Corona greift an – Januar

09. Januar 2021

Nach einem unerwartet lautstarken Jahreswechsel im idyllischen Havelland macht das neue Jahr da weiter, wo das alte aufgehört hat. Natürlich interessiert es Corona nicht, ob wir den 31.12.2020 oder den 01.01.2021 schreiben, und trotzdem hat man die irreale Hoffnung, dass mit Jahresbeginn alles besser wird: Virus weg, Masken weg, Abstand weg. Weit gefehlt, die Lage spitzt sich zu. Ich vergleiche mal wieder die Zahlen und rechne sie um in Prozent, denn nach wie vor wundere ich mich, dass diese Vergleichsgröße nie aufgeführt wird.

20.10.202009.01.202120.10.202009.01.202120.10.202009.01.2021
Welt
7.77 Mrd. EW
Welt
7.77 Mrd. EW
Deutschland
83 Mill. EW
Deutschland
83 Mill. EW
Berlin
3.769.000 EW
Berlin
3.769.000 EW
Infizierte absolut40.612.04489.209.954377.0681.905.63821.904105.125
Infizierte in %0,5221,1480,4542,2960,582,789
Tote absolut1.121.3651.919.357984240.0222411.547
Tote in %0,01440,02470,0120,0480,00630,041
Gegenüberstellung Oktober 2020 und Januar 2021

Wenn man also sieht, dass sich die Zahl der Todesfälle nach wie vor erst ab der 2. Stelle hinter dem Komma summiert, egal, ob welt-, deutschland- oder berlinweit, verliert die Pandemie gefühlt an Gefährlichkeit. Knapp 3 % der Berliner sind bis jetzt infiziert. Das Problem liegt also nicht darin, dass die Menschheit wegstirbt, sondern in der nicht mehr garantierbaren Versorgung in den Krankenhäusern. Auch der Vergleich der Mortalitätsrate ist interessant:

Noch haben wir nicht den Stand vom März 2018 erreicht, als die Grippe viele Todesopfer forderte. Die Menschen haben aber trotzdem zunehmend Angst vor dem Virus, manche wirken geradezu panisch und schrecken zurück, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Ich frage mich, ob Corona psychische Langzeitwirkungen hinterlässt. Werden wir danach noch dieselben sein? Oder werden wir dauerhaft engen Kontakt meiden und Desinfektionsmittel zur Standardausrüstung gehören? Was macht das alles mit den Kindern? Sind die Maßnahmen in Anbetracht der Schäden, die sie anrichten, angemessen? Ich weiß es nicht.

Die Bibliotheken sind weiterhin geöffnet, Theater, Kinos und Restaurants nicht, obwohl die meisten mit vorbildlichen Hygienekonzepten nachgerüstet hatten. Natürlich freue ich mich, dass wir unsere Standarddienstleistungen weiterhin anbieten können, aber trotzdem ist das alles inkonsequent. Andererseits ist es unmöglich, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Selbst der lange herbeigesehnte Impfstoff bringt neue Probleme, Verschwörungstheorien und Argumentationsketten mit sich, die man nicht für möglich gehalten hätte. Der Mensch ist eben nie zufrieden.

Ich laufe jetzt wieder öfter, denn nach mehreren Stunden Maske vorm Gesicht bin ich nach Feierabend so froh, sie mir runterreißen zu können, dass ich sie in der Bahn nicht gleich wieder aufsetzen will. Neulich war ich aus Versehen ohne Maske einkaufen. Einfach vergessen! Niemand hat komisch geguckt oder was gesagt. An der Kasse fiel es mir selbst auf und ich habe mich total geschämt, weil bestimmt alle dachten, ich wäre eine Hardcore-Verweigerin. Es lag bestimmt an dem spannenden Hörbuch, dass ich interessiert verfolgte. Übrigens kann ich das sehr empfehlen.

Meine Schreibwerkstatt lahmt auch ein bisschen. Ohne die Treffen in der Bibliothek fehlt es vielen an der Motivation, sich neben dem Online-Unterricht dann auch noch dafür vor den Rechner zu setzen. Kann ich verstehen. Denn die virtuellen Zusammenkünfte auf Zoom oder anderen Portalen sind einfach kein Ersatz für die lebendigen Begegnungen vor Ort. Wenn alles vorbei ist, dann machen wir eine große Wiedersehens-Party. Zumindest ist nun der Storytausch mit Franziska Hauser ins Rollen gekommen.

Auch der Podcast „Mittwochs in der Bibliothek“ ist weiterhin gut besucht und der für unsere Schwebenden Bücher erst recht. Die Welt dreht sich also weiter, wenn auch etwas kraftlos.

18. Januar 2021

Irgendwas passiert mit mir, mit jedem, mit allen vermutlich. In den letzten Tagen versucht verstärkt ein Gefühl der sogenannten „inneren Kündigung“ von mir Besitz zu ergreifen. Man könnte es Lethargie, Hoffnungslosigkeit, Pessimismus nennen, aber das trifft es nicht ganz. Kurz flammt mal eine Idee auf, erlischt aber sofort wieder in der Bedeutungslosigkeit. Auf der anderen Seite frage ich mich angesichts der Vorstellung, jetzt den Normalbetrieb wieder aufnehmen zu müssen mit der Organisation, Werbung und Durchführung von Veranstaltungen, Bibliotheksunterricht, Workshops und regulären Öffnungszeiten, wie ich das jemals unter einen Hut bekommen habe. Die Erinnerung daran ist fast ein bisschen unwirklich und fängt an, zu verblassen. Und nichts deutet darauf hin, dass sich in nächster Zeit etwas ändert. Im Gegenteil: Corona-Zahlen: Aktuelle Daten und Grafiken zum Coronavirus – ZDFheute

Morgen tagt wieder die MPK und wird Maßnahmen für einen noch härteren Lockdown beschließen. In Bayern müssen seit heute in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften FFP2-Masken getragen werden. Sollte diese Pflicht auch hier eingeführt werden, werde ich wieder komplett aufs Laufen umschwenken. Etwas in mir sträubt sich vehement gegen den Gedanken, diese Art von Masken tragen zu müssen. Ich kann das gar nicht sachlich begründen, vermutlich ist es pure Renitenz meinerseits gegen einen Zwang, dem ich mich unterzuordnen habe. Schon jetzt beim Schreiben und dem Nachdenken darüber stellt sich ein körperliches Unbehagen ein, das ich durch meinen persönlichen kleinen Widerstand zu kompensieren versuche.

Das Laufen verschafft mir Freiheit – ich kann tief durchatmen, muss mich nicht verhüllen, kann problemlos Abstand halten und trotzdem mal mehr als einem Menschen begegnen. Meine diffusen Bauchbeschwerden und damit verbundene düstere Gedanken an Krebs-Rückfall der schlimmsten Sorte verschwinden auf wundersame Weise. Ich lasse mich bestens unterhalten durch spannende, berührende, den Horizont erweiternde Hörbücher:

Der Aufenthalt unter freiem Himmel verschafft mir die zeitweise Illusion von der Leichtigkeit des Lebens und ich muss nicht ständig den normalerweise absurden Zwängen gehorchen. Das Team der Bibliothek zerfällt zu Einzelpersonen, wir treffen Absprachen, wie wir Begegnungen vermeiden können und kommunizieren verstärkt per Mail oder Online-Meeting. Freude an der Arbeit ist kaum noch jemandem anzumerken, eher ist durchhalten die Parole. Es herrscht ein deprimierendes Klima der Unsicherheit, des Genervtseins, der Traurigkeit. Wie wunderbar ist es, wenn mal jemand herzhaft lacht!

Wir brauchen unbedingt den Blick nach vorne und ich habe dafür mehrere Seiten in meinem Notizbuch eingerichtet: Ideen für Veranstaltungen, Ideen für die Schreibwerkstatt, für digitale Bibliotheksarbeit, für den Podcast usw. Meine Homeoffice-Tage werde ich dafür verwenden, diese Ideen zu konkretisieren und teilweise auch schon umzusetzen. Ab und zu bedarf es einer gehörigen Portion Selbstmotivation, doch nur so kommt wieder Schwung ins Leben. Nicht aufgeben!

Übrigens gibt es einen bemerkenswerten Nebeneffekt des Maskentragens, den bestimmt viele andere auch an sich feststellen: Ich hatte seit einem Jahr keine Erkältung, keinen Schnupfen, keinen Husten, keine Halsschmerzen. Das ist doch mal was Schönes.

30. Januar 2021

So, nun ist eingetreten, was wir alle befürchtet haben – die Berliner Bibliotheken sind seit dem 23. Januar geschlossen, voraussichtlich bis zum 14. Februar. Und auch meine Vermutung bezüglich medizinischer Maskenpflicht ist eingetreten. Also habe ich erst einmal all die kunterbunten Stöffchen, die sich im letzten Jahr so angesammelt hatten, ganz tief in meinem Kleiderschrank vergraben und mir einen Vorrat an Wegwerf-Gesichtsbedeckungen zugelegt. Ich brauche sie kaum. Bus und Bahn meide ich, in der Bibliothek bin ich momentan nur an zwei Tagen pro Woche. Meistens laufe ich. Auf dem Rückweg ist es dann schon dunkel. Neulich war der Mond von einem Kreis in Regenbogenfarben umschlossen. Das sah unglaublich schön aus. Leider sieht man das auf dem Foto nicht:

Letztes Wochenende stattete ich meinem Sohn in Karlshorst einen Besuch ab, insgesamt 18 km. Es regnete zwar, aber die Gedanken und Erkenntnisse des Autors Markus Albers zum Thema „Digitale Erschöpfung“, die mir der Erzähler Peter Veit ins Ohr flüsterte, machten den Weg zu einem Gang der Erkenntnis. Weiterhin habe ich noch „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm gehört. Eine Geschichte, die zu Herzen geht. Am Ende musste ich ein bisschen weinen. Tuvia Tenenbom hingegen konnte mich nicht überzeugen. Sehr plakativ und auf unangenehme Weise provokant.

Ich habe festgestellt, dass Homeoffice eine große Herausforderung in punkto Selbstdisziplin ist und verstehe jetzt noch besser, dass Homeschooling nur funktionieren kann, wenn engagierte Eltern dahinterstehen oder seitens der Schüler eine enorme, mit Lernbereitschaft verbundene Wissbegier vorhanden sein muss. Ideal ist ein strukturierter Tagesablauf. Mein Problem ist nicht die Verlockung des Nichtstuns, denn ich arbeite sehr oft und sehr lange für dienstliche Belange am Laptop, sondern die Zeiteinteilung. Außerdem bemerke ich an mir einen Hang zur Verwahrlosung. Wozu anziehen, wenn man sowieso nicht aus dem Haus geht? Oder putzen? Sieht doch keiner. Kommt dann einer der zwei Tage, an denen ich zur Bibliothek gehe, bin ich schon von dem Gedanken gestresst, einen „Auswärts“-Termin zu haben. Wie soll das werden, wenn alles wieder normal läuft? Allerdings scheint dieser ferne Sehnsuchtsort „Normalität“ vor einem her zu fliehen, unerreichbar. Der Abstand wird nicht kürzer. Die Vorhaben rücken nicht näher, sondern verblassen. Die Buchmesse fällt nun schon zum 2. Mal in Folge aus. Das steht schon fest, obwohl der Termin erst Ende Mai gewesen wäre. Wanderurlaub? Party zum 60. Geburtstag meines Mannes? Mehr Pläne habe ich gar nicht für 2021, aber selbst die scheinen zu platzen. Wichtig ist jetzt, sich neu zu orientieren, statt dem Nichtmöglichen hinterherzutrauern. Dazu der Auszug aus einem Büchlein von Paolo Giordano, das für mich eine Offenbarung war. Auch der letzte Zweifler (mich eingeschlossen) versteht nach der Lektüre, was Corona für uns bedeutet:

Ich flaniere momentan mit Begeisterung durch virtuelle Ausstellungen u.ä., nehme an Meetings teil, an Webinaren, absolviere Fortbildungen und mache mir Gedanken über den digitalen Part der Bibliothek. Angebote zu erstellen ist nicht so ohne, aber braucht die überhaupt jemand? Gibt es nicht schon genug davon im WWW? Wie verändert sich die Gesellschaft gerade?

Nachts funktioniert das Nachdenken am besten.

Gestern auf dem Nachhauseweg rollte auf der Riesaer Straße eine Anti-Corona-Autodemo an mir vorbei mit lautem Gehupe, hässlichen, wirklich dummen Parolen, gebrüllt von offensichtlich ebenso dummen Menschen. Aber auch das muss eine Demokratie aushalten:

Ich hätte übrigens niemals gedacht, dass mein Corona-Tagebuch einen so langen Zeitraum einräumt. Scheint Potential für ein Buch zu haben, wie es aussieht. Jetzt freue ich mich auf die kommenden Schneetage und das Durchatmen in der klaren, kalten Winterluft. Auf gehts in den Februar!