Geburtstagsfrühstück

Ausnahmsweise trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt an diesem historischen Feiertag schon um 10 Uhr in der geschlossenen Mark-Twain-Bibliothek. Ich hatte zum Frühstück eingeladen, weil ich spätestens 15 Uhr Richtung Franken in Bayern abdüsen wollte. Um den Aspekt des Schreibens während des Essens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte jeder die Aufgabe, mit allen Sinnen und Wörtern von A-Z die Atmosphäre einzufangen. Aus der Wortsammlung des Sitznachbarn sollte danach jeder einen Frühstückstext verfassen.

Hier ein paar Beispiele:

Kristina: Zum Geburtstag früh aufstehen, obwohl ich gar nicht so früh aufgestanden bin und ich auch gar nicht Geburtstag habe.
Vielleicht kann gesagt werden, dass der Staat Geburtstag hat, auch wenn das ja nicht ganz richtig ist. Anlass zum Feiern kann immer gefunden werden.
Mit Gegenwind zum Frühstück; es gibt Kuchen mit Blaubeeren und Büchern aus Zucker.
Renate sitzt freudestrahlend wie ein Geburtstagskind am Tisch mit Blumenstrauß und Sektflaschen neben dem Kaffeebecher. Tischgespräche wechseln zwischen Weisheitszähnen, afrikanischen Stämmen und Grundrissen von Wohnungen. Diskussionen über gestern, morgen, heute und dass Trump jetzt Corona hat. Wir fragen uns, wann dieser Wahnsinn ein Ende hat. Ich esse Sojajoghurt, weil es in Gesines Wortliste steht, Dinoschnitzel gibt es nicht. Ich esse mehr Weintrauben während wir philosophischen Fragen nachgehen, und es gibt kein zu früh dafür, wenn es um die Wichtigen Dinge geht. Genauso wie Kaffee und Gesellschaft.  Das absichtliche Klirren von Tassen wird bald unsere Aufmerksamkeit abstumpfen, weil unsere Aufmerksamkeit zu häufig gefragt wurde, aber das wird schon irgendwie.

Paul: Der Ruderclub dreht eine Schleife über den Müggelsee. Das ist Training für den öffentlichen Wettbewerb am Wochenende. Aber erstmal gibt es ein Frühstück auf der Dachterrasse. Alle quatschen durcheinander und es gibt einen Pott mit Müsli neben dem ungewaschenen Essen. Zu trinken gibt es Kaffee. Das Wetter ist schön.

Andreas: Tja, es gab Essen. Was soll ich schreiben. Frühstückskuchen, wie Zuhause. Brownies und ein bisschen Apfelschorle, mehr braucht der Körper nicht. Nebenbei Switch spielen und Lilly davon abhalten, alles zu zerstören und alle umzubringen. Kuchen war lecker. Reste bleiben auf dem Teller. Und nun immer noch der Versuch, etwas zu schreiben. Ich kann noch ein paar Dinge aufzählen, die ich nicht gegessen und getrunken habe: Müsli, Orangensaft, Salami, Paul. Nein, so geht das nicht. Vielleicht wahllos Worte nebeneinander reihen: Chai, Homies, Zimt. Ach, was solls. Das wird heute doch nichts mehr. Besser Schluss machen und nicht weiter Undertale spielen. Hey, ich habe jetzt alle Wörter verbraucht.

Sophie: Bei einem gemeinsamen Frühstück geht es bei uns immer rege zu. Neben essen wird viel geredet. Es gibt Brötchen und Kakao zum trinken. Voraussetzung ist natürlich gut Laune. Während viele quatschen, widmen sich einige Stift und Papier. Schreibspiele stehen immer an der Tagesordnung. Viele Menschen würden dies als komisch empfinden, für uns ist es unser Lebenselixier.

Überraschung

In jeder Schreibwerkstatt werden die Geburtstagskinder des vergangenen Monats geehrt und bekommen von mir ein Geschenk. Dieses Mal wurde von meinen Schreiberlingen der Spieß umgedreht, denn ich gehöre zu den September-Geborenen. Eine kleine Ahnung hatte ich ja schon und ich denke noch mit großer Freude an die Feier im letzten Jahr. Aber was sich meine Lieben in diesem Jahr ausgedacht hatten, übertraf alle meine Erwartungen und Vorstellungskraft. Zunächst war da diese Wahnsinnstorte von Jule und Johanna:

Geplant als doppelstöckige Geburtstagstorte, ging wohl irgendwas schief, wie mir beide betrübt offerierten, aber das tat meiner Freude und Hochachtung vor ihrem konditorreifen Können keinen Abbruch und dem Geschmack sowieso nicht. War die lecker! Gefüllt mit Heidelbeeren – ein Traum! Danach wurde mir von Vic ein Gemeinschaftswerk überreicht: ein immerwährender, sehr individuell und überaus liebevoll gestalteter Kalender. Zwölf junge Leute bestückten zwölf Monate mit zwölf verschiedenen Motiven und Texten. Ein Unikat und Kunstwerk, das mich den Rest meines Lebens begleiten wird.

Doch damit nicht genug, Vic sorgte mit einem Schreibspiel für eine weitere Überraschung. Sie hatte dickes, schon zugeschnittenes und vorgefaltetes Papier mitgebracht. Das verteilte sie an alle Anwesenden, die darauf einen Brief an mich schreiben sollten. Auch ich musste dabei mitmachen. Also schrieb ich einen Brief an mich selbst. Anschließend wurden alle 24 Papierbögen zu unterschiedlich großen Schachteln gefaltet. In die kleinste wanderten ganz viele Wünsche an mich in Form von klitzekleinen Zettelchen. Danach wurden die Schachteln nach dem Matrjoschka-Prinzip ineinandergesteckt und mir überreicht.

Schon allein von der Idee war ich begeistert, aber natürlich war ich nun total neugierig, was mich in den 23 Briefen erwartete. Kaum in Bad Staffelstein angekommen, war nach einem kurzen Rundgang durch das beschauliche Geburtsstädtchen von Rechenmeister Adam Riese

meine erste Amtshandlung, mich in die Lektüre der Briefe zu vertiefen: lachend, weinend, seufzend, glücklich. Danach schrieb ich allen:

„Ihr Lieben, ich bin zutiefst berührt, beglückt, beeindruckt, bewegt, erstaunt und motiviert von euren Briefen, euren tollen Handschriften, Ideen, Zeichnungen und überhaupt von euch allen! Ich bin so froh, euch alle kennenlernen zu dürfen. Ihr seid unglaublich liebenswerte Persönlichkeiten, jeder anders, aber alle bereichernd für mich und so voller erstaunlicher Lebensweisheit! Ihr habt euch in den Briefen mir gegenüber teilweise mehr geöffnet als im direkten Gespräch und auch das hat mich sehr berührt. So bleibt ihr mir noch lange erhalten, auch wenn sich unsere Wege mal trennen sollten. Ich danke euch von ganzem Herzen!“

Es war vor allem natürlich für mich ein wundervoller Vor- und Nachmittag, der mir wieder mal vor Augen geführt hat, welch wunderbare jungen Menschen ich da um mich geschart habe. Beim Lesen der Briefe fiel mir auf, dass die Schreibwerkstatt sehr häufig als Zufluchtsort vor der Realität bezeichnet wurde, als sicherer Hafen, als Treffpunkt von Gleichgesinnten und mir dafür viele dankten. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht und mich darin bestärkt, dass es wichtig ist, weiterzumachen!

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