Corona greift an – März

Als im Januar die Meldungen über die rasante Ausbreitung eines neuartigen Virus aus Wuhan kamen, nahmen wir das alle zur Kenntnis, aber das Problem war ja weit, weit weg und irgendwie nicht unseres. Manchmal hörte man Warnungen von Virologen, Epidemiologen und Ärzten, dass eine weltweite Ausbreitung und somit eine Pandemie zu befürchten wäre. Wir nahmen das nicht ernst. Schwarzmaler gibt’s schließlich immer. Doch das Virus rückte näher, trotz Reisebeschränkungen von und nach China. Das Wort Corona fiel häufiger, aber wir ahnten nicht im Geringsten, was kommen würde.
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Im Februar wurde die Lage dann doch beunruhigend. Aber immer noch konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ernsthaft zu Bedrohungen und schon gar nicht zu Einschränkungen führen würde. Es ging weiter mit Berichten über immer mehr Infizierte und der Suche nach Patient 0. Noch wurde versucht, die Kontakte der Infizierten nachzuvollziehen, um sie zu testen und notfalls zu isolieren. Irgendwann wurde das zu unübersichtlich. Am 29. Februar hatte ich Besuch von meinen Freundinnen Kerstin und Dani. Zum damaligen Zeitpunkt konnten wir den Ernst der Lage noch nicht erkennen, stießen mit Corona-Bier an und hatten einen schönen Nachmittag. 02. März: „Das Risiko für die Gesellschaft ist gestiegen, die Gefahr für den Einzelnen ist aber weiterhin nicht groß“, erläuterte Prof. Drosten von der Charité die Lage. Aber Horrorszenarien verunsicherten die Leute immer mehr. Messen wurden abgesagt, Konzerte gecancelt. Gerade hatte ich sensationelle Teilnehmerzahlen für die Fahrt zur Leipziger Buchmesse erreicht. Das Busunternehmen war hocherfreut über meine Mini-Reiseagentur und orderte den zweiten Bus für uns. 110 Teilnehmer hatten mir gerade das Geld überwiesen, als man am 03. März 2020 nach langem Zögern auch die Buchmesse sterben ließ. Große Katastrophe für das Management, die Autoren und Verlage. Und auch für mich. Ich musste nun allen das Geld zurücküberweisen oder auszahlen. Viel Arbeit für nichts und alle waren traurig. Am 04. März wird Apotheken gestattet, Desinfektionsmittel herzustellen und zu verkaufen. Handelsübliche Produkte sind ausverkauft. Auch Toilettenpapier wird knapp. Die Leute fangen an zu hamstern. Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern dürfen nicht mehr stattfinden. Man soll sich nicht mehr die Hand geben. Der 07. März ist der erste Samstag des Monats und das heißt – Schreibwerkstatt. Dieses Mal mit einem Gast – Yo-Pa Neumann, der einen Poetry-Slam-Workshop durchführt. Wir sitzen im großen Kreis dicht an dicht. Aus heutiger Sicht ein No-Go. Der nächste Tag ist der 08. März, Internationaler Frauentag. Ich hatte eine sehr nette Einladung bekommen zu einer Veranstaltung im Projektraum Galerie M mit dem schönen Titel: „Ach Mädels! Literarisch-Musikalische Stoßseufzer“ mit Wolfgang Reuter. Die gutbesuchte Veranstaltung stand schon ein bisschen unter dem Corona-Einfluss, man reagierte achtsamer auf Hustende und tauschte sich aus über das immer näher rückende Virus. Dass schon eine Woche später der Ausnahmezustand herrschen würde, konnte sich noch niemand vorstellen. Aber es werden Mahnungen laut, dass man die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren soll. Am 11. März 2020 erklärte die WHO den Corona-Ausbruch offiziell zu einer Pandemie. Wir ahnen nun schon, dass geöffnete Bibliotheken bald Vergangenheit sein werden. Man kann sich telefonisch für eine Woche krankschreiben lassen, damit man den Wartezimmern fernbleibt. Am nächsten Tag überschlagen sich die Ereignisse stündlich. Es kommt die erwartete Schließungswelle: Ab 13. März bleiben die Bibliotheken, Theater und Museen bis vorerst 20. April geschlossen. Von einem Tag auf den anderen. Das erfordert blitzartig vielerlei Maßnahmen, um alle Besucherinnen und Besucher entsprechend zu informieren und finanziellen Schaden von ihnen abzuwenden. Wir tun, was wir können und arbeiten erst einmal in unseren Büros weiter. Am Abend wollten wir eigentlich zu einem Konzert von Lord Bishop gehen ins Kino Kiste, aber auch das wurde abgesagt. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern dürfen nicht mehr stattfinden. Es ist plötzlich eine sehr merkwürdige Stimmung. Über allem, was für die nächsten Wochen und Monate geplant war, schwebt ein großes Fragezeichen. Und wieder begegnet mir Corona auf makabre Weise:
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Am 14. März warnt Gesundheitsminister Spahn vor Falschmeldungen, dass massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens geplant seien. Das würde nicht stimmen. Hm, heute wissen wir es besser. 16. März. Wir versammeln uns zu einer Mitarbeiterrunde. Die Leiterin der Bibliothek teilt uns mit, welche Anweisungen von nun an zu befolgen sind. Es ist das letzte Mal, dass wir so versammelt sind, denn wir müssen uns vereinzeln. Einige unterstützen von nun an die Arbeit im Gesundheitsamt. Neue Bücher werden natürlich trotzdem weiter geliefert und es ist traurig, dass sie nun länger als einen Monat auf ihre Leser warten müssen Schulen, Unis und Kitas werden geschlossen. 17. März. Morgen würde zum 69. Mal die Reihe „Schwebende Bücher“ stattfinden. Eine Radiosendung bringt mich auf die Idee, mit Kerstin unsere Buchempfehlungen in einem Podcast zu veröffentlichen. Wir brauchen 4 Stunden, bis die 15 Titel im Kasten sind, denn wir machen das zum ersten Mal und müssen auch mal was wiederholen. Aber es hat sich gelohnt, der Erfolg und die unerwartet große Aufmerksamkeit bestätigen das. Nun werden auch Läden geschlossen. Nur Verkaufsstellen mit Waren des täglichen Bedarfs bleiben geöffnet. Kerstin entschließt sich zu einem Hamsterkauf bei Thalia:
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Das Treffen in Vereinen und auch Gottesdienste sind ab sofort untersagt. Restaurants dürfen vorerst nur bis 18 Uhr öffnen und gewährleisten, dass die Gäste weit genug auseinandersitzen. Am 18. März beginne ich mit dem Podcast „Tagebuch einer geschlossenen Bibliothek“ und sende jeden Tag (außer Wochenende) einen Beitrag über die Arbeit hinter den Kulissen, denn Außenstehende können sich gar nicht vorstellen, dass wir auch was zu tun haben, wenn geschlossen ist. Mein erster Interviewpartner ist Christoph Kaltenborn, der über die Musikbibliothek berichtet. In den nächsten Folgen stelle ich nach und nach die Kollegen vor, die ich noch in der Bibliothek antreffe, z.B. unsere Azubis, die die Küche auf Hochglanz polieren.
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23. März. Ab heute gehen wir in Homeoffice. Nur die Leiterin der Bibliothek ist jeden Tag vor Ort und hält mit uns per Mail und Telefon Verbindung. Alle haben sich Arbeit mit nach Hause genommen und erledigen viel am PC. Dazu gehören auch Online-Weiterbildungskurse. Das wunderschöne Frühlingswetter steht in krassem Gegensatz zu den Geschehnissen.
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Das Leben wird immer unwirklicher, ich leben wie in einem Traum. Die Aktivitäten wurden von 100 auf 0 runtergefahren, alle fühlen sich ausgebremst. Ich bin gesund, habe aber das Gefühl, dass mir alles entgleitet. Die Struktur fehlt. Alles ist vage und mit großen Fragezeichen versehen. Auf nichts ist Verlass. Ich muss mir gezielt was vornehmen, sonst habe ich das Gefühl, mich aufzulösen. Für mich ist es deshalb sehr wichtig, einmal am Tag aus dem Haus gehen zu müssen. Ich wähle dafür eine sehr menschenarme Zeit und laufe meistens zur Bibliothek. So halte ich mich an die Vorgaben und bin etwas in Bewegung. An diesem Montag interviewe ich für den Podcast Benita Hanke zur aktuellen Lage und fotografiere die leere Bibliothek: Ansonsten putze ich jeden Tag ca. 15 Regale und kümmere mich um die Regalordnung. Dabei habe ich äußerst passende Buchtitel entdeckt zur aktuellen Lage, aber auch falsch einsortierte Bücher: und kümmere mich zu Hause im Homeoffice um das Erstellen von Webinaren, Online-Öffentlichkeitsarbeit, Vorbereitung von Programmen zur Leseförderung und informiere mich über Neuigkeiten auf dem Buchmarkt. 24. März. Jetzt müssen Restaurants generell schließen. Menschen sollen 1,5 – 2 Meter Abstand voneinander halten. In Supermärkten werden die Kassen mit Plexiglasscheiben versehen und Abstandmarkierungen auf den Boden geklebt. Man darf nur noch mit Einkaufswagen rein zur Wahrung der Distanz. Neu ist auch die Erfahrung, dass man selbst zur Gefahrenquelle wird und andere sofort einen großen Bogen um einen herum machen. Ich komme mir gemieden vor. Werde ich ja auch und ich selbst verhalte mich natürlich umgekehrt genauso.
Plattform Berlin alive
Unsere Podcasts werden immer beliebter. Wir haben in nicht ganz zwei Wochen 2000 Downloads zu verzeichnen. Ich denke, das ist ganz ordentlich.

Schwebende Bücher on Air (https://www.spreaker.com/show/4263765):

Bibliothekarinnen machen aus der Not eine Tugend und senden den Fans der Literaturempfehlungs-Reihe ihre Lesetipps als Podcast. Die erste Runde erschien am 18.03.2020. Normalerweise stellen sie alle sechs Wochen in gemütlicher Runde die Bücher vor, die sie in dieser Zeit gelesen haben und für empfehlenswert halten. Es wird gelobt und auch heftig kritisiert. Wer möchte, kann in diesem Kreis auch gerne seine Leseerlebnisse mitteilen. Am 29.04.2020 findet die Reihe zum 70. Mal statt. Wir haben dazu den Literaturagenten und RadioEins-Moderator Thomas Böhm eingeladen. Falls dann die Bibliotheken noch geschlossen sind, gibt es die Buchbesprechungen wieder als Podcast.

Tagebuch einer geschlossenen Bibliothek(https://www.spreaker.com/show/4269568):

Die Bibliotheken des Stadtbezirkes sind wie alle anderen öffentlichen Bibliotheken Berlins aus präventiven Gründen vorerst bis zum 19.04.2020 geschlossen. Viele Menschen fragen sich, was wir eigentlich jetzt machen hinter den geschlossenen Türen. Für Außenstehende ist schwer nachvollziehbar, was es im sogenannten Backoffice unabhängig von Öffnungszeiten zu erledigen gibt. Wir öffnen nun für unsere Leser akustisch unsere Türen und lassen sie Einblick nehmen in unsere Arbeit.

Ich überlege mir, was ich tun könnte für die Familien im Haus, denn es sollen ja alle möglichst zu Hause bleiben und nur noch zum Einkaufen oder Spaziergängen / Sport raus. Ich packe einen Korb mit Kinderbüchern und stelle ihn ins Treppenhaus. Wird gut angenommen, das Angebot.
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25. – 27. März. Immer wenn ich die Bibliothek betrete, komme ich an der fast leeren Veranstaltungs-Pinnwand vorbei, den durchgestrichenen Dienstplänen und der leeren Anwesenheitstafel. Sie verbreiten ein komisches Gefühl der Verlassenheit und Traurigkeit. Meine Schreiberlinge haben mir Sätze zukommen lassen, in denen sie ihre derzeitigen Befindlichkeiten beschreiben und wie sie mit der Situation umgehen. Das ist sehr beeindruckend und auch bedrückend. Ich mache daraus den Samstag-Podcast. Wie gehts mir – Texte Mittlerweile darf man nur noch zu zweit rausgehen. Verstöße werden polizeilich geahndet. Ich höre den merkwürdigen Satz: „Die Polizei warnt vor zu viel Freizeitaktivitäten.“ Die TAZ titelt am Wochenende: „Ist Sitzen noch okay?“ Ich schwanke in meiner Meinung wie ein Blatt im Wind. Mal leuchtet mir das alles ein, mal finde ich die Maßnahmen absurd und maßlos übertrieben. Beeindruckend ist auf jeden Fall, wie brav die Bevölkerung das alles mitmacht. Dafür hat sich die Bundeskanzlerin auch bedankt. In der TAZ finde ich eine übersichtliche Darstellung, wo was erlaubt und verboten ist. Da sich das ja ständig ändert, ist so eine Gegenüberstellung auch mal ganz interessant.
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Ich hoffe sehr, dass die Maßnahmen greifen und nichts aus dem Ruder läuft. Jetzt haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, eine absurder als die andere. Dass alles so gewollt ist zur Bereinigung der Wirtschaft oder auch Dezimierung der Weltbevölkerung, dass die Natur uns abstößt, dass es bald einen Militärputsch geben wird und andere wüste Spekulationen. Meine Reise mit Georg nach Dubai ist nun natürlich auch passé, das Geburtstagsgeschenk für Wolfram hat sich in wertloses Papier verwandelt (Konzertkarten). Vieles andere steht in den Sternen. 30. März. Heute habe ich beim Putzen und Sortieren ein lange vermisstes Buch gefunden. Das sind so kleine Erfolgserlebnisse, die guttun. Ich bin dabei, ein Online-Meeting mit meinen Schreiberlingen vorzubereiten und teste heute schon mal die Möglichkeiten, die die Plattform bietet. 31. März. Heute habe ich einen Termin! Das ist total stressig und aufregend, bin es nicht mehr gewöhnt, an Zeiten gebunden zu sein. Danach putze ich weiter und finde viele tote Fliegen, eine hinter Büchern versteckte Rauchklappen-Abdeckung und unter dem Heizungsgitter zwei abgeschraubte Fensterhaken. Da jetzt alles online abläuft, sitze ich abends aber noch länger am PC als sonst und versuche, den Überblick zu behalten. Ich habe Angst, dass mir wichtige Dinge entgleiten. Alles ist in der Schwebe. Ich versuche, die Dinge greifbar zu halten, aber das ist nicht so einfach. Plötzlich drängen sich andere Probleme in den Vordergrund und unvorstellbare Vorschriften werden normal. Ja, man gewöhnt sich an den Mindestabstand, an Menschen mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen, man schaut irritiert auf Gruppen ab 3 Personen und Leute, die ungeniert mit bloßen Händen die Haltestangen in öffentlichen Verkehrsmitteln berühren. Wenn man Filme anschaut aus normalen Zeiten, die gefühlt Jahrzehnte zurückliegen, mutet es einen merkwürdig an, dort die Menschen so eng miteinander umgehen zu sehen. Interessant wird es auch später, wenn wir wieder Kontakt haben dürfen. Bleiben dann jetzt antrainierte Verhaltensmuster hängen? Wird es uns schwerfallen, Nähe wieder zuzulassen? Sind wir dann alle wesensverändert, geprägt, geerdet, auf wesentliche Dinge konzentriert, vernünftiger und reflektierter? Heute äußerte jemand die Meinung, dass ja so ein Virus auch eine Funktion, eine Daseinsberechtigung hat. Warum dann nicht auch Covid-19? Was bezweckt die Natur damit?