Mörder gesucht – Krimidinner zur Schreibnacht

Dass die Nacht in der Bibliothek ziemlich schlaflos verlaufen wird, war eigentlich von Anfang an klar. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben sich zu einer Art Gesetzmäßigkeit entwickelt, die auch niemand auch nur ansatzweise ändern möchte. Aber in diesem Jahr gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den vorherigen Schreibnächten:

Statt zu schreiben, wird gemeinsam gekocht und zwischen den drei Gängen ein Mörder gesucht, was sich als eine sehr langwierige Angelegenheit herausstellt.

Aber nach sechs Stunden sind alle Hinweise entschlüsselt, alle Briefumschläge gefunden und das Rätsel gelöst. Am besten gefällt mir die dabei gewonnene Erkenntnis einer Teilnehmerin: „Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt.“ Nun hängen alle ein bisschen in den Seilen, aber während ich zum dritten Mal die Spülmaschine in Gang setze, toben alle völlig entfesselt durch die Bibliothek und spielen Verstecken.

Es ist faszinierend zu beobachten, wieviel Spaß dem Kindesalter längst entwachsene und teilweise auch erwachsene Jugendliche an diesem Spiel haben. Manche haben sich auch abgeseilt, diskutieren, philosophieren, lesen oder – SCHREIBEN! Mittlerweile ist es 3.30 Uhr, Müdigkeitsattacken werden tapfer ignoriert.

Isomatten und Schlafsack tendieren immer mehr zur Atrappe und scheinen die Nacht vergeblich auf ihre Nutzer zu warten, denn was wäre ein Treffen der Schreibwerkstatt ohne Werwolfspiel? Das muss einfach sein, obwohl es draußen schon wieder hell wird, wie alle erstaunt bemerken, ohne allerdings in Erwägung zu ziehen, sich schlafen zu legen. Es gibt doch noch so viel zu besprechen und Schlaf wird einfach überbewertet.

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Um 4.52 Uhr siegt bei der Mehrzahl die Vernunft oder auch die Übermacht der Müdigkeit. Kurze Zeit später hört man zarte bis heftige Schnarchgeräusche aus allen Ecken der Bibliothek.

Manche allerdings laufen in den frühen Morgenstunden zur Höchstform auf und schmettern Kanons und andere fröhliche Weisen. Junge Leute, die sich noch nie vorher gesehen haben, verschmelzen zu einer faszinierenden Interessengemeinschaft, die den Anschein einer innigen, langjährigen Freundschaftsbeziehung hinterlässt. Es wächst zusammen, was zusammengehört, so ist der Eindruck des Betrachters. Und genau so soll es sein. Wunderbar!

Drei Stunden später. Die Heinzelmännchen haben nach einer halben Stunde erholsamen Schlaf und einer kalten Dusche das Frühstück angerichtet. Ein willkommener Anlass, Nana Mouskouri genüsslich ihr „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen, Sonnenschein“ per Smartphone durch die Sprechanlage schmettern zu lassen. Diesem Weckruf kann niemand entkommen und ganz langsam füllt sich die zum Speisesaal umfunktionierte Artothek mit schweigsamen Untoten, an denen jedes an sie gerichtete, aufmunternde Wort abperlt wie Wasser von Gummistiefeln und widerstandslos im Raum verebbt. Unter Aufbietung der letzten Kraftreserven nehmen die meisten in Zeitlupe ein recht fadenscheiniges Frühstück zu sich.

Tatsächlich kommen dann doch noch Gespräche in Gang beziehungsweise werden nahtlos fortgesetzt. Das Krimidinner wird hochgelobt, es hat allen Spaß gemacht und war sehr realitätsnah, wie viele sagen. Die Diskussion gipfelt in der Aussage: „Nächstes Jahr wünschen wir uns einen toten Cellisten, aber der darf nicht schnarchen!“ Auch die Idee einer monatlichen Schreibnacht wird favorisiert.

Fazit: Eine sehr anstrengende, weil schlaflose Nacht, aber die Freude, der Zusammenhalt und die gegenseitige Bereicherung überwiegen deutlich. Gerne wieder, Ihr Lieben!

Wer mag, kann sich HIER alle Fotos der Nacht anschauen.

2 Gedanken zu „Mörder gesucht – Krimidinner zur Schreibnacht

  1. Marion Tobias

    Es ist der absolute Wahnsinn, so etwas zu organisieren und mit viel Spass an der Freude durchzuführen. Dazu braucht man ganz grossen Enthusiasmus, Abenteuerlust und viel eigene Überzeugung! Dieses Engagement der Kollegin ist nicht mit Gold aufzuwiegen! Ich ziehe vor solcher „Missionarin“ , die eine grossartige Öffentlichkeitsarbeit für die Instition Bibliothek leistet, ganz tief den Hut und zolle ihr höchsten Respekt und meine grösste Anerkennung!

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