Corona greift an – August

05. August. Heute ist Mittwoch und ich habe den Podcast vergessen! Vielleicht kann ja als Entschuldigung herhalten, dass ich einen Arzttermin hatte, der aber vorerst Entwarnung gegeben hat. Und schwupps  tut mir nichts mehr weh. Wer weiß, was in meinem Kopf da so abläuft. Dem entgegengesetzt steht meine Corona-Wahrnehmung. Um mich herum werden düstere Prognosen erstellt, weil die Zahlen wohl wieder dramatisch steigen. Ich durchforste die Meldungen im Internet, sehe mir Grafiken und Statistiken an und finde lediglich, dass in Mecklenburg-Vorpommern eine Schule geschlossen wurde, weil ein Schüler infiziert ist. Natürlich bewegen wir uns alle auf dünnem Eis, nichts ist sicher, jederzeit kann die Lage wieder kippen, aber ich finde, von Dramatik kann man momentan wirklich nicht sprechen. Jedenfalls nicht in Deutschland. Trotzdem prophezeit ein Teilnehmer meiner Schreibwerkstatt, dass die Lesung mit Iny Lorentz im November seiner Meinung nach nicht stattfinden wird. Vielleicht hat er recht, vielleicht aber auch nicht! Mich macht dieses Schwarzsehen immer hilflos und auch wütend. Ich antworte: „Man kann natürlich immer im Gefühl, realistisch zu denken, vom Schlimmsten ausgehen. Aber dann müsste ich sagen: Ich organisiere überhaupt nichts mehr und stelle alle Aktivitäten ein inklusive Schreibwerkstatt, weil ja sowieso alles in den Sternen steht. Wozu sich dann überhaupt noch engagieren? Wäre verschwendete Lebensenergie. Aber ich denke Gott sei Dank positiv, das heißt aber nicht blauäugig.“

Themawechsel. Vor einer Woche habe ich noch großspurig verkündet, dass ich das Auto, welches mir gerade zur Verfügung steht, ignoriere und weiterhin laufen werde. Natürlich bin ich dann doch jeden Tag damit zur Bibliothek gefahren. Es ist einfach zu verlockend, in 15 Minuten dort sein zu können statt in 60 Minuten. Aber ab Montag hat die Bequemlichkeit keine Chance mehr, dann wird wieder gelaufen! Schon mehrmals bin ich in der Spremberger Straße auf eine verblasste Inschrift an zwei Hauswänden aufmerksam geworden, leider auch teilweise bis zur Nichtlesbarkeit zugewachsen.

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Meine Recherchen haben ergeben, dass die Schrift ein Teil eines Gesamtkunstwerkes zu sein scheint: „Eine weitere Künstlerin, die im Grabenviertel ihre Spuren hinterließ, ist Erika Klagge. Zum Thema Kontakt wählte sie ein Motiv aus der Kunstgeschichte: Die Erschaffung Adams von Michelangelo aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.“ Allerdings beziehen sich alle Erwähnungen auf dortige Wandgemälde und Skulpturen. Da im Wandtext aber von Sophia die Rede ist, die Adam erkennt, muss diese Schrift eine Ergänzung zum Kunstwerk sein. Siehe auch: https://www.zeitgemaess-glauben.at/cms/images/media/dokumente/2016%2011%20Michelangelo_G%C3%B6ller_Die%20Frau%20(print).pdf

Überhaupt  scheint sich in diesem Viertel noch so einiges an Kunst zu verbergen. Es wird also nicht langweilig, auch wenn ich den Weg nun schon so oft gelaufen bin. Manch einer kann sich vielleicht das Gähnen kaum verkneifen, aber ich finde sowas spannend.

Die letzten Tage habe ich die Nächte damit verbracht, die Geschichten meiner Schreiberlinge zum  Storytausch zu korrigieren. Die teils katastrophale Rechtschreibung hat mich wieder mal schwer erschüttert. Trotzdem mag ich meine Truppe sehr. Letzten Samstag zur Schreibwerkstatt hatten wir wieder viel Spaß! Auch die Dreharbeiten zu unserem Imagefilm haben begonnen – 10 Jahre müssen gewürdigt werden!

PS: Immer noch keine Masken gekauft.

12. August. Ich habe mir Masken gekauft! Gleich vier auf einmal! Und auch noch in passendem Design zu meiner Kleidung – schwarz/weiß, versteht sich. Noch im Mai war ich der festen Überzeugung, dass ich diesen Trend niemals mitmachen werde, also aus der Not eine Tugend machen und vielleicht auch noch lustige Grinsemasken zu tragen, geschweige denn zu kaufen. Nun bin ich weichgeklopft. Obwohl ich immer noch meine Grenzen habe, also alles kommt mir nicht ins Gesicht.

Noch immer bin ich mit Korrekturlesen beschäftigt. Und auch weiterhin bin ich fassungslos, was mir da so präsentiert wird. Auch von angehenden Lehrerinnen. Auf Anregung einer meiner Kolleginnen werde ich in der nächsten Schreibwerkstatt mal zur Diskussion stellen, welchen Wert korrekte Rechtschreibung hat. Vielleicht wird sie tatsächlich von Leuten meiner Generation überbewertet? Schließlich weiß man doch, was gemeint ist. Da kommt es doch nicht so sehr auf den einzelnen Buchstaben an, oder? Aber ich lese auch Korrektur zu einem Buch mit dem Titel „Best Practice in Bibliotheken“, das demnächst im Simon-Verlag für Bibliothekswissen erscheint und bei dem ich auf wundersame Weise Mitherausgeberin geworden bin. Darin wird es auch ein Kapitel über die Marzahn-Hellersdorfer Bibliotheken geben und über die Schreibwerkstatt. Stichwort Schreibwerkstatt: Der Imagefilm ist in der Produktion. Heute hat uns der Kamera-Mann (einer der Teilnehmer) das Intro präsentiert, das ich schon mal megacool finde:

Und nun – nach einem gar nicht so uninteressanten internen Fortbildungstag zum Thema „Teambildung“ – verabschiede ich mich schon wieder in den Urlaub. Dieses Mal werde ich mit Kolleginnen, die aber vor allem Freundinnen sind, ein verlängertes Mädelswochenende in Franken verbringen und danach mit meinem Mann in einem Hausboot auf der Havel schippern. Das wird ein Spaß!

20. August. Das Wochenende in Iphofen war wunderschön. Entspannt, lustig, interessant. Wir haben das Kleinstadtleben genossen, einen Ausflug nach Würzburg unternommen, um uns für den angekündigten Regentag einzukleiden, um dann im Sonnenschein auf der Alten Mainbrücke Wein zu trinken. Wir sind gewandert, haben das Knauf-Museum in Iphofen besucht und dort die verrücktesten Schuhe der Welt bewundert und anprobiert. Der Gang auf dem Laufsteg hat unsere Hochachtung vor den Mannequins um ein Vielfaches gesteigert, nachdem wir uns in absatzlosen Highheels und anderen völlig absurden Schuhformen fast die Knöchel gebrochen haben.

Sehr interessant fand ich, dass eine Skulptur an der dortigen Kirche eine Art Mundschutz trägt. Offenbar ist das also keine Erfindung der Neuzeit:

Gestern traf ich mich mit meinem Sohn zu einer Audiotour durch das frühere jüdische Leben in Neukölln. Wir haben viel dazugelernt, z.B. wusste ich nicht, dass es den Markt am Maybachufer schon seit mindestens 1880 gibt. Auch viele beeindruckende Häuser und Kunst am Wegesrand verleiteten mich zum Fotografieren. Wenn man seinen Blick aufmerksam schweifen lässt, gibt es so einiges zu entdecken. Der Tag fand seinen Abschluss mit einem opulenten Mahl in einem syrischen Restaurant.

Morgen beginnt unsere viertägige Havelfloß-Fahrt. Nochmal abschalten, die Natur genießen und Corona ganz weit weg schieben. Auch alles andere, was da eventuell auf mich zukommt. Ich muss nun doch noch zum Ultraschall. Ich glaube, dann hätte ich lieber Corona.

26. August. Nach fünf Tagen ohne Maske, weitab von Bibliothek, Zivilisation und dem aktuellen Tagesgeschehen, dafür mitten in der Natur sitze ich nun wieder an meinem Laptop. Entspannt und glücklich. Heute Vormittag bin ich wahnsinnig aufgeregt zum Sonografie-Termin getrabt, auf das Schlimmste gefasst, aber es gab Entwarnung. Jetzt ist die Welt wieder im Lot, für mich jedenfalls.

Unsere Floßfahrt war ein Erlebnis, von dem ich noch lange zehren werde. Jetzt weiß ich, was Entschleunigung bedeutet. Das Floß selbst mit seinem 8-PS-Motor sorgt schon dafür, aber auch das stark reduzierte Leben darauf. Man hat nicht viele Beschäftigungsmöglichkeiten und kann sich somit auch nicht selbst unter Druck setzen. Man geht mit allem sparsam um – dem Handy-Akku, dem Essen, den Klamotten, Bewegung, dem Treffen von Entscheidungen. Nur eins hat man im Überfluss: Zeit. Ach ja – auch Wasser natürlich (eine riesige Badewanne) und Sterne am Nachthimmel. Es war wundervoll. Jedem zu empfehlen, der Sehnsucht nach einer Auszeit hat! Eine ausführliche Fotostrecke gibts hier, ansonsten füge ich hier ein paar Bilder ein: