Corona greift an – Oktober

© der Zeichnung: Sven Swora

12. Oktober. Jetzt ist der Monat schon wieder fast zur Hälfte rum. Er hat viele Veränderungen und eine Abwärtsspirale mit sich gebracht. Die Infektionszahlen steigen und werden als bedenklich eingestuft. Es gibt neue Sanktionen wie die Sperrstunde in Berlin von 23 – 6 Uhr und das Beherbergungsverbot in einigen Bundesländern für Menschen aus Hotspot-Gebieten. Das bringt weiteren Unmut in der Bevölkerung mit sich, weil der Reise-Bewegungsradius immer enger wird. Die Verunsicherung und die Unzufriedenheit der Menschen steigen, die Toleranzbereitschaft und die Lebensqualität sinken. Wir müssen jetzt auch im Personaltrakt Masken aufsetzen und dürfen sie nur ablegen, wenn wir am Schreibtisch sitzen. Täglich rechnen wir damit, dass die geplanten Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Corona dominiert den Alltag und wirft seine Schatten, bremst uns aus. Nichts ist mehr normal. Ich persönlich fühle mich wie ein Blatt im Wind. Mal kann ich das alles nachvollziehen und halte die Maßnahmen für richtig, mal denke ich: Es reicht! Das ist doch alles völlig übertrieben! Natürlich besteht das Leben auch noch aus anderen Aspekten und manchmal gelingt es mir auch, Corona zu vergessen. Am besten funktioniert das in der Natur und überall dort, wo man über einen längeren Zeitraum keine Maske tragen muss. Aber spätestens auf Arbeit schaut mir das Virus ständig über die Schulter. Ich muss gestehen, es nervt mich zusehends. Ich fühle mich in meiner Entscheidungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Das ist ein Weilchen zu ertragen, aber die Unabsehbarkeit seiner Verweildauer hat allerorten zunehmende Gereiztheit zur Folge. Doch wir lassen uns nicht unterkriegen! Erst letzte Woche hatten wir wieder eine sehr schöne Wohlfühllesung mit Birgit Letze-Funke.

Auch auf dem Dach der Bibliothek gehts weiter. Neulich habe ich 12 fleißige Bauarbeiter gezählt! Man bekommt immer mehr eine Vorstellung, wie schön es mal werden wird.

Und ich habe noch was total Schönes erlebt. Meine „Schreiberlinge“ haben mir zum Geburtstag, der ja schon wieder mehr als einen Monat zurückliegt, viele sehr persönliche Dinge geschenkt. Zum Beispiel einen immerwährenden Kalender. Jeder Monat wurde von jemand anderem mit viel Liebe gestaltet:

Es gab auch eine riesige Geburtstagstorte für mich. Und dann kam noch was ganz Besonderes dazu. Eine Teilnehmerin hatte im Vorfeld schon Papier zugeschnitten und vorgefaltet. Jeder der Anwesenden bekam einen Papierbogen und schrieb darauf einen Brief an mich. Auch ich musste einen an mich selbst verfassen. Danach wurden die Bögen zu Schachteln gefaltet und wie eine Matrjoschka ineinander gestapelt. Ganz innendrin – im kleinsten Karton – wurden winzige Zettelchen mit Wünschen an mich deponiert.

Es war eine große Freude und unglaublich bewegend, die Schachteln nacheinander zu öffnen, aufzufalten und die Briefe zu lesen. Mir wurden so persönliche, nette, lustige und aufrüttelnde Dinge mit auf den Weg gegeben, viele voller unglaublicher Weisheit, dass ich auch ein bisschen vor Glück weinen musste. Ich mag meine Leute sehr, auch wenn sie mich manchmal zur Verzweiflung treiben. Doch das ist in solchen Momenten vergessen und verziehen. Manche der jungen Menschen habe ich erwachsen werden sehen, fast wie meine eigenen Kinder:

Auch die Lesung mit Iny Lorentz rückt immer näher. Am 28.11. stellen sie gemeinsam mit meinen jungen Autorinnen und Autoren das Buch vor, das beim diesjährigen Storytausch entstanden ist. Antje Püpke hat das Cover gestaltet und ist gerade dabei, alles mittels Layout in Form zu bringen. Es wird ein dickes Buch, denn 31 Teilnehmer waren dabei.

Wer mehr darüber wissen möchte: https://renate-zimmermann.com/bibliothek/schreibwerkstatt-fuer-jugendliche/storytausch/10-storytausch-mit-iny-lorentz/

20. Oktober. Eine Woche später und Corona hat uns wieder fest im Griff. Jeden Tag gibts neue Einschränkungen, allerdings nur für bestimmte Gebiete. Für Berlin wurden heute folgende Maßnahmen verkündet:

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie wird die Maskenpflicht in Berlin ausgeweitet. Sie soll künftig auch für Wochenmärkte, bestimmte Einkaufsstraßen und Warteschlangen gelten, in denen der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht einzuhalten ist. Das hat der Senat am Dienstag beschlossen. In Einkaufszentren gilt die Maskenpflicht nicht nur in den Geschäften, sondern auch in den Gängen dazwischen. „Jede Person ist angehalten, dort wo es eng ist, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen“, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) nach der Senatssitzung. Gelten sollen die Maßnahmen ab Samstag. Auch bei den privaten Feiern gibt es neue Regelungen: Im Freien dürfen maximal 25 Menschen zusammenkommen, drinnen der eigene Haushalt sowie fünf andere oder maximal Menschen aus zwei Haushalten…. Gesundheitssenatorin Kalayci mahnte am Abend im rbb, ein Lockdown stehe vor der Tür. Sie appellierte, physische Kontakte zu vermeiden. „Bildung ist uns allen sehr wichtig. Auch die Arbeitsplätze sind uns wichtig. Aber man kann andere Treffen vermeiden“, sagte sie. (rbb24-Corona-Blog)

Ich habe mir mal wieder die aktuellen, absoluten Zahlen vorgenommen und in Prozentzahlen umgerechnet, die meiner Meinung nach die Dramatik relativieren:

Welt
7.77 Mrd. EW
Deutschland
83 Mill. EW
Berlin
3.769.000 EW
Infizierte absolut40.612.044377.06821.904
Infizierte in %0,5220,4540,58
Tote absolut1.121.3659842241
Tote in %0,1440,0120,0063

Ich mache alles brav mit, aber ich bin nicht überzeugt von der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen und schon gar nicht von der Sinnhaftigkeit und dem Stückwerk in den einzelnen Bundesländern und jetzt sogar straßenzugsweise. Das ist doch absurd. Dann wäre es bundesweit doch nachvollziehbarer. Jetzt weiß niemand mehr, was erlaubt ist und was nicht. Gilt das nur für Fußgänger? Oder auch für Radfahrer? Gilt es für die gesamte Friedrichstraße oder nur für den Shoppingbereich? Dürfen meine Storytauschautoren aus Bayern im November anreisen? Und dürfen sie danach wieder nach Hause? Es blickt niemand mehr durch und vor allem kontrolliert ja auch niemand. Wieso sind Menschen im Stehen gefährlicher als im Sitzen? Nicht nur ich habe den logischen Faden verloren, es geht vielen so. Andere wiederum scheinen den besseren Durchblick zu haben und führen Argumente ins Feld, die sehr beunruhigend klingen und die Maßnahmen mehr als gerechtfertigt erscheinen lassen, mich aber dennoch in ihrer Dramatik nicht überzeugen und mir überzogen erscheinen. Dazu gehört der befürchtete exponentielle Anstieg (Schneeballprinzip), dass dann die Dynamik nicht mehr beherrschbar ist und in Windeseile keine Intensivbetten mehr frei sind und nicht 240, sondern 40.000 Berliner dem Virus zum Opfer fallen. Trotzdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es so schlimm werden wird. Dass jeder, wirklich jeder infiziert sein wird. Ich mag völlig falsch liegen, aber ich kann es eben nun mal nicht glauben.

Diese Einschränkungen verändern die Menschen, mal abgesehen davon, dass das Toilettenpapier schon wieder ausverkauft ist. Es finden Wesensveränderungen statt. Unbeschwertheit und Lebensfreude spürt man kaum noch, es wird weniger gelacht, die Stimmung ist getrübt. Corona ist überall präsent, dirigiert jeden Schritt, jede Entscheidung, jede Planung. Das Virus ist nicht auszublenden, in den Köpfen ist die Menschheit schon durchinfiziert. Mittlerweile staunt man fast ungläubig bei älteren Filmaufnahmen, wie nahe sich dort die Leute kamen. So war das mal? Wird es wohl jemals wieder so werden? Wir spüren jetzt alle deutlicher denn je, wie wichtig soziale und auch Körperkontakte für unser Wohlbefinden sind. Wir würden gerne einfach mal wieder spontan etwas unternehmen, ohne uns vorher anzumelden, verreisen, ohne als unerwünscht zu gelten. Ja, das alles ist nicht lebensnotwendig, aber ich kann von mir sagen, dass ich die Einschnitte in meine Entscheidungsfreiheit zunehmend schwerer ertragen kann. Und ich glaube, was uns allen am meisten zusetzt, ist die Aussichtslosigkeit, dem Ganzen entfliehen zu können.

Um so wichtiger werden solche Konstanten im Alltag wie z.B. die „Schwebenden Bücher“ und andere Veranstaltungen. Unsere Leser und auch wir sind dafür sehr dankbar. Die Plätze sind momentan so begehrt, dass wir schon bis Dezember ausgebucht sind.