Corona greift an – Januar

Nach einem unerwartet lautstarken Jahreswechsel im idyllischen Havelland macht das neue Jahr da weiter, wo das alte aufgehört hat. Natürlich interessiert es Corona nicht, ob wir den 31.12.2020 oder den 01.01.2021 schreiben, und trotzdem hat man die irreale Hoffnung, dass mit Jahresbeginn alles besser wird: Virus weg, Masken weg, Abstand weg. Weit gefehlt, die Lage spitzt sich zu. Ich vergleiche mal wieder die Zahlen und rechne sie um in Prozent, denn nach wie vor wundere ich mich, dass diese Vergleichsgröße nie aufgeführt wird.

20.10.202009.01.202120.10.202009.01.202120.10.202009.01.2021
Welt
7.77 Mrd. EW
Welt
7.77 Mrd. EW
Deutschland
83 Mill. EW
Deutschland
83 Mill. EW
Berlin
3.769.000 EW
Berlin
3.769.000 EW
Infizierte absolut40.612.04489.209.954377.0681.905.63821.904105.125
Infizierte in %0,5221,1480,4542,2960,582,789
Tote absolut1.121.3651.919.357984240.0222411.547
Tote in %0,01440,02470,0120,0480,00630,041
Gegenüberstellung Oktober 2020 und Januar 2021

Wenn man also sieht, dass sich die Zahl der Todesfälle nach wie vor erst ab der 2. Stelle hinter dem Komma summiert, egal, ob welt-, deutschland- oder berlinweit, verliert die Pandemie gefühlt an Gefährlichkeit. Knapp 3 % der Berliner sind bis jetzt infiziert. Das Problem liegt also nicht darin, dass die Menschheit wegstirbt, sondern in der nicht mehr garantierbaren Versorgung in den Krankenhäusern. Auch der Vergleich der Mortalitätsrate ist interessant:

Noch haben wir nicht den Stand vom März 2018 erreicht, als die Grippe viele Todesopfer forderte. Die Menschen haben aber trotzdem zunehmend Angst vor dem Virus, manche wirken geradezu panisch und schrecken zurück, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Ich frage mich, ob Corona psychische Langzeitwirkungen hinterlässt. Werden wir danach noch dieselben sein? Oder werden wir dauerhaft engen Kontakt meiden und Desinfektionsmittel zur Standardausrüstung gehören? Was macht das alles mit den Kindern? Sind die Maßnahmen in Anbetracht der Schäden, die sie anrichten, angemessen? Ich weiß es nicht.

Die Bibliotheken sind weiterhin geöffnet, Theater, Kinos und Restaurants nicht, obwohl die meisten mit vorbildlichen Hygienekonzepten nachgerüstet hatten. Natürlich freue ich mich, dass wir unsere Standarddienstleistungen weiterhin anbieten können, aber trotzdem ist das alles inkonsequent. Andererseits ist es unmöglich, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Selbst der lange herbeigesehnte Impfstoff bringt neue Probleme, Verschwörungstheorien und Argumentationsketten mit sich, die man nicht für möglich gehalten hätte. Der Mensch ist eben nie zufrieden.

Ich laufe jetzt wieder öfter, denn nach mehreren Stunden Maske vorm Gesicht bin ich nach Feierabend so froh, sie mir runterreißen zu können, dass ich sie in der Bahn nicht gleich wieder aufsetzen will. Neulich war ich aus Versehen ohne Maske einkaufen. Einfach vergessen! Niemand hat komisch geguckt oder was gesagt. An der Kasse fiel es mir selbst auf und ich habe mich total geschämt, weil bestimmt alle dachten, ich wäre eine Hardcore-Verweigerin. Es lag bestimmt an dem spannenden Hörbuch, dass ich interessiert verfolgte. Übrigens kann ich das sehr empfehlen.

Meine Schreibwerkstatt lahmt auch ein bisschen. Ohne die Treffen in der Bibliothek fehlt es vielen an der Motivation, sich neben dem Online-Unterricht dann auch noch dafür vor den Rechner zu setzen. Kann ich verstehen. Denn die virtuellen Zusammenkünfte auf Zoom oder anderen Portalen sind einfach kein Ersatz für die lebendigen Begegnungen vor Ort. Wenn alles vorbei ist, dann machen wir eine große Wiedersehens-Party. Zumindest ist nun der Storytausch mit Franziska Hauser ins Rollen gekommen.

Auch der Podcast „Mittwochs in der Bibliothek“ ist weiterhin gut besucht und der für unsere Schwebenden Bücher erst recht. Die Welt dreht sich also weiter, wenn auch etwas kraftlos.