Digitale Ermüdungserscheinungen

Erster Samstag im Monat – Schreibwerkstatt! Das ist seit 10 Jahren eine durch nichts zu erschütternde Tatsache. Weder durch Feiertage, Ferien, schlechtes oder zu gutes Wetter, BVG-Streik, Familienfeiern, bevorstehende Prüfungen noch irgendwelche anderen Hindernisse. Nichts konnte bisher wichtiger sein als das Treffen mit Gleichgesinnten in der Mark-Twain-Bibliothek. Doch Corona hat es geschafft, diese eingeschworene Gemeinschaft in Einzelpersonen zu zerlegen, die sich mehr oder eher weniger gut mit der digitalen Notlösung anfreunden können. Schon seit November – also heute zum vierten Mal – können wir uns nur im virtuellen Raum zusammenfinden. Das wäre ja vielleicht sogar eine gute Alternative, wenn da nicht auch das Homeschooling wäre. Alle, die Schule einigermaßen ernst nehmen (und da zähle ich meine „Schreiberlinge“ dazu), sitzen sowieso schon Stunde um Stunde am PC, um dort den Unterricht der anderen Art zu absolvieren. Und dann auch noch virtuelle Schreibwerkstatt? Ohne die räumliche Nähe in der Bibliothek, ohne gelegentliche Umarmungen, ohne die spür- und sichtbare Verbundenheit und ja – auch ohne Eistee und Knabbereien fehlt einfach die Motivation. Das verstehe ich sehr gut.

So waren wir heute auch nur zu fünft: die zuverlässige Franziska Hauser – unsere Storytauschautorin, drei Teilnehmerinnen und ich. Erst machte sich bei mir ein bisschen Enttäuschung breit, aber letztendlich verstehe ich es. Und wenn man hört, wie es den Jugendlichen momentan so geht und wie sehr ihnen die Bibliothek fehlt, kann man das erst recht nachvollziehen:

Ich hoffe nur, dass wir in Nachcornonazeiten wieder zueinander finden, bin aber zuversichtlich. Wir werden es feiern! Mit einer großen Party!

Trotzdem war unser Treffen letztendlich sehr schön. Wir haben ein bisschen gequatscht, mittels eines Schreibspiels Titel für Netflix-Serien entwickelt und alltägliche Straßenszenen reißerisch kommentiert. Franziska empfahl und noch ein Buch, das sie gerade liest: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve.

Ob wir uns wohl im März wieder leibhaftig begegnen können?

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