stadtteile von Berlin, Investruinen, der Berg im Prenzlauer Berg.
Zunächst passieren wir Lörrach, das größer ist als erwartet. Wir wanken weiter entlang einer nicht enden wollenden Teerstraße, die sich durch Weizenfelder schlängelt, von Sonnenlicht umhüllt. Lieber Gott, lass diesen Weg ein Ende nehmen! Es ist eine elende Schinderei. Die Wegweiser immer mit sehnsüchtigem Blick betrachtend, rückt Basel in überschaubare Nähe. Nun hangelt sich der Weg am Waldrand entlang und Lörrach begleitet uns links noch ein Weilchen. Blickt man zurück, kann man vom Schwarzwald winkend Abschied nehmen.



Wir erreichen die Tüllinger Höhe und sind überwältigt. Wie ein Schiffsbug ragt der Berg, auf dem wir stehen, in die drei Länder Frankreich (Saint-Louis), Schweiz (Basel) und Deutschland (Weil am Rhein) hinein. Man kann von oben nach drei Seiten blicken und es hat den Anschein, als wäre das eine gemeinsame Stadt. Das Eck ist eine schön gestaltete Grünanlage mit Hindenburgdenkmal und großem Parkplatz.



Ab jetzt gehts wirklich nur noch runter ins Tal. Durch Gartenanlagen und Weinberge. Und plötzlich sind wir ganz unbemerkt in der Schweiz gelandet, an einem Fluss namens Wiese. Auf dem Wegweiser steht, dass es noch 1,5 Stunden sind bis zum Badischen Bahnhof, dem Ende des Westweges. Das schaffen wir! Mit diesem Motivationsschub straffen wir unsere geschundenen Körper und arbeiten uns entlang der fröhlich plätschernden Wiese Richtung Basel vor. Noch nie habe ich so einen langen Uferweg gesehen. Es ist sehr idyllisch hier und so eine Art Naherholungsgebiet. Es gibt drei parallele Wege: links einen Waldpfad, mittig der geteerte Radweg, auf dem reger Verkehr herrscht und direkt über dem Ufer ist Platz für die Fußgänger.



Da es vom Badischen Bahnhof, der übrigens der DB gehört, nochmal ca. 3 km bis zum Hotel sind, wird empfohlen, ein Taxi zu nehmen. Das ist aber gar nicht nötig, wie wir feststellen, da es ein perfekt funktionierendes Straßenbahnnetz gibt. Als wir aus dem Landschaftspark heraustreten, kommt gerade eine Tram Richtung Basel Hauptbahnhof, wo sich direkt gegenüber unser Hotel befindet.

Wir überlegen nicht lange und steigen ein. Das bedeutet, dass wir jetzt zwar ganz schnell zum Hotel kommen, aber das Ende des Westweges nicht zu Fuß erreichen. Da es aber nicht mehr sehr weit ist bis dorthin und – wie ich gelesen habe – dort nichts auf das Ende der Etappe und des kompletten Weges hindeutet, kein Tor, kein Schild, nix, haben wir gar kein schlechtes Gewissen, die letzten Kilometer nicht gelaufen zu sein. Nach insgesamt 9 Stunden können wir rufen: Geschafft! Fast. Denn das Hotel City Inn zu finden, ist gar nicht so einfach. Wir stehen laut Google Maps direkt davor, aber wo zum Teufel ist der Eingang? Von Kleins Wanderreisen haben wir auch zwei verschiedene Adressen genannt bekommen. An einer unscheinbaren Haustür steht City Inn, aber sie ist verschlossen. Ein Zettel weist auf die zweite Adresse hin. Dort ist das Hotel, wo wir unsere Schlüssel und Koffer bekommen. Es gibt sogar eine Verbindung zwischen den beiden Häusern über verwinkelte Gänge, deren Anordnung mir wohl für immer ein Rätsel bleiben werden. Die Zimmer sind sehr klein, aber funktional. Kein Zentimeter bleibt ungenutzt. Wenn man auf der Toilette sitzt, kann man sich zeitgleich die Hände im Waschbecken und die Füße in der Dusche säubern. Auch der Ausblick ist nicht so spannend, aber es können ja nicht alle Fenster vorne raus gehen, außerdem bin ich nicht hier, um aus dem Fenster zu schauen.



Schnell den Dreck vom Körper gespült, dann brechen wir auf zu einer ersten Erkundungstour durch die Stadt. Wie es das Schicksal so will, befindet sich direkt auf der anderen Straßenseite ein Zahnarztzentrum. Wenn das mal kein Zeichen ist! Ich gehe rein und frage, ob ich für morgen einen Termin bekommen könnte. Es klappt! Noch nie habe ich mich so sehr gefreut, zum Zahnarzt gehen zu dürfen! Obwohl ich natürlich auch Angst habe. Aber es ist Rettung in Sicht. Gut so, denn die Ibuprofen würden nicht mehr bis Berlin reichen und mein Oberkiefer ist schon ganz ausgebeult. Puh, ich fühle mich gleich viel besser, der erste Schritt ist getan.
Jetzt haben wir Hunger. Uns ist nach Flammkuchen oder Pizza zumute, aber schon nach wenigen Schritten wissen wir, dass die Lokal-Wahl eine Herausforderung darstellen wird. Es gibt so viele Restaurants! Eins schöner und verlockender als das andere. Von gemütlich über hipp bis alternativ ist alles dabei. Über allem schwebt ein heiteres, gelassenes, mediterranes Feeling. Es wird gelacht, getrunken, gegessen, gechillt. Hier geht ein Treppchen hoch und macht neugierig, wohin es führt, dort geht eins runter. Folgt man ihnen, kommen neue Treppchen, Plätze, schöne Häuser und Gassen.






Wir entscheiden uns für eine Pizzeria und werden vom Kellner Franz gleich in Beschlag genommen. Ich glaube, am liebsten würde er sich zu uns an den Tisch setzen und mit uns plaudern. Er umkreist unseren Tisch unermüdlich, immer scheinbar beschäftigt mit irgendwas, aber er hat uns im Blick. „Ist alles in Ordnung?“ / „Schmeckts?“ / „Wo kommts dann her?“ / „Was führt euch nach Basel?“ / „Westweg? Wo ist das?“ / „Wann gehts zurück?“ / Was macht eure Regierung in Berlin? Hält sie durch?“ / „Die hams die kloanen Leit vergessen, deswegen wählen die die AfD.“ / „Ist ja in anderen Ländern a net besser.“ / „Kennts den Haider? Den hams liquidiert.“ Es ist schon lustig mit dem Franz. Eine Pizza (sehr groß) kostet rund 20 €. Mit unseren Getränken kommen wir auf 50 €. Zu zweit immer noch weniger als mein Spargelessen vor ein paar Tagen.

Danach nehmen wir einen anderen Weg zurück zum City Inn. Das Gute ist, dass es direkt am Bahnhof liegt und in jeder Etage zwei Kaffeeautomaten, ein Wasserkocher und Tee für die Gäste zur Nutzung bereitstehen. Ich koche gleich zwei Becher schwarzen Tee und Kaffee, um mich fürs Berichtschreiben wachzuhalten. Doch nichts hilft, zweimal kippe ich vor Müdigkeit fast vom Stuhl. Also – ab ins Bett! Doch trotz Blei in Kopf und Gliedern kann ich dann nur sehr schwer einschlafen. Die Lüftung draußen schaltet sich ca. alle drei Minuten mit einem lauten Rumms ein, läuft ein paar Sekunden und dann ist wieder drei Minuten Ruhe. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf, setze meine Kopfhörer auf und lasse mir Geschichten ins Ohr flüstern – nichts hilft. Die Alternative wäre, das Fenster zu schließen. Aber das geht erst recht nicht. Irgendwann siegt aber gnädigerweise das Schlafbedürfnis.
Die Lüftungsanlage:
Akustische Zusammenfassung des siebten Tages:
Mittwoch, 15.05.2024 – Basel
Es gibt bis 10:30 Uhr Frühstück und wir nutzen das aus. Endlich mal nicht so zeitig aufstehen! Der Frühstücksraum befindet sich in der 8. Etage im anderen Haus. Tja, aber wie kommen wir dorthin? Erst mit dem Aufzug runter, dann durch Gänge, einen plüschigen, fensterlosen Aufenthaltsraum, den ich irgendwie gruselig finde, nochmal durch Gänge zur Lobby des anderen Hotels, dort mit dem Aufzug in den 8. Stock. Wow, die Mühe hat sich gelohnt! Uns erwarten eine herrliche Aussicht, klassische Musik und ein abwechslungsreiches Buffet.
Gegen 11 Uhr starten wir zu unserem zweiten, dieses Mal gründlicheren Stadtbummel durch Basel. Was uns auffällt: Genau wie in den skandinavischen Ländern ist die Stadt wie ein großes Wohnzimmer für alle gestaltet. Der öffentliche Raum lädt durch Stadtmöbel der unterschiedlichsten Art zum Aufenthalt ein und das wird von den Menschen angenommen und genutzt. Hier wird gelesen, dort Mittagspause gemacht, da gespielt. Man trifft sich auf ein Schwätzchen oder träumt allein vor sich hin. Essen und Getränke gibt es überall, ebenso stehen gefühlt im Abstand von 50 oder 100 Metern öffentliche WCs zur Verfügung. Mülleimer werden benutzt, die Stadt ist sauber. Ebenso die Öffis. Sollten Ermahnungen nötig sein, wird freundlich darum gebeten.

Die Kirchen geben alles, um ebenso als Aufenthaltsort wahrgenommen und genutzt zu werden. Meistens gibt es darin oder davor ein Café, man kann dort Schmuck und hippe Taschen kaufen, Livemusik hören und sich sogar die Haare schneiden lassen.





Auch an Blinde ist gedacht. Überall in der Innenstadt sind Führungsstreifen auf den Gehwegen angebracht, von denen sich Sehbehinderte leiten lassen können. An Bushaltestellen führt die haptische Markierung direkt zum Einstieg in den Bus, der auch genau an dieser Stelle hält. Das menschliche Miteinander ist ein anderes als in Deutschland. Es gibt sogar ein Männerwohnheim. Die Innenstadt, die sich auch am Rheinufer entlang zieht, ist sehr romantisch. Jedenfalls für Touristen wie uns. Besonders gefällt uns, dass selbst in den kleinsten Gassen fast jedes Haus einen Namen hat von historischer oder symbolischer Bedeutung. Einige dieser Namen sind sehr alt und spiegeln die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner wider. Zum Beispiel gibt es das “Haus zum Otter”, “zum Winkelmass” oder “zur wilden Katze”. Auch die Straßennamen sind immer in ihrer Bedeutung erklärt.















Ein architektonisches Kleinod ist das Rathaus. Hier kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Wir erleben eine Kundgebung im Innenhof mit, die gegen den Autobahnbau und für einen höheren Stellenwert von Fahrrädern kämpft und dabei vom Schweizer Rundfunk begleitet wird. Im Hof befindet sich eine Sprachbox des Rundfunks für Umfragen. Dort kann man zur Frage des Tages seine Meinung auf Band sprechen. Offensichtlich spielt gelebte Bürgerbeteiligung eine große Rolle.









Wir treiben uns aber nicht nur in der Innenstadt rum, sondern erweitern unseren Radius. Dabei entdecken wir andere interessante Dinge, z.B. eine Giraffe im Garten, ganz besondere Bäume in einem Park, in dem sich ein Spielplatz an den anderen reiht oder eine linke Location, die Georgs Aufmerksamkeit erweckt. Ich wäre zügig daran vorbeigelaufen, aber allein schon die Getränkekarte ist es wert, da mal reinzugehen. Ich esse eine leckere Möhren-Kokos-Suppe und Georg einen Salat.






Mein Zahnarzttermin naht und wir öffnen den Bewegungsradius noch ein bisschen weiter, bevor wir ins Hotel zurückkehren. Ich teile die verbleibende Zeit in davor und danach. Wenn ich die Treppe das nächste Mal hochgehe, habe ich es hinter mir. Wenn ich das Zimmer wieder betrete, ist es geschafft. Wenn ich Georg wiedersehe, ist der Zahnarztbesuch Geschichte. Ich habe große Angst, aber auch ein Urvertrauen. Meine Freundin Kerstin schrieb mir zur Ermutigung: „Die Zahnärzte in der Schweiz sollen sehr gut sein.“ Dann kann ich es nicht länger rausschieben. Los gehts. Raus aus dem Hotel, rein in die Höhle des Löwen. Als erstes werde ich gefragt, ob ich ein Getränk möchte. Ja! Whisky doppelt, bitte! Dann bekomme ich ein iPad in die Hand gedrückt. Ich muss einen Fragebogen ausfüllen. Name, Adresse, Mailadresse, Telefonnummer, Geburtsdatum, Name des Hausarztes (Oh Gott, wie heißt der nochmal? Mein Kopf ist leer, aber es gibt ja Google), Name des Zahnarztes (Vergessen, Google hilf!), ob mir mein Lächeln gefällt (Nein!!!), ob mir meine Zahnfarbe gefällt (erst recht nicht), Allergien, regelmäßige Medikamente (Ist nur eins, ich kenne sogar den Namen!), Vorerkrankungen, Beschwerden, Krankenkasse, wie wird bezahlt, Unterschrift. Zum Schluss muss ich noch ein Foto von mir machen und speichern. Kurze Verschnaufpause, dann werde ich von einer Schwester ins Behandlungszimmer geführt. Rauf auf den Stuhl, Kopfstütze wird angepasst. Ist das bequem. Darf ich hier liegenbleiben? Bitte! Ich besinne mich und bete meinen Text runter, den ich auswendig gelernt habe: Meine Auslandskrankenversicherung übernimmt nur notwendige Leistungen / Ich brauche eine Originalrechnung mit Unterschrift / Auf der Rechnung müssen alle Leistungen aufgeführt sein. Die Schwester hört sich alles an („Ich sage das dann dem behandelnden Arzt!“) und klopft auf meinen Zähnen rum. „Tut das weh?“ Wie immer tut natürlich vor Angst nichts mehr weh. Aber ich beichte, dass ich kurz vorher eine Ibuprofen genommen habe. An dieser Stelle möchte ich mich nochmal von ganzem Herzen bei der freundlichen Kellnerin bedanken, die dafür gesorgt hat, dass ich relativ schmerzgedämpft wandern konnte. Ihre Gabe hat genau bis heute gereicht. Es folgt eine Röntgenaufnahme, dann kommt der Arzt namens Roberto Imperatore. Er erklärt mir das Röntgenbild:

Ich finde, das sieht aus wie ein Fuß mit vier Zehen. Er sieht, dass sich ein Abszess breitgemacht hat und erklärt mir, dass er nun einen Schnitt machen wird, damit der Eiter abfließen kann. Danach würde er nachschauen, ob die Zahnwurzel schon befallen ist. Falls ja, kann der Zahn nicht erhalten werden. Er bemerkt auch kritisch, dass die im Bild rechte Krone fehlerhaft aufgesetzt wurde. So, los gehts. Erst drei Einstiche zur Betäubung. Das ist eigentlich das Einzige, was weh tut. Danach merke ich nichts mehr. Er ackert ca. zehn Minuten in meinem Mund rum – fertig! Nun noch ein Antibiotika-Rezept, dann ist alles erledigt. Bis auf die Originalrechnung. Das ist so oldschool, als ob ich darauf bestehen würde, dass sie mit der Schreibmaschine verfasst werden muss. „Wir schicken Ihnen alles per Mail!“ Nein, ich brauche einen Ausdruck. Ich finde das ja selbst merkwürdig, aber die DEVK verlangt nun mal eine Original-Unterschrift auf der Rechnung. Alle schauen mich irritiert an. Hier geht es offensichtlich papierlos zu. Aber irgendwie bekommen sie es hin. Wie schon zur Begrüßung, werde ich auch mit Handschlag verabschiedet. Kosten: rund 350 €. Darin enthalten: 17 € Grundtaxe für Arbeitsplatzdesinfektion, 40 € Kurzbefundaufnahme, 30 € parodontale Kurzbefundaufnahme, 23 € Röntgen, 46 € Anästhesie, 146 € Behandlung, 46 € Rezept. Also ich habe einen Parodontalabszess. Der Zahn ist davon irreparabel befallen und muss raus.
Nun noch mein Einkaufserlebnis in der Apotheke. Ich marschiere rein und warte geduldig, bis ich mitbekomme, dass man eine Nummer ziehen muss wie beim Bürgeramt. Ok, Nummer gezogen. Dann warte ich, und warte, und warte. Vier Schalter sind besetzt und alle brauchen viel Zeit. Wofür eigentlich? Als ich an der Reihe bin, weiß ich, warum. Das ist nicht wie in Deutschland: Rezept vorlegen, Medikament bekommen, bezahlen, raus. Nein, erst einmal Name und Adresse. Geburtsdatum, Telefonnummer, welche Medikamente werden regelmäßig eingenommen, gibt es Allergien. Dann muss die Krankenkassenkarte vorgelegt werden. Alles wird notiert. Nun wird das Antibiotikum geordert und fällt in einen Auffangbehälter. Dann geht die Verkäuferin mit Rezept und Medikament zum Prüfen. In einer Ecke sitzen zwei Männer vor Bildschirmen und überprüfen alles nochmal. Ist der Vorgang abgesegnet, werden Aufkleber ausgedruckt, auf denen meine Daten stehen und die Medikation. Einer wird auf die Schachtel geklebt, einer aufs Rezept. Nun kann ich endlich bezahlen: 37 €.
Seit der Behandlung habe ich kaum noch Schmerzen. Ibuprofen wird wieder aus dem Speiseplan gestrichen. Am Freitag gehts dann in Berlin bei meiner Zahnärztin weiter.
1,5 Stunden später bin ich wieder im Hotel, gebe Georg wie besprochen ein Zeichen und wir ziehen nochmal los. Schließlich wollen wir so viel wie möglich von Basel sehen. Wir kommen an der Markthalle vorbei uns schauen mal rein. Die Öffnungszeiten sind sehr interessant, am Wochenende ist z.B. von 8-2 Uhr offen. Man kann das Innenleben ein bisschen mit den Markthallen in Berlin vergleichen. Es gibt Läden und Imbisse. Aber das trifft es nur bedingt. Man findet hier auch Begegnungsräume z.B. für Bürgerbeteiligung, das Wohnzimmer, in dem man sich auch ohne zu konsumieren aufhalten kann, Spielzimmer u.v.m. Also auch hier wieder die Nutzung des öffentlichen Raumes. Noch ist es ziemlich leer und wir beschließen, abends hier essen zu gehen. Unterwegs sehen wir eine Straßenbahn mit dem Ziel Weil am Rhein. Da wir als Hotelgäste freie Fahrt haben, nutzen wir die Chance, mal schnell rüber nach Deutschland zu fahren, dann waren wir auch mal in Weil am Rhein. Doch der Ort ist enttäuschend. Außer der Stadtbibliothek können wir hier nichts Aufregendes entdecken. Da sich ein Gewitter zusammenbraut, beeilen wir uns, wieder nach Basel zu kommen und statten der Markthalle nochmal einen Besuch ab. Wir werden von einer Geräuschkulisse tausendfacher Stimmen empfangen. Die Halle ist rappelvoll, das Leben tobt. Man trifft sich hier offensichtlich zum essen, trinken, diskutieren, debattieren, feiern. Das Wohnzimmer ist voll mit Menschen an Laptops, beim Weintrinken, Schachspielen, Lesen. In einem Raum wird über erneuerbare Energien diskutiert. Es ist der Wahnsinn! Wir entscheiden uns für ein Essen nach Jerusalemer Art und schwelgen in Erinnerungen an unsere Reise dorthin.





Einen besseren Abschluss unseres Kurzbesuches in Basel können wir uns gar nicht vorstellen. Ach ja, unsere Gespräche bewegten sich heute mal wieder um Stadtplanung, um Weil am Rhein, den deutschen Befehlston gegenüber der Schweizer Höflichkeit, Jerusalem, Alkoholgehalt, die risikoärmste Rückfahrt, den schlechten Ruf der Deutschen Bahn bei der Schweizer Bahn, Stadt als Wohnzimmer, hässliche Häuser, Autobahnwahn, Stimme der BVG, Open Library, Parodontalabszess, Schulsystem, Frontalunterricht, Methodenunterricht, Rechtschreibung, Ausdruck, Antibiotika, Apotheken, Handschlag, Lüftung, Geschichte der Schweiz. Ich freue mich auf die Novelle der KI!
Morgen wissen wir noch nicht genau, ob unser Zug fährt oder nicht. Ich wurde benachrichtigt, dass er ausfällt, aber er ist auf bahn.de buchbar. So bleibt unser Urlaub bis zum letzten Tag spannend.
Akustische Zusammenfassung des achten Tages:
Donnerstag, 16.05.2024 – Basel bis Berlin


Ein letztes Mal frühstücken wir über den Dächern von Basel und verlassen auf den verschlungenen Pfaden des Hotels unser kurzzeitiges Zuhause. Zwei Minuten später sind wir im Bahnhof und beobachten gespannt die Anzeigetafel. Ich hatte vor Monaten einen durchgehenden Zug von Basel nach Berlin gebucht, aber schon vor Wochen die Nachricht erhalten, dass diese Fahrt leider ausfällt. Die Alternative war, neue Platzkarten für eine spätere Verbindung zu kaufen. Habe ich gemacht. Damit ich auch nicht vergesse, dass ich zur ursprünglichen Zeit um 12:13 Uhr nicht fahren kann, schickte mir die Bahn seit einer Woche täglich eine Mail und eine App-Nachricht, auch heute. Ja doch! Ich habs verstanden! Georg stellte aber gestern fest, dass dieser Zug buchbar ist, also vermutlich doch fährt. Die Nachfrage am Auskunftsschalter ergab, dass sich die Schweiz ihre Pünktlichkeit im Bahnverkehr nicht von der DB durcheinanderbringen lässt. Wenn ein Zug Verspätung hat und das Auswirkungen auf andere Verbindungen hätte, darf er nicht weiterfahren. Also wusste die DB schon vor Wochen, dass der Zug nicht pünktlich sein wird? Vorsichtshalber sind wir zeitig genug da, um eventuell doch in den Genuss der ursprünglichen Fahrt zu kommen. Ich nutze die Wartezeit und trenne mich nach vielen gemeinsame Jahren von meinen Wanderschuhen.

Georg dichtet dazu: „Sie haben mich so lang um die Welt getragen | dass sie langsam nun versagen | duftend löchrig wie ein Schweizer Käse | ich hoffe, dass ich bald genese.“ Nun habe ich bleibende Spuren in der Schweiz hinterlassen und einen zwingenden Grund, mir neue Schuhe kaufen zu müssen.
Ein neuerlicher Blick auf die Anzeigetafel lässt unsere Herzen höher schlagen – unser 12:13-Zug wird tatsächlich aufgeführt! Erwartungsvoll streben wir dem Gleis entgegen, doch vorher will ich mir noch Proviant kaufen. An einem Stand lachen mich die Käsebrezeln an. Doch so einfach ist das nicht. Käsebrezel! Welch unkonkrete Angabe! Ich muss mich zwischen vier Sorten entscheiden und bin schon wieder überfordert. Ich überlasse die Wahl einfach der Verkäuferin, was diese wiederum in Konflikte stürzt. Nun noch eine Flasche Rivella, das Schweizerische Nationalgetränk und ab zum Gleis. Es ist gerade mal 12 Uhr, da fährt der Zug schon ein. Unsere Begeisterung kennt keine Grenzen. Gefühlt sind wir die einzigen, die einsteigen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so entspannt in einem leeren ICE Platz genommen zu haben. Ich frage den Schaffner, wieso dieser Zug ausfällt, obwohl er fährt. Er ist sehr erstaunt und hat darauf auch keine Antwort. letztendlich ist es ja egal, aber ich würde es eben gerne verstehen. Jetzt sitzen wir jedenfalls und rollen Berlin entgegen.

Morgen muss ich den Zahnarztbesuch noch hinter mich bringen, der vermutlich Folgetermine nach sich ziehen wird. Dann ab ins Pfingstwochenende, bevor es am Dienstag wieder los geht. Wir haben vorhin am Frühstückstisch darüber philosophiert, dass wir nach dem Ruhetag in Basel auch gerne weiterwandern würden. Essen, trinken, schlafen, laufen. Was braucht der Mensch mehr?



























