Corona greift an – Februar

19. Februar

Nun beginnt der letzte Monat, der ein Corona – Kalenderjahr abschließt. Sollte ich mich auch im März noch diesem Thema hier widmen, muss ich durchnummerieren, sonst gibts Monats-Dopplungen. Als ich letztes Jahr im März mit diesem Tagebuch begonnen hatte, hätte ich es für völlig absurd gehalten, dass ich damit mal so lange zubringen würde. Grundsätzlich muss ich sagen, dass sich meine Aufenthaltszeit am heimischen Laptop gefühlt verdoppelt hat. Ich giere geradezu nach Webinaren, Seminaren, Meetings etc. Es macht mir Spaß, mich so bequem wie nie zu Hause auf dem Sofa weiterzubilden! Das Angebot wird immer vielfältiger, so dass ich bis in den März hinein meinen Kalender vollgestopft habe mit Terminen. Auch virtuelle Rundgänge durch Ausstellungen und Gebäude finde ich total spannend. Da der Tag aber leider nur 24 Stunden hat, bleibt das Lesen auf der Strecke. Das gleiche ich aus durch meinen Hörbuchverzehr auf den Wanderungen von und zur Bibliothek. Diese waren bis vor kurzem ein wahres Vergnügen. Ich liebe es, bei knackiger Kälte durch den knirschenden Schnee zu stapfen.

Der Schauplatz des Buches „Was uns erinnern lässt“ von Kati Naumann ist der Rennsteig, ganz in der Nähe meiner ehemaligen Heimat. Es geht darin – grob gesagt – um die Umsiedlung der Bewohner des Sperrgebietes in der ehemaligen DDR. Die Autorin arbeitet mit zwei Zeitsträngen, die ineinander verflochten sind und Stück für Stück eine beeindruckende Familiengeschichte aufdecken. Im Klappentext steht:

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1977: Das Zuhause der vierzehnjährigen Christine ist das ehemals mondäne Hotel Waldeshöh am Rennsteig im Thüringer Wald. Seit der Teilung Deutschlands liegt es hinter Stacheldraht in der Sperrzone direkt an der Grenze. Schon lange findet kein Wanderer mehr den Weg dorthin. Ohne Passierschein darf niemand das Waldstück betreten, irgendwann fahren weder Postauto noch Krankenwagen mehr dort hinauf. Fast scheint es, als habe die DDR das Hotel und seine Bewohner vergessen.

2017: Die junge Milla findet abseits der Wanderwege im Thüringer Wald einen überwucherten Keller und stößt auf die Geschichte des Hotels Waldeshöh. Dieser besondere Ort lässt sie nicht los, sie spürt Christine auf, um mehr zu erfahren. Die Begegnung verändert beide Frauen: Während die eine lernt, Erinnerungen anzunehmen, findet die andere Trost im Loslassen.“

Momentan arbeite ich mich hörend durch 19,5 Stunden eines überaus vielschichtigen Romans von Orkun Ertener. Die Kürze des Titels „Lebt“ steht in krassem Gegensatz zur Länge des Buches von 640 Seiten. Den Inhalt schlüssig zusammenzufassen, halte ich für nahezu unmöglich. Wahrheit, historische Fakten und Fiktion sind so eng verwoben, dass man geneigt ist, alles für Tatsachen zu halten.

Es ist im Prinzip die Geschichte der jüdischen Religionsgemeinschaft der Dönme im griechischen Saloniki und der Türkei von ihrem Ursprung im 17 Jh. über den Bevölkerungsaustausch von Christen und Moslems nach dem 1. WK, der Besatzung Griechenlands durch die Nazis bis in die heutige Zeit. Das klingt vermutlich nicht besonders spannend, ist es aber! Bis vor einer Woche hatte ich noch nie was von den Dönmes gehört wie die meisten vermutlich, obwohl deren Geschichte einen großen Einfluss auf das Judentum hatte. Ich habe mal in meinen unzähligen Büchern zum Judentum nachgeschaut – absolut nichts zu finden! Die Spannung wird durch den Ich-Erzähler Can Evinman erzeugt, der den Leser mitnimmt auf eine lebensbedrohliche Entdeckungsreise durch seine ihm zunächst unbekannte Familiengeschichte und die Erkenntnis, dass nichts in seinem Leben zufällig war, sondern von einem Mörder gesteuert wurde.

Aber auch Podcasts haben mittlerweile mein Interesse geweckt. So höre ich mehr oder weniger regelmäßig:

  • Alles Geschichte – History von radioWissen aus der Vergangenheit für die Zukunft
  • Wir gegen Corona – ein Mutmachpodcast von Suse und Hajo Schumacher
  • Macht & Millionen – der Podcast über echte Wirtschaftskrimis
  • D 25 – eine Viertelstunde Digitales
  • Sprachbar – Geheimnisse und Besonderheiten der deutschen Sprache
  • Podcast der Gesellschaft für deutsche Sprache
  • Ein Buch – Gabi Hafner auf der Suche nach guten Büchern
  • sage und schreibe – der Schreibwerkstatt-Podcast
  • Harald Martenstein – Kolumnen
  • Was geht…? Jugendpodcast
  • BücherRausch – Buchempfehlungen der Städtischen Bibliotheken Dresden
  • M – Audiomagazin der Münchner Stadtbibliothek
  • Alles gesagt? ZEIT-Online und ZEIT-Magazin

Ganz besonders treibt mich nach wie vor das Thema „Gendern“ um. Man kann ihm nicht entgehen, auch wenn man es versuchen sollte. In der Schriftsprache ist es ja schon lange üblich, dem dritten Geschlecht mit verschiedenen Satzzeichen einen Platz zu schaffen. Zunehmend wird aber nun auch in den Medien das Sternchen „gesprochen“, indem der Sprechende eine ganz kurze Pause lässt, also „Bürger (Pause) innen“. Das macht mich wahnsinnig! Und nun hat es das Sternchen seinen Siegeszug auf und in Kinderbücher angetreten.

Sollte man aber an diesem festhalten (es sieht ja danach aus), ist eine Fortführung des Wortes danach unsinnig. An Bürger* noch ein innen anzuhängen, ist doppeltgemoppelt, da auch die Endung „innen“ im * eingeschlossen ist. Korrekt müssten die Personenbezeichnungen nach dem gemeinsamen Wortstamm mit dem * abgeschlossen werden. Also Bürger*, Bäcker*, Lehrer*. Alle wären in dem Wort drin. Problematisch wird es bei solchen Wörtern wie Kund* und vor allem in der Mehrzahl. Es gibt so viel Unausgegorenes. Es ist auch ungerecht, dass – so wie es jetzt praktiziert wird, die männliche Endung nicht genannt wird, die weibliche aber zusätzlich, wie z.B. bei Kund* innen. Die sich dem männlichen Geschlecht zuordnen, sind dann Kund, die Frauen sind Kundinnen und diverse Menschen sind *. Und letztendlich wird durch das Gendern die Sexualität der Menschen in einen unangenehm öffentlichen Fokus gerückt. Ich möchte nicht, dass andere darüber nachdenken, ob ich mich als männlich, weiblich oder divers fühle. Das interessiert mich auch nicht an anderen, nur wenn ich auf Partnersuche bin. Es ist eine ganz private Angelegenheit.

Ich weiß, dass ich diese Veränderung der Sprache, die meiner Meinung nach in die falsche Richtung läuft, nicht aufhalten kann. Die Sternchen und Sprechpausen übernehmen viele, weil es jetzt zum guten Ton gehört. Überall. Im Radio, Fernsehen usw. Aber die Handhabung birgt so viele Fehler und Ungerechtigkeiten, die ich nicht gutheißen und widerspruchslos hinnehmen kann. Aber ich merke, dass ich sonst daran ersticke. Ich muss mich einmischen und widersprechen, wenn die Sprache zum Experimentierfeld und zerhackt wird.

Ich persönlich bevorzuge die Doppelnennung, wenn ich eine konkrete Personengruppe anspreche: „Liebe Besucherinnen und Besucher“. Spreche ich über die Menschen, die die Bibliothek nutzen, sind es „die Besucher“ in Sinne des generischen Maskulinums. Irgendwo habe ich mal gelesen: Beim generischen Maskulinum sind weder Frauen noch Männer mitgemeint. Sie sind gar nicht gemeint. Es geht hier nicht konkret um Herrn Y und Frau X, sondern um eine anonyme, abstrakte Gruppe. Wenn ich mal wieder zum Arzt muss, dann bedeutet das nicht, dass ich zu Dr. Walter Neumann gehen will, sondern z.B. eine Krebsvorsorge längst mal wieder fällig ist. Erzähle ich aber von einem ganz konkreten Arztbesuch bei einer eine Frau, dann rede ich selbstverständlich von ihr als Ärztin. Es taucht ja auch immer wieder das Totschlagargument der Studien auf, dass Kinder getestet wurden, indem sie die Personen zeichnen sollten, die ihnen bei Verwendung des generischen Maskulinums genannt wurden. Es waren meistens Männer. Es wäre interessant, diesen Test mal durchzuführen unter Verwendung des „glottalen Plosivs“ inklusive der Endung „innen“. Wetten, dass dann nur Frauen gezeichnet werden? Ist das besser? Diese Sprechweise klingt wie die ausschließlich weibliche Form. Die meisten Menschen bekommen die Pause nämlich gar nicht mit und hören nur „Besucherinnen“. Das ist schließlich auch nicht im Sinne der Erfinder*innen. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben gelernt – niemand ist ausschließlich und unwiderruflich männlich oder weiblich oder nonbinär. Jeder kann alles sein und wechseln. Somit können die Menschen auch mit einer Bezeichnung für alle benannt werden. 

So, genug zu diesem Thema. Was habe ich sonst noch so gemacht, außer mich aufzuregen?

Zum Beispiel die gute Nachricht von der Wiedereröffnung der Bibliotheken zu verkünden.

Beschwerdebriefe unserer Leser wegen der unregelmäßigen Öffnungszeiten zu beantworten.

Meinem Mann zum 60. Geburtstag Rouladen und Klöße zu kochen und einen Kuchen zu backen.

Meine Schreiberlinge aus ihrer Corona-Müdigkeit aufzuwecken, allerdings mit mäßigem Erfolg. Aber ich konnte ein paar dazu bewegen, in unserem Podcast darüber zu berichten:

Bibliotheks-Entzugserscheinungen

Mir einen Gynäkologie-Termin zu besorgen, um dann dort von einer Ärztin mir schon längst bekannten Befunde vorgelesen zu bekommen und nach exakt zwei Minuten wieder vor der Tür zu stehen.

Neue und alte Kooperationen zu aktivieren und die Liste der geplanten Veranstaltungen weiter anwachsen zu lassen.

Mit Stadt und Land unfreiwillige Selbstgespräche zu führen über die Einsicht in die Notwendigkeit der Renovierung des Treppenhauses nach fast 30 Jahren.

Mich zu fürchten vor Montag, weil vermutlich ein gigantischer Besucheransturm zu bewältigen sein wird.

Und zum Abschluss noch ein Fundstück zur Erheiterung:

28. Februar

Heute habe ich jemanden zum Weinen gebracht. Zumindest vermute ich das. Es passierte während eines Online-Meetings, in dem es u.a. auch um die Abstimmung eines Textes ging, der überarbeitet und gegendert wurde. Jetzt – wo ich darüber schreibe, wird mir bewusst, wie schwierig das ist. Mein erster Versuch lautete: „Heute habe ich eine junge Frau zum Weinen gebracht.“ Aber das wäre falsch, denn es handelt sich um eine nonbinäre Person, die hinter ihrem Namen in Klammern die Personalpronomen nannte, mit denen sie bezeichnet werden möchte, nämlich „They / Them“. Ich glaube, dass vielleicht auch „jemand“ nicht das richtige Wort ist. Aber „Person“ oder „Mensch“ ist ok, denke ich. Jedenfalls gab ich im Chat zu bedenken, dass es noch keine verbindliche Schreibweise gibt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat sich diesem Thema ausführlich gewidmet und Leitlinien veröffentlicht, die alle Schreibweisen sehr sachlich beleuchten. Den Link mit den Leitlinien stellte ich auch in den Chat. (Die GfdS ist übrigens nicht irgendeine Institution mit alten weißen Männern im Vorstand, sondern wird von der Bundesregierung – Beauftragte für Kultur und Medien – aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages und von den Regierungen der Bundesländer – Kultusministerkonferenz – gefördert und ist u.a. Mitglied des Rates für deutsche Rechtschreibung.)

Die betreffende Person antwortete mir in Chat, dass sie sich die Leitlinien angeschaut hätte und dort die Thematik ausschließlich unter binären Gesichtspunkten betrachtet würde. Sie fühlte sich davon offenbar indirekt angegriffen und von mir, wie ich befürchte, nicht ernstgenommen. Jedenfalls war sie dann emotional so aufgewühlt, dass sie sich kurzzeitig aus dem Meeting zurückziehen musste und mit verweinten Augen zurückkam. Das hat mich sehr betroffen gemacht und das Merkwürdige an der Situation war, dass ich ihre Reaktion gut verstehen konnte, denn auch ich hätte am liebsten das Meeting verlassen. Die Person wie auch ich waren uns aber darüber im klaren, dass das auch keine Lösung sein kann. Es ist aber sehr beeindruckend, welch heftige Reaktionen dieser in meinen Augen gewaltsame Eingriff in die deutsche Sprache hervorzurufen imstande ist. Schon allein die Tatsache, dass ich mich hier zum zweiten Mal in solcher Ausführlichkeit diesem Thema widme, zeigt, wie auch mich das Gendern umtreibt.

Aber es gibt ja zum Glück den mentalen Ausgleich durch meine Hör-Spaziergänge, meistens nach Feierabend. Seit wir wieder geöffnet haben, gilt der Rhythmus: zwei Tage Homeoffice, drei Tage vor Ort in der Bibliothek. Wir müssen uns möglichst so absprechen, dass nie mehr als zwei Personen im Büro sitzen. Ich komme damit sehr gut zurecht, denn es gibt ausreichend Arbeit, die ich zu Hause am Laptop erledigen kann. Morgen z.B. werde ich die Veranstaltung „Schwebende Bücher“ vorbereiten. Dazu gehört die Beschäftigung mit den Büchern, die ich vorstellen möchte, die Erstellung der finalen Titelliste, das Einpflegen der Titel in die Gesamtliste, die Powerpoint-Präsentation mit den Buchcovern, Aktualisierung der Webseite mit den Daten, Werbung in den sozialen Netzwerken. Wir wollen nämlich die Veranstaltung erstmalig filmen und ins Netz stellen, gleichzeitig aber trotzdem den Podcast weiterführen. Außerdem nehme ich am Morgen an einem Webinar teil, in dem sich deutschlandweit Kinder- und Jugendbibliotheken austauschen. Und dann ist schon bald wieder Mittwoch, Zeit, sich Gedanken zu machen über den Inhalt des Podcastes „Mittwochs in der Bibliothek“.

Momentan ist Vollmond, der meinen Heimweg gut ausleuchtet und mich immer wieder zum Fotografieren auffordert. Besonders die blaue Stunde hats mir angetan.

Letztes Wochenende haben wir unseren Radius etwas erweitert und einen Ausflug nach Grünau gemacht. Genauer gesagt in die dortige Gartenstadt Falkenberg und mit „Besteigung“ des Buntzelberges. Obwohl man nach 5 Schritten oben ist (ca. 60 m hoch), hat man eine fantastische Aussicht bis zum Müggelturm. War schön, mal was anderes zu sehen als die altbekannten Wege durch Marzahn-Hellersdorf.

Die Gartenstadt ist unter dem Namen Tuschkastensiedlung bekannt. Die Wohnsiedlung mit ihren bunten Fassaden gehört zum Weltkulturerbe. Im Jahre 1912 bekam der Architekt Bruno Taut den Auftrag, eine Wohnsiedlung im Südosten von Berlin zu planen. Tauts Pläne sahen vor, dass sich die Bewohner der Häuser in ihren Gärten mit Lebensmitteln selbst versorgen. Die Siedlung mit den niedlichen Häuschen hat mich sehr an das Ambiente in den Büchern von Astrid Lindgren erinnert. Besonders beeindruckend war allerdings, dass sich in den Parks die Menschen in Bikini und Badehose sonnten. Wahnsinn! Im Februar!

Übrigens stand die letzte Podcast-Folge von Suse und Hajo Schumacher unter dem Titel: „Die irre Angst vor dem Lockdown-Ende“. Ehrlich gesagt, gehts mir genauso. Ich bin mittlerweile dermaßen entwöhnt vom normalen Bibliotheks-Getriebe mit Veranstaltungen, Schulklassen, Gruppenführungen usw., dass ich mir unmöglich vorstellen kann, das alles wieder bewältigen zu müssen. In meinem tiefsten Inneren sitzt ein Teufelchen, das sich die Hände reibt, wenn dies alles weiterhin verboten bleibt. Dieses Gefühl hat sich unbemerkt eingeschlichen und macht es sich bequem. Ich würde es gerne wieder loswerden!

Allerdings lässt das Buch, das ich momentan höre (ca. 24 Std. Hörzeit), diese Probleme geradezu lächerlich erscheinen:

„Seit Generationen leben die Isings im Wolfsburger Land, fernab der Welt und doch mitten in Deutschland. Alles verändert sich für die Familie, als auf Hitlers Befehl eine gigantische Automobilfabrik entstehen soll, um den „Volkswagen“ zu bauen. Kinderärztin Charly und Filmproduzentin Edda, Autoingenieur Georg und Parteisoldaten Horst – sie alle müssen sich entscheiden: Mache ich mit? Beuge ich mich? Oder widersetze ich mich? Mut, Verzweiflung, Verrat und Liebe im Zeichen des Nazi-Regimes: bewegend schildert Bestseller-Autor Peter Prange die deutsche Jahrhundert-Tragödie und den Weg einer Familie, deren Mitglieder so unterschiedlich sind, wie Menschen nur sein können.“ (Klappentext)