Corona greift an – Juli

05. Juli. Licht am Horizont! Mecklenburg-Vorpommern will in der Kabinetts-Sitzung am 04. August darüber entscheiden, die Maskenpflicht im Einzelhandel abzuschaffen. Andere Bundesländer ziehen nach. Ich bin sehr gespannt, ob sich das tatsächlich durchsetzt. Für mich ist es auch spannend, ob ich im Falle der Ausweitung dieser Lockerung auf die öffentlichen Verkehrsmittel meine täglichen Wanderungen einstellen werde. Ich weiß es noch nicht, ehrlich gesagt, denn ich habe mittlerweile Gefallen daran gefunden.

Momentan habe ich Urlaub, den ich auf dem Havelgrundstück verbringe. Erstmals ganz allein. Während ich hier schreibe, ist es draußen zappenduster und merkwürdige Geräusche erfüllen die Nacht. Ängstlich darf man nicht sein, denn es knackt mal hier und raschelt dort und die Nachbarn sind alt und schlafen schon.

Da Corona hier nur eine untergeordnete Rolle spielt, werde ich dem Tagebuch auch mal ein paar Tage Urlaub gönnen. Nächste Woche geht´s weiter!

16. Juli. Nachdem ich auf dem Grundstück diverse Berufe bis zur totalen Erschöpfung ausprobiert habe wie z.B. Pflasterer, Gärtner, Entrümpler und Putzfrau und abends zerkratzt, lädiert und trotzdem glücklich ins Bett gefallen bin,

gehts nun weiter mit dem Corona-Alltag. Ja – Alltag. Man gewöhnt sich tatsächlich daran. Nicht alle bewerten die Lage als ernst, was man an der nachlässigen Handhabung der Masken erkennt. Manchen baumelt sie dekorativ unterm Kinn, andere ziehen sie über den Mund, lassen ihrer Nase aber Freiraum zum Verteilen eventueller Viren, andere ignorieren die Tragepflicht mit stoischem Gleichmut.

Meine Aufgabe besteht momentan darin, die wieder beginnende Veranstaltungstätigkeit gesetzeskonform vorzubereiten. Dazu gehören:

  • zur Gewährleistung der Anwesenheitsdokumentation entsprechende Listen erstellen für die einzelnen Veranstaltungen
  • Handzettel für das interessierte Publikum erstellen, was sie beachten müssen beim Besuch einer Lesung und was wir leisten können oder auch nicht
  • Aufsetzen eines Hygienekonzeptes für Veranstaltungen
  • Erstellen einer gängigen Handhabungspraxis und diese allen Mitarbeitern zur Kenntnis geben

Am 22.07.2020 starten wir wieder durch mit den Schwebenden Büchern. Das erfordert so einiges an notwendigen Vorbereitungen, die sonst nicht nötig gewesen wären. Wir werden auch die Sitzplätze nummerieren müssen. Da die Veranstaltung im Hof stattfinden soll, muss auch bedacht werden, wie man dort die Tonanlage zum Einsatz bringen kann und wie ich es am besten anstelle, dabei zusätzlich noch brauchbare Mitschnitte für unseren Podcast hinzubekommen. Gott sei Dank habe ich einen jungen Kollegen aus der Musikbibliothek, der viel mehr Ahnung hat als ich und sich da auch richtig reinkniet in die Problematik – erfolgreich!

Stichpunkt Podcast. Gestern habe ich der Stadtteilbibliothek Heinrich von Kleist einen Besuch abgestattet, um sie in unserem Podcast „Mittwochs in der Bibliothek“ vorzustellen. Ich fuhr mit den Rad hin. Entlang des Wuhlewanderweges entdeckte ich einen privat angelegten Blumengarten – eine Augenweide!

Am Kletterfelsen vorbei, war ich dann auch schon bald am Ziel.

Mit meiner dortigen Kollegin führte ich ein informatives Gespräch für den Podcast und wollte diese Aufnahme mit der, die ich zu Hause schon einführend erstellt hatte, zusammenführen und veröffentlichen. Im Eifer des Gefechts habe ich sie dann aber aus Versehen gleich beide gelöscht!!! Ich war untröstlich und so sauer auf mich! Aber letztendlich habe ich mir gesagt: Mein Gott, es gibt Schlimmeres. Schließlich hatte ich eine schöne Radtour genießen können.

Heute ist es mir gelungen, provisorisch in grottenschlechter Tonqualität die Folge doch noch zu veröffentlichen. Auf welchen Umwegen, will ich hier gar nicht weiter ausführen: Zu Besuch in der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek

Nebenbei läuft das Filmprojekt meiner Schreibwerkstatt. Es gibt jetzt sogar schon ein provisorisches Drehbuch. Am Samstag trifft sich die Filmcrew in der Bibliothek, um mit dem italienischen Regisseur Andrea Ianetta die Details zu besprechen.

17. Juli. Apropos Film: In der Bibliothek laufen heute Dreharbeiten zum 2. Teil der Komödie „Extraklasse“ mit Axel Prahl, Aglaia Szyszkowitz und Sonsee Neu in den Hauptrollen. Das gesamte Freizeitforum ist außen und innen belagert mit dem Equipment der Produktionsfirma. Unglaublich und immer wieder faszinierend, wie viele Menschen (übrigens alle mit Masken), Technik, Zeit und Kulissen nötig sind, um 10 Minuten Film im Kasten zu haben.

Jeder aus der Filmcrew hat einen detaillierten Ablaufplan und weiß, an welcher Stelle er was zu tun hat. Wie in einem Ameisenhaufen. Ich kam auch wieder wie schon beim ersten Mal vor zwei Jahren in den Genuss eines gemeinsamen Fotos mit den Schauspielern. Aber ich darf es nicht veröffentlichen, da momentan sehr strenge Bedingungen herrschen. Sogar zum „Mittagessen“ um 19 Uhr wurde ich eingeladen. Habe mir aber nur einen übrigens hervorragenden Kaffee geholt. Die Dreharbeiten zogen sich bis 22 Uhr hin und ich blieb noch, um anschließend alles abzuschließen und das Licht auszumachen. Obwohl es dann schon 22.30 Uhr war, bis alle raus waren, bin ich nach Hause gelaufen. Es war eine wunderbare Luft und außerdem muss ich bis „Schwebende Bücher“ nächsten Mittwoch „Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier zu Ende hören. Insgesamt 30 Stunden Hörzeit! Aber es lohnt sich. Dieses Buch ist auch „Extraklasse“ und keine Sekunde langweilig.

20. Juli. Die Bibliothek füllt sich langsam wieder mit Leben. Heute tobte draußen ein orkanartiger Sturm, viele Bäume gingen zu Bruch und die Straßen glichen einem Fluss:

Hinterher war der Platz vor dem Freizeitforum mit einem grünen Laubteppich ausgelegt. Mein Balkon in Hellersdorf ist Gott sei Dank nur nass.

24. Juli. Eben kommt in den Nachrichten die Meldung, dass die Infektionszahlen in Deutschland wieder drastisch steigen, bedingt durch die Urlaubsheimkehrer. Das macht einen irgendwie wieder wach, denn ich muss ehrlich gestehen, dass in meinem Unterbewusstsein der Gedanke an Infektionsgefahr kaum noch existierte bis jetzt. An das Maskentragen habe ich mich wider Erwarten dermaßen gewöhnt, dass ich ganz automatisch zur Maske greife, wenn ich in der Bibliothek hinter meiner Plexiglasscheibe hervorkomme und auch vor dem Betreten von Geschäften wie ferngesteuert aus meinem Rucksack hervornestle. Gerade fragt der Moderator die Gesundheitssenatorin Kalayci, ob es nicht ungerecht ist, dass alle Reiserückkehrer sich kostenlos testen lassen können und diejenigen, die momentan Deutschland nicht verlassen, den Test bezahlen müssen. Sie antwortet zwar, aber nicht auf die Frage. Auch nicht nach einem zweiten Anlauf des Moderators.

Vorgestern fand nun unsere erste Veranstaltung seit langem statt – die Schwebenden Bücher. Wir konnten den Hof nutzen, das Wetter war uns gnädig. Es sah so chillig aus mit den Liegestühlen dazwischen, dass wir alle ganz begeistert waren von diesem Anblick.

Mit dem vorgeschriebenen Abstand würden sogar 40 Leute in den Hof passen. Sollte das Wetter aber zum Umzug in die Artothek zwingen, wären das zu viele Personen. Also muss man auf 25 beschränken. Wir haben alles gut gemeistert und auch tontechnisch inklusive Podcast-Mitschnitt lief alles super. Es hat uns allen gut getan, auch dem Publikum.

Gestern war Homeoffice angesagt wegen Chlorspülung unserer Wasserleitungen. Ich habe bis 15 Uhr gearbeitet und mich dann auf den Fußweg in die Chemnitzer Str. und zurück gemacht, um beim Hausarzt ein Rezept abzuholen mit Abstecher auf den Kaulsdorfer Friedhof. 20 Uhr war ich wieder zuhause. 19 km und 28000 Schritte. Genug bewegt.

Deswegen habe ich mir heute morgen den Luxus erlaubt, mit der Straßenbahn zur Arbeit zu fahren. Aber der Heimweg war wieder Hörbuchzeit: Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Herrlich!

30. Juli. Momentan verfüge ich über ein Auto und habe den Umstand schon genutzt, um die Wasser-, Eistee- und Weinvorräte in der Bibliothek aufzufüllen. Aber mir fehlen das Laufen und die Hörbücher. Morgen werde ich das Auto stehenlassen. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass in meinem Körper beunruhigende Dinge vor sich gehen. Man kann sich da reinsteigern und am Ende lacht man drüber, aber vielleicht auch nicht. Da hilft nur eins – Klarheit schaffen! Werde ich tun. Doch die Endlichkeit hat sich mal wieder deutlich Gehör verschafft.

Covid

Die Corona-Fallzahlen steigen weiter, aber wenn ich mir die Statistiken anschaue, finde ich das nicht direkt beängstigend. Umfragen haben ergeben, dass die Akzeptanz der AHA-Regeln bei Älteren höher ist als bei jungen Menschen und dort wiederum bei Frauen höher als bei Männern. Finde ich interessant. Wieso ist das so? Der Buchmarkt hat natürlich auch reagiert auf Corona. Wir werden jetzt überschwemmt mit einschlägigen Titeln, die auch sehr gerne ausgeliehen werden. Wir müssen akzeptieren, dass uns dieser Virus noch lange beschäftigen wird und ich glaube, dass das gesellschaftliche Leben sich dauerhaft verändern wird. Mein nächster Schritt wird sein, mir eine Maske zu kaufen. Das war bisher tatsächlich nicht nötig. Mit Tüchern und Einwegmasken bin ich gut über die Runden gekommen. Bis jetzt.