Corona greift an – Mai

01. – 05. Mai.  Das Newsletterversand-Problem ist gelöst. Es handelte sich um berlinweites ein Serverproblem, das ich alleine gar nicht hätte lösen können. Nun ist alles wieder gut und der Newsletter ist raus. Am 2. Mai hat meine Schwiegermama Geburtstag und wir fahren deswegen nach Eisenhüttenstadt. Wir waren nun schon seit 2 Monaten nicht dort und deswegen haben wir diesen Schritt gewagt. Sie hat sich riesig gefreut, auch über unser Geschenk – ein Kühlschrankmagnet mit ihrem Konterfei, angefertigt in der Künstlerwerkstatt von Antje Püpke.  Es ist so gut getroffen! IMG-20200427-WA0020 Der Tag vergeht mit Sitzen und Essen. Ohne putzen! Das muss ich am Sonntag kompensieren und bringe den letzten, noch nicht gesäuberten Raum meiner Wohnung auf Hochglanz – die Küche. Jetzt bin ich wirklich in jeden Winkel gekrochen und habe wieder den Überblick, was sich in meinen Schränken und Schubfächern verbirgt. Mal schauen, wie lange. Besonders freut es mich, dass die heutige Familienzusammenführung meiner Vögelchen offenbar friedlich abzulaufen scheint. Alle haben sich wieder lieb. Sehr lieb übrigens! Da werde ich wieder etliche Eier aus dem Nest holen müssen. Abends sind wir zum Spargelessen bei meiner 85jährigen Nachbarin eingeladen. Ja, ich gebe es zu – der zweite Verstoß gegen die Kontaktbeschränkung. Aber wir haben auf den Abstand geachtet. Auch sie leidet unter der Isolation und hat unsere Gesellschaft sehr genossen. Es ist nach diesem Schlemmerwochenende überaus wohltuend, dass ich am Montag wieder losmarschieren kann. Ich bin mittlerweile tatsächlich fast froh über die Maskenpflicht, denn sonst würde doch immer wieder die Bequemlichkeit siegen. Es ist zwar sehr kühl, aber die Sonne strahlt und ich taumle und stapfe im Rhythmus meiner Lieblingsmusik durch die duftende Landschaft. Der Tierhof Marzahn hat seinen Bewohnern Auslauf gegeben und ich kann kleine Zicklein beobachten, die aus dem Stand heraus lustig rumhopsen. Auch die Schafe haben Nachwuchs und Ponys, Pferde und Esel vervollkommnen die Idylle. Die Kirschbäume verheißen gute Ernte. Es ist schön in Marzahn!

Auf dem Gehwegpflaster kurz vor der Bibliothek hat jemand eine Botschaft für vegane Ernährung hinterlassen, die aber der Regen gnädigerweise schon ziemlich unleserlich gewaschen hat. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man sich für diese Lebensweise entscheidet, aber man sollte auch seinen Mitmenschen die Wahl lassen, ob sie Fleisch essen oder nicht:

In de Bibliothek laufen die Vorbereitungen für Montag auf Hochtouren. Im Foyer des Freizeitforums gibt es schon ein Einbahnstraßen-Wegeleitsystem.

Auch innerhalb der Bibliothek gibt es von Tag zu Tag Fortschritte. Stühle sind weggeräumt, die Plexiglas-Spuckschutzwände werden morgen aufgebaut, alle Computer sind ihrer Tastaturen beraubt, die Tageszeitungen sind nicht frei zugänglich. Desinfektionsmittel, Handschuhe und Mundschutz sind ausreichend vorhanden.

Der Einsatzplan ist fertig, Details geklärt. So dürfen z.B. nur 30 Personen rein, Kinder unter 10 Jahren in Begleitung der Eltern, es besteht Maskenpflicht für alle. Wir dürfen nicht mit den Kunden zusammen zum Regal, alle sollen sich so kurz wie möglich aufhalten. Ich glaube, die Arbeit wird mir unter diesen Vorgaben keinen Spaß mehr machen. Aber darum geht es jetzt auch nicht, Hauptsache, wir können wieder öffnen. Tröstlich ist es, dass die Arbeiten auf dem Dach kontinuierlich voranschreiten und bessere Zeiten versprechen: 20200504_142635 Die Corona-Gesamtsituation ist sehr gut, heute hat RKI-Chef Wieler sogar gelächelt. Durch die vielen Lockerungen haben die Menschen das Gefühl, dass jetzt alles wieder normal wird. Aber es wird eine zweite und dritte Infektionswelle vorausgesagt, die dieser trügerischen Sicherheit gleich wieder einen Fußtritt verpassen. Keiner weiß, was kommt und man darf nicht in die Argumentationsfalle tappen, dass die ganzen Maßnahmen nicht nötig gewesen wären. Vermutlich geht es vergleichsweise ruhig zu in Deutschland, eben weil diese Maßnahmen getroffen wurden. Ich widme mich heute noch dem Einrichten von 13 iPads für die Bibliothek Kaulsdorf Nord. Wie immer dauert das länger als geplant, aber mit viel Geduld werde ich es schaffen, denke ich.

6. und 7. Mai. Meine täglichen Fußmärsche fallen mir immer leichter und werden selbstverständlicher. Zur Abwechslung habe ich mir in der Onleihe zwei Hörbücher ausgeliehen und verfolge jetzt das Buch „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq mit großen Interesse. Gelesen wird es von Christian Berkel und seine angenehme Stimme macht das Zuhören zum Vergnügen. Es geht um den Literaturwissenschaftler Francois, der tagebuchartig die Zustände in Frankreich im Jahr 2022 und die schleichende Islamisierung des Landes beschreibt. Gelesen hätte ich das Buch wohl niemals, schon wegen der vielen französischen Namen darin, aber wenn man es erzählt bekommt, ist das was ganz anderes. Zwei Stunden pro Tag abtauchen in fremde Welten und trotzdem die Bewegung in die Natur genießen und auch kleine Dinge entdecken: 20200506_091332 In der Bibliothek herrscht reges Treiben. Die geisterhafte Ruhe der letzten Wochen ist vorbei. Überall wuseln Kolleginnen und Kollegen rum und bereiten den Montag vor.

Es werden Bodenmarkierungen geklebt, Plexiglaswände aufgestellt und geputzt, in der Kinderbibliothek gibt es komplette Umräumaktionen. Die Hobbykünstlerin Elke Krause verschönt mit ihren Bildern die Wände.

Ich bin immer noch mit den iPads beschäftigt und nehme sie mit nach Hause, da die Konfiguration mit dem öffentlichen WLAN in der Bibliothek nicht funktioniert. Auch andere Dinge beschäftigen mich, z.B. die Umwandlung einer mp4-Datei in mp3 für unseren Podcast. Man wächst mit seinen Aufgaben! Der Autor Holger Siemann hätte eigentlich am 14. Mai bei uns gelesen und hat mir nun als kleinen Ersatz dafür eine Lesung auf Video geschickt. Heute macht sich auf dem Nachhauseweg sehr deutlich bemerkbar, dass die Lockerungen zunehmen. Sonst begegnete einem nur hin und wieder ein Auto, doch jetzt steht man schon mal 1-2 Minuten am Straßenrand, bevor man rüberkommt. Ich muss gestehen, dass ich in solchen Momenten ein bisschen wehmütig den vergangenen Wochen nachtrauere. Besonders erfreue ich mich aber an meinen Balkonblumen, die den Winter überlebt haben und nun üppig blühen:

Jedenfalls sind wir alle nun gut gerüstet für den Montag und auch ziemlich aufgeregt. Keiner weiß, was auf uns zukommt. Werden wir überrannt? Verhalten sich alle vernünftig? Ich habe auch ein paarmal Dienst als „Türsteher“ und denke, dass es dort am intensivsten wird. Vor allem muss auch ich dann einen Mundschutz tragen. Vermutlich wird die Maskenpflicht als letztes aufgehoben und ich werde wohl noch lange laufen können!

08.-10. Mai. Nochmal Luft holen an diesem verlängerten Wochenende, bevor es am Montag zur Sache geht. Es werden weitere Lockerungen beschlossen mit daran geknüpfte Bedingungen, deren Kontrolle und Umsetzung aber oft zur Farce werden, weil sie in der Praxis schlichtweg zur Auslegungssache werden. Wir tun einfach mal so, als gäbe es Corona nicht und fahren zu unserem neuerworbenen Pachtgrundstück an der Havel, das ein Jahr lang ungenutzt der Rückeroberung durch die Natur „ausgeliefert“ war. Ich finde es irgendwie tröstlich, dass Mutter Erde in der Lage ist, in Windeseile alle menschlichen Spuren zu tilgen. Das hat sie auch hier mit freundlicher Gelassenheit getan. Ein Blick genügt und uns ist klar, dass Faulenzen für die drei freien Tage keine Option sein wird. Bis auf unseren Einkauf im nahegelegenen Supermarkt fällt es uns sehr leicht, nicht mehr an Corona zu denken. Dafür ist gar keine Zeit. Jeder sucht sich eine Wirkungsstelle aus. Mein Mann die Werkstatt, ich die Küche, mein Sohn den Rasen. Aber abends am Feuer, mit einem Glas Rotwein in der Hand und in dicke Decken gehüllt hängen wir unseren Gedanken nach, studieren den beeindruckenden Sternenhimmel und entdecken das einzige uns bekannte Sternbild „Großer Wagen“.

Am nächsten Tag erkunden wir bei einem Spaziergang unsere neue Zweitheimat. Schauen wir mal. Vielleicht werden wir tatsächlich Datschenliebhaber. Wenn wir ein bisschen Grund reingebracht haben, ist vielleicht auch mal Zeit zum Genießen. Aber vielleicht wird das Grundstück auch schnell zur lästigen Pflicht, dann können wir ja wieder kündigen. Es ist ein Experiment, aber ein schönes.

Ab und zu kam mal der Gedanke an Montag auf. Die Ungewissheit, wie wir die Situation meistern werden und was auf uns zukommt, macht mir zu schaffen. Und nicht nur mir!

11. Mai. Noch nie bin ich so ungern zur Arbeit gegangen. Fast habe ich ein bisschen Angst! Die Vorstellung, zwei Stunden mit Maske im Gesicht Türsteher spielen zu müssen, macht mich fertig. Es fällt mir schwer, Maßnahmen nach außen hin zu vertreten, von denen ich selbst nicht überzeugt bin. Das ist Jammern auf hohem Niveau, weiß ich. Deswegen reiße ich mich jetzt zusammen und mache mich auf den Weg. Draußen herrscht zu gestern ein Temperaturgefälle von 20 Grad, aber trotzdem werde ich natürlich laufen. Immer besser als mit Stoffläppchen vor Mund und Nase.

Auch den Rückweg gehe ich wieder zu Fuß und immer noch bereitet mir das Vergnügen. Es ist ziemlich kalt, aber trotzdem tut es so gut, tief durchatmen zu können und das satte Grün tut sein Übriges.

Die Kastanien geben alles, um die Aufmerksamkeit der Insekten auf sich zu ziehen und nebenbei auch die der Flaneure. Der erste Öffnungstag war dann doch nicht so dramatisch wie befürchtet. Die Leute waren größtenteils sehr nett und einfach froh, wieder die Bibliothek nutzen zu können. Fast alle setzen auch ganz brav und automatisch den Nasen- und Mundschutz auf. Die zwei Stunden an der Eingangstür zogen sich zäh hin, denn man steht einfach nur da, reicht die Körbe zu und achtet darauf, dass sich alle entsprechend der Vorschriften verhalten. Aber unsere Besucherinnen und Besucher wissen die persönliche Begrüßung zu schätzen und hin und wieder kommt auch ein kleiner Plausch zustande. So bot mir einer unserer sehr lieben und älteren Stammleser an, mich mit nach Hause zu nehmen, äußerte dann aber Bedenken, da seine Frau einen leichten Hang zur Eifersucht habe und wir dann besser doch beide verzichten müssten. Wir lachten beide und er verabschiedete sich mit dem Satz: „Mit Maske sehen Sie noch schöner aus!“ Ich fasse das mal als Kompliment auf. Grundsätzlich empfinde ich die Gesichtsbedeckung immer noch als anormal. Viele haben sich daran gewöhnt und machen teilweise einen Kult daraus, aber wenn alle so verhüllt sind, hat das für mich etwas Bedrohliches. Es signalisiert: Komme mir nicht zu nahe, ich bin gefährlich, ich will nichts mit dir zu tun haben. Die Mimik ist kaum noch zu erkennen, die Menschen werden so einheitlich, dass persönliche Interaktion kaum möglich ist. Ich spüre, dass diese Abwehr tief in meinem Inneren festsitzt und das eine der seltenen Schlechtes-Bauchgefühl-Situationen ist, denen auch mit Vernunft nicht beizukommen ist. 20200512_122606 Die Corona-Fälle werden dramatisch weniger (das hat bestimmt mit den Masken zu tun!) und ich spare mir deswegen weitere statistische Berechnungen. Die Entwicklung ist sehr erfreulich, aber natürlich gibt es noch lange keine Entwarnung. Und nun noch was Schönes. Zum Beethoven-Jahr hat eine meiner Kolleginnen wieder ein Kunstwerk erschaffen, das nun die Musikbibliothek schmückt. Ich bin voller Bewunderung für diese Fleißarbeit:

15. Mai. Und schon sind wieder vier Tage vergangen. Im Prinzip gibt es nichts wesentlich Neues zu berichten. Unsere Bibliotheksbesucher sind sehr diszipliniert, aber man kann sie in zwei Kategorien einteilen. Die Mehrheit folgt brav den Anweisungen und nimmt die Gegebenheiten so hin, wie sie sind. Die anderen sind geradezu panisch davon besessen, alles zu desinfizieren und schrecken vor dem Korb zurück, denen man ihnen zureicht. Der Ansturm bleibt nach wie vor aus, unsere 30 Körbe waren bisher zu keinem Zeitpunkt alle in Benutzung. Vielleicht haben aber auch viele diese Woche noch abgewartet und kommen in der nächsten angestürmt. Man weiß es nicht. Auf RadioEins wurde heute berichtet, dass 52% der Deutschen hinter den Maßnahmen stehen und sie nach wie vor für angemessen halten. Der harte Kern der restlichen 48%  gehört zu denen, die gegen das „Corona-Regime“ demonstrieren oder Verschwörungstheorien anhängen wie z.B. der, dass Bill Gates hinter allem steckt. Gestern wurde im Hof des Freizeitforums an dem sich wandelnden Schriftzug „Freiheit – Freizeit“ gearbeitet. ich finde das Wortspiel immer wieder sehr originell und vor allem gerade jetzt sehr passend.

Während meiner täglichen Wanderungen lausche ich momentan dem Hörbuch „Herr Sonneborn geht nach Brüssel“ und amüsiere mich prächtig. Aber eigentlich ist das gar nicht lustig. Sonneborn ist Europa-Abgeordneter von „Die Partei“ und berichtet, was im Europa-Parlament so abgeht, welche Spielchen auch dort gespielt werden und wie verschwenderisch mit Geld umgegangen wird. Manchmal kann man kaum glauben, dass das eben keine Satire ist. Beim Laufen haben auch die Gedanken mehr Bewegungsfreiheit und ich habe spontan die Idee, die in sich ruhende WhatsApp-Gruppe meiner Schreibwerkstatt zu löschen. Schon lange führe ich dort Selbstgespräche, obwohl die Gruppe 43 Mitglieder hat. Zuhause angekommen, verkünde ich den Teilnehmern gleich meinen Entschluss, bevor ich es mir wieder anders überlege. Doch siehe da, es kommen Proteste! Offenbar leben alle noch. Manchmal muss man eben zu drastischen Maßnahmen greifen. Jeden Tag staune ich, dass es immer wieder neue Fotomotive gibt, obwohl ich ja nun schon seit zwei Wochen immer denselben Weg laufe.

Nach einigem Zögern in den vergangenen Tagen habe ich mich heute entschlossen, meine BVG-Karte zu verborgen und auch einen dankbaren Abnehmer gefunden. Ich habe mich jetzt so an meinen Arbeitsweg gewöhnt, dass ich gar keine Lust mehr habe, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.

19. Mai. Weiterhin passiert nicht viel Spektakuläres. Deswegen liegen wieder ein paar Tage zurück seit dem letzten Eintrag. Nach einem arbeitsintensiven Wochenendeinsatz auf unserem Pachtgrundstück gehts am Montag gewohnt weiter mit Laufen, Arbeiten und neuen Fotomotiven.

Jetzt höre ich „Hâkan Nesser: 11 Tage in Berlin“, gelesen von Dietmar Bär. Es ist so spannend, dass ich meistens nur ungern am Ziel die Stöpsel aus den Ohren ziehe. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal so ein Hörbuchfan werde! In der Bibliothek bleibt es nach wie vor sehr ruhig. Den Leuten geht es bei uns wie im Laden – man fiebert dem Moment entgegen, wo man sich die Maske vom Gesicht reißen kann und ein Aufenthalt ist kein Vergnügen. Solange Maskenpflicht besteht, werden wir auch keine Veranstaltungen durchführen. Allein der Gedanke an ein vermummtes Publikum ist absurd. Und somit verschiebt man die Termine von einem Monat auf den anderen. Zu Hause beschäftige ich mich mit der Aktualisierung der Internetauftritte und der Antragstellung für Fördermittel aus dem Jugenddemokratiefonds. Damit wollen meine Schreiberlinge einen Imagefilm drehen über die Schreibwerkstatt. Finde ich gut, ist schon lange fällig. Eigentlich auch für die Bibliothek. Morgen muss ich mit dem Fahrrad fahren, denn ich habe einen Arzttermin. Zu Fuß dorthin und dann noch zur Bibliothek – das schaffe ich leider nicht. Also habe ich heute erstmal im Keller mein Rad entstaubt und Luft aufgepumpt. Ich bin keine gute Radfahrerin, denn ich habe ständig das Gefühl, anderen im Weg zu sein (was vermutlich auch stimmt) und steige deswegen sehr oft ab und schiebe das Rad. Deswegen bin ich damit nicht wesentlich schneller als zu Fuß.

24. Mai. Meine Radtour am Mittwoch verlief wie erwartet. Vergnüglich ist was anderes, aber ich habe alles erledigt. Allerdings ohne Stöpsel im Ohr. Das ist mir zu gefährlich auf dem Fahrrad. Vorteil: Ich konnte noch einige Besorgungen machen, die ich bisher vor mir hergeschoben hatte. In der Bibliothek erstellte ich mit meiner Chefin den nun wöchentlichen Podcast-Beitrag und wir schafften es tatsächlich, 20 Minuten zu füllen, denn es gab einiges zu berichten. Und nun liegt ein langes Wochenende hinter mir, denn Freitag und Samstag waren Brückentage. Die haben mein Sohn, dessen Freundin und ich genutzt, um das Havelgrundstück wieder ein Stückchen weiter zu beackern. Allerdings musste ich dafür meine ÖPNV-Verweigerung ignorieren. Meine Vernunft sagte mir, dass ich es mit zwei großen Taschen  bis zum Treffpunkt im Friedrichshain nicht oder nur schwerlich zu Fuß schaffen würde. Im Garten betätigte ich mich mit einer zu meiner eigenen Verwunderung bisher unentdeckten Leidenschaft als Archäologin und legte Wege frei, die vermutlich selbst der Besitzer des Grundstücks nicht kennt. Sie lagen seit Jahren unter der Grasnarbe im Verborgenen und wurden mit Sicherheit auch nicht vermisst. Es ist eine sehr anstrengende, aber total spannende Arbeit mit ähnlichem Effekt wie Putzen. Man hat was geschafft!

Auch die „Kinder“ rackern sich ab bis zur Erschöpfung. Zufrieden sitzen wir abends am Aztekenofen, blicken stolz auf unser Tagwerk zurück und besprechen motiviert die To-do-Liste der nächsten Zeit. Es gibt allerdings einen kleinen Wermutstropfen. Es gab einen brutalen Überfall auf das Meisenhaus. Wer das wohl gewesen sein mag?

Bei meinen Zebrafinken zu Hause geht es hingegen immer noch sehr friedlich zu, wie man auf dem Foto sieht. Und auch die Kapkörbchen auf dem Balkon scheinen überaus zufrieden zu sein mit ihrem Dasein. Corona spielt momentan in meinem Alltag eine untergeordnete Rolle. Es fühlt sich normal an, zur Arbeit zu laufen (freue mich übrigens schon richtig auf morgen), innerhalb der Familie ist das Virus kaum noch Gesprächsthema und in den Nachrichten deutlich weniger als sonst. Nur die Maskenpflicht und die zunehmenden Corona-Demos machen deutlich, dass wir noch weit entfernt sind von Normalität. Allerdings wurde heute bekanntgegeben, dass Thüringen ab 06. Juni die Maßnahmen zurückschrauben will. Also keine Masken mehr? Vom 01.-05. Juni habe ich Urlaub – der erste in diesem Jahr. Wenn alles gut geht, was ich annehme, werde ich die 5 Tage in der Eifel verbringen, aber vielleicht soll ich auf Thüringen umschwenken? Bodo Ramelow erhält allerdings viel Schelte für seine Pläne, denn auch die deutschlandweiten Restaurantöffnungen haben ja schon Rückschläge gebracht. Abwarten. Der R-Wert liegt heute bei 0,89, die Sterbefallzahlen liegen bei 3% über dem Durchschnitt. Und es wurde erstmals das Corona-Virus in Muttermilch entdeckt. Eine ganz neue Dimension kommt nun mit den neuesten Forschungsergebnissen des RKI ins Spiel. Darin heißt es, dass Viren auch über Aerosole übertragen werden können (durch Sprechen, Ausatmen, Singen) und sich bis zu drei Stunden in der Luft halten. Wenn sich diese Ergebnisse verfestigen, werden auch die Abstandsregeln sinnlos. Doch nun starte ich erst einmal in die neue Arbeitswoche! 20200526_103942

28. Mai. Bei deutlich kühlerem Wetter und am Montag auch bei Regen halte ich an meinen täglichen Wanderungen fest. Dabei begleitet mich das Hörbuch von Erling Kagge: „Gehen. Weiter gehen.“ Jedes Wort gleicht einer Offenbarung bzw. ist Bestätigung dessen, was mich täglich so beglückt am Gehen. Als wär der Autor mein zweites Ich, meine Stimme. Jedem Satz möchte ich aus tiefstem Herzen hinterherrufen: JAAAA! GENAU SO GEHT ES MIR AUCH! – gepaart mit Dankbarkeit, dass er mir mit wenigen, treffenden Beschreibungen erklärt, wieso ich so gerne laufe. Das wird auf jeden Fall ein Schwebende Buch! 20200525_190200In der Bibliothek geht es jetzt ein bisschen betriebsamer zu als in den vergangenen Tagen. Aber trotzdem hängt immer etwas Bedrückendes in der Luft. Es fehlt im Gegensatz zur unbeeindruckten Natur die Lebensfreude, das Lebendige, das Unbeschwerte. Es gibt einen kleinen Schimmer am Horizont – die Schachspieler können sich am Samstag im Hof des Freizeitforums treffen. Wenn es auf dem Dach etwas schneller voranginge, könnte man auch dort Veranstaltungen im Freien zulassen. Aber das wird wohl noch dauern. Gestern musste ich wieder einen Fahrradtag einlegen, screenshot_20200527-175735_spreaker-studioweil ich den Mittwochs-Podcast mit meinen Mahlsdorfer Kolleginnen aufnehmen wollte. Wir haben nun schon 80 Follower und mehr als 5000 Downloads. Zu Hause hatte ich schon so eine Art Vorspann gesprochen über den Ortteil Mahlsdorf im Allgemeinen. Dafür habe ich bestimmt zwanzig Anläufe gebraucht. Immer wieder war ein Versprecher drin. Jedenfalls habe ich mich dann aufs Rad geschwungen, bin zur Bibliothek gefahren an der B1, Podcast vollendet, dann weiter zum Friedhof Kaulsdorf und schließlich zur Marzahner Promenade. Dem Ganzen setzte ich noch eins drauf, weil ich nach Feierabend die Straßenbahn nutzte, um zu einer Verabredung in den Prenzlauer Berg zu kommen und natürlich auch wieder zurück. Ich fands schrecklich. So viele komische und laute Menschen darin! Abends fand ich zu Hause im Briefkasten die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Das Magazin“. Vor einigen Wochen hatte mich doch Franziska Hauser zum Thema „Schule“ interviewt und nun wurde es veröffentlicht. Hätte ich bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten, dass ich im Magazin mal eine Rolle spielen würde und die Welt nun erfährt, dass ich als Kind Fensterputzerin bei der damals noch Deutschen Reichsbahn werden wollte.

Nun muss ich heute mit dem Rad auch wieder nach Hause. Aber dann reicht es erst mal. Zu Fuß macht deutlich mehr Spaß!

30. Mai. Die Schachspieler waren selig! Endlich wieder ein Hauch von Normalität! Obwohl es viel Aufwand war, die Tische und Stühle in den Hof zu bugsieren und wieder zurück, haben sie das Angebot dankbar entgegengenommen, dort spielen zu können.

Insgesamt war die Bibliothek heute gut besucht und wenn nicht der Mundschutz wäre, könnte man Corona glatt für ein Weilchen ausblenden. Dazu trägt auch bei, dass ich ab Montag eine Woche Urlaub habe und ich mich schon in der Vulkaneifel wandern sehe. Meine täglichen 18.000 Schritte kann ich dort bestimmt noch ein bisschen ausbauen. Wer wisse; möchte, was ich in der Eifel erlebe, kann HIER mitlesen. Solange pausiert dieses Tagebuch .