Corona greift an – September

Der Mond steht auf dem Kopf

06. September. Jetzt wird es aber Zeit, mal wieder eine Statusmeldung abzuliefern. Die letzte Woche war aber so gut gefüllt mit Terminen, dass abends die Luft raus war, noch irgendetwas Originelles von mir zu geben. Ich hatte zum ersten Mal seit März wieder Schulklassen zu betreuen und ihnen die Bibliothek näher zu bringen. Da Gruppen sich nur vor Öffnung in unseren Räumen aufhalten dürfen, wurden die Termine auf 8 Uhr gelegt. Das bedeutete, ich musste um 7 Uhr auf der Matte stehen, um alles in Ruhe vorbereiten zu können – Laptop und Beamer in Gang setzen, 14 iPads startklar machen, 30 Stühle stellen, Aufgaben vorbereiten. Für mich Nachtvogel eine Herausforderung! Es waren drei sehr angenehme 7. Klassen, denen das Abschluss-Quiz am meisten Spaß machte und die Mehrheit rief: „Nochmal! Nochmal!“ Leider ging das nicht, da anschließend genug Zeit für den Luftaustausch bleiben musste. Anschließend wieder alles wegräumen und am Mittwoch die Artothek vorbereiten für die „Schwebenden Bücher“. Alle Tische raus, kehren, 25 Stühle im Raum verteilen, Technik startklar machen, Catering vorbereiten.

Am Abend vorher die Bildpräsentation erstellen (dauert immer viel länger, als gedacht) und mich auf meine Beiträge vorbereiten, was sich meistens auf das Ausdrucken von Rezensionen anderer beschränkt, ohne diese letztendlich nochmal konzentriert zu lesen. Zur Veranstaltung selbst dienen diese Blätter als eine Art Alibi-Sicherheitsgeländer, das man dann gar nicht braucht. Mit Bewunderung denke ich noch an die „Schwebenden Bücher“ im Juli. Zwei unserer jungen Kolleginnen stärkten unsere Reihen und hatten jede nur einen kleinen Notizzettel vom Abreißblock vor sich liegen. Das nenne ich Papier sparen!

Unsere Feuertaufe hatten wir dann beim Einlass. Erstmals eine Innenveranstaltung unter Corona-Beschränkungen. Es war schlimmer als befürchtet. Wir fühlten uns eigentlich gut vorbereitet. Die Stühle waren nummeriert, die Anmeldelisten entscheidend dafür, wer Platz nehmen durfte und wer nicht. Dann gabs Irritationen, weil manche sicher waren, auf der Liste zu stehen, was aber nicht der Fall war. Nachrücker, die auf frei bleibende Plätze lauerten, sahen aber logischerweise nicht ein, wieso diesen Personen die Plätze zuerst angeboten werden sollten. „Wir waren aber eher da!“, riefen sie. Und wir als Schlichtungskommission dazwischen. Man möchte es allen recht tun, geht aber nicht. Das sind Situationen, auf die man gerne verzichten würde. Es ist aus Veranstaltersicht einfach absurd, interessierten Menschen den Einlass zu verwehren und im Vorfeld zu hoffen, dass sich nur wenige anmelden. Corona zwingt uns, entgegen jeglicher Logik zu handeln. Doch dann, als alle mit Ausdehnung der Sitzplätze außerhalb der Artothek zufriedenstellend versorgt waren, konnten wir zu einer Empfehlungs-Show besonderer Qualität starten, die vor allem unserem sehr sympathischen Ehrengast Thomas Böhm zu verdanken war. Für alle, die nicht dabei sein konnten, gibt es unseren Podcast zum Nachhören:

https://www.spreaker.com/show/4263765

Im Anschluss kamen viele Besucher auf uns zu und dankten uns, manche sogar mit Tränen in den Augen. Vor lauter Podcast und anderen Aufregungen des Abends habe ich zu meinem Ärger ganz vergessen, am Ende Thomas Böhm nochmal zu danken und ihm im Beisein des Publikums mein Geschenk zu überreichen. Gott sei Dank fiel es mir aber noch ein, solange er vor Ort war. Thomas Böhm schrieb mir am nächsten Tag: „Ich möchte mich nochmal für gestern Abend bedanken – solche Abende sind, was Dieter Wellershoff mal Wärme- und Kraftzentren genannt hat.“ Das entschädigt für alles!

Grundsätzlich merkt man, dass alle Menschen am Limit sind. Ich denke, dass die Ursache noch nicht mal die Maskenpflicht ist, sondern die Unsicherheit. Man hat keine klare Richtlinie. Mal gilt das, mal jenes. Die Infektionsschutzverordnung wird (und ja – sie muss) pausenlos überarbeitet und angepasst. Was gestern richtig war, ist heute falsch. Das merke ich auch auf Arbeit. Ich halte mich an die Richtlinien des VÖBB und nehme wieder Termine für Schulklassen an. Andere lehnen das rigoros ab und haben auch ihre Gründe dafür. Es gibt keine gemeinsame Linie. Verunsicherung allerorten. Auch das Führen unserer Anmeldelisten ist inzwischen mehrmals verändert und strategisch ausgeklügelter geworden, aber nicht einfacher. Die Nerven liegen blank. In Bus und Bahn macht jeder, was er denkt und es gibt vier Varianten, eine Maske zu tragen: a) vollständig über Mund und Nase, b) nur über dem Mund, c) unterm Kinn, d) gar nicht. Letzteres sehr oft.

Gestern wurde ich Zeuge einer Unterhaltung zweier Männer an der Supermarktkasse:

„Ey, das ist doch alles nur Fake. Das ist doch wegen der 13-Jährigen. Wie heißt die nochmal? Die machen das wegen der. Keine Flugzeuge mehr und so.“

Der andere: „Naja, weiß nicht. Guck mal die Sendung mit der Maus.“

„Gibts die noch? Ey, du bist cool drauf. Du gefällst mir!“

Es war irgendwie berührend zu erleben, dass diese Sendung offenbar ein Urvertrauen genießt und das Zeug dazu hat, Corona-Zweifler zu besänftigen. Vielleicht sollten wir alle mal wieder da reinschauen. Kann nicht schaden!

Ein Highlight ist für mich immer die monatliche Schreibwerkstatt für Jugendliche, die ich nun schon seit 10 Jahren betreue. Ich hatte ja schon davon berichtet, dass momentan ein Imagefilm produziert wird. Die Eröffnungsszene war schon zu bewundern, nun hat der „Schnittmeister“ – einer meiner Schreiberlinge – die nächste Sequenz zur Begutachtung freigegeben:

https://photos.app.goo.gl/D8PEBX1K4yf8audr9

Bin gespannt auf das Endergebnis.

Gestern war der erste Samstag, also Zeit für den Schreibzirkel und mein Highlight im Monat. Wir widmeten uns zwei Schreibaufgaben. Zunächst sollte sich jeder eine emotionsgeladene Situation vorstellen, diese aber in einem total emotionsfreien Schreibstil beschreiben. Oder umgekehrt – eine relativ unaufregende Sache wie z. B. das Ausfüllen eines Formulars mit überschwänglichen Gefühlen belegen.

Danach suchte sich jeder im Kunstbereich ein Bild aus und verfasste dazu eine Beschreibung, die dem Nachbarn dann als Vorlage diente, daraus wiederum ein Bild zu erschaffen. Hier zwei Beispiele:

Meistens ist es so, dass anschließend, wenn fast alle schon gegangen sind, einige quasi auf dem Sprung nochmal ins Quatschen geraten und sich sehr interessante Gespräche und Diskussionen entspinnen. So auch gestern. Es ging um Feminismus in allen Schattierungen, Epochen und Ausmaßen. Eine Teilnehmerin verabschiedete sich dann mit den Worten:

Ich liebe die Gespräche nach der Schreibwerkstatt!

Ich auch.

So, und nun habe ich schon wieder Urlaub. Der letzte in diesem Jahr, danach ziehe ich durch bis Dezember.

07. September. Termine vereinbaren für Arzt-, Friseur- und ähnliche Besuche gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Neulich lief ich durch die Marzahner Promenade und dachte, jetzt packe ich die Gelegenheit beim Schopfe und schaue mal bei meiner Friseuse vorbei, denn seit März schneide ich mir die Haare wieder selbst und weiß, dass mal wieder ein professioneller Schnitt dringend nötig wäre. Doch dort, wo ich mir immer die Haare schneiden lassen habe, ist jetzt ein türkischer Barbershop. Oder ich habe mich geirrt. Jedenfalls griff ich heute mal wieder zur Haarschneidemaschine und war auch ganz zufrieden mit dem Ergebnis bis auf ein paar überstehende Fusseln zwischen Ohren und Hals. Also setzte ich die Maschine nochmal an und fiel beim prüfenden Blick in den Spiegel fast in Ohnmacht. Eine tonsurartige kahle Stelle leuchtete mir entgegen. Du lieber Gott – was nun? So kann ich mich keinesfalls blicken lassen! Aber ich habe eine Lösung gefunden, mit der ich nun die nächsten Wochen leben muss:

Wächst ja wieder!

11. – 18. September. Ich bin auf Wanderschaft! Dieses Mal erklimme ich den Oberlausitzer Bergweg. Natürlich führe ich auch wieder ein Wandertagebuch. Hier könnt ihr mitwandern: https://renate-zimmermann.com/oberlausitzer-bergweg-2020/

23. September. Nun hat die Bibliothek mich wieder fest im Griff. Gestern war mein erster Arbeitstag und am Abend dachte ich: Ich würde jetzt gerne Urlaub machen! Ganz schnell ist man mittendrin in der Tretmühle aus Bücherbergen, zu beantwortenden Mails und organisatorischen Dingen. Eine kurze Zeit schafft man es, den Urlaubsmodus und damit einhergehenden wohltuenden Abstand aufrechtzuerhalten, aber diese „Firewall“ fängt ganz schnell an zu bröseln und sich schließlich aufzulösen. Ist ja auch normal.

Einer unserer Leser hat sich mit einer Beschwerde-Mail an meine Chefin gewandt. Er findet es unverantwortlich, dass das Personal immer noch Masken trägt und das auch von den Besuchern verlangt wird. Er fordert sie dazu auf, dafür zu sorgen, dass diese gesundheitsgefährdende irrsinnige Maßnahme sofort beendet wird. Tja, da wird er noch ein Weilchen warten müssen, denn die Infektionsrate steigt im Moment wieder rasant. Mittlerweile nenne ich sage und schreibe 13 Masken mein eigen.

26. September. Draußen stürmt und regnet es. Ich habe es mir an meinem Laptop gemütlich gemacht mit Tee und Lebkuchenbrezeln. Das widerspricht total meinem Prinzip, erst ab Beginn der Adventszeit solche Leckereien zu kaufen, aber heute ist eine Packung wie von Zauberhand in meinem Einkaufswagen gelandet. Nun muss ich sie ja auch essen, oder?

Neulich hatte ich einen Anruf von einer Frau, deren Namen ich irgendwann mal im Handy gespeichert hatte. Sie begrüßte mich überschwänglich: „Renate! Schön, dass wir uns mal wieder hören! Wie gehts dir denn so? Ich wollte dir doch noch ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren! Hast du denn mal wieder jemand von den anderen getroffen?…“ usw. Wir redeten über Gesundheit, das Fernsehprogramm, tauschten uns aus über empfehlenswerte Urlaubsgegenden in Deutschland, natürlich auch Corona und vieles mehr. Währenddessen geisterte unentwegt ein großes Fragezeichen durch meine Gehirnwindungen: „Wer ist diese Frau? Woher kennt sie mich und ich sie ja offensichtlich auch, sonst hätte ich ja ihre Nummer nicht gespeichert!“ Keine Chance, die Erleuchtung blieb aus. Ich erzählte ihr von dem momentan so problematischen Prozedere rund um unsere Veranstaltungen. „Ach, du arbeitest jetzt in der Bibliothek? Bei uns in Marzahn ist auch eine, da wollte ich mich gestern zu einer Lesung anmelden, aber die war schon ausgebucht.“ Die Situation wurde immer undurchsichtiger, bis sie mich fragte: „Und? Hast du immer noch deine schönen blonden Haare?“ Spätestens jetzt war mir klar – sie hat mich verwechselt! Ich kann sie gar nicht kennen! Blieb trotzdem die Frage mit der gespeicherten Nummer. Aber auch das klärte sich auf, als sie mit Bedauern erzählte, dass sie sich so auf eine Fahrt zur Buchmesse gefreut hatte, für die sie sich in Marzahn angemeldet hatte und dann eine Absage erhielt. Ihr war nicht bewusst, dass ich diejenige bin, die diese Busfahrt organisiert hatte. Aber bei mir ging das Lämpchen an: Wegen der Buchmesse hatte ich sie als Kontakt gespeichert! Ich muss gestehen, dass ich sie nicht über den Irrtum aufgeklärt habe. Es wäre mir nach einer halben Stunde intensiven Austausches irgendwie peinlich gewesen. Allerdings wird sich die richtige Renate nun wundern, wieso meine irrtümliche Gesprächspartnerin ihr dieses Jahr nicht zum Geburtstag gratuliert hat.