Corona greift an – November

2. November. Seit Tagen schiebe ich den Eintrag vor mir her. Immer wieder gibt es Situationen, in denen ich denke: „Das muss unbedingt ins Corona-Tagebuch.“ Doch dann folgt schon der nächste Gedanke und verdrängt den vorherigen. Meine letzte Notiz ist vom 20. Oktober und hat schon einen leicht pessimistischen Grundton, ist aber noch voller Zuversicht bezüglich der bevorstehenden Veranstaltungen in der Bibliothek. Eine Woche später, am 27. Oktober, verkündet die Bundesregierung für November den sogenannten Lockdown light und cancelt somit alle geplanten Events. Für mich persönlich ist das ein Schlag ins Gesicht – Storytauschlesung mit Iny Lorentz – adé! Alle Vorbereitungen und Gedanken zum Ablauf – paff – umsonst! Ich hatte für alle Masken mit dem Covermotiv anfertigen lassen und mir vorgestellt, dass es gut ankommen würde, wenn zur Lesung die Mund-Nasenbedeckung der Teilnehmer identisch wäre.

Auch andere kleine Goodies habe ich anfertigen lassen, die ich am Ende überreichen wollte mit der Freude am Schenken. Die muss ich mir jetzt in Gedanken vorstellen.

Schwebende Bücher mit dem Literaturhaus Berlin zu Gast – geplatzt! Lesung „Gruseln am Kamin“ mit meinen Schreiberlingen im Stadtteilzentrum Kaulsdorf – aus die Maus. Musikschulkonzert mit Textpassagen der Schreibwerkstatt zum Thema „Freiheit“ – abgesagt. Schreibzirkel und Kennenlerntreffen mit Franziska Hauser, unserer Co-Autorin für 2021 – verschoben. Das alles setzte mir mehr zu als vermutet. Ich schwankte zwischen „Ich habe keine Lust mehr“ und mich bockig in eine Ecke verkrümeln, „Ich will jetzt heulen“ und allem hoffnungslos hinterhertrauern und „ICH BIN SO WÜTEND!“ und dem Drang, mich irgendwie wehren zu wollen. Schließlich die Erkenntnis, dass nichts davon eine sinnvolle Option darstellt. Der Blick nach vorn wäre das Beste, doch da ist nichts, worauf man optimistisch hinarbeiten könnte. Hinter allem steht ein großes Fragezeichen, zumal die Politiker jetzt Stück für Stück durchblicken lassen, dass auch Ostern und darüber hinaus lange nichts wieder so sein wird, wie wir es uns wünschen.

Regelrecht sauer war ich, dass das Wort „Bibliotheken“ in der Verordnung gar nicht vorkam, weder in der Liste der zu schließenden Einrichtungen noch in der, die offen bleiben dürfen. Man hatte uns einfach mal vergessen. Merkwürdigerweise spielen Bibliotheken – wenn überhaupt – immer eine untergeordnete, nebensächliche, belächelte Rolle, obwohl sie die meistbesuchten öffentlichen Einrichtungen sind! Wir konnten unseren Lesern keine Antwort auf die häufig gestellte Frage geben, ob wir ab Montag geschlossen haben oder nicht. Wir tappten im Dunkeln. Erst in der vom Senat beschlossenen zehnten Änderung der Infektionsschutzverordnung, die am Abend des 29.10.2020 veröffentlicht wurde, hieß es dann:
“Der Leihbetrieb von Bibliotheken ist zulässig.” Also auf die reine Ausleihe beschränkt. Doch immerhin. Es ist mir natürlich bewusst, dass es viele Menschen weitaus schlimmer erwischt hat. Ich jammere – wie man so schön sagt – auf hohem Niveau. Ich verliere nicht meine Arbeit, ich habe weiterhin mein regelmäßiges Einkommen, ich habe zu essen, kann meine Miete zahlen und mir viele schöne Dinge kaufen. Und doch ist da diese unterschwellige Niedergeschlagenheit, diese Perspektivlosigkeit des selbstbestimmten Handelns, die großen Fragezeichen hinter allem, was in der Zukunft liegt, die sich breit machende Schwermut und Aggressivität.

Aber es gibt auch Schönes zu berichten. Letzte Woche habe ich mich mit zwei Zehntklässlerinnen getroffen, die auf mein Buch „Platzverweis für eine Erbse“ aufmerksam geworden sind. Sie haben für die Präsentationsprüfung das Thema „Brustkrebs“ gewählt, im Internet recherchiert und mich kontaktiert. War eine angenehme Begegnung mit den beiden. Als Dankeschön schenkten sie mir ein Notizbuch und ich ihnen mein Buch mit Widmung.

Merkwürdig ist, dass jahrelang kein Hahn mehr nach dem Buch krähte und auch ich nur selten daran dachte. Doch in letzter Zeit häufen sich die Rückmeldungen von Frauen, die es – meist aus persönlichen Betroffenheitsgründen – mit Begeisterung gelesen haben. Diese positiven Reaktionen freuen mich natürlich immer sehr, wenn auch stets das Teufelchen auf meiner Schulter sitzt und hämisch kichert: „Bilde dir darauf bloß nichts ein! Denkst du etwa, es sagt dir eine ins Gesicht, dass ihr das Buch nicht gefallen hat?“ Doch dann hält mein Verstand dagegen: „Das ist doch Quatsch! Dann hätten sie gar nichts gesagt!“ Dieses Argument gefällt mir natürlich viel besser und wird unterstrichen durch einen Brief einer ehemaligen Kollegin, die sich von mir das Buch gewünscht hat. Sie schrieb: „Ich mag deine Ehrlichkeit über deine Gedanken und Gefühle, deine Situation, über das Verhalten anderer Menschen und über deine Leidenschaft, das Wandern.“ Und sie fragt mich, ob ich meine neue Sicht nach der Krankheit auf die Welt und das Leben beibehalten habe oder sie mir im Alltag wieder entglitten ist. Doch, sie ist noch da, diese Sichtweise. Ich kann damit manchen Situationen gelassener begegnen als andere, weil ich weiß, wie unwichtig plötzlich scheinbar Dramatisches werden kann, wenn man die Diagnose Krebs bekommt, dass Gesundheit wirklich das Allerwichtigste ist. Aber ich verbuddle diese gewonnene Weisheit oft unter vermeintlich ganz wichtigen Dingen, die unbedingt zu erledigen sind.

Und jetzt beim Schreiben und Nachdenken darüber wird mir klar, dass ich sie dringendst freilegen sollte im Kampf gegen Corona. Mich mal wieder mehr um meine Familie und Freunde bemühen müsste, inspiriert von dieser Karte, die dem Brief beilag. Danke, liebe F., dass du mich wachgerüttelt hast! Manchmal bedarf es solcher Anstupser.

Nächste Freude: Ich hatte ja von den zu Schachteln gefalteten Briefen berichtet, die mir meine Schreiblinge zum Geburtstag geschenkt haben. In der innersten Schachtel befanden sich ganz viele kleine Zettelchen mit Wünschen an mich. Die habe ich jetzt am Wochenende mal alle entfaltet, gelesen und aufgeklebt (mittlerweile habe ich einen Ordner). Darunter waren so rührende Worte, dass ich gerne meine Leserschaft daran teilhaben lassen möchte, denn sie wärmen das Herz:

Sonnenschein, der deine Haut angenehm wärmt / ich wünsche dir eine gute Balkonernte / auf dem Nachhauseweg 10 € finden / einen angenehmen und fordernden Wanderweg / Träume, die dich zum Lächeln bringen / gutes Gedeihen deiner Pflanzen / das letzte Brötchen im Supermarkt / nicht stolpern / sanftes Aufwachen durch Vogelgezwitscher / Zeit mit Menschen, die dir wichtig sind / Kekse / ein spannendes Buch / pro Tag ein Grund zum Lächeln / You made my first Samstag im Monat / behalte die Ausstrahlung einer Sonne / dass mehr Leuten bewusst wird, was du für sie tust / dass dein Lebenswille nie abnimmt / dass du so weiter mit deinen strahlenden Augen mit uns lachst

Vor lauter Arbeit am PC und im Kopf habe ich außerdem fast vergessen, wie schön es trotz November draußen sein kann. Am Wochenende war ich mit meinem Mann in den Gärten der Welt und habe dort den Herbst gefunden:

Die laufende Bibliothekarin läuft nämlich schon lange nicht mehr jeden Tag zur Arbeit und zurück! Doch heute, nach meinem durch verkürzte Öffnungszeiten bedingten frühen Feierabend, bog ich spontan nicht zur Straßenbahn ab, sondern Richtung Dorf Marzahn und lief nach Hause. Grund war erstens das äußerst milde Wetter (22 Grad) und der Widerwille, nach wenigen Minuten freien Gesichtes wieder das Tuch über Mund und Nase stülpen zu müssen. Da wir jetzt ständig die Maske tragen müssen, wenn wir nicht gerade sitzen, freut man sich über jede Gelegenheit, richtig durchatmen zu können. Es war eine Wohltat, nebenbei habe ich Audio-Geschichtsunterricht genommen (Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten) und mich an meinen bequemen, neuen Lieblingsstiefeln erfreut. Das schreit nach Wiederholung: Draußen, Bewegung, Natur, ungehinderte Luftzufuhr, Hörbuch. Corona – was war das nochmal?

14. November. Ich lese gerade „Sonderappell“ von Sybil Gräfin Schönfeldt und bin mal wieder sehr dankbar, im Hier und Jetzt zu leben. Trotz Corona geht es uns im Vergleich zu denen, die sich Anfang der 40er Jahre durchschlagen mussten, sehr gut. Es wird das Leben eines 17jährigen Mädchens im RAD (Reichsarbeitsdienst) beschrieben, das in verschiedenen Familien den Bauern zur Hand gehen musste, körperliche Schwerstarbeit leistete im Haushalt und Stall, sich um die Kinder kümmerte und es als das höchste Glück empfand, etwas zu essen zu bekommen.

Wir leben im Luxus und sind trotzdem unzufrieden und denken, schlimmer kanns nicht kommen, weil wir nicht mehr frei in unseren Entscheidungen sind. Unser Leben wird von Corona diktiert und das ist eine nicht zu leugnende Belastung. Momentan befinde ich mich mal wieder in einer „Ist-eben-nicht-zu-ändern“-Phase und nehme alle so hin, wie es kommt. Das Tragen von Bandanas ist für mich die erträglichste Art, der Maskenpflicht nachzukommen. Sie sind leicht und luftig und manchmal merke ich gar nicht, dass ich das Tuch noch vor der Nase habe. Man arrangiert sich. Es ist auch ein Hauch von Resignation dabei, denn der Dezember wird nicht anders werden, wir können froh sein, wenn die Bibliothek geöffnet bleiben kann. Schreibtreffen rücken ins nächste Jahr, für Dezember werde ich Zoom aktivieren, damit wir wenigstens mit dem nächsten Storytausch beginnen können, dem ein Kennenlerntreffen mit Franziska Hauser vorausgehen soll. Sie ist unsere Co-Autorin für 2021 und wir werden nun online die Vorgehensweise und das Thema besprechen.

Momentan sammle ich Zuarbeiten für eine digitale Präsentation unseres Romans statt der geplanten Lesung mit Iny Lorentz und versuche, so eine Art Audiotrailer für das Buch zu erstellen. Damit betrete ich Neuland (für mich), aber man kann ja nur dazulernen. Das Autorenpaar schickt mir dafür auch noch eine Videobotschaft und ein bisschen eingelesenen Text. Auf Instagram haben sie zu unserer Freude das nebenstehende Foto veröffentlicht. Das verschaffte uns gleich eine Menge Aufmerksamkeit auf Social Media.

Letzte Woche habe ich den Großteil meiner Feierabende damit verbracht, Briefe zu schreiben. Anfang Oktober überreichten mir meine „Schreiberlinge“ 22 ineinander gestapelte, zu Schachteln gefaltete Briefe an mich. Sie haben mich so nachhaltig berührt und beeindruckt, dass ich das Bedürfnis hatte, jedem Absender persönlich zu antworten. Auch die liebevollen Illustrationen sind einfach rührend! 2x habe ich mich sogar selbst entdeckt und fühle mich gut getroffen. Ich legte mir schönes Briefpapier zu und verfasste 22 Antwortbriefe. Eine wunderbare, sehr intensive und fast meditative Art der Kommunikation.

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich in dicke Decken gehüllt im nur elektrisch heizbaren Haus unserer „Datsche“. Morgen wird die Saison beendet. Wasser abdrehen, alles einpacken, was nicht überwintern kann in Garten und Haus, Kühlschrank leeren, Strom ab- und Entfeuchter aufstellen. Es war nochmal so richtig schönes Wetter am Wochenende und wir haben den Abend ein letztes Mal in diesem Jahr am Feuer ausklingen lassen. Vermutlich. Vielleicht wagen wir es, Silvester hier zu verbringen.

ES GEHT UNS SO GUT, UND DAFÜR BIN ICH DANKBAR.