Corona greift an – Juni bis August im 2. Jahr

Lange habe ich meinen Monatsüberblick vor mir hergeschoben. Es hat einfach nicht gepasst, weder hatte ich Muße dazu, noch gesellte sich die berühmte Muse an meine Seite. Es ist inzwischen viel passiert und Corona schien zeitweise den Rückwärtsgang eingelegt zu haben. Ich bin seit Juni zum 2. Mal geimpft, könnte jetzt also vieles nutzen, was vorher nur mit Test möglich war. Darum hatte ich ja immer einen Bogen gemacht. Aber ehrlich gesagt, wird mein Bewegungsradius trotzdem nicht größer. Die Einschränkungen habe ich so verinnerlicht, dass sich z.B. mein Einkaufsverhalten immer noch im Wesentlichen auf Waren des täglichen Bedarfs konzentriert. Alles andere wird online bestellt. Nur im Urlaub erliege ich der Magie und Anziehungskraft des genüsslichen Shoppens. Am schönsten wäre es, wenn die Maskenpflicht wegfallen würde, aber das wird noch dauern, zumal ja jetzt wieder Panik herrscht wegen der Delta-Variante. Man hat das Gefühl, es hört nie auf. Und das zermürbt.

Neulich war im Radio die Rede davon, dass für Geimpfte die Maskenpflicht entfallen sollte. Ach, was wäre ich froh! Aber wie soll man das kontrollieren. Dann sagen natürlich alle, dass sie geimpft sind und gerade den Nachweis nicht dabei haben. Ich werde wohl noch ein bisschen ausharren müssen. Gerade jetzt im Sommer herrschen Sauna-ähnliche Zustände unter der FFP2-Maske. Bei mir läuft das Salzwasser aus der Nase auf direktem Weg wieder in den Mund hinein. So geht nichts verloren. Kleiner Wasserkreislauf sozusagen.

In der Bibliothek werden Schritt für Schritt Lockerungen eingeführt. Zuerst Streichung des Homeoffice, dann Freigabe von Arbeitsplätzen und Rückkehr zu den vorherigen Öffnungszeiten. Auch Veranstaltungen finden wieder statt. Über dem Ganzen schwebt die Möglichkeit, dass wieder alles zusammenbricht. Aber wir müssen doch langsam mal raus aus dieser Schockstarre und sind auch auf gutem Weg. Schwierig ist im Moment, dass die Regeln fast wöchentlich geändert werden. Erst nur FFP2-Maske, auch am Platz, dann keine Maske, jetzt wieder mit medizinischer Maske. Erst kein Aufenthalt, dann Einzelarbeitsplätze, jetzt Einzelplätze auch ohne Arbeit und seit Neuestem Freigabe für kleine Lerngruppen. Das Betreten der Bibliothek ist ohne Impfung und Test möglich, bei Veranstaltungen muss ein Nachweis vorliegen. Kaum hat man es geschafft, die Regeln zu verinnerlichen, sind sie auch schon wieder hinfällig. Das verleitet zu dem Gedanken, es einfach ganz bleiben zu lassen, dann kann man nichts falsch machen. Aber so ticke ich nicht, das würde mir zutiefst widersprechen. Zum Beispiel habe ich mich am Tag der Offenen Gesellschaft am 19. Juni vor die Bibliothek gestellt und mittels kreativem Ausrüstungsmaterial für inspirierende Begegnungen versucht, die Menschen in Gespräche zu verwickeln. Hat sogar ganz gut funktioniert und den Leuten bemerkenswerte und berührende Aussagen entlockt.

Zwischendurch sind wir oft in Briest. Dort ist Corona ganz schnell vergessen. Das Leben findet sehr reduziert statt: auspowern bei Gartenarbeit, Sonne genießen, Feuerschale, Sterne gucken. Es ist unser temporäres Paradies:

Andere kleine Auszeiten trugen ebenfalls dazu bei, die Pandemie vorübergehend auszublenden. Ein Mädelswochenende auf Usedom:

Besuch meiner Schwester in Berlin:

und Gegenbesuch meinerseits in meiner Heimatstadt Meiningen, der ich zwei lange Corona-Jahre den Rücken zugekehrt hatte:

Es waren ein paar schöne Tage mit vielen Wanderungen, die alles andere unwichtig und fast vergessen machen. Manchmal denke ich: Wenn ich nicht mehr laufen kann, will ich nicht mehr leben. Aber situationsbedingt ändert man seine Meinung auch wieder. Jetzt ploppen immer öfter Diskussionen über den Renteneintritt auf. Ehrlich gesagt, habe ich mir bisher darüber keine Gedanken gemacht, aber ständig werde ich darauf angesprochen. Sogar zwei kleine Kinder fragten mich, ob ich ihre Oma wäre. Das gab mir zu denken. Ich bin noch nicht im Rentnermodus, aber beim Laufen hatte ich tatsächlich kurzzeitig die Vision, mein restliches Leben durchzuwandern. Ohne Maske! Es wird sowieso total unterschiedlich gehandhabt. In einem Laden sagte die Verkäuferin zu mir: „Hier brauchen Sie keine Maske.“ In der Bahn gilt die FFP2-Maskenpflicht bis zur Stadtgrenze Berlin, dann reicht die medizinische Maske. Wo ist da die Logik? Nicht drüber nachdenken.

Der Meininger Bibliothek habe ich natürlich auch einen Besuch abgestattet. Sie ist ein wahres Schmuckstück und ich stellte mir vor, wie schön es wäre, dort noch zu arbeiten:

Nun bin ich wieder in Berlin und es stehen turbulente Herbsttage bevor. Viele Veranstaltungen sind zu begleiten und zu moderieren (Poesiefestival, Lesungen mit Thomas Böhm, Iny Lorentz, Petra Pau und Ute Apitz, Schwebende Bücher – oh je, ich muss mehr lesen, Musik Querbeet, Schreibwerkstatt, Korrekturlesen, Herausgabe und Präsentation des Storytauschbuches mit Franziska Hauser, Fahrt nach Prora mit meinen Schreiberlingen, Improvisationstheater mit dem Theater ohne Probe, Lesen im Park, managen der U18-Wahl in der Bibliothek, selbst Helfer sein zur Bundestagswahl, Aktionen zum Tag des älteren Menschen, jeden Mittwoch eine Podcast-Folge veröffentlichen, Newsletter schreiben, Bibliotheks-Webseite pflegen und viele, viele Schulklassen für unsere Angebote begeistern). Da bleibt keine Zeit zum Nachdenken über die Rente, aber zum Laufen immer:

Ich liebe auch den Ausklang unserer Veranstaltungen. Nochmal in Ruhe zusammensitzen, bei einem Gläschen Wein den Abend Revue passieren lassen. Neulich zogen wir um in den Dachgarten und fühlten uns wie in einer lauen Sommernacht am Mittelmeer:

So genieße ich den Sommer und das Leben. Ein absolutes Highlight und krönender Abschluss meines Meiningen-Aufenthaltes war übrigens ein Orgelkonzert (Eintritt mit Luca-App und Maske bis zum Platz) mit rockigen Rhythmen von Abba, Sting, Queen, den Beatles und John Miles. Im Klangraum der Kirche ein Erlebnis, das Körper, Seele und Tränen zum Überlaufen bringt:

Musikschnipsel des Konzertes