Corona greift an – April

1. April. Niemandem ist nach Aprilscherzen zumute.

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Ich lenke mich ab mit einem Wörterpuzzle aus der Wochenend-TAZ. Dort wurde ein Wortsalat abgedruckt, den man wieder zusammenfügen sollte. Bis auf wenige Wörter habe ich tatsächlich fast alle verarbeitet:

Auf dem Dach des Freizeitforums wird fleißig gearbeitet. Das ist tröstlich, gibt es einem doch das Gefühl von Normalität. Früher haben wir immer gestöhnt, wenn über unseren Köpfen gehämmert und gebohrt wurde. Jetzt freut man sich darüber. Es sieht so aus, als könnten wir und hoffentlich auch unsere Besucher bald das Dach zum Aufenthalt nutzen. Noch ist alles eine große Baustelle, aber es geht voran. Bänke stehen schon, heute wird das Geländer montiert:

An den blühenden Kirschbäumen auf dem Platz vor dem Freizeitforum erfreuen sich im Moment nur die Bienen, Menschen sind nicht zu sehen.

Ich arbeite mich putzend durch die Bibliotheks-Regale und bin schon ein Stück weit vorangekommen. Ab und zu entdecke außer Staub und teilweise nicht mehr zu identifizierender Objekte wie schon in den vergangenen Tagen Buchtitel, die für die gegenwärtige Situation geschrieben zu sein scheinen. Heute fällt mir ein Buch vor die Füße, das passender nicht sein kann:

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Nach dem täglichen Pensum von 15 Regalen mache ich noch Besorgungen für meine 85jährige Nachbarin. Für sie ist es momentan auch sehr bitter und sie hat große Angst, die Wohnung zu verlassen. Gespräche finden nur an der Wohnungstür statt. Sonst hat sie mich auch gerne mal zum Essen eingeladen und sich über meine Gesellschaft gefreut. Das fällt jetzt weg. Wir winken uns nur noch aus gebührendem Anstand zu. Ich beobachte an mir, dass ich immer weniger einkaufen gehe. Als in seiner Freiheit sonst uneingeschränkter Mensch empfindet man das jetzt notwendige Reglement als herben Einschnitt in die Persönlichkeitsrechte. Es ist bedrückend. In den Nachrichten wird verkündet, dass diese Maßnahmen, Kontaktsperren und die Ausgangsbeschränkungen bis nach Ostern aufrechterhalten werden. War zu erwarten, ist sicher auch vernünftig und trotzdem deprimierend. Erstmals wird Ostern für Gläubige ohne Gottesdienste stattfinden. Es wird nirgendwo ein Osterfeuer geben, über Reiseziele muss man sich gar nicht erst den Kopf zerbrechen.

 

Man hört nur noch „Corona“. Egal, wo man hinschaut und -hört.  Jetzt kommt meinem seelischen Wohlbefinden meine bisherige Strategie im Umgang mit News sehr zugute. Keine Nachrichten hören, keine Tagesschau und schon gar keine Talkshows anschauen, keine News per Smartphone empfangen. Wichtiges erfahre ich trotzdem, aber es bleibt auch noch Platz für andere Gedanken in meinem Kopf. Ich empfehle hier wärmstens das Buch von Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens.

Auch meine Zebrafinken spielen verrückt. Einer hackt dem anderen das Köpfchen kaputt. Ich kaufe einen zweiten Käfig und schicke das verletzte Vögelchen in Quarantäne.

2. April. Immer öfter in der Diskussion: die Corona-App und ob das Tragen von Schutzmasken Pflicht werden soll. Beim Bahnfahren fällt mir auf, dass nicht alle Fahrer die Türen automatisch öffnen. Wäre aber sinnvoll.

Unser Psychologiebestand birgt eine Menge Buchtitel, die man zu einer Corona-Geschichte verarbeiten könnte:

Ich könnte daraus eine Schreibaufgabe machen für den Online-Schreibzirkel am Samstag. Daran wird auch das Ehepaar Iny Lorentz teilnehmen, unsere Storytauschautoren und ich telefoniere heute mit ihnen, um den Chat vorzubereiten. Mit meinem Kollegen Christoph Kaltenborn bespreche ich seine Idee, in den Podcast Musikrätsel einzubinden.

03. April. Stress!!! Ein Handwerker hat sich für 7 Uhr (!!!) angekündigt, um die Badewannen-Mischbatterie auszutauschen. Mit drei Weckern schaffe ich es auch tatsächlich, rechtzeitig aufzustehen. Hat prima geklappt. Gestern angerufen, heute erledigt.

Da ich die Nachrichtenflut meide, informiere ich mich ab und zu auf der Seite vom Robert-Koch-Institut, dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und bei Statista. Die Zahlen von heute sagen aus, dass es 0,07% aktive Fälle in Deutschland gibt, davon 0,005% mit schwerem bis kritischem Verlauf. Es werden auch vorwiegend absolute Zahlen bei der Berichterstattung verwendet. Aber durch die Darstellung in Prozenten kann man die Gesamtsituation besser erfassen. Es gab bisher 1017 Todesfälle in Deutschland, das sind 0,001% von 80 Mio. Einwohnern. Der Altersmedian liegt dabei bei 82 Jahren. Ich muss gestehen, dass mich diese Zahlen (noch) nicht beängstigen. Nicht vergessen darf man natürlich dabei die Aussage, die immer wieder fällt: Wir stehen noch ganz am Anfang. Heute wurde der Bußgeldkatalog veröffentlicht, der die Ahndung von Verstößen gegen die derzeitigen Regelungen festlegt. Sogar Bibliotheken sind darin bedacht. Wer vor dem 19.04. Bibliotheken öffnet, muss mit einer Strafe von 1000 – 10.000 € rechnen. „Die Öffnung von Bibliotheken ist verboten.“ Irgendwie makaber, aber eben notwendig.

Ich habe meine Passion für diese Zeit gefunden. Stetiges Vor-mich-hin-Putzen beruhigt und man kann zum Feierabend stolz auf ein sichtbares Ergebnis blicken. Aber dafür habe ich in meiner Wohnung das Reinigungsprogramm völlig auf Null gefahren. Langsam fällt das sogar meinem Mann auf!

Wochenende 04./05. April. Am Samstag kamen ungefähr 15 junge Leute zur Schreibwerkstatt, zum ersten Mal in deren 10jährigen Geschichte fand diese online statt. Lustigerweise trudelten die Teilnehmer auch dieses Mal nicht alle pünktlich ein – wie im echten analogen Leben! Irgendwie hat mich das beruhigt. Auch Elmar Wohlrath von Iny Lorentz schaltete sich später dazu und beantwortete Fragen zum Storytausch. Ich habe es sogar geschafft, die Konferenz aufzunehmen, so dass man nochmal nachhören und schauen kann, obwohl es akustisch kein Vergnügen ist. Beim nächsten Mal wird es besser, denn wir wollen uns auf jeden Fall auf diese Weise nochmal mit Iny Lorentz austauschen.

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Der Sonntag lockte auch uns nach draußen. Ziel: das Erpetal. Endlich mal wieder mehrere Schritte am Stück. Irgendwie scheint alles so normal – hier und da Spaziergänger, meistens aber Radfahrer, die Sonne gibt ihr bestes, es herrscht frühlingshafte Aufbruchstimmung, aufatmen, durchatmen. Den Bus zurück haben wir fast alleine und wir denken für den Moment etwas beschämt: So entspannt könnte es eigentlich bleiben!

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06.-08. April. Es geht weiter mit den üblichen tagesfüllenden Dingen wie Recherche, Lesen, Webseite, Putzen, Podcast. Im Freizeitforum gehen die Bauarbeiten auf dem Dach gut voran und der Fensteraustausch hat begonnen. Eine Kollegin von mir wird 60 Jahre und ich versuche, ihrem Schreibtisch einen Hauch von Normalität zu verleihen, wie also sonst die Schreibtische der Jubilare zu liebevoll gestalteten Geburtstagstischen umgestaltet werden. Das Thema ist „Tanz“ und die Geschenke und Glückwünsche orientieren sich daran. Da auch Pflanzen dazugehören, holt sie alles ab und ist völlig von den Socken vor Freude. Sie hat die Anerkennung unbedingt verdient und es ist traurig für sie dass dieser besondere Tag in diese besondere Zeit fällt.

Beim Putzen habe ich hinter Büchern versteckt den Buchdeckel von „Handbuch des Kommunismus“ gefunden. Dem Dieb kam es wohl nur auf den Inhalt an. Und hinter einem Hinweisschild verbarg sich ein Zettel mit einem kurzen Text zum Thema „Zukunft“, den jemand dort deponiert hat. Wie man sieht, kann Putzen auch sehr unterhaltsam und lehrreich sein.

Am Dienstag gabs noch ein schönes Ereignis – unser Kunstautomat wurde geliefert und montiert. Es handelt sich um einen ehemaligen und nun umfunktionierten Zigarettenautomaten. Für 4 € kann man sich eine Schachtel ziehen, in der sich ein kleines Kunstwerk befindet mit Beipackzettel. Darauf findet man Angaben zum Künstler. Es sind alles Unikate. Auch der Automat selbst ist ein Kunstwerk. Er wurde gestaltet von Frank Rexin, zu erkennen an seinen Markenzeichen Raumschiff Enterprise und der Erdbeere. Nun wartet die Kunst auf Kundschaft. Wir im Übrigen auch!

Heute haben wir erfahren, dass mit großer Wahrscheinlichkeit am 20.04.2020 die Bibliotheken noch nicht wieder geöffnet werden. Und wenn, dann unter ganz besonderen Bedingungen, die momentan noch besprochen werden. Heute wäre ich übrigens mit meinem Sohn nach Dubai geflogen.

09. April. Meine heutige Putzaktion fördert ein „Nest“ zutage. Hinter einem großen Technik-Buch hatte jemand irgendwann mehrere CDs und eine Bluray deponiert:

Warum, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte er das alles ausleihen, dann gab es einen Hinderungsgrund und er sicherte die CDs auf diese Weise vor dem Zugriff anderer. Oder er fand es einfach nur lustig. Wir nicht, denn durch solche Späßchen verschwinden die Medien meist für Monate und sind für Interessenten unerreichbar. Um so mehr freue ich mich, diesen Unfug aufgedeckt zu haben.

Als ich dann folgende Bücher in den Händen halte, staune ich nicht schlecht:

Da hatten die Autoren ja wohl schon vor einigen Jahren den siebten Sinn! Passender gehts ja wohl kaum in diesen Corona-Zeiten. Der aktuelle Stand von heute:

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Das sind 0,14% Infizierte und 0,003% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung.

10.-13. April. Ostern. So seltsam war das Osterfest vermutlich noch nie. Da das Wetter sehr schön werden soll, gibt es immer wieder Appelle, die Abstandsregeln einzuhalten. Nun ja, das funktioniert nicht überall, aber im Großen und Ganzen halten sich die Leute daran. Ich bin in dieser Beziehung sehr vorbildlich und isoliere mich in meinem Büro- / Schlafzimmer, um dort mal ganz gründlich zu putzen und aufzuräumen. Die Staubschichten sind erschütternd und würden eine Atemschutzmaske auf jeden Fall rechtfertigen. Es geht tatsächlich der ganze Samstag drauf, um das Zimmer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Am Sonntag treffe ich mich mit meinem Sohn am Grab seines Vaters auf dem Kaulsdorfer Friedhof und wir pflanzen frische Blümchen. Danach laufe ich von dort an der Wuhle nach Hause und genieße die Sonne. Gefühlt haben sämtliche Einwohner des Stadtbezirkes die gleiche Idee, aber die Menschen verteilen sich auf dem Weg. Den Montag widme ich wieder meiner neu entdeckten Leidenschaft – dem Entstauben und Aufräumen meines privaten Bücherregals. Inzwischen habe ich gelernt, dass man Bücher auch wegwerfen darf. Schnell türmen sich drei Stapel um mich herum auf: „Ab in die Tonne“ / „Für den Büchertrödel in der Bibliothek“ / „Zurück ins Regal“. Natürlich entdecke ich manches Buch auch neu, blättere darin und lese. Und so vergeht der Montag wie im Flug mit der Entdeckungsreise durch meine Privatbibliothek. Nebenbei höre ich RadioEins. Dort wird philosophiert, ob sich die Menschen durch die Corona-Maßnahmen dauerhaft verändern, Positives beibehalten. Wäre schön, aber ich denke, dass alle ganz schnell wieder in den gewohnten Alltagstrott zurück verfallen.

In den Nachrichten wird über die Empfehlungen der Leopoldina berichtet, schrittweise die Schulen wieder zu öffnen. Zitat Deutschlandfunk: „Auch in vielen weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens könnten Beschränkungen schrittweise gelockert werden, etwa im Einzelhandel, im Gastgewerbe und in Behörden. Voraussetzung sei unter anderem, dass die bekannten Hygienemaßnahmen eingehalten würden. Auch private und dienstliche Reisen sollten wieder stattfinden können. Für den öffentlichen Personenverkehr raten die Experten zur Einführung einer Maskenpflicht. „Nach und nach“ sollten auch Veranstaltungen wieder ermöglicht werden.“

Sollte das mit den privaten Reisen tatsächlich erlaubt werden, wäre ich überglücklich. Denn es stehen so einige geplante Ausflüge auf der Kippe, für die ich schon Bahntickets erworben hatte. Noch habe ich nichts storniert. Vielleicht ist das richtig gewesen. Aber wenn Maskenpflicht eingeführt wird im ÖPNV, dann laufe ich. Alles in mir sträubt sich gegen die Vorstellung, mit einem Mundschutz durch die Gegend zu laufen, zumal auf die WHO davon abrät, wenn man gesund ist.

Nun ist Ostern 2020 Geschichte und morgen kann ich wieder putzen gehen!

14. April. Zunächst ein Blick auf die aktuellen Ereignisse.

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Das sind 0,16% Infizierte und 0,004% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung. Alle Augen und Ohren richten sich heute noch aufmerksamer als sonst auf die Medienberichterstattung und die Aussagen der Politiker auf Bundes- und Landesebene. Denn jetzt ist „nach Ostern“. Aber natürlich kehrt noch keine Normalität ein, als wäre nichts gewesen. Gerade sehe ich eine Comedysendung, in der gesagt wird, dass heute das Wort „Normalität“ so oft verwendet wurde, dass bei Streichung desselben die Zeitungen noch nicht mal mehr ein Deckblatt hätten. Wider alle Vernunft hoffen trotzdem viele auf Lockerungen und es wird auch vorsichtig angedeutet, dass diese bald kommen werden, aber erst nach dem 19.04. Ab Donnerstag werden Politiker darüber beraten. Für mich (und viele andere) hängt so einiges davon ab wie z.B. in Kürze geplante Veranstaltungen in der Bibliothek und Reisen.

Auf dem Weg zur Bibliothek fällt mir auf, dass immer mehr Menschen Mundschutz tragen. Vermutlich muss ich mich bald an strafende Blicke gewöhnen.

Die Fachbereichsleiterin Benita Hanke gibt für den Podcast einen Ausblick auf drei diskutierte Varianten, die Bibliotheken wieder zu aktivieren: Versand von Bestellungen, das Apotheken-Modell (bestellen und abholen) sowie das Supermarkt-Modell (kurz Medien auswählen und gleich wieder raus ohne Aufenthalt). Auch meine Kollegin Natalja ist vor Ort und sehr fleißig – sie packt Materiallieferungen aus:

Ich wende mich wieder dem Staub zu und wundere mich, wie viele Bücher sich mit dem Thema „Putzen“ auseinandersetzen. Das war mir vorher gar nicht bewusst:

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Und zum Abschluss dieses Arbeitstages drehe ich dann noch ein sehr schlechtes Selfie-Video für Berlin(a)live, Die digitale Bühne für Kunst und Kultur. „Berlin kann bestens improvisieren: Wenn die Öffentlichkeit zuhause bleiben muss, bringen wir sie auf einer anderen Ebene zurück. DJ-Battles und Diskussionen, Opern und Performances sowie Konzerte und Vernissagen – alles im Livestream. Wir schaffen einen digitalen Raum für all diejenigen, die Öffentlichkeit brauchen, um zu überleben.“

Wir haben unsere Podcasts dort veröffentlicht und wurden gebeten, ein kurzes Videostatement abzugeben, warum wir die Plattform nutzen:

15. April. Es gibt Neuigkeiten! Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sich heute beraten und eine umfangreiche Beschlussvorlage verfasst, wie weiter zu verfahren ist und in welchen Bereichen Lockerungen möglich sind. Darin heißt es unter Punkt 9:

„…Unter Auflagen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen können folgende Kultureinrichtungen wieder geöffnet werden: • Bibliotheken und Archive…“

Um diese Auflagen zu erfüllen, sind allerdings noch einige Regelungen und Maßnahmen zu treffen, bevor die Bibliotheken ihre Türen wieder aufschließen können. Der laufende Betrieb wurde am 13. März von 100 auf 0 gestoppt, bestimmte Vorgänge wie z.B. freibuchen der Medien waren die ganze Zeit nicht möglich und müssen nun vor der Öffnung noch erfolgen. Und außerdem bin ich noch nicht fertig mit putzen! Ich will das unbedingt noch schaffen! Heute habe ich mich den Sach-DVDs, Blurays, Sach-Hörbüchern und Software gewidmet. Ganz viele standen an der falschen Stelle und hatten noch Aufkleber „Neu 2018“ (alle abgepult). Eine Kollegin hatte die Idee, ein leeres Regal zugunsten von mehr Platz für Arbeitsplätze wegzuräumen und ich habe mal wieder gestaunt, dass ich nicht selber auf die Idee gekommen bin. Jetzt ist dort viel Luft:

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Und wenn dann die neuen Fenster eingebaut sind, ist das dort bestimmt sehr hell und freundlich. Zwischendurch brachte die Mutter eines Teilnehmers meiner Schreibwerkstatt vier Taschen voller ausrangierter Kinderbücher. Mit zwei schweren Beuteln voller Bücher meiner privaten Aussonderungsaktion war auch ich heute angereist. Genauso bepackt gings dann zum Feierabend nach Hause, denn dank der geschenkten Kinderbücher hatte ich nun die Möglichkeit, den Lesestoff für die Kinder meines Hauses wieder nachzufüllen.

Nun sitze ich hier an meinem PC und mir schwirrt der Kopf bei der Vorstellung, wo ich demnächst überall die reduzierte Öffnung der Bibliotheken eintragen muss – also alles wieder retour, aber trotzdem anders. Ebenso versuche ich, all die notwendigen Schritte zu rekapitulieren, die nun wegen der anstehenden, vermutlich nicht stattfindenden Veranstaltungen, aber der vielleicht stattfindenden Workshops notwendig sind. Die „Schwebenden Bücher“ müssen vorbereitet werden. Wie geht dann der Podcast weiter, welche Reisen muss ich stornieren, welche lieber noch nicht… Jetzt ist wieder vermehrt Kopfarbeit nötig und das ist irgendwie ungewohnt…

16. April. Vom vielen Pantschen im Putzwasser sind meine Hände ziemlich lädiert. Auch mein Handy erkennt meinen Fingerabdruck nicht mehr. Muss ich wohl doch mit Gummihandschuhen aufrüsten. Nach einer wie immer sehr aufwändigen Säuberungsaktion meiner Zebrafinken-Käfige (übrigens besteht die Quarantäne-Regelung für das gerupfte Vögelchen weiter, aber es sind Lockerungen in Sicht 🙂 schleppe ich die vorerst letzte Ladung ausrangierter Bücher in die Bibliothek. Mittlerweile bin ich beim Straßenbahnfahren sehr geübt im „nichts berühren und dabei die Balance halten“.

Nach der gestrigen Verkündigung, dass Bibliotheken unter Auflagen wieder öffnen dürfen, gibt es vieles zu bedenken. Unsere Leser werden davon ausgehen, dass wir am Montag wieder öffnen, aber so einfach ist das nicht, wie ich schon geschrieben hatte. Mein Sohn schickt mir den Link zu einem Interview der TAZ mit Anna Jacobi, der Pressesprecherin der Zentral- und Landesbibliothek, die das Ganze auf den Punkt bringt. Während wir noch überlegen, was jetzt alles zu tun ist (AB neu besprechen, Aushänge und Webseite aktualisieren, welche Schutzmaßnahmen sind erforderlich und was benötigen wir dafür usw.), stellt sich heraus, dass auf der Webseite der Bundesregierung plötzlich nur noch von Bibliotheken der Hochschulen die Rede ist. Große Verunsicherung berlinweit. Was stimmt und was nicht, Öffnung ja oder nein und wenn ja, unter welchen konkreten Auflagen und wie sind diese umzusetzen? Bis zum Feierabend gibt es darauf keine Antworten, aber einen Infotext, mit dem der VÖBB den aktuellen, vorläufigen Stand kommuniziert, bis konkrete Informationen vom Senat vorliegen:

Die Bibliotheken des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) sind voraussichtlich mindestens bis Anfang Mai weiter geschlossen. Die Ausführungsvorschriften zur Wiedereröffnung liegen noch nicht vor, daher können wir Ihnen noch nicht mitteilen, ab wann wir öffnen dürfen und welche Dienstleistungen wir Ihnen dann anbieten können. Wir, Ihre Berliner Öffentlichen Bibliotheken, möchten selbstverständlich gern so bald wie möglich wieder für unser Publikum zur Verfügung stehen. Derzeit arbeiten wir an Modellen, wie zumindest ein eingeschränkter Service wieder möglich gemacht werden könnte. Das ist aber abhängig von den Vorgaben des Senats und den Erfordernissen und Ansprüchen an gesundheitliche Vorsorge für unsere Nutzer*innen, unser Personal und die gesamte Öffentlichkeit. Die Häuser des VÖBB haben gemeinsam täglich etwa 30.000 Besuche und sind damit ein besonders intensiv genutzter Ort der Begegnung in unserer Stadt. Die Schließungs-Entscheidung haben wir in Würdigung der derzeitigen Pandemieentwicklung getroffen, um die Ausbreitung des Virus zu hemmen, das Gesundheitssystem vor massiven Belastungen zu bewahren und besonders gefährdete Menschen zu schützen. Die zurzeit ausgeliehenen Medien werden automatisch verlängert, so dass keine Mahngebühren anfallen werden. Sämtliche analogen Veranstaltungen der VÖBB-Bibliotheken fallen ebenfalls aus. Ihr VÖBB

Ich aktualisiere unsere Webseite entsprechend, sage auf Facebook die Veranstaltungen bis Ende April ab und werde morgen mit den betroffenen Künstlerinnen über Ersatztermine und Podcast-Beiträge verhandeln. Dann wende ich mich praktischen Dingen zu mit dem wohltuend verlässlichen Ergebnis sauberer Regale und der Bearbeitung druckfrischer Bücher, die bald diese beiden Regale füllen werden.

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Auf dem Nachhauseweg mache ich einen Abstecher zu EDEKA. Ich werde unfreiwillig Zeuge folgender Unterhaltung zwischen zwei stark alkoholisierten alten Männern: „Wieso isst du das nicht, bist du Jude?“ „Ne, dann wäre ich nicht hier, sondern in Buchenwald!“ Beide finden das unglaublich witzig. Im Toilettenpapier-Regal herrscht nach wie vor gähnende Leere bis auf einen einzelnen Karton mit Flaschen. Neugierig inspiziere ich diese genauer und lese staunend auf dem Etikett: „Handdesinfektionsmittel“. Na immerhin, manch einer wird sich darüber freuen.

18. April. Heute lese ich in der TAZ die Kolumne von Lea Streisand. Sie bringt auf den Punkt, warum ich momentan geradezu besessen Bücher sortiere und Regale putze: „Aufräumen hilft. Sortieren. Putzen. Es vermittelt ein Gefühl von Kontrolle, weil es eine Handlung ist, die ein sichtbares Ergebnis nach sich zieht. Aufräumen ist ein Analyseprozess. Es verschafft Durch- und Überblick, genau das, was uns jetzt so fehlt.“ Ich fühle mich verstanden. Vieles war vorher im Fluss, teils in einem bewährten Automatismus, teils an Termine und vorausschauendes Management gebunden, das Koordination und Konzentration erfordert, um alles im Blick zu behalten. Beruflich und privat. Corona hat nun auf Stopp gedrückt. Das bedeutet, sobald wieder auf Play umgeschaltet wird, muss das System von 0 auf 100 hochgefahren werden und das möglichst fehlerfrei. Ich habe das Gefühl, dass mir die Fäden aus der Hand gleiten und ich sie nicht vollständig wieder aufnehmen kann. Es ist wie mit einem Traum, den man am Morgen nicht mehr zu fassen bekommt. Er rutscht weg. Wie die Fäden. Und da ist Putzen jetzt genau das Richtige, was Reelles, Bodenständiges. Lea Streisand meinte auch, dass ihr das Maskengenähe und Balkongesinge zunehmend auf die Nerven ginge. Ich liebe sie für solche Sätze!

Gestern gings hoch her bezüglich der Wiedereröffnung der Bibliotheken. Ich nahm mit meiner Chefin einen Podcast-Beitrag zur aktuellen Situation auf. Sie hat im Moment unglaublich viel zu bewältigen, u.a. muss sie sich um die Beschaffung von Plexiglaswänden, Desinfektionsmittel, Mundschutz, Handschuhen und Absperrband kümmern und für 6 Bibliotheken alles koordinieren. Ich habe die vier Anrufbeantworter neu besprochen, denn die Schließzeit dauert ja nun 3 Wochen länger und neue Hinweisschilder angebracht.

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Und natürlich weitergeputzt. Anvisiert wird der 11. Mai als Tag X. Es wird für uns alle eine große Umstellung werden. Nichts wird mehr so sein wie vorher und das auf lange Zeit. Bibliothek als Aufenthaltsort gibt es vorerst nicht mehr.

Am Abend haben wir in der Bibliotheks-WhatsApp-Gruppe sehr lange und ausführlich über das Ultraschallbild unserer schwangeren Kollegin diskutiert. Erkannt wurde ein Kuscheltier, eine Katze, ein Dinosaurier, eine tanzende Frau und ein Brunnen. Ganz am Rande kam auch ein Kind mit ins Spiel. Wir sind gespannt auf das reelle Ergebnis!

19. April. Diese Meldung weckt bei mir große Hoffnung:

Drosten: Warum Erkältungen gegen Corona immun machen könnten

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20. April. Und schon ist wieder ein Wochenende vorbei. Wir waren „Falken-gucken“, haben die Sonne genossen, empörten uns über die unveränderte Feindschaft zwischen den Zebrafinken-Hennen, eigentlich schon Mobbing und (nun wieder 1. Person) ich frönte meiner Putzsucht, indem ich den Schränken im Flur zu Leibe rückte. Alles raus, staunen, was man dort irgendwann mal verstaut hat, der Hälfte den k.w. – Stempel aufdrücken, wieder einräumen und die Lamellentüren in selbst auferlegter Strafarbeit Strebe für Strebe vom Staub befreien. Aber dann! Großes Staunen, wie weiß die Schränke sein können.

In der Bibliothek ist heute so allerhand los. Ich mache einen Podcast-Rundgang und berichte, was ich alles Neues entdecke. Der kaputte Kühlschrank wird ausgetauscht, Handwerker verhüllen die Regale im Roman-Bereich und den Beratungsplatz nach Christo-Manier, weil die Decke darüber geöffnet werden muss (neue Wasserleitung), die Vitrinen werden mit neuem Inhalt gefüllt (Publikationen der Bibliothek), in der Artothek führt meine Kollegin eine Inventur der Kunstwerke durch, auf der Dachterrasse schreiten die Arbeiten sichtbar voran, mein Kollege Christoph arbeitet kontinuierlich an der Umsystematisierung der Noten, meine Chefin versucht, alles Notwendige für die Wiederöffnung der Bibliotheken in die Wege zu leiten.

Anschließend treffe ich mich mit der Autorin Franziska Hauser. Sie führt mit mir ein Gespräch über meine Schulzeit. Welche Lerninhalte haben bis heute Bestand, welche waren für mein späteres Leben irrelevant, wie denke ich über das damalige und das heutige Schulsystem. Daraus wird ein Artikel für die Zeitschrift „Das Magazin“. Mit Kaffee und Kuchen im Gepäck wandern wir zum Wolkenhain und durch die Gärten der Welt, die momentan durch die blühenden Kirschbäume ein besonders schöner Ort sind. Wir kommen von einem Thema zum nächsten und haben ein paar schöne und inspirierende Stunden miteinander. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, die nächste Storytauschautorin zu werden, erzähle ein bisschen über die bisherigen Jahrgänge und wir stellen fest, dass wir einige gemeinsame Bekannte haben.  Corona spielt kaum eine Rolle, was auch mal sehr wohltuend ist.

Die Maskenpflicht ist immer häufiger in aller Munde und ich sehe mich schon sehr viel laufen. Aus dieser Perspektive betrachtet, begrüße ich eventuelle strengere Auflagen. Denn ich werde alles tun, um diesem Zwang zu entkommen.

21. April. Im Fernsehen, Radio, News, Zeitung: Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht…………….. Nun ist es passiert – ab Montag herrscht in Bus und Bahn Maskenpflicht. Anlass für mich, meine tägliche Schrittzahl zu erhöhen und dem Bewegungsmangel ein Ende zu setzen. 6 km hin und natürlich auch zurück. Sonst siegt meistens die Faulheit oder Zeitnot, jetzt die Sturheit. Ich empfinde diese Zwangsmaßnahme als einen massiven Eingriff in mein Persönlichkeitsrecht. Das mag zu eng gedacht sein und viele werden das nicht nachvollziehen können, wieso ich mich gegen so ein simples Stück Stoff wehre. So what. Wenn ich es umgehen kann, dann werde ich es tun.

Heute morgen habe ich mich mit Antje Püpke in deren Garten getroffen, um einen Podcast-Beitrag aufzunehmen, der schließlich 28 Minuten Länge hatte. Leider ist der Ton durch den heftigen Wind ziemlich schlecht, aber ich hoffe, dass man merkt, wieviel Spaß wir bei unserem Gespräch hatten.

Danach fahre ich zur Bibliothek, um die letzten 10 Regale zu putzen. Dann bin ich durch. Die Handwerker sind auch zugange und fräsen ohne Staubsauger Öffnungen in die Rigips-Deckenplatten. Binnen kürzester Zeit wabert eine feine Staubnebelwolke durch sämtliche Etagen der Bibliothek und setzt sich überall als weiße Schicht ab. Ich könnte heulen. Waren jetzt die vier Wochen putzen umsonst? Dass die Regale beim geplanten Fensteraustausch und grundsätzlich nicht dauerhaft staubfrei sein werden, ist ja klar. Aber diese Arbeiten waren nicht angekündigt und wurden ziemlich rücksichtslos durchgeführt. Naja, ich werde es überleben.

20200421_170452Tapfer widme ich mich dem heutigen Tagesziel, dem Kunstbereich und räume gleich mal Tische und Stühle weg, denn es darf sich ja nach Öffnung niemand für längere Zeit in der Bibliothek aufhalten. Der Senat hat heute auch verkündet, dass die Bibliotheken am 04.05. wieder öffnen. Geplant ist aber der 11.05. Was stimmt nun, was gilt? Die Verwirrung ist groß, auch bei unseren Nutzern.

Auf dem Heimweg erledige ich Bankgeschäfte für meine Nachbarin, kaufe bei Norma dies und das ein und versuche mich zu Hause als Beziehungsberater, um das Eifersuchtsdrama im Vogelkäfig in geordnete Bahnen zu lenken. Vergeblich – sie sind beratungsresistent. Wie das wohl enden mag….

22. April. Der Vormittag vergeht mit dem Umsiedeln meiner Vogeldamen. Nicht so einfach. Nun sitzt die Angriffslustige in Einzelhaft und die Attackierte erfreut sich der liebevollen Aufmerksamkeit zweier Männer:

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Nun bleibt abzuwarten, ob sich die andere beruhigt und ihren Fehler einsieht. Danach mache ich mich auf den Weg zur Bibliothek und prüfe dort als erste Amtshandlung den Verschmutzungsgrad der Regale:

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Ich bin erschüttert. Vier Wochen Arbeit umsonst? Zum Glück sieht es nicht überall so aus, was mich dann ein bisschen beruhigt. Da mir in den letzten Wochen etliche Bücher mit zur Situation passenden Titeln aufgefallen waren, stelle ich diese in einem Motto-Regal zusammen:

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Inzwischen regelt und koordiniert meine Chefin gemeinsam mit den anderen Führungskräften des VÖBB die Wiederöffnung der Bibliotheken und hat schon vieles gestemmt und auf den Weg gebracht. Momentan sieht es so aus, als würde der 11.05. der große Tag werden.

Nun auch mal wieder ein bisschen Statistik. Das letzte Mal hatte ich die Prozentzahlen am 14. April berechnet. Da gab es folgenden Stand: 0,16% Infizierte und 0,004% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung. Aktuell siehts so aus: 0,19% Infizierte und 0,0066% Tote.

25. April. In den letzten Tagen wurde die Prognose zur Gewissheit – die Bibliotheken öffnen wieder am 11.05.2020, es sei denn, die Infektionszahlen schnellen wieder aufgrund der bisherigen Lockerungen in die Höhe. Auf jeden Fall müssen wir uns und unsere Besucher  gründlich auf die veränderten Bedingungen vorbereiten. Meine Aufgabe ist die Kommunikation und Information auf unserer Webseite, Facebook, Newsletter, Google, Anrufbeantworter und das Erstellen eines sogenannten Sprechzettels, auf dem alle wichtigen Dinge, die unsere Leser wissen müssen, aufgelistet werden. Dieser Text wird dann einheitlich verwendet.  Unser Angebot wird auf den reinen Leihbetrieb reduziert, die Besucher werden möglichst einzeln und in Einbahnstraßen durch die Bibliotheken geleitet in beschränkter Personenzahl und Aufenthaltsdauer. Unsere Öffnungszeiten wollen wir im Gegensatz zu anderen Stadtbezirken nicht  verändern. Nun ist plötzlich wieder Kopfarbeit gefragt und ich merke, dass mir konzentriertes und fokussiertes Denken schwer fällt. Fast schaue ich wehmütig auf meine Zeit als „Reinigungskraft“ zurück und freue mich, beim Ordnen der Hörbücher nochmal Zuflucht in eine Fleißarbeit gefunden zu haben mit nur einer richtigen Variante. Etwas Abwechslung zum Feierabend bringt der Gang zum Friedhof und zum Hausarzt, wo ich meine Karte durch ein Hoffenster zum Einlesen  reichen muss. Nur ein Patient darf sich in der Praxis aufhalten. Zu Hause bleibe ich auf der Suche nach zwei identischen Knöpfen am Sortieren der stattlichen Knopfsammlung in meinem Nähschränkchen hängen, nach Größe und Farben. So ordentlich war das darin noch nie!

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Das leidige Thema Mundschutz muss ich nun auch nochmal anschneiden. Ab Montag werde ich ja nun zur 100%igen Fußgängerin. Das wird mir gut tun, keine Frage. Natürlich stoße ich in meinem Umfeld günstigstenfalls auf Verwunderung, die sich aber vermutlich in Ablehnung und Missbilligung umwandeln wird. Natürlich freue ich mich über jede Argumentation in meinem Sinne gegen das Tragen von Masken, aber sie sind selten. Umso mehr habe ich mich heute über zwei Beiträge in der TAZ gefreut. Zum einen von Bettina Gaus: „Und das Volk näht“. „Masken waren erst unnötig, dann waren sie Virenschleudern, dann waren sie eine Höflichkeitsgeste, dann waren sie ein dringendes Gebot, und heute gibt es eine Maskenpflicht“, zitiert sie Christian Lindner. Sie schreibt, dass für sie nur schwer nachvollziehbar sei, „welche bahnbrechend neuen Einsichten ausgerechnet im Zusammenhang mit ein wenig Stoff dazu geführt haben, dass fast die gesamte Zunft einen Kurswechsel um 180 Grad vollzogen hat.“ Aber sie wird den Fetzen aufsetzen, sagt sie, weil sie sich dem sozialen Druck unterwirft und staunt gleichzeitig über sich selbst, weil sie das nie von sich gedacht hätte. Ich halte dem Druck stand, solange es mir möglich ist, habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Noch habe ich Möglichkeiten, mich auf maskenlosem Terrain zu bewegen Es ist mir zutiefst zuwider, mir gegen meine Überzeugung und auf der argumentativ sehr wackligen Basis etwas aufzwingen zu lassen. Auch wenn daraus jetzt so ein Hype gemacht wird und die Mehrheit begeistert, ja fast hörig folgt. Bettina Gaus sagt auch, dass ihr vielleicht später diese Zeilen peinlich sein werden. Mir vielleicht auch, ich weiß es nicht. Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt und weiß, dass die ordnungsgemäße Handhabung des Mundschutzes eine hohe Disziplin der Träger erfordert.

  • vor dem Aufsetzen Hände waschen
  • beim Tragen nur an den Gummis berühren
  • nach Durchfeuchtung (und das wird schnell erreicht sein) wechseln
  • vor dem Abnehmen Hände waschen
  • die benutzte und quasi kontaminierte Maske in einen Plastikbeutel stecken, später kochen, bügeln, Backofen usw.
  • vor dem Aufsetzen der nächsten Maske Hände waschen….

Wer bitteschön macht das wirklich? Wenn das aber nicht beachtet wird, wird der Mundschutz zur Virenschleuder.

Der zweite Beitrag in der TAZ ist von Alke Wierth: „Ein Wir-Symbol mit Tücken“. Sie spricht von „halbherziger Maskenpflicht“, weil diese – wenn konsequent – überall gelten müsste, auch im Supermarkt. Und sie geht auf das Wir-Gefühl ein, das sich damit verbindet. Alle mit Maske gegen Corona. Wer dann keine trägt, ist ganz schnell asozial, einer, der andere gefährdet, einer, der sich gefälligst schämen soll. Genau so wird es kommen. Ich werde versuchen, so lange wie möglich diesem Druck standzuhalten, der – wie Alke Wierth anmerkt, einer psychologischen Freiheitsbeschränkung gleichkommt. Mein Beitrag zur Krise: Ich achte auf Einhaltung des Abstandes zu meinen Mitmenschen, wasche mir die Hände, fasse damit nicht in mein Gesicht und atme mit geschlossenem Mund. Das sollte reichen.

Es gibt so viele verschiedene Meinungen selbst unter den Wissenschaftlern und Virologen. Was gestern richtig war, ist heute nicht mehr relevant, was der eine sagt, widerlegt der andere. Die einen gaukeln einen Aufwärtstrend vor, die anderen malen die Corona-Zukunft in schwärzesten Farben. Wenn man versucht, sich umfassend zu informieren, bleibt man ratloser zurück als man vorher war. Jeder hat seine bevorzugten Quellen, weswegen dann auch die Diskussionen der Menschen oft sehr konträr verlaufen. Jedes Bundesland hat seine eigene Strategie mit oft merkwürdigen Argumenten. Heute hü, morgen hott. Ich mag nicht mehr.

27. April. Heute ist mein erster Wandertag. Insgesamt 12 Kilometer. Je eine Stunde hin und zurück. Ist also durchaus machbar. In der Bibliothek habe ich ein Informationsblatt entworfen, die ABs neu besprochen und neue Bücher bearbeitet. Und das Montags-Interview mit meiner Chefin für den Podcast geführt. Auf dem Rückweg wollte ich in einem Schuhladen nach strapazierfähigen Stadt-Laufschuhen Ausschau halten. Da mir das Betreten ohne Maske verwehrt wurde, habe ich eine Kehrtwendung eingelegt. Ok, dann eben nicht. Ich bestelle nun meine Schuhe im Internet.

28. April. Heute wurde erwartungsgemäß beschlossen, dass nun auch in Geschäften Maskenpflicht besteht. Nun, das bedeutet für mich, dass ich sehr viel Geld sparen werde. Man soll ja auch immer in allem eine Chance und Positives sehen. So geht es mir auch bei meiner täglichen Wanderung. Ich bin Corona fast ein bisschen dankbar für mein selbstauferlegtes Fitnesstraining. Sonst siegte ja immer ein bisschen die Bequemlichkeit, aber ich habe in den zwei Tagen schon tolle Entdeckungen gemacht. Erstens eröffneten sich mir in duftender Natur solche Anblicke:

Zweitens habe ich entdeckt, dass mir mit Musik im Ohr das Laufen noch mehr Spaß macht und ich mich schwer zusammenreißen muss, nicht lauthals mitzusingen oder zu tanzen. Heute wird über notwendige Maßnahmen und organisatorische Details beraten, die nötig sind, um die Bibliothek wieder zu öffnen. Was wird wie abgesperrt, wie erfolgt das Wegeleitsystem, was passiert mit den zurückgegebenen Büchern, denn eigentlich müssen diese auch für drei Tage in Quarantäne, wie sieht es aus mit dem Tragen von Masken und Handschuhen seitens der Besucher und auch für uns? Wieviel Personal ist erforderlich, um alles stemmen zu können? Auf jeden Fall werden mehr benötigt als sonst. Wie viele Menschen dürfen sich gleichzeitig in der Bibliothek aufhalten? Es gibt noch viel zu klären. Am Nachmittag „feiere“ ich mit Kerstin Morgenstern und unseren beiden Azubis Elif und Christina unser morgiges 70. Jubiläum „Schwebende Bücher“. Kerstin bekommt von mir für ihre Treue ein passenden Geschenk: 20200428_172505 Wir speichern unsere Literaturempfehlungen als Podcast-Beiträge, die morgen veröffentlicht werden als Ersatz für die ausfallende Veranstaltung. Besonders freue ich mich, dass die beiden jungen Frauen zur Höchstform auflaufen und immer neue Buchbesprechungen mit ins Spiel bringen. Das wird richtig gut!
 
30. April. Mein gestriger Heimweg zog sich in die Dunkelheit hinein und bescherte mich mit wunderbaren Stimmungsbildern. Dazu frischgewaschene Luft, Rehe, Hasen, Fledermäuse und euphorisierende Musik im Ohr, die mich fast nach Hause tanzen ließ.Heute mache ich Homeoffice. Ich schreibe den Newsletter zu Ende und nehme an einem Webinar teil zum Thema „Digitale Leseförderung“. Außerdem bearbeite ich die Standing-Order-Bestelllisten meiner Lektoratsgebiete wie z.B. Psychologie, Pädagogik, Geschichte, Politik und Literatur. Beim Versenden des Newsletters gibt es Probleme, die zu beheben ich nicht in der Lage bin. Eigentlich beiße ich mich an solchen Problemen immer fest, bis ich eine Lösung gefunden habe, aber dieses Mal muss ich kapitulieren und hoffe auf Hilfe von höherer Stelle.